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John Sinclair - Folge 1857

Dämonen-Zirkus

»Larry?«

»Ja, was ist, kleine Schwester?«

»Kannst du auch nicht schlafen?«

Larry kicherte. Dann sagte er: »Wer kann bei dieser Konstellation schon schlafen? Wir haben Vollmond.«

»Klar, ich sehe ihn.«

»Und weiter?«

»Ich spüre das Kribbeln.« Lilo richtete sich in ihrem Bett auf. Die Decke rutschte dabei an ihrem Körper herab, und so war Lilo gut zu sehen. In ihrem schneeweißen Nachthemd sah sie fast aus wie ein Geist. Sie deutete auf das Fenster im hinteren Teil des Wohnwagens, den sie mit ihrem Bruder teilte. »Wenn ich da durch nach draußen schaue, dann sehe ich den Mond genau.«

»Super.« Larry setzte sich auch auf. »Reicht dir das denn?«, wollte er wissen.

»Wie meinst du das?«

»Ist dir das genug?«

Lilo giggelte. »Eigentlich nicht.«

»Mir auch nicht.«

»Dann lass uns gehen!«

Dagegen hatte ihr Bruder nichts. Er war auch der Erste, der seine Beine aus dem Bett schwang und in seine flachen Schuhe fuhr. Gemeinsam standen sie auf, lächelten und nickten sich gegenseitig zu. Sie mussten nicht viel reden, denn sie wussten genau, wie die Dinge liefen. Es war ganz einfach. Es war eigentlich wie immer, und sie waren sich dessen bewusst, dass sie etwas Besonderes waren.

Beide zogen ihre Nachtklamotten aus. Danach schlüpften sie in die Jogging-Anzüge und streiften auch Jacken über, denn draußen war es nicht eben warm. Der Winter brachte nun mal eine gewisse Kälte mit, und da hatte ihr Gewerbe eigentlich Pause, denn die beiden arbeiteten als Artisten. Aber ihr Chef hatte das Glück des Tüchtigen gehabt. Er hatte eine große Halle mieten können, sie dann zur Manege umfunktioniert, und so konnte auch im Winter das Zirkus-Programm ablaufen. Die Wohnwagen und Wohnmobile der Mitwirkenden standen in der Nähe der Halle.

Bevor sie ihren Wagen verließen, schauten sie auf die Uhr. Mitternacht war vorbei. Den neuen Tag gab es bereits seit einer halben Stunde, und beide glaubten, dass es genau die richtige Zeit war, um sich umzuschauen, denn es war keiner mehr draußen. Die Menschen befanden sich in ihren Wagen, schliefen oder schauten noch in die Glotze.

Larry ging zur Tür, blieb dort stehen und öffnete sie nicht. Er drehte seinen Kopf der Schwester zu.

»Alles klar bei dir?«

»Ja, ich bin nur ein wenig müde.«

»Das kann ich verstehen.« Dann lächelte er und fragte: »Glaubst du, dass sie da sind?«

»Unsere Freunde?«

»Ich denke schon.«

Lilo nickte. »Das will ich hoffen, das will ich sogar stark hoffen, Larry.«

»Und dann?«

»Mal sehen. Ich mache mir da keine großen Gedanken. Es läuft alles, und es liegt nicht in unserer Hand, dass es anders läuft. Oder sehe ich das falsch?«

»Nein, schon richtig.«

»Dann sollten wir gehen.«

Larry nickte und öffnete die Tür in der Mitte. Ein Schwall feuchter Kälte erwischte sie. Aber es war nicht so kalt, dass Schnee aus den Wolken gefallen wäre.

Sie gingen nach draußen. Zuerst Larry. Seine Schwester folgte langsamer. Sie schauten sich um, weil sie wissen wollten, ob die Luft rein war. Um diese Zeit mussten sie nichts befürchten. Es befand sich kein Mensch in der Nähe.

Links von ihnen stand die Halle. Tagsüber sah sie normal aus. In der Dunkelheit wirkte sie fast bedrohlich. In der Halle hatten sie ihre Auftritte, und sie waren beliebt beim Publikum, das hatten sie oft genug bemerkt. Man wollte nach den Vorstellungen Autogramme von ihnen, wollte mit ihnen reden, sie anfassen und den beiden Helden ganz nahe sein.

Genau das hassten die Geschwister. So toll sie ihren Auftritt fanden, wenn er vorbei war, dann war er vorbei. Dann brauchten sie keine Nachwehen mehr.

Im Moment standen sie vor ihrem Wagen und schauten sich um. Der Himmel war fast wolkenfrei, und deshalb war auch der Mond so überdeutlich zu sehen. Er stand tatsächlich kreisrund am Himmel und schien dort ein Loch in den dunklen Hintergrund gebohrt zu haben. Das war ihr Wetter. Darauf freuten sie sich. Es war die Nacht der Anderen, der Verborgenen, der Dämonen. Die Nacht ihrer Freunde. Aber das wussten nur sie. Andere Menschen hatten sie nicht ins Vertrauen gezogen. Nicht mal ihre Freundin Helga Sommer, die Deutsche. Sie war dafür verantwortlich, dass bei den einfachen Auftritten die Requisiten an der richtigen Stelle lagen. Und das machte sie gut. Sie war eine Frau, die für den Zirkus lebte.

»Und jetzt?«, fragte Lilo. »Was hast du vor?«

»Mal sehen.«

»Es ist alles normal.«

Er nickte. »Ja, das ist es.«

»Und wo sind sie?«

Larry zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Kann es nicht sagen. Sie sind weg.«

»Ich dachte, sie hätten dir Bescheid gegeben.«

»Nein, ich habe keine Botschaft empfangen.«

Lilo deutete auf den Wagen. »Bitte, dann können wir ja wieder hineingehen.«

»Meinst du das im Ernst?«

»Ja, warum nicht?«

Larry schüttelte den Kopf. »Wenn wir schon mal draußen sind, dann wollen wir es auch ausnutzen.«

»Was denn?«

»Wir fahren ein wenig durch die Nacht.« Larry lächelte. »Ich kann sowieso nicht schlafen.«

»Und dann?«

»Kommen wir irgendwann wieder zurück. Dann können wir immer noch schlafen. Eine Stunde ist schnell vorbei.«

Lilo überlegte. Ihr Bruder hatte recht. Wenn sie schon mal draußen waren, konnten sie auch etwas tun.

»Und? Was ist, Schwester?«

Sie nickte. »Das geht in Ordnung. Wo willst du denn hin? Hast du ein bestimmtes Ziel?«

»Nein, das nicht. Wir könnten uns aber mal eine Disco anschauen, die in sein soll.«

Lilo erschrak. »Willst du dort hinein?«

»Nein. Ich wollte sie mir nur mal ansehen. Man muss ja mitreden können. Wir sind jetzt schon länger in London, da sollte man sich schon in der Stadt umschauen.«

»Okay, wie du willst.« Begeistert hatte das nicht geklungen, aber Lilo war es gewohnt, ihrem Bruder schnell einen Gefallen zu tun und sich auch nicht dagegen zu stellen, wenn er etwas vorschlug.

Der Roller stand hinter dem Wohnwagen. Auf seinem Soziussitz lagen auch die beiden Helme, die sie aufsetzten. Sie schnallten sie fest und waren zufrieden.

»Fährst du?«, fragte Lilo.

»Na klar.«

So war es immer. Larry fühlte sich als Beschützer. Er bestieg als Erster die Maschine. Seine Schwester setzte sich noch nicht hin, sondern stemmte sich mit den Füßen am Boden ab, so wie es auch ihr Bruder tat.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht so recht, aber ich habe das Gefühl, dass sie da sind. Ehrlich.«

Seine Schwester verstand ihn. »Meinst du die Dämonen?«

»Ja. Oder die Geister.«

»Ich sehe sie nicht, Larry.«

»Ich auch nicht. Aber ich kann sie spüren. Sie sind da und sogar in der Nähe.«

»Meinst du nicht, dass sie sich zeigen werden?«, fragte Lilo.

»Ich weiß es nicht.«

Die Geschwister waren unsicher. Sie mochten die Dämonen. Sie waren irgendwie von ihnen abhängig. Sie fühlten sich wohl, wenn sie in der Nähe waren. Auch jetzt waren sie offenbar nicht weit entfernt. Aber sie zeigten sich nicht. Sie umschwirrten die beiden im Unsichtbaren und hatten auch eine Botschaft, die Larry bekannt gab.

»Wir sollen auf der Hut sein. Ja, das sagen sie. Auf der Hut. Verstehen tu ich das nicht.«

Lilo nickte. »Dann haben sie uns warnen wollen.«

»Wovor?«

»Keine Ahnung.«

Lilo war skeptisch. »Ich weiß nicht, ob wir den Ausflug unbedingt wagen sollten.«

»Eine kleine Fahrt wird uns schon nicht schaden. Außerdem haben wir freie Bahn. Um diese Zeit sind kaum noch Menschen unterwegs. Zumindest nicht in dieser Gegend.«

»Okay, drehen wir ein paar Runden.«

Lilo hatte zugestimmt, und ihr Bruder war froh darüber. Er liebte die mondhellen Nächte, denn da war alles anders, wie er wusste. Das Leben lief zwar weiter, doch nicht so wie an anderen Tagen. Das spürte er immer deutlicher.

Er startete den Roller. Über das satte Geräusch des Motors freute er sich. Dann ging die Post ab. Die Nacht war noch lang, und er hatte einiges vor.

Seine Schwester dachte anders. Sie konnte sich gut vorstellen, dass nicht alles so glatt über die Bühne lief …

***

»Bleibst du dabei?«

Johnny Conolly nickte. »Ja, ich bin mit dem Roller gekommen und trinke keinen Alkohol.«

»Schade.« Sein Begleiter hob die Schultern. »Ich dachte, dass wir mal wieder einen Zug machen.«

»Das können wir auch.«

Tommy Wilkins verzog die Lippen. »Einen richtigen Zug ohne Alkohol? Du weißt selbst, dass es Mist ist. Da muss man schon zuschlagen, denke ich mir.«

»Kann sein, aber ich will meinen Lappen behalten. Ich kann dich ja nach Hause fahren.«

Tommy winkte ab. »Nein, das geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich dann so stramm sein werde, dass ich dir vom Rücksitz falle. Das will ich nicht riskieren.«

»Das ist dein Problem.«

»Klar.«

Die beiden Kumpel verließen den Bereich der Bar und gingen dorthin, wo der Bär steppte. Das war nebenan, denn hier konnte man abtanzen oder abrocken. Da gab es die Disco, die kahle Halle mit den Lichtreflexen, die von oben nach unten wirbelten. Sie zuckten und huschten über die Tänzer hinweg oder flackerten an den Wänden entlang.

Hier konnte sich jeder austoben. Ob mit oder ohne Getränk in den Händen.

Es wurde getanzt, da zuckten die Körper der jungen Frauen und Männer, es gab nur die Musik. Jeder tanzte für sich allein. Ob es nun die jungen Männer waren oder die Mädchen. Man hatte Spaß. Man wollte den Alltag vergessen, und das konnte man hier.

Johnny auch. Nur dachte er etwas anders darüber. Er wollte den Alltag nicht unbedingt vergessen. Er war mit Tommy Wilkins eigentlich nur aus Langeweile mitgegangen. Beide kannten sich von der Uni her. Tommy wollte mal Regisseur werden und studierte Theaterwissenschaften. Und die Discos waren für ihn wie eine Bühne, auf der er sich tummeln und Eindrücke sammeln konnte.

Es war schon die dritte Disco, die sie besuchten. Wenn es nach Johnny ging, sollte es auch die letzte sein, denn viel lief hier nicht. Er war auch nicht so recht in Form. Die Lust fehlte ihm, und das sah man auch seinem Tanzstiel an, der nicht eben als flott zu bezeichnen war, sondern eher langsam und lustlos.

Die Kleine mit den schwarzen Haaren, dem schwarzen Kleid und den knallroten Leggings bewegte sich plötzlich vor ihm und schaute ihn an. Sie lächelte dabei sehr breit, sodass ihr geschminkter Mund wie eine rote Wunde wirkte.

»Was ist?«, rief sie.

»Was meinst du?«

»Keine Lust?«

»Wieso das denn?«

Sie lachte. »Das sehe ich dir an. Du scheinst keinen Bock auf die Disco zu haben.«

Johnny nickte. »Das habe ich auch nicht.«

»Okay, und was machst du dann hier?«

»Ich warte auf meinen Kumpel.«

»He, ist er auch hier?«

»Klar.«

»Wo denn?«

Johnny ging einen Schritt auf die Kleine zu und legte eine Hand auf die zuckende rechte Schulter, mit der anderen deutete er zur Seite und auch nach vorn.

»Da, der aussieht, wie Brad Pitt aussehen möchte.«

»Ehrlich?«

»Er trägt eine weiße Weste.«

Sie schaute hin und fing an zu kichern. Weil man sie so nicht hörte, lachte sie. »Der soll aussehen wie Brad Pitt?«, prustete sie.

»Nicht?«

»Ich frage mich, ob du blind bist. Der sieht doch nicht aus wie Brad Pitt!«

»Ach nicht? Wie denn? Wie George Clooney?«

Sie winkte ab und schüttelte den Kopf. »Willst du mich verarschen?«

»Nein, wieso?«

»Weil du so einen Schwachsinn laberst.«

»Komisch. Ich sehe das nicht so.«

Die Kleine tippte gegen ihre Stirn und drehte ab. Sie wollte mit den beiden nichts mehr zu tun haben.

Johnny konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Tommy hatte von der Begegnung nichts mitbekommen, er war voll und ganz in seinem Element. Johnny ging zu ihm und sprach ihn an.

»He, hör mal auf!«

»Was ist denn?«

»Wie lange willst du noch bleiben?«

»Mir gefällt es hier.«

»Gut und schön, mir aber nicht.«

»Willst du verschwinden?«

Johnny nickte. »Daran habe ich gedacht.«

»Okay, kannst du. Ich bleibe hier und werde schon nach Hause kommen.«

Johnny nickte. »Alles klar. Wir sehen uns dann morgen.«

»Ha, das weiß ich noch nicht. Mal sehen, wie ich drauf bin.«

»Mach keinen Fehler.« Johnny schlug ihm auf die Schulter und sorgte dafür, dass er die Disco verlassen konnte. Er sagte auch nichts mehr und zog sich zurück. Obwohl er sich nicht viel bewegt hatte, schwitzte er schon. Die Luft in der Disco war nicht eben die beste.

Johnny trank auch keinen Schluck mehr. Er fühlte sich an diesem Abend nicht richtig in Form. Er hätte sich von Tommy nicht überreden lassen sollen, mitzugehen.

Das war nicht mehr zu ändern und deshalb war er froh, die Halle verlassen zu können.

Es gab den Eingang, und es gab auch die beiden Türsteher, die jeden Gast genau unter die Lupe nahmen. Sie hatten einen Blick dafür, wer hinein durfte und wer draußen bleiben musste.

Johnny ging an ihnen vorbei und wandte sich nach rechts. Dort war ein freies Gelände zum Parkplatz umfunktioniert worden, und da hatte er auch seinen Roller abgestellt.

Johnny ging hin. Er hatte sich eine bestimmte Stelle nahe der Hauswand ausgesucht. Dort würde die Maschine hoffentlich noch stehen. Und das war auch der Fall. Er sah seinen Roller. An diesem Abend war der Parkplatz nicht ganz so gefüllt. Johnny musste ihn nicht erst befreien. Er kam so an ihn heran.

Er schob ihn aus der Lücke und schaute nach rechts, weil er von dort Stimmen hörte. Sie klangen nicht eben beruhigend, und Johnny schaute automatisch hin.

Da stand eine Gruppe von Typen herum und beschäftigte sich mit zwei jungen Menschen, die von ihnen in die Mitte genommen worden waren. Es war keine nette Beschäftigung, auch keine normale, denn diese hier sah aus, als würden die beiden in der Mitte schweren Ärger bekommen. Mit anderen Worten: Es roch nach Gewalt.

Johnny stieg nicht in den Sattel. Er wollte näher an das Geschehen heran und erfahren, was da vor sich ging. Ein gutes Gefühl hatte er nicht, das wurde ihm auch bestätigt, denn er hörte, wie jemand zu den beiden sagte: »In zwei Minuten gehört euer Roller uns. Wir brauchen ihn nämlich dringender als ihr …«

Johnny sagte nichts. Aber ihm war klar, dass es Ärger geben würde, denn die Typen sahen nicht aus, als würden sie Spaß verstehen …

***

Es war eine Fahrt gewesen, die Lilo die trüben Gedanken aus dem Kopf getrieben hatte. Und sie hatte auf dem ...

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