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John Sinclair - Folge 1849

Der Unheilbringer

Timmy Burke wurde wach, weil ein kalter Lufthauch durch sein Zimmer wehte. Er spürte die Kühle auf seinem Gesicht.

Der 13-jährige öffnete die Augen.

Dabei dachte er an seinen letzten Traum, der so düster gewesen war, vergleichbar mit einer schwarzen Wolke, die ihn umfangen gehalten hatte. Und in der Wolke hatte er sie gesehen. Da war die Fratze plötzlich aufgetaucht.

Sie war ein Gesicht, das den Ausdruck nicht verdiente, weil es so schrecklich war und fast nur aus Maul bestand …

Es war mit Zähnen gefüllt, doch zwei davon stachen besonders hervor. Wie kleine Messer wiesen sie nach unten. Sie waren kräftig und leicht gebogen.

Timmy kannte solche Zähne. Er wusste viel über diese Gestalten, glaubte er zumindest.

Wer solche Zähne hatte, der war ein Vampir. Einer, der sich vom Blut der Menschen ernährte. Darüber hatte er viel gesehen. Es gab genügend TV-Sender, die Vampir-Serien brachten. Mal spannende, mal romantische, die vor allen Dingen von Mädchen geschaut wurden.

Aber in keiner dieser Serien tauchte eine derartig bösartige Gestalt auf.

Und davon hatte er geträumt. Er hatte das Gesicht gesehen. Schrecklich sah es aus. So gierig, und diese Gier spiegelte sich auch in den Augen wider.

Wenn man von einem bösen Blick sprechen konnte, dann hatte diese Gestalt ihn präsentiert. Aber das war im Traum gewesen und nicht in der Realität. Die erlebte Timmy jetzt. Er saß in seinem Bett und schaute sich um. Es war finster in seinem Zimmer, aber nicht stockdunkel. Gewisse Umrisse malten sich schon ab. So sah er zum Beispiel das Fenster und auch den Umriss des Schranks. Daneben stand sein Schreibtisch. Es war alles normal. Es war auch alles leer.

Aber war es wirklich leer?

Timmy konnte daran nicht so recht glauben, obwohl er nur diese tiefen Schatten sah.

Dann erinnerte er sich wieder an den Luftzug. Der hatte ihn erreicht, obwohl die Fenster geschlossen waren.

Auch die Tür hatte niemand geöffnet.

Timmy Burke fühlte sich nicht wohl. Durch seinen Kopf rasten die Gedanken. Er wusste nicht, was er noch denken sollte, aber er wusste, dass er nicht mehr allein in seinem Zimmer war.

Da war noch jemand.

Aber wer? Und wo hielt sich dieser unbekannte Jemand auf? Wenn er hier war, dann musste er nicht unbedingt ein Mensch sein, sondern eine andere Gestalt.

Welche dann?

Timmy wusste es nicht. Er merkte jetzt, dass sich sein Herzschlag beschleunigt hatte. Seine Handflächen waren feucht geworden, und auch an anderen Stellen des Körpers hatte sich Schweiß gebildet.

Eigentlich war es verrückt, wenn er sich derartige Gedanken machte. Sie waren auch unter Umständen nur deshalb entstanden, weil Halloween vor der Tür stand, da hatten er und seine Freunde sich schon etwas ausgedacht, denn dieser Termin war für sie immer etwas Besonderes.

Er wollte lachen.

Das schaffte er nicht. In seiner Kehle entstand nur ein Krächzen.

Der Junge schaute zum Fenster, das in Umrissen zu erkennen war. Für ihn war das Fenster etwas Reales, an das er sich klammern konnte. Das bedeutete keine Gefahr für ihn.

Dachte Timmy.

Aber es kam anders.

Ein leiser Laut des Schreckens drang aus seinem Mund, denn etwas passierte dort, wo sich das Fenster befand. Da genau entdeckte er die Bewegung.

Ja, sie war da.

Er hatte sich nicht getäuscht, aber Timmy sah nicht, wer oder was sich dort bewegt hatte. Er starrte jetzt hin, sodass seine Augen ihn fast schmerzten, aber auch jetzt war es schwer, etwas zu identifizieren, weil es einfach zu dunkel war. Er legte sich wieder hin.

Ich habe mich nicht geirrt!, dachte er. Nein, ich habe mich nicht geirrt …

Und genau jetzt erwischte ihn auch wieder der kühle Hauch. Nun allerdings weniger stark als beim ersten Mal. Er streifte über sein Gesicht hinweg, als hätte jemand gepustet, und plötzlich war ihm diese Begegnung alles andere als unangenehm. Er fühlte sich sogar besser in seiner Lage. Dieses Streicheln sollte ihn beruhigen, das jedenfalls nahm er an.

Timmy lag still.

Wie viel Zeit verstrich, das wusste er nicht. Er blieb auf dem Rücken liegen und hatte das Gefühl, dass dies nicht alles gewesen war und noch etwas passieren würde.

Er wartete.

Sein Blick blieb weiterhin starr nach vorn gerichtet. Er sah den Fensterumriss – und er sah noch mehr, denn etwa in der Mitte davon bewegte sich etwas.

Zuerst dachte Timmy an eine Täuschung und daran, dass ihm seine überreizten Nerven einen Streich spielten.

Aber taten sie das wirklich?

Nein, denn da war etwas, und es bewegte sich sogar nach vorn und damit auf ihn zu.

Timmy hielt die Luft an. Sein ganzer Körper erstarrte. Er hatte die Augen weit aufgerissen. Jetzt ließ er beim Ausatmen die Luft aus den Nasenlöchern strömen.

Das andere bewegte sich weiter. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es ihn erreicht hatte, und das dauerte nur wenige Sekunden, da war es an seinem Bett.

Er sah es.

Aber Timmy fand nicht heraus, was es genau war. Er bewegte sich nicht und hatte das Gefühl, zu Eis geworden zu sein. Hinter seiner Stirn tuckerte es. Leichte Stiche jagten durch seinen Kopf, und die Angst schnürte ihm die Kehle zu.

Timmy war sich jetzt hundertprozentig sicher. Er erlebte tatsächlich eine Erscheinung. Aber neben seinem Bett stand kein stofflicher Körper, sondern ein feinstofflicher, und er sah auch nicht so grauenvoll aus wie der in seinem Traum. Dann bewegte sich der Besucher. Er beugte sich über ihn. Es waren die gleichen Bewegungen, wie bei einem normalen Menschen.

Aber das hier war kein Mensch.

Es war etwas anderes.

Es beugte sich noch tiefer.

Wieder verspürte er die seltsame Kälte, die ihn allerdings nicht frieren ließ.

Es war alles ganz anders geworden. Auch seine Angst ging zurück. Ein wohliges Gefühl durchrann ihn, und er wollte auch nicht mehr die Augen schließen.

Timmy schaute hin.

Die Erscheinung schwebte jetzt über ihm. Er sah, dass sie einen menschlichen Umriss hatte. Das Gesicht befand sich in Höhe seines Kopfes.

Plötzlich hörte er das Zischen. Es hüllte ihn ein. Es erreichte seine Ohren, und Timmy verspürte den Wunsch, eine Frage zu stellen, was er dann auch tat.

»Wer bist du?«

Er hätte nie damit gerechnet, eine Reaktion zu erhalten, aber die Erscheinung antwortete ihm. Und er musste jedoch genau hinhören, um sie auch verstehen zu können.

»Ich bin dein Schutzengel …«

***

Das war die Antwort!

Timmy Burke hatte sie gehört und konnte es kaum fassen. Er glaubte sogar, sich verhört zu haben, und fragte sich, wie jemand dazu kam, so etwas zu behaupten.

Schutzengel …

Ja, er glaubte daran, dass es Schutzengel gab. Dass jeder Mensch sich darauf verlassen konnte, wenn er nur daran glaubte. Aber glauben hieß nicht wissen, und bisher hatte sich ihm noch kein Schutzengel gezeigt. Bis heute, bis jetzt.

Nun saß er an seinem Bett?

Timmy konnte es noch immer nicht glauben, aber er fühlte sich bereit für einen Test und streckte seinen rechten Arm aus, um ihn dann zur Seite schwingen zu lassen, denn er wollte den Besucher berühren.

Der andere ließ es zu.

Timmy freute sich. Seinen Schutzegel anzufassen, das war nicht jedem vergönnt. Ihm schon, und er spürte auch etwas. Es war die Kühle, die ihn schon im Liegen erreicht hatte.

Das war für ihn der endgültige Beweis. Hier gab es jemanden, der so ungewöhnlich war, der auch nicht von dieser Welt stammte. Aber es gab ihn. Er hatte sogar eine Gestalt angenommen, die sich an der menschlichen orientierte. Ja, die Engel waren so, das musste man sagen, und ihr Dasein sorgte bei Timmy Burke für eine innere Beruhigung.

Die Aufregung verschwand. Auch die Angst war weg, und so schaffte es Timmy, sich völlig normal zu konzentrieren.

»Du bist ein Engel?«

»Ich habe dich besucht.«

»Ja, ja – aber warum?«

»Ich will nicht, dass du stirbst.«

Der Schreck fuhr dem Jungen in die Glieder. Mit der Antwort hatte er nicht gerechnet. Vor allen Dingen ging es ihm um den Begriff des Sterbens. Den mochte er nicht.

»Wieso sollte ich sterben?«

»Weil er unterwegs ist.«

»Aha. Und wer ist das?«

»Der Unheilbringer. Ein schrecklicher Dämon. Einer, der schon ewig lebt.«

»Und er kommt?«

»Ja, Timmy.«

»Wann denn?«

»Bald. Bald ist Halloween. Da wird er sich zeigen. Da kann er sich austoben …«

Timmy Burke hatte genau zugehört. Von Austoben war da gesprochen worden. Er dachte an seinen Traum und das darin vorkommende Gesicht. Deshalb klang seine Frage auch in diesem Zusammenhang normal.

»Ist er ein Vampir?«

»Ja, das ist er. Ein mächtiger Bluttrinker, der wieder erwacht ist. Die Menschen hatten ihn damals bannen können und ihn tief in der Erde vergraben. Es war geweihte Erde. Zusätzlich war der Vampir in seinem Grab noch fixiert worden.«

»Was heißt das?«

»Man hat Pflöcke in die Erde gerammt und ihn mit Händen und Füßen angebunden.«

»Hat man ihn auch gepfählt?«

»Nein.«

»Warum denn nicht?«

»Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass man sich nicht getraut hat. Man war froh, dass er in der Erde lag.«

»Ach. Und wo ist das passiert?«

»Hier in der Nähe.«

»Das habe ich noch nie gehört.«

»Ist klar. Kinder werden damit auch nicht konfrontiert. Aber die Erwachsenen wissen Bescheid. Und jetzt ist er frei. Er wird versuchen, bei Halloween mitzumischen. Er ist unterwegs. Er hält schon jetzt Ausschau nach seinen Opfern.«

»Ja, das glaube ich.«

»Gut, dass du so denkst, mein Junge. Dann muss ich dich ja nicht noch weiter warnen.«

»Das musst du nicht. Und was soll ich tun?«, fragte Timmy leise.

»Das ist einfach. Du musst die Augen weit offen halten, dann wird sich alles richten. Scheue dich nicht, ein Gebet zu sprechen, wenn er dir zu nahe kommt.«

»Kann ich ihn so vernichten?«

»Nein!«, lautete die Antwort. »Du kannst aber erreichen, dass er zunächst Abstand davon nimmt, seine Zähne in deinen Hals zu schlagen. Es ist ihm egal, von wem er das Blut trinkt. Da spielt es keine Rolle, ob es Männer, Frauen oder Kinder sind.«

»Ich habe verstanden. Aber warum gerade ich? Warum soll es gerade mich treffen? Es feiern genügend andere Menschen Halloween.«

»Ich werde versuchen, auch die anderen Menschen zu warnen, aber die meisten hören nicht auf uns Bewohner der anderen Welt. Aber du weißt Bescheid.«

»Und ob!«, flüsterte Timmy. »Ich habe ihn auch gesehen, und zwar in meinen Träumen.«

»Das muss schrecklich gewesen sein.«

»Ja, sehr schlimm.«

»Dann ist er schon unterwegs. Er wird versuchen, sich in das Innere eines Menschen zu stehlen. Er wird sie zu sich holen und sie gefügig machen. Er ist wieder da. Und deshalb wirst du aufpassen müssen.«

»Das mache ich«, flüsterte Timmy Burke, bevor er fragte: »Was ist denn mit dir? Bist du nicht auch noch da?«

»Doch, das bin ich. Aber ich kann nicht überall sein. Das musst du einsehen.«

»Obwohl du mein persönlicher Schutzengel bist?«

Es war eine Frage, auf die Timmy gern eine Antwort erhalten hätte. Das trat nicht ein, denn sein Besucher hatte seine eigenen Regeln, und danach handelte er auch.

Er war weg!

Von einem Augenblick zum anderen war nichts mehr von ihm zu sehen. Timmy Burke befand sich wieder allein in seinem Zimmer und schaute ins Leere.

Erst jetzt merkte er, dass er völlig durchgeschwitzt war. Auch das Laken, auf dem er lag, war feucht geworden. Die Begegnung hatte ihn mitgenommen.

Echt? Oder war sie ein Traum gewesen?

Er hatte keine Ahnung.

Was war echt und was nicht?

Er wusste es nicht. Er war durcheinander. Den schlimmen Traum hatte er gehabt, aber dann war die Begegnung mit dem Engel erfolgt, und damit hatte er seine Probleme.

War sie echt gewesen? Oder hatte er nur einen Traum erlebt?

Alles konnte möglich sein. Nichts war mehr normal für ihn. Er war dreizehn Jahre alt. Ein Erwachsener hätte so etwas auch kaum verkraftet. Aber er war noch ein Kind oder zumindest ein Jugendlicher. Manchmal führte er auch das Wort, wenn er und die Clique zusammen waren, aber das war auch alles. Allein war er nicht so mutig.

Und jetzt hatte es dieses Erlebnis gegeben, an das er kaum glauben konnte.

Schlaf würde er keinen mehr finden. Hellwach saß er aufrecht im Bett und fragte sich, was er seinen Eltern sagen sollte.

Am besten nichts. Sie würden ihm kein Wort glauben und nur den Kopf schütteln. In der nächsten Nacht war Halloween. Dann waren sie wieder unterwegs, die unheimlichen Gestalten, die den Menschen den großen Schrecken brachten.

Zuerst die kleinen Kinder, die noch bei Helligkeit durch den Ort liefen. Später waren es dann die Älteren, die alles unsicher machten. Im Laufe der Zeit war es immer schlimmer und extremer geworden, und Timmy Burke wusste auch, dass es zu Halloween so manche Gewalttat gegeben hatte. Daran war er nicht beteiligt. Er hatte immer nur Spaß haben wollen und lehnte Gewalt ab.

Aber wo hörte der Spaß auf, und wo fing der Ernst an? Die Grenzen waren fließender geworden.

Timmy Burke hatte sich auf Halloween gefreut, jetzt aber war das Gefühl verschwunden. Da war ein neues in ihm hochgestiegen, und das hatte auch einen Namen.

Es fiel ihm schwer, dies zuzugeben, aber er bekam es nicht aus dem Kopf.

Es war die Angst …

***

»Und, Mister Sinclair? Wie schmeckt Ihnen der Tee?«

Ich lächelte den jungen Pfarrer an. »Sehr gut, muss ich sagen.«

»Freut mich.«

»Sie haben ihn veredelt, wie?«

Alan Burke lachte. »Gratuliere, Sir. Sie haben einen guten Geschmack.«

»Den Rum schmeckt man immer.«

Der Pfarrer und ich standen auf dem schmalen Weg fast an seinem Ende, denn hier gab es das zu sehen, weshalb mich Alan Burke eigentlich geholt hatte.

Bewohner hatten ein offenes Grab gefunden. Das wäre nicht besonders schlimm gewesen, hätte sich das Grab ...

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