Logo weiterlesen.de
John Sinclair - Folge 1852

Brücke ins Totenreich

»Nebel – das kotzt mich an«, fluchte Rick Diamond und spie aus.

»Wir haben Herbst.«

»Ja, ich weiß, und wir haben auch den beschissensten Job an der Brücke bekommen.«

Scott Viper nickte. »Unser Pech. Wir waren mal wieder an der Reihe. Sei froh, dass du Bulle bist. Da hast du wenigstens einen krisenfesten Job. Außerdem ist es spannend zu sehen, wer bei diesem Nebel alles unterwegs ist.«

Rick Diamond grinste und schlug gegen seinen Regenumhang. »Hast du vorhin den Schuss gesehen?«

»Gesehen oder gehört?«

»Ich meine gesehen. Die heiße Nummer im BMW. Die war schon eine echte Sünde wert.«

Viper lachte. »BMW, wie?«

»Klar.«

»Kannst du dir nicht leisten. Und wer sich das leisten kann, der fährt nicht eben auf dich ab.«

Diamond hörte gar nicht auf die Worte. Er war gedanklich noch immer bei der Fahrerin im BMW. »Also, von der Bettkante würde ich die bestimmt nicht stoßen.«

»Ja, ja, mach mal halblang.« Scott Viper kannte seinen Kollegen, der einige Jahre jünger war als er. Er haute immer auf den Putz, aber letztendlich steckte nicht viel dahinter.

Über den Job konnte man sich wirklich beklagen. Die beiden Männer hatten Brückendienst. Das heißt, sie kontrollierten die Fahrzeuge, die in beiden Richtungen über die Twickenham Bridge rollten, während unter ihr das Wasser der Themse floss.

Hin und wieder wurden Verkehrskontrollen durchgeführt. Das war ganz gut so, denn es gab Fahrer, die gerade die Brücke als Rennstrecke benutzten. Hier am Rand von London dachten bestimmte Typen, sich mal austoben zu können. Die Brücke verband die beiden Stadtteile St. Margarets im Westen mit Isleworth im Osten. Nur getrennt durch den Fluss.

Die Kontrollen wurden nicht oft durchgeführt, aber hin und wieder mussten sie sein, denn es war in der letzten Zeit zu einigen Verkehrsunfällen gekommen.

Nur am heutigen Abend hätte man sich die Kontrollen sparen können, denn über dem Land lag ein dünner Nebel, der auch die Brücke nicht verschont hatte. Es war zwar kein sehr dichter Nebel, aber man konnte von einem Ende der Brücke das andere nicht mehr genau sehen, weil es in der grauen Suppe verschwamm.

Die Polizisten standen auf der Seite von Isleworth. In den vergangenen fünf Minuten hatte sich nichts getan. Diamond hatte eine geraucht und sein Kollege hatte die wenigen Autos passieren lassen. Einmal war auch ein Bus über die Brücke gefahren. Sie hatten dem Fahrer zugewinkt, und er hatte zurückgegrüßt.

Um zwanzig Uhr sollte der Einsatz beendet sein. Wann sie dann wieder hier Dienst hatten, wussten sie nicht.

Rick Diamond trat seine Kippe aus. »Den Nächsten schnappen wir uns«, sagte er.

Sein Kollege hatte nichts dagegen, denn er nickte. Dabei schaute er über die Fahrbahn hinweg, sah die Geländer an beiden Seiten, die weiter vorn im Nebel verschwanden, und wurde auf das Scheinwerferpaar aufmerksam, das ihnen entgegen kam.

»Den nehmen wir«, sagte Diamond.

»Alles klar.« Scott Viper trat auf die Fahrbahn und schwenkte seine leuchtende Kelle. Das Rot war auch im Nebel gut zu sehen, und der Fahrer verlangsamte sein Tempo.

Vor Viper ließ er den Wagen ausrollen. Es war ein alter Ford. In ihm saßen ein Mann und eine Frau. Beide waren schon älter. Der Mann drehte die Scheibe nach unten, grüßte höflich und wollte wissen, warum er angehalten worden war.

»Nur eine allgemeine Verkehrskontrolle. Darf ich Ihre Papiere bitte sehen?« Viper war immer sehr höflich. Sein Kollege ging inzwischen um den Wagen herum und leuchte ihn auch an. Er suchte nach Mängeln und fand keine, abgesehen davon, dass der Wagen recht alt war.

Auch die Papiere waren in Ordnung. Als Viper sie zurückgab, da sprach ihn die Frau an.

»Auch kein angenehmer Job heute Abend – oder?«

»Da sagen Sie was, Madam. Aber Dienst ist Dienst, und wir haben auch bald Feierabend.«

»Dann noch einen schönen Resttag.«

»Danke, Madam, Ihnen auch.«

Die beiden fuhren weiter. Rick und Scott blieben zurück. Im Moment kam kein Fahrzeug, und Rick rieb seine Hände.

»Was hast du?«

»Ich freue mich auf den Feierabend.«

»Warum?«

Rick grinste breit. »In meinem Pub gibt es eine neue Kellnerin. Die will ich anbaggern.«

»Wenn du dir was davon versprichst.«

»Klar, ich bin mir sicher, dass sie willig ist.«

Scott Viper musste grinsen. So war er eben, sein Kollege. Aber Hunde, die bellten, bissen oft nicht. Er musste eben immer den Maulhelden spielen.

Es kam wieder ein Auto. Von der Westseite her fuhr es heran. Es kam näher, und Rick Diamond ging dem Fahrzeug sogar einige Schritte entgegen.

»Ho«, rief er, »das ist doch der BMW.«

»Welcher BMW?«

»Der mit dem heißen Schuss am Steuer.« Rick Diamond ging auf die Fahrbahn. »Den halte ich an.«

»Mach keinen Fehler.«

»Wieso?«

»Ach, schon gut.«

Die rote Kelle war nicht zu übersehen. Das sah auch die Fahrerin im BMW ein. Sie verringerte das Tempo, um anzuhalten.

Der Wagen stand. Rick schnaufte. Er geriet in das Licht der Scheinwerfer, die jetzt grell leuchteten, weil der Nebel bei dieser kurzen Entfernung nicht störte.

»Sei aber nett zu ihr!«, rief Scott Viper ihm nach.

»Das bin ich doch immer.«

An der Fahrerseite hielt Rick Diamond an und bückte sich. Er wollte sehen, ob er sich nicht geirrt hatte, und schaute durch die Scheibe in das Innere. Er hatte zwar keine klare Sicht, aber er konnte erkennen, wer auf dem Fahrersitz saß.

Es war die Blonde.

Rick grinste. Die Tür öffnete er noch nicht sofort, sondern schaute sich die Person genau an.

Ja, sie war blond. Und das Haar hing glatt an den Seiten bis auf die Schultern. Als wäre es ein erstarrter Mini-Wasserfall. Eigentlich hätte die Blonde ihm jetzt ihr Gesicht zudrehen müssen, um Diamond anzuschauen, aber das tat sie nicht. Sie zeigte sich völlig desinteressiert.

Diamond klopfte gegen die Scheibe. Auch jetzt erlebte er keine Reaktion.

Sein Kollege kam näher. Ihm war das Verhalten seines Kollegen schon aufgefallen.

»He, was ist denn?«

»Die Frau reagiert nicht. Sie starrt nur nach vorn, bewegt sich nicht und öffnet nicht das Fenster und auch nicht die Tür. Da stimmt doch was nicht.«

»Klopf mal.«

»Habe ich schon.«

»Dann öffne die Tür. Du willst doch mit ihr ins Gespräch kommen. Du bist doch scharf auf sie.«

»Quatsch. Aber die sitzt in ihrem Auto wie eine Puppe. Das ist schon seltsam.«

»Okay, dann öffne ich die Tür.«

Das wollte Diamond auch nicht. »Nein, nein, lass mal, ich ziehe das schon durch.«

»Wie du willst.«

Ihm war schon eigenartig zumute, als er den Griff anfasste. In seinem Kopf tuckerte es. Er behielt die Blonde im Auge, die sich auch jetzt nicht bewegte.

Dann öffnete er die Tür. Er hatte sich einiges vorgenommen, und begann mit einem Gruß.

»Guten Abend, Madam. Ich möchte Sie bitten, Ihre Hände vom Lenkrad zu nehmen und mir Ihre Papiere zu zeigen.« Es war eine blöde Formulierung, die er benutzt hatte, aber er war im Moment einfach zu stark durcheinander.

Die Blonde hatte alles gehört. Sie tat nichts.

Hinter sich hörte Rick die Stimme seines Kollegen. »Ist was?«

»Ja.«

»Und?«

»Die tut nichts.«

Scott Viper schob seinen Kollegen ein wenig zur Seite, weil er mehr sehen wollte. Auch er wunderte sich über die Person, deren Gesicht ziemlich bleich war.

»Ob die eingeschlafen ist?«

Diamond musste lachen. »Mit offenen Augen? Das glaube ich nicht.«

»Stimmt auch wieder. Okay, ich werde sie trotzdem wecken. Sie hat schließlich das Auto gefahren.«

Rick Diamond hatte nichts dagegen, als sein Kollege die Hand ausstreckte. Viper berührte die Schulter der Fahrerin und übte ein wenig Druck aus. Das brachte die Frau aus ihrer ruhenden Position. Sie kippte der offenen Tür entgegen. So weit, bis sie vom Sicherheitsgurt gehalten wurde. Da blieb sie in der Schräge hängen.

Die Kollegen schauten sich an.

»Und jetzt?«, fragte Scott Viper.

»Keine Ahnung.«

»Dann lass mich mal.« Viper war der Ältere. Er fühlte sich irgendwie für seinen Kollegen verantwortlich. Zudem war er nicht so stürmisch.

Er drückte Rick zur Seite und hatte jetzt Platz genug, um sich nach vorn zu beugen. Auch er fasste die Fahrerin an und rüttelte sie ein wenig.

Die Frau kippte noch weiter. Ihr Kopf drehte sich dabei, sodass ein Blick in das Gesicht möglich wurde.

Es war leer.

Es gab keinen Ausdruck in den Augen. Zwar war ein Blick vorhanden, doch der starrte ins Leere.

Scott Viper spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und sich zugleich eine Gänsehaut auf seinem Rücken bildete. Er richtete sich wieder auf. Sein Gesicht sah dabei für Rick Diamond aus wie das eines Fremden.

»Was ist denn?«, fragte er.

Scott Viper deutete ein Nicken an. Dann sagte er mit leiser Stimme, aber sehr deutlich: »Die Frau im Auto ist tot, Rick …«

***

Diamond hatte seinen Kollegen verstanden. Allein ihm fehlten die Worte, um etwas zu erwidern. Er sah nicht mehr in die Wagen, sondern starrte über das Dach hinweg.

»Was – was hast du gesagt?«

»Dass sie tot ist.«

»Nein.«

»Doch, Rick. Schau sie dir an. Dann wirst du das Gleiche sehen wie ich. Sie lebt nicht mehr.«

Diamond wusste nicht, was er sagen sollte. Er fuhr durch sein dunkles Haar, nachdem er die Mütze abgenommen hatte. Dann legte er sie auf das Autodach und beugte sich vor, weil er in das Gesicht der Fahrerin schauen wollte.

Das schaffte er auch – und zuckte zusammen. Ja, sein Kollege hatte recht. Die Blonde sah aus, als würde sie tot hinter dem Lenkrad sitzen, was er noch immer nicht glauben konnte.

Es kostete ihn Überwindung, sie anzufassen. Er strich über ihre Wangenhaut, die weder kalt noch warm war, sondern irgendwie neutral.

Dann blickte er in die Augen.

Ja, sie sahen leer aus. Da gab es kein Leben mehr. Eben die Augen einer Toten – und einer Toten, die noch das Auto gelenkt hatte und bis hierher gefahren war, wo sie ihn abgebremst hatte.

Das wollte ihm nicht in den Kopf. Das war unmöglich, und so sagte er mit leiser Stimme: »Sie kann nicht tot sein.«

Scott Viper nickte und hob zugleich die Schultern. »Das meine ich ja auch, aber ich muss da passen. Sie kann nicht mehr leben, es deutet ja auch nichts darauf hin.«

»Und wie ist das Auto gefahren?«

»Da hat sie noch gelebt.«

»Wann ist sie denn gestorben?«

»Als sie die Kelle sah.«

»Ha, vor Schreck oder wie?«

»Das weiß ich nicht. Ich kann mir nur nichts anderes vorstellen.«

Rick Diamond wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er schaute wieder auf die starre Person hinter dem Steuer. Dass sie tot war, konnte er einfach nicht begreifen.

Und es war auch nicht zu sehen, woran sie gestorben war. Man konnte auf einen Herzschlag tippen. Er wollte sie nicht anfassen und drehte ihr den Rücken zu, um seinen Kollegen anzuschauen.

»Was machen wir denn jetzt?«

»Wir müssen die Zentrale anrufen und Bescheid sagen, was hier passiert ist.«

»Die werden uns für durchgeknallt halten.«

»Sollen sie. Aber wir müssen bei der Wahrheit bleiben. So verrückt das auch klingt.«

»Ja, tun wir das.« Die Nacht war nicht eben warm, aber Rick Diamond schwitzte unter seiner Uniform. Das war ihm alles suspekt, und er hatte plötzlich das Gefühl, in einen Gruselstreifen versetzt worden zu sein.

Er drehte sich um. Er wollte in den BMW hinein schauen und etwas sagen, obwohl es die Tote nicht verstehen würde, aber da blieb ihm plötzlich der Atem weg.

Was er sah, war ungeheuerlich.

Die Tote hatte ihren Gurt gelöst und saß jetzt völlig normal auf dem Fahrersitz …

***

Rick Diamond riss die Augen weit auf. Er konnte nichts sagen, was seinen Kollegen ärgerte, der den Kopf schüttelte und fragte: »Was ist denn?«

»Da – da – die Frau.«

»Und?«

»Sie ist nicht tot.«

Scott Viper wollte lachen, was er nicht schaffte. Nur ein seltsam klingendes Geräusch drang aus seinem Mund.

»Sie ist nicht tot, Scott.«

»Und wie kommst du darauf?«

»Sieh sie dir an.« Er trat einen Schritt zur Seite, damit der Kollege besser an die Frau heran konnte. Das tat Viper auch, warf Rick aber einen fragenden Blick zu.

Der Polizist sagte nichts mehr. Er nickte nur in Richtung Auto, in das jetzt auch Scott Viper schaute.

»Sie hat ihre Sitzhaltung verändert«, sagte er.

»Stimmt. Aber von allein.«

Scott schluckte. Er wollte kein Feigling sein und bückte sich noch tiefer. So war seine Sicht besser. Er fing auch an zu schnuppern, weil er damit rechnete, Leichengeruch riechen zu können, aber das war nicht der Fall.

Er schaute in das Gesicht.

Es gehörte auf keinen Fall einer lebenden Person. Es war so bleich und auch so leer. Das bezog sich besonders auf die Augen, in denen wirklich kein Leben mehr zu erkennen war.

Scott Viper hörte sich schwer atmen. So etwas hatte er noch nie gesehen, aber er hatte immer noch nicht herausgefunden, ob die Blonde nun wirklich tot war oder nicht.

Egal, allein kamen sie hier nicht mehr zurecht. Sie mussten etwas unternehmen.

Aber nicht die beiden Polizisten unternahmen etwas, es war die angeblich Tote, also die Person, die nicht mehr geatmet hatte, die sich plötzlich bewegte.

Es war nur die rechte Hand, aber dieser Griff damit hatte es in sich. Da Scott Viper geduckt stand, war es ihr ein Leichtes, ihm die Hand mit den gespreizten Fingern in den Nacken zu schlagen. Sie klammerte sich daran auch fest, aber nur für einen Moment, denn dann riss sie den Kopf nach unten.

Es wurde so etwas wie ein Volltreffer. Mit der Stirn prallte Scott so heftig gegen das Lenkrad, dass die Haut aufplatzte. Er spürte einen ziehenden Schmerz und erhielt dann einen Schlag, der ihn vom Wagen weg beförderte.

Er stolperte über seine Hacken, als er sich wieder fangen wollte, und landete auf dem Boden. Es war für ihn kein Vergnügen, mit dem Rücken aufzuschlagen. Für einige Sekunden wurde ihm die Luft genommen.

Die Zeit reichte der Frau.

Sie verließ den Wagen. Den Kopf hatte sie nach vorn geschoben. Sie fiel nach vorn und konnte sich im letzten Moment noch mit den Händen am Boden abstützen. An den liegenden Scott Viper verschwendete sie keinen Blick mehr.

Rick Diamond konnte es nicht fassen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "John Sinclair - Folge 1852" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen