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John Sinclair - Folge 1847

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Schiff der verlorenen Seelen
  4. Vorschau

Schiff der verlorenen Seelen

(2. Teil)

Sie stand im Streulicht der Lampe und schaute zu, wie die grauen Schwaden über den Boden krochen. Eine dunkelhaarige Frau, die einen engen Lackmantel trug, der in der Mitte gegürtet war. Im Licht der Lampe gab das schwarze Material einen Schimmer ab.

Der Blick der Frau war starr. Das Gesicht war es ebenfalls, und eigentlich lächelte sie niemals. Das passte einfach nicht zu einer Leichenfresserin, zu einem weiblichen Ghoul …

Sie hatte auch keinen Grund zum Lächeln. Sie hatte sich auf ihre drei Helfer verlassen, doch die waren vernichtet worden. Larissa hatte aus einer sicheren Deckung zuschauen können, wie man ihre Überreste abtransportierte.

Die große Rache war ihr nicht gelungen. Drei Ghouls hatten die Zuhälter killen sollen, aber das hatten sie nicht geschafft. Zwei andere Männer hatten es verhindert. Larissa hatte sie gesehen, als sie das Lokal verlassen hatten.

Der Hass auf die beiden Typen hatte sich wahnsinnig gesteigert. Sie mussten weg. Radikal vernichtet werden. Sie hätte es gern sofort getan, doch das war nicht möglich, weil sie noch etwas anderes zu tun hatte, denn Larissa war eine viel beschäftigte Person.

Sie wartete auf einen Informanten. Es ging um einen Schiffstransport der besonderen Art. Näheres sollte sie von einem Informanten bekommen, der sie genau hier an der Laterne treffen wollte.

Sie hörte Schritte.

War das der Mann?

Er kam noch nicht, aber die dumpfen Laute waren nicht zu überhören. Plötzlich zuckte sie zusammen, denn sie hatte die beiden Typen entdeckt, die auf sie zukamen.

Sie war wohl auch den beiden Männern aufgefallen, die sich in ihre Richtung bewegten. Es waren Gestalten der Nacht, die bei Dunkelheit unterwegs waren und nach Beute suchten. Sie waren die, die kein Mitleid kannten.

Dass sie die einsame Frau im Schein der Laterne sahen, das war für sie eine glückliche Fügung. Sie waren auf der Suche nach Abwechslung gewesen, und dass sie in dieser Nacht noch Erfolg haben würden, daran hatte keiner von ihnen gedacht.

Jetzt sahen sie die Frau.

Larissa blieb gelassen. Sie ließ die beiden Typen näher kommen, denn sie selbst musste ja nicht reagieren, weil sie ja was von ihr wollten.

In einer bestimmten Entfernung blieben sie stehen. Wenn sie ausatmeten, erschienen helle Fahnen vor ihren Lippen, was bei der jungen Frau nicht der Fall war.

Die beiden Männer sagten nichts. Sie schauten nur. Dann grinsten sie. Sie trugen billige Lederklamotten, die Haare hingen ungepflegt an den Seiten herunter, und einer hatte sich einen dünnen Oberlippenbart wachsen lassen.

»So alleine …?«

Larissa nickte. »Das seht ihr doch. Und das will ich auch bleiben. Ist das klar?«

Sie lachten beide, und der mit dem Oberlippenbart fing an zu schnaufen. »Du glaubst doch nicht, dass du uns so behandeln kannst. Wir wollen Spaß haben, und den werden wir uns holen.«

»Geht weiter!« Sie hatte mit ruhiger Stimme gesprochen. »Es ist wirklich besser für euch. Kümmert euch nicht um mich, denn es könnte euch schlecht bekommen.«

Die beiden schauten sich an. Sie lachten wieder. Sie fühlten sich sehr stark, und sie gingen auf die Frau zu. Sie wollten nahe an sie heran, blieben aber stehen, denn plötzlich war etwas in ihre Nasen gedrungen, das sie sich nicht erklären konnten.

»Hier stinkt’s, Rory.«

Rory war der mit dem Bart. »Echt?«

»Ja.«

Jetzt roch Rory es auch. Er zog die Nase hoch und meinte: »Ja, das riecht wie Klo.«

»Nein, es stinkt nach Verwesung oder so.«

Beide dachten nach, bis Rory sagte: »Ich sehe aber keinen Toten.«

»Dann muss es der Boden sein.«

»Oder vielleicht altes Laub«, meinte Rory.

»Ja, auch das ist möglich.«

Sie starrten die Frau an, die keine Angst zeigte und nahezu lässig wirkte.

Das passte ihnen nicht. Vor allen Dingen Rory nicht, der sich räusperte, dann sogar knurrte und unter seine Lederjacke griff, um sein Argument vorzuholen, wie er immer sagte. Das Argument war ein Messer mit langer Klinge, und sein Kumpan tat es ihm nach, denn er holte ebenfalls eine Waffe hervor, die der anderen aufs Haar glich.

Die Typen lachten. Jetzt hatten sie ihren Spaß. Jetzt warteten sie darauf, dass die Frau klein beigab, aber das tat sie nicht. Sie schüttelte nur den Kopf und blickte die beiden fast traurig an.

»Was habt ihr denn damit vor?«

»Kann ich dir sagen«, flüsterte Rory, »wir stechen dich ab. So einfach ist das. Wenn du nicht willst, was wir tun, bist du tot. So schnell geht das bei uns.«

Larissa nickte. »Das hatte ich mir gedacht.«

»Wie schön.« Rory kicherte. »Und du willst bestimmt nicht sterben, oder was?«

»Richtig, ich will leben. Außerdem kann ich nicht sterben.«

»Wieso?«

»Ich bin schon tot.«

»Wie?«

»Ja, ich bin schon tot. Begreift ihr das nicht?«

»Die will uns verarschen.«

Rory nickte. »Das glaube ich auch. Sollen wir uns das gefallen lassen?«

»Nein, auf keinen Fall. Wir lassen uns das nicht gefallen. So weit kommt es noch …«

»Ich warne euch. Verschwindet lieber. Ich habe hier zu tun, und ich möchte nicht sauer werden.«

»Oh, hör dir das an. Die stellt noch Forderungen, die kleine Nutte.«

»Nicht mit uns.«

»Genau.«

Es war Rory, der einen Schritt vorging. Sein Kumpan folgte ihm. Er wollte ihm in nichts nachstehen. Beide hielten ihr Messer in der Hand, und die Spitzen zeigten auf Larissa.

Und dann passierte etwas, womit keiner der beiden Typen gerechnet hatte. Die Frau selbst ging ebenfalls einen Schritt vor, dann noch einen, und den brachte sie sehr schnell hinter sich.

Die Kerle waren so überrascht, dass sie die Messer nicht schnell genug zurückziehen konnten. Die Frau war schon zu nahe bei ihnen.

Die Messer stießen zu.

Die Klingen bohrten sich in ihren Körper. Es war kein Schrei zu hören, als die Frau wieder zurück ging, aber sie hatte sich verändert, denn aus ihrem Körper ragten die beiden Messergriffe …

***

Sie musste fallen. Sie konnte nicht länger auf den Beinen bleiben. So etwas konnte kein Mensch überleben.

Aber die Frau bewegte nur ihren Kopf und schaute an ihrem Körper hinab. Sie sah die beiden Griffe und fasste sie an. Es sah so aus, als wollte sie die Waffen wieder aus ihrem Körper hervorziehen, aber das tat sie nicht. Sie blieb stehen, und dann starrte sie den beiden in die Gesichter.

Rory bewegte seine Lippen, doch er war nicht in der Lage, auch nur ein Wort zu sagen. Er schluckte, er atmete durch die Nase und stöhnte mit geschlossenem Mund.

Sein Kumpan war blass geworden. Im Lampenlicht wirkte er wie eine Leiche.

»Warum bricht sie nicht zusammen, Rory?«

»Keine Ahnung.«

»Aber in ihr stecken doch die Messer.«

»Ich weiß.«

»Sie muss tot sein. Und das ist ihre Schuld, die ist in unsere Messer hineingelaufen …«

»Ich bin schon tot …«

»Wie?«, keuchte Rory.

»Ja, ich bin schon tot.«

»Aber du lebst doch!« Rory konnte es nicht fassen. Er schüttelte einige Male den Kopf.

»Ja, ich lebe, aber ich bin tot. Und ich hatte euch gewarnt. Ihr hättet längst weg sein können. Das habt ihr nicht getan, und das ist euer Pech, kann ich nur immer wieder sagen. Es ist zu spät.«

»Wieso?«

»Ich habe Hunger bekommen.«

Rory hatte das Gefühl, einen elektrischen Schlag erhalten zu haben. »Hunger?«, keuchte er, »was heißt hier Hunger? Was soll das überhaupt?«

»Hunger auf euch.«

»Wie – wie …?« Rory verstand nichts. Sein Gesicht hatte einen dümmlichen Ausdruck angenommen.

»Ja, auf euch. Ich liebe Menschenfleisch. Ich liebe Leichen. Ich bin eine Kannibalin. Ist das jetzt klar?«

Rory sagte nichts. Und sein Kumpan hielt erst recht den Mund. Sie waren beide überfragt und kamen nicht mehr mit. Das war auch nichts zum Lachen, denn nun schauten sie zu, wie die Frau die beiden Messer aus ihrem Leib zog. Dabei löste sich eine unsichtbare Wolke von ihrem Körper, die auf sie zu glitt.

Ihnen wurde beinahe übel, so sehr stank die Wolke, aber das war erst der Anfang. Das grausame Ende sollte noch folgen. Die Frau im Lackmantel stand noch immer recht nahe vor den beiden Typen. Und so nahe waren auch die Messer.

Larissa bewegte nicht beide Klingen zugleich. Die erste rammte sie wuchtig in die Kehle des etwas kleineren Räubers. Der konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Aus der Kehle quoll das hellrote Blut, das auch Rory sah. Er musste einfach schauen, es war für ihn wie ein Zwang, und dann sah er seinen Freund zusammenbrechen.

Er aber lebte.

Er fuhr herum – und genau in die Klinge hinein, denn das zweite Messer war für ihn gedacht.

Auch jetzt war kein Laut zu hören. Rory wankte zurück und breitete die Arme aus, als suchte er nach einer Stütze.

Die fand er nicht. Ihm blieb nur der Griff ins Leere, und der sorgte dafür, dass er zur Seite kippte und auf dem Boden landete. Auch Rory blutete aus, und sein Freund bekam noch etwas zu sehen.

Die unbekannte Frau stand neben ihm und schaute auf ihn herab. Für ihn war sie zu einem Monster geworden.

Die Mörderin umleckte ihre Lippen.

Mehr sah er nicht. Da war plötzlich die große Dunkelheit da, zusammen mit einem irrsinnigen Schmerz, der seine Brust zu zerreißen drohte. Und zwei Sekunden später war alles vorbei. Die Schatten des Todes hatten ihm den Blick genommen. Da lebte der junge Mann nicht mehr.

Larissa lachte heiser. Und sie konnte behaupten, dass sie mit sich sehr zufrieden war. Aber nicht mit der Lage der beiden Leichen. Sie waren zu schnell zu entdecken. Das wollte sie nicht.

Nicht weit entfernt gab es einen Graben. Breit war er nicht, doch die beiden Leichen passten hinein.

Nacheinander schleifte Larissa sie dorthin. Sie rollte sie in die Vertiefung, wo sie übereinander fielen. Dann sann sie darüber nach, ob sie ihren Hunger tatsächlich stillen sollte. Sie hätte das Fleisch vertragen können, aber sie wusste auch, dass noch eine Aufgabe vor ihr lag. Sie wollte sich mit dem Mann treffen, der ihr etwas Bestimmtes zu sagen hatte. Danach wollte sie sehen, wie es weiterging.

Mit gemessenen Schritten ging sie zurück zur Laterne. Das Licht brannte noch immer und hüllte sie ein. Sie war gut zu sehen, das allein zählte.

Dann hörte sie eine Stimme.

»Du bist wieder da?«

Larissa drehte sich um. Hinter einem Baumstamm hatte der Mann gewartet.

Jetzt trat er hervor.

»Es ist nicht so glatt gegangen – oder?«

»Wie meinst du?«

»Da waren doch zwei Typen.«

»Siehst du welche?«

»Nein, nicht mehr.«

»Dann kannst du sie vergessen«, erklärte Larissa und lächelte kalt.

»Wie du meinst.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und fragte: »So, was hast du mir jetzt zu sagen?«

»Dass alles gut läuft.«

»Genauer.«

»Reg dich nicht auf. Bleib cool. Es läuft alles wie am Schnürchen. Das Schiff konnte ablegen.«

»Hört sich gut an. Wann wird es hier sein?«

Der Informant hob die Schultern.

»Wie? Du weißt es nicht?«

»So ist es.«

»Warum nicht?«

»Meine Güte. Mit Seglern ist das so eine Sache. Ich kann dir nicht sagen, wann das Schiff in London einläuft. Tut mir leid, das ist so.«

»Ich will auch keine genaue Uhrzeit wissen. Kann ich in der nächsten Nacht damit rechnen?«

»Ja, kannst du.«

»Dann ist es gut.«

Der Informant schaute ihr ins Gesicht. »Kann ich dich etwas fragen?«

»Ja.«

»Warum wartest du auf das Schiff? Hat es etwas Besonderes geladen? Geht es darum?«

»Was meinst du denn?«

»Ich glaube daran.«

»Dann ist es gut. Und du musst vergessen, dass wir uns hier getroffen haben.«

»Ist schon klar.« Der Informant rieb seine Hände. »Dann sind wir ja quitt.«

»Genau.«

»Wenn du mich brauchst, dann weißt du ja, wie du mich finden kannst.«

»Ich werde daran denken.«

Der Mann war froh, verschwinden zu können. Er war kein überängstlicher Mensch, aber diese Frau, deren Mantel an der Vorderseite zwei Löcher aufwies, war ihm schon mehr als suspekt. Vor einer solchen Person konnte man sich leicht fürchten.

Er hätte auch keine Sekunde länger bei ihr bleiben wollen. Er hatte ihr gesagt, was Sache war, den Rest musste sie allein erledigen.

Der Mann blieb erst stehen, als er eine gewisse Entfernung hinter sich gebracht hatte. Er war recht schnell gelaufen und musste wieder zu Atem kommen. Der Weg, auf dem er stand, war mit Kieselsteinen bestreut. Er schaute zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.

Larissa war nicht zu übersehen. Sie hatte ihren Platz unter der Laterne verlassen und ging zu einer anderen Stelle, die nicht weit entfernt lag. Die Sicht wurde schlechter für ihn, und er wollte schon verschwinden, als er sah, dass sich Larissa umdrehte, etwas zu sich heranzog und sich danach ins Gras setzte.

Was sie da tat, war nicht genau zu erkennen. Das Licht reichte nicht aus, aber der Zeuge sah, dass sie sich an etwas zu schaffen machte, und dieser Gegenstand hatte Ähnlichkeit mit einem menschlichen Körper.

Nein, er hatte nicht nur Ähnlichkeit, es war ein menschlicher Körper, der da vor ihr lag.

Das war verrückt. Er hatte nicht gesehen, woher sie ihn geholt hatte, aber was sie tat, das sah auch nicht eben gut aus. Er glaubte sogar, eine Waffe in ihrer Hand gesehen zu haben, und mit dieser Waffe stieß sie einige Male zu. Dann beugte sie sich nach vorn.

Das war nicht normal.

Das war so schlimm. Zumindest für den Beobachter, der jetzt auf den zuckenden Körper schaute und sich keinen Reim auf die Bewegungen machen konnte.

Aber was er da sah, das gefiel ihm ganz und gar nicht. Und so merkte er, wie sein Herz schneller schlug. Einer derartigen Frau war er noch nie begegnet. Dabei war ihr Auftrag doch recht interessant gewesen.

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