Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1855

Die Bande der Engel

(1. Teil)

Der junge Mann fiel dem Vogelmädchen bereits auf, als er die kleine Cafeteria betrat, in der Carlotta ihren Kakao trank, den sie mit einem Schuss Amaretto veredelt hatte.

Sie hielt sich von den anderen Gästen fern, denn sie musste ihre Flügel unter ihrer weit geschnittenen Kleidung verstecken.

Carlotta saß auf einem Hocker an einem der Stehtische und hatte von diesem Platz aus einen guten Überblick. Deshalb war ihr auch der neue Gast sofort aufgefallen …

Er war nicht unattraktiv. Sein Haar war blond, kurz geschnitten, und er war eigentlich für diese Jahreszeit nicht warm genug angezogen. Er trug eine dünne Sommerjacke und einen ebenfalls dünnen Pullover darunter.

Er schaute sich um und ging dann zu dem Verkaufstresen und bestellte einen Kaffee und ein Croissant. Als er beides bekommen hatte, schaute er sich um, weil er nach einem Platz suchte, aber es war kein Hocker mehr frei. Der letzte Gast musste sich hinstellen.

Das tat er auch.

Er ging auf Carlottas Tisch zu, und das Vogelmädchen zuckte leicht zusammen. Es hatte Angst davor, dass der Fremde bemerkte, was mit ihr los war. Für einen Moment verkrampfte sie sich, bevor sie wieder etwas lockerer wurde und sich sagte, dass es ja nichts gab, was das Misstrauen des anderen erwecken konnte.

So richtig passte es ihr nicht, dass er gerade an ihren Tisch getreten war. Aber sie konnte ihn auch nicht wegschicken, und so wartete sie ab, was passieren würde.

»Hi«, sagte der junge Mann.

Carlotta nickte zurück. Sie bemühte sich um ein Lächeln. Auf keinen Fall wollte sie auffallen. Sie fühlte sich außerhalb des Schutzes im Haus noch immer unsicher. Und sie glaubte fest daran, dass die andere Seite es merkte, was auch viel Einbildung sein konnte, wie Maxine Wells, ihre Pflegemutter, immer sagte.

Carlotta trank hastig einen Schluck. Dabei bemerkte sie, dass der Gast sie anschaute. Nicht aus weit geöffneten Augen, sondern aus recht schmalen, als wollte er sie begutachten. Seine Augenfarbe war so gut wie nicht zu erkennen.

»Bist du stumm?«

»Nein.«

»Warum sagst du dann nichts?«

Carlotta hob die Schultern. Sie suchte nach einer Antwort, die plausibel klang. Schließlich sagte sie: »Ich weiß doch nicht, wer du bist. Kenne ich dich denn?«

»Nein.«

»Eben.«

»Aber das kann man ändern«, sagte er und lächelte sie an.

»Warum?«

»Nur so.« Sein Lächeln blieb, und das Vogelmädchen schaltete auf Vorsicht. Carlotta wusste genau, dass sie ein Phänomen war. Ein Unikat. Das Produkt einer teuflischen Forschung, die ein Professor durchgezogen hatte. Carlotta war die Flucht gelungen und hatte das Glück gehabt, bei Maxine Wells, einer Tierärztin, Unterschlupf zu finden.

Sie war ein Prototyp gewesen, das perfekte Produkt, aber das sollte die Welt nicht erfahren, abgesehen von einigen wenigen Eingeweihten.

Die Stimme des jungen Mannes drang wieder durch ihre Gedanken. »Du willst also nicht reden?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Ist aber bei mir so angekommen.«

»Dann hast du dich geirrt.«

Er schaute sie an. Jetzt hatte er seine Augen geöffnet, und Carlotta schaute in sie hinein. Sie wirkten farblos und stumpf, der Blick war leer und schien nach innen gerichtet zu sein.

Seltsame Augen!, dachte Carlotta und stellte zugleich eine Frage, weil sie nicht wollte, dass der andere sie für unhöflich hielt.

»Bist du aus Dundee?«

Er lächelte wieder. »Rate mal.«

»Ich weiß nicht.«

Er nickte und widmete sich dann seinem Croissant und dem Kaffee. Er tunkte das Hörnchen ein, machte es noch weicher und aß es dann. Eine Antwort gab er nicht.

Sie wurde etwas forscher und sagte: »Ich habe dich vorher noch nie gesehen.«

»Ach ja?«

»Sonst hätte ich es nicht gesagt.«

»Gut.« Er schluckte den Rest des Croissants. »Ja, ich komme nicht aus Dundee.«

»Woher dann?«

Er winkte ab. »Ich würde sagen, dass die ganze Welt mein Zuhause ist.«

Carlotta staunte. »Nein«, flüsterte sie.

»Doch. Mein Zuhause ist die ganze Welt. Und jetzt bin ich hier.«

»Und warum?«

»Warum nicht?«

Carlotta winkte ab. »Weil Dundee nicht eben der Nabel der Welt ist. Oder denkst du anders darüber?«

»Nein, im Prinzip nicht. Es gibt Städte, die schöner sind.«

Carlotta legte ihren Kopf schief. »Kennst du sie?«

»Teilweise.«

»Und?«

Er schüttelte den Kopf. »Du stellst vielleicht Fragen. Das begreife ich nicht. Heute kennt doch fast jeder die halbe Welt. Paris. London, Berlin, um nur mal in Europa zu bleiben.«

»Ja, ja, ich weiß.«

»Du nicht?«

»So ist es.«

»Tut mir leid, echt.« Er lächelte sie wieder an. »Wie heißt du eigentlich?«

»Carlotta.«

Seine Augenbrauen ruckten hoch. »Ein interessanter Name, wirklich.«

»Und wie heißt du?«

»Rubian.«

Das Vogelmädchen starrte den jungen Mann an.

Das war ein ungewöhnlicher Name. Sie hörte ihn zum ersten Mal, und der Kommentar verließ spontan ihren Mund.

»Der ist aber toll.«

»Ja, das meine ich auch. Der ist toll und zugleich einmalig. Ich bin auch stolz darauf.« Er nickte und hob seine Tasse an, um den Rest des Kaffees zu trinken.

Carlotta wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Sie schaute Rubian ins Gesicht. Es war fein geschnitten und hätte ebenso gut einem weiblichen Wesen gehören können, aber dazu hätte er das Haar länger tragen müssen.

Das Vogelmädchen wollte etwas sagen, doch dann hielt sie den Atem an. Etwas wehte ihr entgegen. Es war ein unangenehmer Geruch. Und den mochte sie auf keinen Fall, denn dieser Geruch verdiente schon den Namen Gestank. Und es roch nach Verwesung. Als läge etwas in der Nähe, das allmählich vor sich hingammelte. Altes Fleisch oder so …

Sie schluckte und räusperte sich.

»Was hast du?«

Wieder schnüffelte sie. Jetzt war der Geruch verschwunden. Als wäre er fortgeweht worden.

»Nichts habe ich, gar nichts.«

»Doch!«, widersprach Rubian. »Das habe ich dir angesehen. Du kannst dich nicht verstellen.«

Carlotta war klar, dass ihr blitzschnell eine Ausrede einfallen musste, und das gelang ihr auch.

»Ich habe dich nur angeschaut und daran gedacht, dass du zu dünn angezogen bist.«

»Meinst du?«

»Klar.«

Er schaute an sich hinab. »Kann sein.« Er lachte. »Aber keine Angst, ich friere nicht.«

»Dann ist es ja gut.«

»Okay. Wichtig ist, dass du richtig angezogen bist. Ich mag dich nämlich.«

Carlotta sagte nichts. So etwas kannte sie zwar aus dem Fernsehen, aber ins Gesicht hatte ihr das noch niemand gesagt. Es verwirrte sie. Sie dachte daran, das Thema zu wechseln, und sie wiederholte ihre Frage von vorhin.

»Hör mal, wenn du so international bist und schon überall warst, was hast du dann in einer langweiligen Stadt wie Dundee zu suchen?«

»Langweilig ist sie nicht. Du bist hier.«

Carlotta bekam einen roten Kopf. »Hör auf, so etwas zu sagen. Also, warum bist du hier?«

Er nickte. »Wir sind hier, um …«

Sie unterbrach ihn. »Wir, hast du gesagt?«

Er lächelte erneut. »Jetzt möchtest du eine Erklärung haben, nicht wahr?«

»Du musst sie nicht geben.« Sie schüttelte den Kopf. »Du bist zu nichts verpflichtet.«

»Ich gebe sie dir trotzdem. Und die Antwort ist ganz simpel. Wir sind vor Weihnachten unterwegs, um die Menschen zu besuchen und mit ihnen zu kommunizieren.«

»Ihr also?«

»Ja.«

Sie schaute gegen die Tischplatte. »Und warum seid ihr unterwegs? Und wer seid ihr denn?«

Da starrte er sie an, und dabei waren seine Augen hell geworden. Er drückte sich auch nicht vor einer Antwort und sprach sie halblaut aus.

»Das ist nun mal die Aufgabe von Engeln vor Weihnachten …«

***

Carlotta brachte keinen Laut hervor, abgesehen von einem tiefen Atemzug. Der Satz ging ihr immer wieder durch den Kopf, und sie starrte ihr Gegenüber an, als wäre er nicht von dieser Welt. Aber sie hatte sich auch nicht verhört. Er hatte tatsächlich von Engeln gesprochen.

»Was ist mit dir?«, fragte er.

Carlotta schluckte. Sie musste erst mal wieder zu sich selbst finden. »Ich weiß auch nicht, und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich wirklich richtig gehört habe.«

»Du meinst die Engel?«

»Ja, das meine ich.«

»Glaubst du denn nicht an Engel?«

Jetzt wusste das Vogelmädchen, dass es eine Antwort geben musste, die plausibel war.

»Was heißt glauben? Ja, ich glaube an Engel. Ich habe aber noch keine gesehen.«

»Gerade zu Weihnachten sollte man daran glauben. Dann sind sie unterwegs.«

Carlotta wusste nicht, was sie sagen sollte. Er hatte ja irgendwie recht. Zur Vorweihnachtszeit, so erzählte man sich, waren Engel unterwegs, um sich hin und wieder auch den Menschen zu zeigen. Das war auch auf zahlreichen Bildern und Gemälden zu sehen. Kein Weihnachtsmotiv, das ohne Engel ausgekommen wäre.

Und jetzt stand ein Engel vor ihr.

Sie schaute in sein Gesicht. Er sah ja interessant aus, aber war das das Gesicht eines Engels? So wie er waren sie oft androgyn abgebildet, sodass sie als Frau und als Mann durchgehen konnten. Das war alles sehr seltsam. Und ausgerechnet jetzt wurde Carlotta damit konfrontiert.

»Du bist ein Engel?«, flüsterte sie.

»Ja.«

»Und wo sind deine Flügel?«

Jetzt kicherte Rubian. »Muss ich denn Flügel haben? Haben Engel immer Flügel?«

»Das weiß ich nicht.«

»Nein, das brauchen sie nicht. Die Menschen wünschen es sich, damit sie sofort erkennen, wer ein Engel und wer ein Mensch ist. So einfach ist das.« Er hob zum Abschied seine rechte Hand und drehte sich dann weg. »Wir sehen uns.«

Und dann ging er.

Zurück blieb eine staunende Carlotta, die das Gehörte kaum fassen konnte …

***

Sie holte sich noch einen Kaffee, ging wieder zurück zu ihrem Platz und schüttelte den Kopf. Was sie da gehört hatte, war unglaublich, aber er hatte es so eindringlich gesagt, dass man es glauben musste.

Er war ein Engel!

Carlotta zeigte sich beeindruckt. Ihre Gedanken drehten sich nur darum. Es war ein Phänomen. Obwohl der Typ nicht mehr vor ihr stand, sah sie ihn immer wieder. Ihr geistiges Auge zeigte nur immer dieses Bild.

Er war ein Engel!

Er war mit anderen Personen in der vorweihnachtlichen Zeit unterwegs, um die Menschen zu besuchen, als wären sie die Hirten auf dem Feld aus der Weihnachtsgeschichte.

Nein, Unsinn. Das stimmte nicht. Das konnte nicht sein. So etwas gab es nicht. Der andere hatte ihr einen Bären aufgebunden und ein Lügenmärchen erzählt. Mit so etwas konnte man die Menschen nur vor Weihnachten verwirren.

Außerdem gab es in dieser Zeit die zahlreichen Märkte. Dort standen dann auch die Engel, die allerdings unecht waren. Junge Frauen in weißen Gewändern und mit künstlichen Rauschehaaren.

So hatte der junge Mann nicht ausgesehen. Er hatte überhaupt nicht dem Bild eines Engels entsprochen, und trotzdem hatte er behauptet, ein Engel zu sein.

Sie schüttelte den Kopf, als sie daran dachte. Wie konnte jemand nur so überheblich sein und sich als Engel betrachten? Das war der größte Unsinn, den sie gehört hatte. Einfach Quatsch. So etwas konnte es nicht geben.

Oder doch? Hatte sie nicht am eigenen Körper erlebt, dass das Unmögliche plötzlich möglich geworden war? Ja, das war es. Denn wer hätte sich schon vorstellen können, dass es einen fliegenden Menschen gab? Wenn sie das erzählte, schüttelten die anderen nur die Köpfe.

Also doch ein Engel?

Sie starrte in ihren Kaffee.

Eine weibliche Stimme riss sie aus ihrer Gedankenwelt.

»He, wo bist du denn mit deinen Gedanken?«

Carlotta schaute hoch, nachdem sie kurz zusammengezuckt war. Vor ihr stand Maxine Wells, ihre Ziehmutter, die als Tierärztin arbeitete. Sie waren hier verabredet, daran hatte Carlotta nicht mehr gedacht. Zu sehr war sie mit den anderen Gedanken beschäftigt gewesen.

Die blondhaarige Frau knöpfte ihren hellroten Daunenmantel auf, lockerte den Knoten und hatte zuvor die mit Kaffee gefüllte Tasse auf den Tisch gestellt.

Carlotta winkte ab.

»Ist das deine Antwort?«

»Nein, Max, aber du hast recht. Ich war mit meinen Gedanken tatsächlich woanders.«

»Und wo genau?«

»Bei einem Engel.«

Maxine hätte sich beinahe verschluckt, als sie diese Antwort hörte. Sie bekam sich im letzten Moment in den Griff und stöhnte auf, bevor sie eine Frage stellte.

»Das hast du doch nicht im Ernst gemeint, oder?«

»Doch, das habe ich.«

Die Tierärztin legte die Stirn in Falten. Sie schaute in das Gesicht des Vogelmädchens, in dem sie keine Veränderung entdecken konnte. Und so fragte sie sich, ob Carlotta tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte. Sie wusste auch, dass sie beide schon sehr viel erlebt hatten, was nicht in den Rahmen des normalen menschlichen Lebens passte. Deshalb wollte sie es nicht einfach so zur Seite schieben.

»Du hast also einen Engel gesehen?« Die Frage hatte sie leise gestellt, denn die anderen Gäste sollten nichts mitbekommen.

»Das ist richtig.«

»Und er hat sich hier offenbart?«

»Er kam zu mir.« Sie nickte Maxine zu. »Wo du stehst, hat auch er gestanden.«

»Und er ist nicht aufgefallen?«

»So ist es.« Carlotta senkte ihre Stimme. »Ich hätte in ihm ja auch keinen Engel gesehen, aber er hat es mir selbst gesagt, dass er zu dieser Gruppe gehört.«

Maxine Wells zeigte ein skeptisches Gesicht. »Und du hast ihm geglaubt?«

»Zuerst nicht. Und auch jetzt habe ich noch meine Zweifel. Dann wiederum glaube ich ihm. Ich bin noch etwas durcheinander, aber ich frage mich auch, warum er Scherze mit mir hätte treiben sollen. Dazu bestand doch kein Grund, oder?«

»Das musst du wissen.«

»Ja, Max, muss ich. Aber ich bin auch ziemlich durcheinander.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1855" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen