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John Sinclair - Folge 1856

Weg ins Land der Toten

(2. Teil)

Wer waren die drei Gestalten, die dort in der Nebelsuppe vor mir lauerten und mich locken wollten?

Das heißt, ich hatte die Stimme einer Frau gehört, die mir erklärt hatte, dass sie ebenfalls da war. Aber stimmte das? War es wirklich Maxine Wells gewesen, die Tierärztin, die ich suchte, weil sie entführt worden war, und die mir jetzt erklärt hatte, dass sie hier war und zu den drei Gestalten im Nebel gehörte?

Ich konnte es nicht so recht glauben, denn dann hätte ich annehmen müssen, dass sie die Seite gewechselt hatte und jetzt zu den anderen hielt. Das konnte ich mir bei ihr nicht vorstellen. Wenn sie tatsächlich die Seiten gewechselt hatte, dann musste sie unter einem gewaltigen Druck gestanden haben.

»Bist du es, Maxine?«

Die Antwort bestand nur aus einem Lachen.

»Woher kommst du? Wer ist bei dir?«, fragte ich weiter.

Jetzt hätte sie mir eigentlich eine Antwort geben müssen, was nicht geschah. Sie schwieg, und auch die anderen Gestalten taten nichts. Zumindest nicht das, was ich wollte. Sie zogen sich zurück. Es vergingen nur Sekunden, dann hatte der Nebel sie verschluckt. Ich hatte das Nachsehen und stand wie verloren auf der Stelle.

Dabei überlegte ich, ob ich die Verfolgung im Nebel aufnehmen sollte. Davon nahm ich Abstand, denn das Risiko war mir einfach zu groß. Ich hätte mich vom Haus der Tierärztin entfernen müssen, und das war nicht gut.

Im Haus befand sich noch das Vogelmädchen Carlotta.

Um diese Person ging es in Wirklichkeit. Eine Bande von Engeln wollte sie haben und sie in ihren Kreis integrieren. Das war schlimm, das konnte ich nicht zulassen, und so war ich praktisch zu ihrem Beschützer geworden.1)

Die andere Seite versuchte es mit allen Tricks. Sie hatten Carlottas Ziehmutter, die Tierärztin, entführt und wollten sie gegen das Vogelmädchen eintauschen.

Dagegen hatte ich etwas. Meine Gegner nannten sich zwar Engel, aber das waren sie keinesfalls. Man konnte sie als Produkte bezeichnen, die aus den Verbindungen zwischen Engeln und Menschen entstanden waren, Nephilim hießen und eigentlich verflucht oder längst ausgerottet waren, von denen sich aber einige über die langen Zeiten hinweg hatten retten können. Die meisten von ihnen sollten der Sage nach von der Sintflut weggeschwemmt worden sein.

Ich wusste, dass die Nacht noch andauerte. Die andere Seite hatte also Zeit genug, sich neu zu formieren, um dann zu einem Ende zu gelangen. Sie wollten das Vogelmädchen, und ich kannte den Grund nicht. Vielleicht deshalb, weil Carlotta ebenfalls ein ungewöhnliches Geschöpf war, ein Mensch, der fliegen konnte.

Ich ging einige Schritte zurück, bis ich vor der Haustür stand. Hier wartete ich dann, aber es war keine Bewegung mehr zu sehen, so angestrengt ich auch in den Nebel und die Dunkelheit schaute. Es waren nur graue Tücher zu sehen, die sich wogend bewegten und in ihrer Lautlosigkeit gespenstisch wirkten.

Ich hatte mich entschlossen, zurück ins Haus zu gehen und die nächsten Stunden dort abzuwarten. Für mich war die Gefahr nicht vorbei. Ich ging davon aus, dass es ein Checken der Situation gewesen war und dass man Maxine Wells gezwungen hatte, so zu reagieren.

Ich fühlte mich alles andere als wohl in meiner Haut. Die andere Seite hatte es nicht geschafft, an Carlotta heranzukommen, aber sie hatte sich Maxine Wells geholt, was schon schlimm genug war. Meine Gedanken drehten sich natürlich um ihre Befreiung, aber da hatte ich im Moment die schlechteren Karten.

Nachdem ich das Haus betreten hatte, schloss ich die Tür wieder leise hinter mir zu. Leider nicht leise genug, denn ich meiner Nähe hörte ich ein Räuspern.

Ich schrak zusammen und drehte mich um.

Carlotta stand vor mir. Das überraschte mich nicht mal. Ich war nur verwundert über ihr Outfit, denn eigentlich hatte ich gedacht, dass sie im Bett liegen und schlafen würde. Sie stand praktisch ausgehbereit vor mir, wobei ein schwaches Wandlicht sie anleuchtete.

»He«, sagte ich und schüttelte den Kopf. »Was ist los?«

»Das müsste ich dich fragen.«

»Wieso?«

»Du hast doch nicht mit offenen Karten gespielt. Ich denke nur daran, dass du vor dem Haus gestanden und mit jemandem gesprochen hast.«

»Das ist wahr.« Es hatte wirklich keinen Sinn, wenn ich es abstritt.

»Na, super. Und kann es sein, dass ich Maxines Stimme gehört habe? Ich habe nämlich gute Ohren.«

Das wusste ich. Es war nicht möglich, ihr etwas vorzumachen, und deshalb nickte ich.

»Es war also Maxine?«

»Du hast dich nicht geirrt, Carlotta.«

»Und warum ist sie nicht hier? Warum hast du sie nicht geholt?«

»Das kann ich dir sagen. Sie war nicht allein, ihre Feinde waren bei ihr, und sie konnte nicht tun und lassen, was sie wollte. Dagegen hatten ihre Gegner etwas.«

»Und weiter?«

Ich winkte ab. »Nichts weiter, Carlotta. Gar nichts. Sie sind wieder verschwunden.«

Carlotta überlegte kurz. »Und nach wohin sind sie verschwunden? Kannst du das auch sagen?«

»Ja, ins Nirgendwo. Der Nebel hat sie verschluckt. Kann sein, dass sie wieder dort sind, woher sie kamen. Versteckt im Land der Toten.«

»Richtig, John, denn wir wollten doch den Weg dorthin finden.«

Es stand nicht unbedingt fest, ob sie recht hatte. Einiges hatte auf das Land der Toten hingedeutet, doch niemand von uns wusste, wo es lag und ob wir den Aussagen überhaupt trauen konnten.

»Hat es denn noch etwas gegeben?«, fragte Carlotta.

»Nicht, dass ich wüsste.«

Sie nickte und rückte dann mit ihrer Frage heraus. »Was willst du tun?«

»Das weiß ich noch nicht. Es hat sich ja nichts geändert.«

»Und wie siehst du Maxines Lage?«

Jetzt war ich doch etwas überfragt. »Wie meinst du das denn?«

»Geht es ihr schlecht?«

»Das habe ich nicht beurteilen können. Es ist möglich, dass es ihr schlecht geht, aber mehr kann ich dir nicht sagen. So leid es mir tut. Man setzt sie als Druckmittel ein. Mehr weiß ich nicht.«

»Man will an mich herankommen.«

»Ja, das ist wohl der Fall.«

»Gut, dann soll man es auch.«

Ich war für einen Moment irritiert. »Bitte, wie kommst du auf diese Bemerkung?«

»John«, sagte sie mit fast flüsternder Stimme, »es ist die Wahrheit, nur die Wahrheit. Ich werde dafür sorgen, dass ich zu ihnen komme. Ich bleibe nicht hier.«

Jetzt wusste ich, was sie vorhatte, aber es passte mir natürlich nicht.

»Ich denke nicht, dass dies für uns eine Lösung ist. Nein, das kann ich nicht glauben.«

»Ich will aber, John.« Carlotta trat mit dem Fuß auf. »Ich bin kein kleines Kind mehr.«

»Das weiß ich. Aber …«

»Es gibt auch kein Aber«, fiel sie mir ins Wort. »Ich weiß, was ich tun muss.«

»Und was, bitte?«

»Ich werde gehen und mich stellen, und ich möchte nicht, dass du versuchst, mich daran zu hindern. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«

»Hast du«, gab ich zu und dachte daran, dass ich Carlotta so noch nicht erlebt hatte. War sie wirklich reif genug, um ihren eigenen Weg zu gehen? Ich konnte es nicht glauben, aber ich wusste um ihre Stärken und auch, dass sie sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen ließ.

»Es geht um Maxine«, sagte sie. »Und ich käme mir mies vor, wenn ich nicht alles getan hätte, um sie zu retten. Das musst du begreifen.«

»Ich weiß.«

»Dann werde ich jetzt gehen.«

»Und ich bleibe an deiner Seite!«

Zuerst fing sie an zu lachen, dann schüttelte sie den Kopf. »Aber das schaffst du nicht.«

»Und warum nicht?«

»Du kannst nicht fliegen.«

»Ja, das stimmt leider, ich kann nicht fliegen. Aber dafür kannst du es, und ich erinnere mich daran, dass du mich schon mehr als einmal auf dem Rücken mitgenommen hast.«

»Diesmal nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich es nicht will und weil ich meine Bewegungsfreiheit haben muss. Das ist der Grund.«

»Die lasse ich dir.«

»Das glaube ich nicht. Du kannst nicht anders. Du bist so gestrickt, John. Ich muss es allein tun.«

Noch war ich nicht überzeugt. »Du willst also den Weg ins Land der Toten finden? Traust du dir das zu?«

»Man wird mich führen, denke ich. Sie werden mich erwarten, und es kann sein, dass sie meine eigentliche Bestimmung sind. Ich sehe sie als Halbengel an, und etwas von einem Engel habe ich ja auch an mir. Das kannst du nicht abstreiten.«

»Stimmt.«

»Und deshalb lass es mich diesmal machen.«

Was sollte ich tun? Ich war hin und her gerissen. Sollte ich zustimmen oder hatte es Sinn, wenn ich versuchte, sie mit Gewalt zurückzuhalten? Nein, auf keinen Fall. So tief wollte ich nicht sinken. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Aber welche war die richtige? Ich wusste es nicht und fragte dann: »Wann willst du los?«

»Sofort.«

»Und wohin?«

»Das weiß ich nicht. Es wird sich ergeben.«

Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Mir waren die Argumente ausgegangen. Das merkte auch Carlotta.

»Es hat sich einiges geändert«, sagte sie. »Wir müssen es beide akzeptieren. Ich kann nicht mehr nur das beschützte Kind sein. Ich bin den Schuhen entwachsen. Ich stehe auf meinen eigenen Beinen und muss meine eigenen Entschlüsse treffen.«

Es war schon eine verbale Ohrfeige, die ich da bekommen hatte. Aber wenn man es recht überlegte, dann lag sie ja nicht so falsch mit ihren Vorstellungen.

Sie nickte mir zu und trat dann an die Garderobe heran. Dort hing der ein Mantel, den sie überstreifen musste. Für ihre Flügel befanden sich Öffnungen am Rücken. So wurde sie durch nichts beim Fliegen behindert.

Ich sah alles andere als glücklich aus. Das sah auch sie. Und deshalb kam sie zu mir und umarmte mich.

»He, was ist los, John? Loslassen, das ist los. Für mich sind andere Zeiten angebrochen, das spüre ich. Aber ich sage nicht, dass ich die Zeit hier bei Maxine vergessen habe. Es ist nach wie vor mein Zuhause. Das wird es auch bleiben.«

»Ja, und du willst ins Land der Toten?«

»Mal schauen.« Sie ging zur Tür.

Ich blickte auf ihren Rücken und sah dort die beiden Flügel. Ich fühlte mich so mies, so an die Seite gestellt, aber es war nicht zu ändern.

Carlotta ging zur Haustür. Sie öffnete.

Ich befand mich dicht hinter ihr und konnte an ihr vorbei nach draußen schauen. Dort lag noch immer der Nebel. Er wogte lautlos. Er war eine graue Masse, die sich durch die Dunkelheit bewegte.

Aber ich nahm noch mehr wahr.

Es war der Geruch. Nein, das war ein Gestank, denn es roch nach Verwesung.

Da wusste ich, dass sich die Nephilim nicht weit entfernt befanden …

***

Zu sehen waren sie nicht. Klar, bei diesem Nebel hätten sie schon direkt vor der Tür stehen müssen, um entdeckt zu werden. Aber sie hielten sich in der Nähe auf.

»Carlotta!«, rief ich.

Sie drehte den Kopf. »Ja?«

»Sie sind da. Ich habe sie gerochen.«

Das Vogelmädchen lachte. »Das weiß ich.«

»Und jetzt?«

»Freue ich mich auf sie.«

Egal, was sie sagte, ich verstand ihre Reaktion nicht. Sie aber umso besser. Sie machte einen langen Schritt und hatte die Schwelle hinter sich gelassen. Jetzt stand sie draußen, und ich sah, dass sie ihre Flügel bewegte.

Sie würde wegfliegen, obwohl noch nichts gewonnen war. Das war es, was mich so ärgerte. Ich kam mir plötzlich wie der große Verlierer vor, und das wollte ich nicht. Vielleicht konnte ich Carlotta zurückholen, damit sie es sich noch mal überlegte.

Ich lief ihr nach und rief ihren Namen.

Diesmal drehte sie sich nicht um. Dafür bewegte sie ihre Flügel heftiger als zuvor.

Und so löste sie sich vom Boden.

Meine Chance war dahin. Ich sprang ihr zwar noch nach, aber es sah irgendwie lächerlich aus, und so fühlte ich mich auch.

Es war ein Sprung ins Leere, während Carlotta an Tempo gewann und in der Nebelsuppe verschwand.

Ich dachte an den Geruch und daran, dass ich nicht allein war. Ich drehte mich im Kreis auf der Suche nach ihnen, aber ich sah sie nicht klar und deutlich. Sie bewegten sich als Schatten im Nebel, und plötzlich war einer bei mir.

Er griff mich von hinten an. Ich hörte ihn zu spät, wollte herumfahren, aber das war mir nicht mehr möglich, denn mein Gegner war schneller und erwischte mich im Nacken.

Es war ein harter Tritt oder Schlag, den ich nicht mehr ausgleichen konnte. Er trieb mich nach vorn, und zugleich verlor ich auch die Übersicht. Ich stolperte über meine eigenen Beine und war froh, mich abfangen zu können, aber da erwischte mich der nächste Schlag am Rücken.

Jetzt war nichts mehr zu machen. Ich konnte nur noch die Arme ausstrecken, um die Wucht meines Falls abzufangen. Aber mein Gehör funktionierte noch. Ich vernahm Geräusche und wusste, dass sich die andere Seite noch nicht zurückgezogen hatte. Was die Nephilim mit mir vorhatten, wusste ich nicht.

Völlig fit war ich nicht, aber ich wollte mich auch nicht kampflos ergeben, und so rollte ich mich so herum, dass ich auf dem Rücken zu liegen kam.

Sie waren in meiner Nähe, und sie erinnerten mich an Nebel-Gespenster. Sie waren zu dritt. Klar, das lag auf der Hand. Einer fehlte, denn den hatte ich auf dem Weihnachtsmarkt zur Hölle geschickt.

Ich hätte mir gewünscht, mein Kreuz außen vor der Brust hängen zu haben, aber es war unter meiner Kleidung versteckt.

Keiner traf Anstalten, mich nochmals anzugreifen.

Sie schickten mir nur eine Warnung. »Komm nicht mehr in unsere Nähe. Wenn ja, ergeht es dir schlecht. Wir haben, was wir haben wollten, und das reicht uns zunächst.«

Sie waren zu dritt, das hatte ich gesehen. Und genau in diesem Augenblick liefen sie in verschiedene Richtungen davon und wurden vom Nebel verschluckt wie kurz zuvor das Vogelmädchen Carlotta.

Zurück blieb ich ganz allein, drückte mich vom kalten Boden her in die Höhe und blieb erst mal stehen, um mir einen Blick in die Runde zu gönnen.

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