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John Sinclair - Folge 1850

Vollmond-Grauen

Da stand er wieder!

Kreisrund, leuchtend gelb, mit helleren Flecken an den Rändern. Wie ein Auge glotzte er auf die Welt nieder, als wollte er sie mit seinem Blick sezieren. Sein Schein erhellte die Nacht und sorgte dafür, dass sich manche Wesen von ihm beeinflusst fühlten.

Die einen positiv, die anderen negativ.

Und Ellen Peters?

Sie wusste es nicht. Der Mond war ihr eigentlich immer egal gewesen. Für sie war es wichtiger, ob es regnete oder trocken war, wenn sie ihre beiden Huskys im Freien ausführte …

Das war auch an diesem Abend so. Mit dem Auto war sie bis zu einem bestimmten Punkt gefahren und hatte den Wagen dort abgestellt. Es war ein Waldparkplatz. Tagsüber standen hier zahlreiche Wagen, deren Fahrer sich zu einem Spaziergang entschlossen hatten. Doch am Abend und in der Dunkelheit sahen die Dinge anders aus. Da war die Gegend am Wald recht leer, und auf dem Parkplatz stand kein Wagen mehr.

Nur der Mond zeigte sich am klaren und wolkenlosen Himmel.

Ellen Peters kannte den Weg. Er führte nicht in den Wald hinein, sondern daran vorbei. Außerdem wäre es im Wald auch zu dunkel gewesen. Man musste immer mit irgendwelchen Stolperfallen rechnen. Gerade in den letzten Nächten hatte es ziemlich gestürmt. Da waren einige Bäume geknickt oder hatten Äste und Zweige verloren.

Der Mond blieb und die Unruhe in Ellen Peters ebenfalls. Sie wusste nicht, woher sie kam. Sie hatte zudem das Gefühl, verfolgt zu werden, dass ein Stalker hinter ihr her war und sie beobachtete.

Einen Beweis dafür gab es nicht. Es war einfach nur das Gefühl, das sich bei Vollmond immer verstärkt einstellte, und es war sogar so weit gekommen, dass sich Ellen Peters bedroht fühlte, wenn sie bei Vollmond lief.

Jemand war da.

Etwas war da.

Sie wusste es genau, und sie hatte auch die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Sie lief nicht mehr ohne Schutz. Sie hatte eine Bekannte gebeten, etwas für sie zu tun. Dagmar Hansen war eine frühere Arbeitskollegin, und die hatte sofort zugestimmt.

Auch an diesem Abend stand sie wieder bereit. Sie hatte nur nicht mitlaufen können und wollte an einem bestimmten Punkt auf Ellen Peters warten. Es war das Ende der Strecke. Von dort würden die beiden Frauen in einem Auto bis an den Ausgangspunkt des Laufs zurückfahren, damit Ellen wieder in ihr Auto steigen konnte.

Das war alles gut durchdacht, und Ellen glaubte fest daran, dass es auch klappen würde. Zudem hoffte sie, die andere Seite in Schach halten zu können. Die Seite, von der sie nicht wusste, wie sie aussah, die aber trotzdem da war und sie verfolgte.

Beim Ausatmen sah sie eine helle Wolke vor ihrem Gesicht. Sie spürte den Zug an den Händen und musste die Doppelleine schon sehr hart festhalten, um die Hunde bei sich zu behalten. So war es immer, ob nun der volle Mond schien oder nicht. Daran hatte sich Ellen auch gewöhnt.

Links von ihr lag das freie Feld. Es war längst abgeerntet worden. Rechts wuchs der Wald wie eine dunkle Mauer in die Höhe, und ungefähr dort, wo das eine an das andere grenzte, stand das runde Auge am Himmel und starrte nach unten.

Der Mond, der Trabant. Derjenige, um den sich viele Geschichten rankten, der auch bei Ellen Peters jetzt ein leicht bedrückendes Gefühl hinterließ.

Sie mochte ihn plötzlich nicht. Sie fürchtete sich vor ihm. Sie dachte daran, dass er etwas Böses gegen sie im Schilde führte. Er war nicht der Stalker, aber er konnte mit ihm zu tun haben.

Ellen ging weiter. Die Huskys zerrten jetzt immer stärker an ihrer Leine, als könnten sie es nicht erwarten, so rasch wie möglich an das Ziel zu gelangen.

Die Frau hatte Mühe, mit den Hunden Schritt zu halten. Sie war froh, die Laufschuhe mit den griffigen Sohlen zu tragen, so war der Halt am Boden recht gut.

Sie schaute immer wieder zum Himmel. Als wäre es ein Zwang, den Blick auf den Mond zu richten. Dabei lief sie weiter und achtete darauf, nicht zu stolpern.

Die Hunde waren wild, das kannte sie. Ellen wusste auch, dass die Strecke knapp drei Kilometer lang war. Zählte sie den Rückweg mit, dann kamen fast sechs Kilometer zusammen. Erst einmal musste sie die ersten drei hinter sich haben. Am Ziel wartete ihre Freundin, und heute würden sie mit deren Wagen zurückfahren.

An diesem Abend benahmen sich die Hunde besonders schlimm. Sie zerrten nahezu wütend an ihren Leinen. Manchmal heulten sie auch auf, dann machten sie verrückte Sprünge, heulten erneut und stoppten plötzlich mitten aus der hektischen Bewegung heraus.

Damit hatte Ellen Peters nicht gerechnet. Sie hielt nicht so schnell an, sie stolperte vor und wäre fast über die beiden Körper gestolpert. Die Huskys benahmen sich seltsam. Sie zerrten an ihren Leinen, dann warfen sie sich auf den Rücken und jaulten den Mond an, als wäre er ein besonderer Freund von ihnen.

Ellen Peters war irritiert. Diese Reaktion hatte sie bei ihnen noch nie erlebt.

Sie bewegten sich zuckend und hielten die Köpfe so gerichtet, dass sie zum Himmel und damit auf den Vollmond schauten.

War da was?

Ellen Peters sah nichts, aber traute dem Braten nicht. Plötzlich fühlte sie sich allein. Es gab nur sie und die Hunde, wobei die Tiere für sie nicht mehr als Beschützer infrage kamen, denn sie hatten Angst und rutschten über den Boden, den Blick immer wieder in die Höhe gerichtet.

Warum?

Die Frau fand keine Erklärung. Aber sie nahm etwas anderes wahr, das sie zunächst nicht beachtete. An diesem Abend herrschte kein Wind, der irgendwelche Geräusche hätte hinterlassen können, und doch waren sie da. Sie mussten einen anderen Ursprung haben, und der lag versteckt im Wald.

Ellen horchte. Sie schielte dabei sogar zum Mond hinauf, als könnte er ihr eine Antwort geben, aber die gelbe Scheibe schwieg.

Nur das Geräusch blieb.

Es war ein Schlagen mit irgendwelchen Dingen. Es wühlte die Stille des Waldes auf. Es war sowohl in der Nähe des Bodens als auch in den Baumwipfeln zu hören, aber zu sehen bekam die einsame Läuferin nichts. Sie konnte sich nur Gedanken machen, und sie ging davon aus, dass es sich um ein Tier handeln musste.

War es ein wilder Vogel? War es ein Fuchs? Eine Wildkatze oder ein Reh, das um sein Leben kämpfte?

Sie wusste es nicht. Sie erlebte nur die Angst ihrer Hunde, die sich noch immer gegen den Boden drückten und mit den Beinen um sich traten. Ellen hatte sie noch nie so ängstlich gesehen.

Etwas lauerte in der Nähe, das ihnen diese Angst einjagte.

Plötzlich war es wieder still. Nichts drang mehr an ihre Ohren.

Sie wartete. Sie spürte etwas Kaltes auf ihrer Haut. An ihrem Hals zuckte es. Sie sah nichts, aber sie glaubte fest daran, dass etwas passieren würde.

Und sie hatte sich nicht getäuscht.

Es geschah urplötzlich und ohne Vorwarnung. Und es stieg aus dem Wald hervor. Sie hörte noch das Knacken eines Astes, dann sah sie das schwarze Etwas, das die Deckung des Waldes verließ und in die Höhe stieg.

Es war ein Tier.

Aber was für eines?

Sie konnte es nicht genau erkennen, aber sie sah, dass es Flügel hatte und diese nun ausbreitete, um an Höhe zu gewinnen. Sein Ziel schien der Mond zu sein. Es flog ihm direkt entgegen, das sah Ellen Peters genau. Das Tier malte sich deutlich vor dem Hintergrund ab.

Es hatte Flügel. Sehr breite sogar. Richtige Schwingen, und man konnte von einem Riesenvogel sprechen oder von einer Fledermaus, die die zigfache Größe einer normalen hatte.

Sie flog in die Höhe, und sie blieb dabei immer sichtbar, weil das Mondlicht sie anstrahlte.

Ellen hielt den Atem an. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. In unmittelbare Gefahr war sie nicht geraten, aber das war im Moment nicht wichtig. Sie machte sich keine Vorstellung von dem, was da aus dem Wald gekommen war.

Ihre Hunde hatten das fliegende Tier auch gesehen. Sie lagen noch auf dem Boden, waren aber dabei, sich allmählich zu erholen und wieder normal zu werden.

Sie blieben nicht mehr liegen und richteten sich auf. Nebeneinander blieben sie stehen und schüttelten sich. Eine andere Reaktion erlebte Ellen Peters nicht.

Sie musste erst mal mit sich selbst ins Reine kommen. Dieser Vorgang hatte sie überrascht, und sie wusste nicht, ob er mit ihrer Angst vor einem Stalker zusammenhing. Darunter hatte sie sich immer etwas anderes vorgestellt als einen Vogel oder ein vogelähnliches Wesen, das sich aus dem Dunkeln des Waldes gelöst hatte.

Es schwebte noch immer in der Luft. Und es zog seine Kreise vor dem Mond. Sie schaute genau hin, und sie sah, dass dieses Tier nicht unbedingt ein Vogel sein musste.

Aber was war es dann?

Es gab ihr niemand eine Antwort, obwohl sie das Gefühl hatte, dass es eine geben musste. Und das lag an ihren Hunden, die sich so seltsam benahmen. Sie knurrten, sie drehten sich im Kreis, sie spielten irgendwie verrückt, und Ellen Peters wollte eingreifen, aber das ließ sie bleiben.

Etwas anderes nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Und das hing auch mit den Hunden zusammen. Die hatten sich so gedreht, dass sie Ellen anschauen konnten.

Ellen blickte auf – und sie sah in zwei rot glühende Hundeaugen …

***

Das wollte sie nicht glauben. Sie dachte, dass ihr die Nerven einen Streich spielten, und sie schüttelte den Kopf. Sie wollte einfach nicht das akzeptieren, was sie sah.

Und doch gab es keinen Zweifel daran.

Die Augen ihrer beiden Huskys hatten sich verändert. Diese Röte in den Augen passte zu den Lauten, die aus ihren Kehlen stiegen. Vor den Mäulern dampfte der Atem, und Ellen Peters sah auch das helle Schimmern der Zähne und den Geifer, der die beide Zahnreihen miteinander verband.

Es war ein Bild, das sie nicht kannte. Das sie sich auch nicht hatte vorstellen können, dass es so etwas überhaupt geben könnte. Für sie war es nur schrecklich, denn die eigenen Hunde, auf die sie immer so stolz gewesen war, kamen ihr plötzlich so fremd vor.

Sie konnte den Blick auch nicht einschätzen. Sie wusste nicht, ob er kalt oder gierig war, es waren einfach nur die roten Augen zu sehen, die so gar nicht zu diesen Tieren passten.

Und dann hörte sie noch etwas.

Es war ein Knurren. Ein Laut, der tief in den Kehlen der beiden Hunde geboren wurde. Ellen Peters wusste, wie es sich anhörte, wenn ihre Hunde knurrten oder gereizt waren.

Aber dieses Knurren hörte sich anders an. So gefährlich, so bösartig. Sie konnte sich plötzlich vorstellen, dass diese Tiere ab jetzt in ihr eine Feindin sahen.

Und wenn das tatsächlich zutraf, dann konnte es mehr als gefährlich für sie werden.

Ein anderes Geräusch schreckte sie auf. Es war über ihrem Kopf entstanden. Man konnte da von einem Flappen sprechen. Sofort schaute sie in die Höhe.

Ja, da sah sie es.

Es war das Tier, das aus dem Wald gekommen und in die Höhe gestiegen war. Diese Mischung aus Vogel und einer anderen Kreatur, und dieses Wesen stieß hektische Schreie aus, die auch die beiden Hunde erreichten und einen Trieb in ihnen weckten.

Es war der Mordtrieb.

Das merkte Ellen Peters in dem Augenblick, als sie von den beiden Huskys angegriffen wurde …

***

Dort, wo der Wald zu Ende und die Bundesstraße nicht mehr weit war, stand eine Grillhütte, die von den Mitgliedern eines Heimatvereins errichtet worden war und auch stets frequentiert wurde, wenn das Wetter es zuließ.

Im Sommer herrschte hier fast jeden Tag Betrieb, da war der Unterstand ausgebucht. Doch sobald das Wetter schlechter wurde, erlebte der Grillplatz wieder seine Einsamkeit, die recht lange andauern würde. Es sei denn, die ewigen Griller bekamen wieder Lust auf ein Steak oder auf eine Wurst. Da war der Grillplatz dann sogar am ersten Januar besetzt. Es gab sie eben, die ewigen Griller, die sich durch nichts abhalten ließen.

An diesem dunklen Herbstabend war der Grillstand nicht belegt. Es sei denn, man zählte die rothaarige Frau dazu, die sich auf dem Platz aufhielt. Sie hatte sich auf einen der Holzklötze gesetzt, die kreisförmig die Grillstelle umstanden.

Dagmar Hansen wartete.

Sie hätte sich bei diesem Wetter auch etwas Besseres vorstellen können, aber sie hatte einer Bekannten nun mal versprochen, sie am Ende ihres Laufs zu erwarten, um sich zu überzeugen, dass alles gut gegangen war.

Ellen Peters hatte Angst.

Das hatte sie frei und offen zugegeben, und diese Angst hatte sie vor einem Stalker. Sie kannte seinen Namen nicht. Sie hatte auch nie sein Gesicht gesehen, aber einige Male hatte er sie erschreckt, indem er sie aus dem Dunkel angerufen hatte, und einmal hatte sie einen Schatten gesehen, der jedoch wieder im Wald verschwunden war, als sie geschrien hatte, dass er sie in Ruhe lassen solle.

Bei der Polizei hatte man sich alles angehört und eigentlich nur mit den Schultern gezuckt. Das war Ellen zu wenig gewesen. Sie hatte sich woanders Hilfe geholt, und das war bei einer früheren Kollegin gewesen, die jetzt beim BKA arbeitete. Vor Jahren hatte sie bei einem Rechtsanwalt angefangen, und seit dieser Zeit kannten sich die beiden Frauen.

Sie waren immer in einem lockeren Kontakt geblieben, auch als Ellen Peters in eine andere Stadt gezogen war. Dort hatte sie einen Kölner geheiratet, aber die Ehe hatte nicht lange gehalten. Sie war wieder zurück nach Wiesbaden gezogen. Und hier hatten sie den Kontakt wieder aufgenommen. Einmal im Monat gingen die beiden essen und sprachen über alles Mögliche. Natürlich auch über Probleme.

Da hatte Dagmar Hansen dann erfahren, dass Ellen von einem Stalker verfolgt wurde, und beide Frauen hatten beschlossen, diese Person zu stellen.

Ellen wusste nicht, wie der Mann aussah. Auch bei dem einen Kontakt hatte sie ihn nicht gesehen, da er sie von hinten angegriffen hatte, aber jetzt erhofften sich die Frauen eine Chance. Eine einsame Joggerin, auch wenn sie mit ihren Hunden unterwegs war, war leichter zu überwältigen.

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