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John Sinclair - Folge 1854

Feuerhölle

Der eine Typ spielte mit seinem Totschläger. Der andere Knabe hatte glänzende Augen, wahrscheinlich, weil er mit der Zunge über die flache Klinge eines Messers leckte.

Die beiden standen vor mir. Ich saß auf einer Bank direkt unter der alten Bahnhofsuhr.

Dabei hätte ich schon längst im Zug sitzen können, doch der hatte mindestens zwanzig Minuten Verspätung. Ob ich außer den beiden Typen der Einzige auf dem Bahnsteig war, konnte ich wegen des dichten Nebels nicht sagen.

Die beiden jungen Kerle standen wie zwei Säulen vor mir. Gesprochen hatten sie noch nicht. Es war auch nicht nötig, denn sie zeigten mir, wer sie waren. Ich sollte erst mal Angst bekommen …

»Du kannst es ganz lässig haben«, erklärte der Messertyp mit einer recht hohen Stimme. »Gib uns die Kohle, dann ist alles gut.«

»Ja, ja, tu lieber, was er sagt«, sagte der Totschläger, »sonst werden wir beide sehr böse.«

»Hm.« Ich nickte, bevor ich schräg in die Höhe schaute. »Und was ist, wenn ich böse werde?«

Ich bekam eine Antwort, und die bestand aus einem Lachen. Dann hechelte der Messermann: »Du willst böse werden?«

»Das sagte ich.«

»Wie denn?«

Ich winkte ab. »Lasst es lieber nicht darauf ankommen, Freunde. Es ist besser für euch.«

»Dann bist du ja ein ganz Harter.«

»Nein, nur einer, der seine Ruhe haben will.«

Dass Ärger in der Luft lag, stand fest. Da ich nicht daran vorbei kommen würde, musste ich schon aufpassen und durfte die beiden nicht aus den Augen lassen.

Sie wechselten einen kurzen Blick. Der eine leckte auch nicht mehr mit seiner Zunge über die flache Seite der Klinge, er glotzte mich jetzt an.

Sie waren unschlüssig. Wahrscheinlich wunderten sie sich auch darüber, dass ich keine Angst gezeigt hatte. Das waren sie wohl nicht gewohnt. In dieser ländlichen Umgebung mochten sie die Cracks sein, die das Sagen hatten, in London hätte man sie ausgelacht.

Ich wollte mit dem Zug nach London fahren. Er war noch nicht da, er würde auch so schnell nicht kommen, das stand fest, und die beiden Typen hatten Zeit, mich in die Mangel zu nehmen. Der mit dem Messer hatte mich ablenken wollen, sein Kumpan hatte den Totschläger, und damit drosch er zu.

Das heißt, er wollte es. Kurz aus dem Handgelenk. Die Waffe sollte meinen Kopf treffen, doch das tat sie nicht, denn ich war schneller. Dass ich meinen Fuß angehoben hatte, war von den beiden nicht bemerkt worden, den Tritt bekam der Totschläger aber voll mit.

Ich erwischte sein Schienbein.

Er jaulte auf. Der Totschläger, der sich bereits auf dem Weg zu meinem Kopf befand, zuckte in die Höhe. Zugleich taumelte der Schläger jaulend zurück. Er tanzte auf einem Bein. Das getroffene hatte er angezogen und seine Hände um die Stelle am Schienbein gepresst.

Ich warf einen knappen Blick in sein Gesicht und sah, dass es verzerrt war.

Es gab noch den Kerl mit dem Messer. Er griff nicht ein, er glotzte mich an, danach seinen Kumpan, und dann hatte er sich endlich entschlossen, mich zu bedrohen.

Ich ließ ihn in dem Glauben, blieb sogar sitzen und hatte nur meine Beretta gezogen. Die Mündung wies schräg in die Höhe und zeigte dabei auf den jungen Mann.

Der tat nichts mehr. Er hatte seine Hand mit dem Messer sinken lassen. Er starrte mich an, er bewegte seine Lippen, doch es war ihm nicht möglich, etwas zu sagen.

»Alles klar?«, fragte ich ihn.

Er nickte.

»Wie schön für dich. Oder für euch. Das meine ich ehrlich. Es hätte auch anders ausgehen können.«

Sie sagten nichts. Aber ihre Waffen ließen sie fallen. Der mit dem malträtierten Schienbein hatte Tränen in den Augen. Der Tritt hatte ihm doch sehr wehgetan.

Ich lächelte sie an. Doch es war kein nettes Lächeln. »Ich könnte euch jetzt anzeigen, aber ich lasse es sein. Klar?«

Sie nickten.

Ich war noch nicht fertig. »Ich hätte euch auch Handschellen anlegen können, denn ihr habt euch ausgerechnet als Opfer einen Polizisten ausgesucht. Ich will nur, dass ihr aus diesem Fall eine Lehre zieht. Ihr seid noch mal davongekommen, aber nur, weil ich es so wollte. Denkt daran. Der Nächste würde das vielleicht nicht tun und euch was aufs Maul geben.« Ich nickte ihnen zu. »Haut ab und denkt darüber nach.«

Sie nickten. Und das nicht nur einmal, sondern mehrere Male schnell hintereinander. Ich wusste, dass sie nach irgendwelchen Worten suchten, um sich zu entschuldigen, aber darauf konnte ich verzichten.

Sie machten auf dem Absatz kehrt und rannten weg. Wahrscheinlich konnten sie es nicht fassen, dass jemand so nachsichtig mit ihnen gewesen war. Aber ich hatte ihnen eine Chance geben wollen. Ob sie verdient war, stand auf einem anderen Blatt.

Der Nebel hatte sie verschluckt. Ich sammelte ihre Waffen ein und erkannte, dass es sich bei dem Messer um kein stabiles handelte. Das konnte schnell zerstört werden.

Ich presste die Spitze gegen den Boden, hielt die Waffe schräg und trat gegen das Metall. Nach dem zweiten Tritt schon zerbrach es. Um ganz zufrieden zu sein, warf ich die beiden Reste und den Totschläger in einen Mülleimer.

Ich setzte mich wieder auf die Bank und wartete weiter auf meinen Zug.

Es kam nicht oft vor, dass ich mich in einen Zug setzte und zu einem Einsatzort fuhr. Diesmal war es der Fall gewesen. Ich hatte den Zug genommen, weil man mir dazu geraten hatte. Der Nebel hing schon seit einigen Tagen über dem Land und auch über London und hatte alles in eine Waschküche verwandelt. Deshalb war es besser, auf das Auto zu verzichten und mit dem Zug zu fahren.

Das hatte ich auch hinter mich gebracht. Ich war anstelle meines Chefs gefahren, weil Sir James an einer Erkältung litt. Ich musste in diesem Ort einen Vortrag über Scotland Yard halten und auch darüber, um was sich die Organisation alles kümmerte.

Das Kaff lag nordöstlich von London und hieß Ingatestone. Ich hatte noch nie davon gehört, aber es gab eine Zugverbindung zwischen London und dieser Stadt. Die Hinfahrt war perfekt gelaufen, trotz des Nebels, aber jetzt sah es böse aus.

Ich hatte übernachtet. Mit dem Zug hätte ich auch nicht zurückfahren können, weil keiner mehr in der Nacht fuhr, also war ich in einem Hotel geblieben und saß jetzt auf der Bank wie einer, der auf den Zug nach Nirgendwo wartete.

Er würde irgendwann kommen. Man musste nur Geduld haben. Es gab keinen, den ich fragen konnte, der Bahnhof war leer, das hatte ich schon festgestellt.

Der Nebel blieb. Es gab keinen Hinweis darauf, dass er dünner wurde. Da konnte ich hinschauen, wo ich wollte, er war sehr dicht.

Ich langweilte mich und zuckte zusammen, als ich die Melodie meines Handys hörte. In diesem Fall war ich froh darüber, angerufen zu werden, das war ein Schuss gegen die Langeweile.

Glenda Perkins wollte mich sprechen.

»Wo steckst du jetzt, John? Schon im Zug?«

»Nein, ich sitze auf dem Bahnsteig.«

»Ach? Ist der Zug nicht gekommen?«

»Du sagst es. Er hat Verspätung, aber ich weiß nicht genau, wie lange. Der verdammte Nebel bringt alles durcheinander.«

»Ja, den haben wir hier auch. Aber er ist nicht mehr so dick, da kann man von Glück sprechen. Wie sieht es bei dir aus?«

»Schlecht. Der Nebel ist dick, ich weiß nicht, wann der Zug kommt, und wenn ich an meinen Vortrag denke, den ich gehalten habe, dann kann ich ihn vergessen.«

»Warum?«

»Ach, die Leute haben nicht richtig zugehört. Bevor sie einschliefen, habe ich dann das Thema gewechselt, ich erzählte ihnen von Fällen, die nicht in das normale Raster passten.«

»Aha. Von deinen Fällen.«

»Nur bedingt. Ich habe sie nur angerissen, aber da waren alle wieder wach. Und so wurde es trotz allem noch ein angenehmer Abend.«

»Kann ich mir denken. Auch danach?«, fragte Glenda.

»Ich kam nicht drum herum«, erwiderte ich schmunzelnd. »Ich musste das eine oder andere Glas mit ihnen trinken.«

»Was du gern getan hast.«

»Ja, ich bin ein höflicher Mensch.«

»Okay, John. Wann können wir dich wieder hier in London erwarten?«

»Keine Ahnung. Echt nicht. Ich weiß nicht, wann hier ein Zug hält.«

»Kannst du niemanden fragen?«

»So ist es.«

»Und über dein Handy einen Fahrplan abrufen?«

»Der ist durcheinander, ich denke nicht, dass er im Handy zu finden ist.«

»Okay, dann kann ich Sir James ja Bescheid geben. Er wird sich freuen.«

»Warum?«

»Dass er nicht an deiner Stelle auf dem Bahnhof im Nebel hockt. Er wird es zwar nicht zugeben, aber wie ich ihn kenne, wird er innerlich grinsen.«

»Das ist mir vergangen.«

»Kann ich mir denken. Egal, ich wünsche dir trotzdem eine gute Fahrt. Dann sehen wir uns bestimmt noch.«

»Das hoffe ich.«

Mehr gab es nicht zu sagen, und ich nahm mir vor, nicht mehr bei dichtem Nebel mit einem Zug zu fahren.

Es war still in meiner Umgebung. Der Nebel ließ auch keine Geräusche richtig durchkommen, aber das Knistern in der Luft hörte ich doch. Im ersten Moment wusste ich nicht, was es bedeutete, dann aber hörte ich die Stimme aus dem Lautsprecher, die das Knistern überdeckte.

Ich spitzte die Ohren und war froh, als ich die neue Botschaft vernahm. Der Regionalzug nach London würde in wenigen Minuten eintreffen. Na, das war doch mal was.

Ich blieb noch sitzen und streckte die Beine aus. Recht gelassen schaute ich in den Nebel und bekam große Augen, als ich die Bewegungen in der Brühe sah.

Ich war nicht allein auf dem Bahnhof. Es gab noch andere Reisende, die ich zuvor nicht gesehen hatte, weil sie sich an anderen Orten aufgehalten hatten.

Aber jetzt waren sie da.

Nicht viele, ich zählte drei Reisende, die sich dem Gleis näherten, wo der Zug halten würde.

Auch ich blieb nicht länger sitzen und stand auf. Es tat gut, wenn ich mich nach dem langen Sitzen etwas bewegte, und als ich meinen zweiten Schritt getan hatte, blieb ich stehen und drehte den Kopf nach links, denn von dort lief der Zug ein.

Und jetzt atmete ich auf. Wobei ich nicht daran dachte, dass man auch mal zu früh aufatmen konnte …

***

Ein paar Sekunden später fing der Bahnhof an zu beben, das hörte und fühlte sich jedenfalls so an, als der Zug einlief und mir wie ein stählernes Monster vorkam.

Er ruckte. Die Wagen zitterten. Sie waren nass, glänzten, und an den Scheiben liefen die Rinnsale entlang.

Ich schaute mich auf dem Bahnsteig um und sah, dass noch ein Reisender dazu gekommen war. Er stand in meiner Nähe, und so ging ich davon aus, dass er dort einsteigen würde, wo auch ich in den Wagen klettern wollte.

Erst mal ließ man die anderen Passagiere aussteigen. Das war hier kaum der Fall, denn nur eine Frau stieg aus und schleppte zwei Taschen mit sich herum. Sie kam aus dem Wagen, in den ich einsteigen wollte. Ich ließ sie passieren, dann enterte ich den Zug und ließ die Tür hinter mir offen, weil der andere Gast ebenfalls einsteigen wollte und das auch tat. Er ging an mir vorbei, um weiter nach hinten zu gehen, und ich erhaschte einen Blick auf ihn.

Er war so groß wie ich. Er trug einen grauen Mantel und einen schwarzen Hut. Von seinem Gesicht war nicht viel zu erkennen. Es huschte wie ein bleicher Fleck an mir vorbei.

Der Wagen war leer. Ich konnte mich hinsetzen, wo ich wollte. Wenn bei ihm etwas funktionierte, dann war es die Heizung, und die hatte für eine bullige Wärme gesorgt. Ich hatte das Gefühl, als wäre mir die Luft am Hals abgeschnitten worden.

Man konnte die Fenster hier tatsächlich noch öffnen. Man musste sie nur nach unten schieben, was ich sofort tat. Jetzt wehte mir die kühle Luft entgegen, aber auch die feuchten Schwaden umwehten mein Gesicht, was mir nichts ausmachte. Alles war besser als die Wärme. Noch stand der Zug. Den Grund kannte ich nicht. Auf dem Bahnsteig regierte der Nebel. Reisende waren nicht mehr zu sehen, die alte Uhr erkannte ich nur, weil ich wusste, wo sie hing, und das Dach des Gebäudes schimmerte nass.

Ich spürte dann den ersten kleinen Ruck. Der Zug fuhr an. Ich streckte noch mal meinen Kopf nach draußen, bevor ich mich wieder zurückzog und die Scheibe in die Höhe zog, wobei ich sie nicht ganz zu drückte. Etwas Luft sollte noch in den Wagen fließen.

Es ruckte noch ein paar Mal, dann rollte der Zug in Richtung Süden. London war seine Endstation. Er kam von der Ostküste.

Ich ließ mich auf meinen Sitz fallen, hatte Platz und streckte die Beine aus. Man konnte die Fahrt so genießen, und irgendwie war es auch mal wieder schön, mit einem Zug zu fahren. Und zwar mit einem, der noch in einigen Städten hielt. Das war in der Regel nicht schlecht. Nur jetzt lag der Nebel über dem Land wie eine Schicht, und als ich aus dem Fenster schaute, war nicht viel zu sehen. Hin und wieder tauchten ein paar graue Konturen auf, das war alles.

Es mochten ein paar Minuten vergangen sein, da hörte ich Schritte. Sie übertönten die Fahrgeräusche, und als ich nach vorn schaute, sah ich meinen Mitreisenden. Den Mann mit dem grauen Mantel und dem dunklen Hut. Er passierte mich und verließ den Wagen. Wahrscheinlich wollte er zur Toilette.

Mich hatte er mit keinem Blick gewürdigt. Es war mir auch egal, und ich wollte nur meine Ruhe haben. Erneut streckte ich die Beine aus, aber zum Zufallen der Augen kam es nicht mehr.

Etwas störte mich.

Ich schnupperte.

Ja, es war der Geruch.

Sekunden später hatte ich es herausgefunden.

Es roch tatsächlich verbrannt!

***

Fast hätte ich gelacht und mich über meine eigene Gedankenwelt lustig gemacht. Aber so einfach war das nicht. Es roch tatsächlich verbrannt, als wäre hier in der nahen Umgebung etwas angesengt worden, was ich aber nicht begriff.

Ich drehte mich auf meinem Sitz um, schnupperte in eine andere Richtung und schüttelte den Kopf, denn dort roch ich nichts.

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