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John Sinclair - Folge 1853

Maskenteufel

Im Haus war es still – totenstill. Alle schienen es vergessen zu haben, selbst das Licht, doch das blieb nicht so, denn das Scheinwerferpaar eines Autos erfasste plötzlich den Eingangsbereich. Der Wagen fuhr noch ein paar Meter, wurde abgebremst und der Fahrer stöhnte leise auf.

»Was hast du?«, fragte die Frau neben ihm.

»Ach, nicht viel. Endlich wieder im eigenen Haus schlafen.« Danach stöhnte Bert Polton erneut.

Ruth, seine Frau, lachte. Sie schlug ihrem Mann auf die Schulter. »Was sagst du denn da? Wir waren nur drei Tage fort.«

»Ist mir trotzdem länger vorgekommen.«

»Na ja, das kann sein.« Sie blieben noch sitzen und schauten nach vorn. Das helle Licht verteilte sich auf der Hauswand. Dabei lag die Tür im Mittelpunkt. Keine Lampe brannte, und auch hinter den Fenstern war es dunkel.

Bert Polton schüttelte den Kopf. Und er gab einen brummenden Ton von sich.

»Was hast du?«

»Im Prinzip nichts.«

»Aber …?«

»Ich wundere mich nur darüber, dass unser Sohn sich noch nicht gezeigt hat.«

»Warum sollte er?«

Bert Polton räusperte sich. »Eric weiß doch, dass wir am heute Abend zurückkommen. Da hätte er ruhig im Haus sein können. So schlimm ist das auch nicht.«

»Kann sein, dass er schläft.«

Polton wiegte den Kopf. »Um diese Zeit?«

»Warum nicht?«

Der Mann grinste schief. »Der Junge ist sechzehn Jahre alt. Als ich in dem Alter war und meine Eltern das Haus verlassen hatten, da wusste ich aber, was Sache war.«

»Stimmt. Da bist du auch nicht zu Hause gewesen. Du widersprichst dir selbst. Eric ist eben losgezogen.«

»In seinem Zustand?«

Ruth zuckte leicht zusammen. »Wie hast du das denn wieder gemeint?«

»So wie ich es sagte. In seinem Zustand. Du weißt selbst, dass es ihm nicht gut geht. Dass er sich manchmal verändert und wir überhaupt nur mit schlechtem Gewissen gefahren sind. Und dass wir froh waren, wenn wir bei unseren Anrufen seine Stimme hörten. Wie heute Morgen. Erinnerst du dich?«

»Klar. Ich bin doch nicht dement. Aber da hat er nichts davon gesagt, dass er fortgeht – oder?«

»So ist es.«

»Aber du hast mit ihm gesprochen?«

Bert nickte. »Es war alles klar.«

»Keine Verfolger?«

»So ist es. Weder die echten noch die eingebildeten. Er hat sich ganz normal verhalten. Das war schon eigenartig, aber was ist bei Eric schon normal?«

»Eben.« Ruth schnallte sich los. »Deshalb sollten wir uns auch keine zu großen Sorgen um ihn machen. Der ist bestimmt nicht verfolgt worden, aber es kann sein, dass er es sich wieder eingebildet hat und sich nun versteckt.«

»Ja, ja, das werden wir schon herausfinden.« Der Mann öffnete die Fahrertür. Er schwang seine Beine hinaus und ärgerte sich darüber, dass er von der Fahrt so steif geworden war.

Nachdem die Dunkelheit das Land überfallen hatte, war es auch kühler geworden. Zum Glück wehte kein scharfer Wind, so waren die tieferen Temperaturen gut zu vertragen.

Das Haus stand in einer Gegend, in der es noch freie Flächen gab. Schrebergärten, die von zwei Bahnlinien durchschnitten wurden, wobei sich der Zugverkehr am Abend in Grenzen hielt und die Menschen ruhig schlafen konnten.

Das Haus der Poltons stand dort, wo es noch am ruhigsten war. Das hatten auch andere Menschen so gesehen und ihre Häuser in der Nähe gebaut.

Beim Aussteigen hatte Bert Polton auf die Uhr geschaut. Noch wenige Minuten, dann war die Tageswende erreicht. So spät hatten sie eigentlich nicht eintreffen wollen, aber manchmal entwickelten sich die Dinge eben anders, als man es sich vorgestellt hatte.

Er ging zur Tür. Die Reisetasche hatte er noch im Wagen gelassen. Er würde sie später holen. Dann steckte er den Schlüssel ins Schloss und schüttelte verwundert den Kopf.

Hinter ihm stand seine Frau.

»Was hast du?«

»Es ist nicht abgeschlossen.«

»Wieso?«

»Kann ich dir auch nicht sagen. Musst du deinen Sohn fragen, sag ich mal.«

»Hör auf mit dem Quatsch. Der ist im Haus.«

»Akzeptiert. Er hätte trotzdem abschließen können. Das machen wir doch auch ab einer bestimmten Uhrzeit.«

»Er ist eben nicht wir.«

»Ja, schon gut.«

Sie schoben sich ins Haus hinein. Beide zogen die Nase hoch, weil sie etwas gerochen hatten. Es war ein anderer, ein fremder Geruch, der nicht ins Haus passte.

»Was meinst du?«

Ruth lachte. »Es riecht so komisch.«

»Und wie.«

»Dann schalte mal das Licht ein.«

»Okay.«

Es gab ein klickendes Geräusch, und unter der Decke erhellte sich eine Lampe. Die beiden anderen, die zu dem Trio gehörten, blieben dunkel.

»Mist«, flüsterte Bert und schaute hoch zur Decke.

Das tat seine Frau nicht. Ruth Polton war schon die ganze Zeit über von einem unguten Gefühl erfasst worden. Das verschwand auch jetzt nicht. Im Gegensatz zu ihrem Mann schaute sie nicht zur Decke, sondern in den Gang, blickte auf den Boden – und gab einen schrillen Schrei von sich.

Auf dem Boden lag ein blutiges Etwas, das vom Aussehen her an einen Katzenkopf erinnerte …

***

Ruths Schrei erstarb. Sie keuchte nicht, sie atmete auch nicht. Sie stand da und starrte zu Boden. Sie hatte es im Laufe der Zeit gelernt, ihre Nerven zu behalten.

Ihr Mann hatte noch nichts gesehen. Sie musste ihn erst mal vorwarnen.

»Bert …«

»Ja.«

»Lass mal die Decke sein und schau zu Boden.«

»Warum?«

»Tu es!«, zischte sie.

Ihre Reaktion alarmierte ihn. Er schaute nach vorn und auch zu Boden. Einen zweiten Blick brauchte er nicht, denn jetzt sah er, was Sache war.

»Ach du Scheiße«, flüsterte er.

»Das kannst du laut sagen.«

Bert Polton ging einen Schritt näher. »Ist das der Kopf einer Katze?«

»Klar.« Ruth stöhnte leicht. »Und jetzt frag mich nur nicht, wem wir das zu verdanken haben.«

»Unserem lieben Sohn natürlich.«

Beide schwiegen. Sie kannten die Geschichte. Eric war zu Hause geblieben, und Eric war mal wieder in seinen Wahn geraten und hatte Grauenvolles getan. Der Katzenkopf war der Frau bekannt, denn das Tier gehörte einer Nachbarin, die allein lebte und nur für ihre Katze da war.

Den Kopf sahen sie, aber wo lag der Körper?

»Warum hat er das getan?«, fragte Ruth erschüttert.

»Weil er so ist.«

Ruth lachte. »Und wie ist er?«

»Schlimm.«

»Nein, Bert, er ist nicht schlimm. Er ist krank. Einfach nur krank. Verstehst du?«

»Ja, ich verstehe. Aber eines schließt das andere nicht aus.«

Sie nickte. »Okay. Und jetzt?«

»Werden wir Eric suchen. Ich denke, dass er in seinem Zimmer sein wird.«

Ruth stimmte zu. »Einverstanden. Aber was werden wir ihm sagen? Wie willst du ihm begegnen?«

»Keine Ahnung.«

»Wenn er wieder seine Tour hat, ist mit ihm nicht zu reden. Das weißt du doch.«

»Ja, ja, ist klar.«

Ruth nickte ihrem Mann zu. »Dann geh schon mal hoch. Ich komme gleich nach.«

»Alles klar.« Wohl war ihm nicht, aber was sollte er tun? Bert Polton musste sich den Dingen stellen, die zugleich eine Tatsache waren, und über die sich die Eltern schon ihre Gedanken machten, denn es war nicht leicht, mit so einem Sohn zusammenzuleben.

Oft war er völlig normal, dann aber gab es Zeiten, da drehte er durch. Da war er nicht mehr zu halten. Da stand das Töten bei ihm an erster Stelle. Und wenn die Poltons zurückdachten, dann hatte ihr Sohn schon immer gern Tiere gequält. Als Kind hatte er damit begonnen, und er hatte es bis jetzt beibehalten. Nur noch in einer stärkeren und auch grausameren Art.

Eine schmale Treppe führte in die erste Etage. Darüber wohnte keiner mehr. Da gab es nur noch den Speicher, auf dem niemand stehen konnte, weil die Decke so niedrig war.

Er machte kein Licht. Er wollte sehen, ob sein Sohn sich in seinem Zimmer aufhielt. Wenn ja und wenn er das Licht eingeschaltet hatte, dann würde ein Streifen unter der Tür hervorschimmern.

Das Zimmer lag auf der linken Seite, da war der helle Streifen zu sehen. Also doch.

Vor der Tür blieb Bert Polton stehen. Es war eigentlich wie immer, aber trotzdem anders, denn er spürte plötzlich sein Herz, das bis in seinen Hals klopfte.

Er war so oft in das Zimmer des jungen Mannes gegangen, doch noch nie hatte er sich so gefühlt wie heute. Schon ein wenig ängstlich, denn er wusste nicht, was ihn erwartete.

Wenig später klopfte nicht nur sein Herz, da pochte er von außen her auch an die Tür und wartete auf ein »come in«.

Das erfolgte nicht.

Er klopfte noch mal.

Erneut war nichts zu hören.

Es gab jetzt zwei Möglichkeiten für ihn. Er konnte wieder verschwinden oder das Zimmer seines Sohnes betreten, was ihm nicht besonders gefiel.

Er versuchte es erneut mit Klopfen.

Eric meldete sich wieder nicht.

Jetzt war er es leid. Er drückte die Klinke und konnte die Tür nach innen schieben. Es war alles okay. Niemand hielt ihn auf. Er betrat das Zimmer, ging noch einen Schritt vor – und blieb stehen, weil er überrascht war, denn Eric war nicht zu sehen.

Also war er doch nicht da.

Oder?

Da hörte er etwas. Der Ton glich einem Kichern, und er erreichte ihn von oben.

Wieso von oben?

Bert Polton bekam zuerst die Gänsehaut. Dann legte er den Kopf in den Nacken und schaute in die Höhe.

Was er sah, ließ ihn erstarren.

Sein Sohn Eric klebte an der Decke fest. Er hatte Arme und Beine ausgestreckt und zwischen seinen Lippen steckte der Griff eines Messers …

***

Bert Polton hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein. Was er da sah, das war kaum zu fassen, dazu betraf es noch seinen Sohn.

Wer war schon fähig, sich so an der Decke zu halten, ohne dass er wieder nach unten fiel, weil er die Schwerkraft überwunden hatte.

So schaute Eric auf seinen Vater nieder, und durch den verzogenen Mund sah er aus, als würde er grinsen.

Bert Polton wusste noch immer nicht, was er tun sollte. Er war weiterhin wie vor den Kopf geschlagen, und die vergangenen Sekunden dehnten sich zu kleinen Ewigkeiten.

Etwas klatschte dicht vor ihm auf den Holzboden. Es war ein Tropfen gewesen, der von oben gefallen war. Allerdings ein roter Tropfen, und das konnte nur bedeuten, dass es sich um Blut handelte.

Bert Polton schrie nicht. Er legte nur den Kopf etwas schiefer, um erkennen zu können, woher der Tropfen gefallen war.

Er fand es heraus.

Es war die Messerklinge, von der der Tropfen abgerutscht war. Und jetzt zählte der Vater eins und eins zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass es das Blut der Katze war.

Aber warum hing sein Sohn unter der Decke und fiel nicht zu Boden? Das war ja ein Witz, eine Illusion. So etwas gab es nicht. Da spielten ihm die Nerven einen Streich. Vielleicht war das alles nicht wahr und irgendjemand gaukelte ihm etwas vor.

Das wollte er auch nicht so richtig glauben. Da musste schon mehr dahinterstecken, und Bert erinnerte sich auch wieder daran, dass er der Vater des Sechzehnjährigen war.

»He, Eric.«

»Was willst du?«

»Komm runter, bitte. Das sage ich nicht nur, da spreche ich auch im Namen deiner Mutter. Wir sind wieder da.«

»Ja, das sehe ich.«

»Dann würde ich vorschlagen, dass du jetzt wieder auf den Boden kommst. Ich kann leider nicht zu dir hoch.«

»Ja, das weiß ich.«

Der Vater bekam sonst nichts zu hören. Er trat zurück, als wollte er nicht stören. Dabei schaute er zu, was unter der Decke geschah. Es war nur ein kurzes Zucken, nicht mehr. Aber Eric fiel nicht, sondern segelte langsam dem Fußboden entgegen und nahm während seiner kurzen Reise auch das Messer aus seinem Mund. Danach leckte er sich noch die Lippen und starrte seinen Vater an.

Bert Polton hatte den Eindruck, sich warm anziehen zu müssen. Er fing an zu frieren, auch zu zittern, und das lag an diesem bösen Blick seines Sohnes.

»Was ist los, Eric?«

»Alles. Aber für dich ist es zu spät. Ihr hättet noch bleiben sollen. So aber muss ich jetzt schon handeln.«

»Wie handeln?«

»Du hast zu viel gesehen.«

»Du meinst dich.«

»Genau.«

»Aber ich bin doch dein Vater, verdammt noch mal. Kapierst du das nicht?«

»Doch, das kapiere ich schon. Aber ich kann auf dich keine Rücksicht nehmen, Daddy.« Die Stimme klang spöttisch. Es machte ihm Spaß, den Mann zu reizen, der sein Vater war.

Bert Polton war nicht in der Lage, eine Antwort zu geben. Er ahnte Schlimmes, und er schaute auch öfter auf das Messer in der Hand seines Sohnes.

Bert Polton wusste genau, dass sein Sohn nicht bluffte. Es war sowieso unwahrscheinlich, was hier ablief. Begreifen konnte man das nicht. Eric war sein Sohn. Dass dem so war, daran zweifelte Bert Polton nicht. Nur konnte er sich nicht vorstellen, warum Eric sich so entwickelt hatte.

Es steckte in ihm. Er war ein Tierquäler, und auch eine gewisse Mordlust war ihm nicht abzusprechen.

Und dann, dass er an der Decke hängen konnte. Das war für Polton ein Phänomen. Er fand dafür keine Erklärung. Das war alles aus dem Ruder gelaufen, und es gab auch keinen Weg, um es wieder einrenken zu können.

Als er daran dachte, musste er schlucken. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken. Er hatte das Gefühl, nicht mehr auf festem Boden zu stehen.

Sein Sohn aber lächelte, es war ein böses Lächeln, das seine Lippen in die Breite zog.

Bert Polton versuchte es ein letztes Mal. »Lass es, bitte. Komm wieder zu dir. Lass uns reden. Erzähl mir und Mutter von deinen Problemen, das ist besser.«

»Ich habe keine Eltern mehr.«

Bert Polton war alles andere als begeistert, als er die Antwort hörte. Er konnte es nicht fassen. Er deutete ein Kopfschütteln an und flüsterte: »Was soll das bedeuten?«

»Das habe ich gesagt, und so meine ich es auch. Du bist nicht mehr mein Vater.«

»Und wer ist es dann?«

»Der Teufel!«

Bert Polton hatte seinen Sohn gehört. Er sagte nichts. Er konnte nur den Kopf schütteln, entdeckte aber die satanische Freude im Gesicht seines Sohnes.

Und dann stieß Eric zu!

***

Die Entfernung zwischen Vater und Sohn war nicht eben groß. Eric hatte sich nicht mal besonders anstrengen müssen. Das Messer traf genau und auch tödlich.

Tief bohrte sich die Klinge in den Körper des Mannes. Polton wankte zurück. Er hielt seinen Mund weit geöffnet, aus der Kehle drangen röchelnde Laute, zu mehr war er nicht fähig. Er ging zwar noch nach hinten, dann aber fand er keine Kraft mehr, auf den Beinen zu bleiben. Einen letzten Schritt schaffte er noch, bevor er zusammenbrach.

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