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John Sinclair - Folge 1846

Lockvogel Larissa

(1. Teil)

Es war dunkel. Es war herbstkalt. Genau die Szenerie, auf die Larissa gewartet hatte.

Sie war unterwegs. Ihre Zeit war gekommen. Sie wollte nicht länger warten. Sie wollte nur eines haben.

Opfer!

Mal war sie nackt, mal halb angezogen. Mal rekelte sie sich auf irgendwelchen Laken oder Kissen – es kam immer darauf an, was sich der Freier wünschte.

Sex und die moderne Technik, das war es, was diese Schau ausmachte.

Man konnte sich die Frau aussuchen, man kommunizierte mit ihr über Skype, man erklärte ihr, was sie zu tun hatte, und da gab es kaum Grenzen.

Ray Parker war Stammkunde. Praktisch seit einem halben Jahr. Da war er geschieden worden. Während seiner Ehe hatte er ab und zu einen derartigen Ausflug unternommen, was seiner Frau nicht gefallen hatte. Da hatte es dann Szenen gegeben, und zu einer Einigung war man nicht gekommen. Es blieb nur die Scheidung, und die hatte Ray Parker wunderbar überstanden. Er konnte jetzt tun und lassen, was er wollte. Niemand redete ihm rein, niemand verurteilte ihn deswegen, und Larissa war für ihn ein echtes Sahneteilchen.

Dunkelhaarig, mit einer tollen Figur, und sie war jemand, die sich nicht schämte, die sich nicht zu schade war und Rays Fantasien in wilde Höhen steigen ließ.

An diesem Sonntag hatte er sich vorgenommen, Nägel mit Köpfen zu machen. Er wollte sehen, wie sie reagierte, und er hoffte, dass sie zustimmte. Er wollte sich mit ihr treffen. Er war wahnsinnig scharf auf sie, und er würde sich dieses Treffen auch etwas kosten lassen.

Er hatte sich mit ihr für den frühen Nachmittag verabredet. Bisher war sie bei ihren Treffen immer pünktlich gewesen, das würde auch hoffentlich jetzt so sein.

Auf die Minute genau kam die Verbindung zustande. Ray Parker saß auf der Couch und starrte den Bildschirm an. Larissa war da und lächelte.

Angeblich stammte sie aus der Ukraine. Das musste nicht stimmen, und es war Parker auch egal.

Jetzt war sie da. Das stimmte. Nur das zählte, und er starrte sie an.

Sie trug wie immer einen langen Mantel aus dünnem Stoff. Er war durchsichtig, aber nicht so, dass man alles sehen konnte.

»Danke, dass du gekommen bist, Larissa.«

Sie lachte. Es klang leicht kehlig. Oder auch verrucht. Und genau das liebte er so. Zudem drückte sie den Kopf dabei in den Nacken und spielte oft mit ihren Brüsten.

Heute würde das nicht so sein. Heute würde er mit ihren Brüsten spielen, das hatte sich Ray Parker fest vorgenommen.

»Und? Was möchtest du? Soll ich es mir selbst besorgen? Soll ich mir noch eine Freundin holen, oder was hast du vor?«

Ray Parker hatte feuchte Hände bekommen. Jetzt musste er raus mit der Sprache. Er hatte sich auch vorgenommen, nicht lange um den heißen Brei herum zu reden. Er wollte zwar nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber recht schnell zur Sache kommen.

»Sag mal, wie lange kennen wir uns schon?«

»Oh, das weiß ich nicht mehr.«

»Es sind Monate – oder?«

»Ja, das kann stimmen.«

»Wunderbar.« Jetzt lachte Ray Parker. »Und wir sind doch miteinander vertraut geworden …«

»Kann man so sagen.«

»Gut, gut …« Durch seinen Kopf schossen die herrlichsten Gedanken. Es lief besser, als er es sich vorgestellt hatte. »Deshalb – ähm – deshalb habe ich mir gedacht, dass wir unter Umständen mal zusammenkommen könnten. Verstehst du?«

»Ja, aber das sind wir doch.«

»Wie?«

»Wir sind doch zusammen«, erklärte sie in ihrem leicht gutturalen Tonfall. »Wir sind zusammen und das ist okay für uns beide. Oder bist du nicht mehr zufrieden?«

»Doch, doch, das bin ich.«

»Aha, und wo ist dein Problem?«

Ray Parker fing an zu schwitzen. Ja, wo war sein Problem? Er wischte über seine Stirn, überlegte sich den Satz ganz genau, den er sagen wollte, und sprach ihn aus.

»Ich will dich sehen!«

»Du siehst mich doch.«

»Anders.«

»Wie?«

Er wusste, dass Larissa Bescheid wusste und das Gespräch nur in die Länge zog. Sein Atem pfiff, als er sprach. »Na ja, in echt. Verstehst du? Ich will, dass wir uns treffen.«

»Aha.« Mehr sagte sie erst mal nicht.

Und Ray Parker, eigentlich ein knallharter Typ, saß da und zitterte vor Erwartung. Hatte er sich verspekuliert? Hatte er zu hoch gepokert? Er wusste es nicht, aber er würde es bald herausbekommen, wenn sie ihm eine Antwort gab.

Wenn …

Sie ließ sich Zeit. Lachte dann und stellte auch lachend die nächste Frage. »Du bist ganz schön geil auf mich, wie?«

»Ja, das kann man wohl sagen. Außerdem soll es dein Schaden nicht sein, Larissa.«

»Nett hast du das gesagt.« Sie schleuderte die dunklen Haare zurück. »Und wann hast du dir dieses Treffen vorgestellt?«

»So schnell wie möglich.«

»Genauer!«, forderte sie.

Jetzt kam es darauf an. Und es gab auch kein Zurück. Er wollte nicht kneifen, aber das Blut schoss ihm trotzdem in den Kopf. Etwas heiser war der Klang seiner Stimme schon.

»Ich dachte da an den heutigen Abend, zum Beispiel.« Jetzt war es heraus, und er wartete darauf, was diese Person wohl sagen würde.

Zunächst sagte sie nichts. Sie schüttelte den Kopf, lächelte auch, aber sie behielt ihre Antwort noch für sich. Er schmorte. Er fühlte sich wie ein Braten, den man in den Topf gelegt hatte. Irgendwas musste passieren. Sie konnte nicht immer ihren Mund halten. Er erwartete eine Antwort von ihr, denn enttäuscht hatte sie ihn eigentlich noch nie.

»Und was hast du dann vor am heutigen Abend?«

Er schnaufte los. »Heißt das, du stimmst zu?«

»Ja, und das gern. Eigentlich habe ich auf eine Einladung von dir gewartet, ich hatte schon gedacht, dass du zu schüchtern bist, aber das stimmt wohl nicht.«

»Ja, ja, so ist es, Larissa. Ich habe erst abgewartet, wenn du verstehst.«

»Sicher.«

»Und jetzt ist es so weit.« Parker holte mit offenem Mund tief Luft. »Jetzt ist nur noch die Frage, wo wir uns treffen sollen. Können wir einen Treffpunkt ausmachen, der uns beiden entgegen kommt? Oder möchtest du mich in einem Lokal sehen?«

»Nein.«

»Gut. Soll ich einen Vorschlag machen?«

»Das ist nicht nötig, denn ich habe mich bereits entschieden. Bei mir ist alles klar.«

»Oh, dann bin ich mal gespannt.«

Sie lachte leise. »Ich denke, dass wir uns bei mir hier treffen können.«

Plötzlich schlug sein Herz schneller. »Bei dir?«

»Ja, bei mir. Oder willst du nicht?«

Ray Parker gab eine schnelle Antwort. »Und ob ich will. Das hätte ich mir nie träumen lassen. Dann kann ich mich in dein rundes Bett legen, das mich so anmacht.«

»Ja, das kannst du.«

»Und wo muss ich hin?«

»Das werde ich dir noch sagen, mein Freund. Zunächst aber möchte ich, dass du dich geschlossen hältst.«

»Bitte, was heißt das?«

»Ganz einfach. Ich will nicht, dass du mit anderen Menschen über unser Treffen redest. Hast du das verstanden?«

»Ja.«

»Und ich denke, dass wir noch Zeit haben.«

»Was meinst du damit?«

»Wir treffen uns am Abend. Da ist zwar Nebel angesagt worden, aber der macht dir doch nichts aus – oder?«

»Nein, nein.«

»Das ist wunderbar. So können wir es regeln.«

Das war eine Zusage. Ray Parker fiel ein Stein vom Herzen. Was hatte er sich für Gedanken gemacht. Das war jetzt alles vorbei. Er konnte durchatmen, er jubelte innerlich, und er war scharf darauf, mit seinen Händen ihren Körper berühren und streicheln zu können, er würde es genießen.

Sie war noch da und würde ihn auch hören.

»He, Larissa.«

»Ja?«

»Noch was. Wie soll ich mich dir gegenüber erkenntlich zeigen? Mach einen Vorschlag.«

»Nein, nein, das nicht. Ich überlasse es dir. Du kannst dir was einfallen lassen.«

Er war erleichtert. So klang auch seine Antwort. »Danke, Larissa, ich werde mir etwas einfallen lassen. Da musst du keine Angst haben. Und du wirst auch zufrieden sein.«

»Das weiß ich doch.« Sie lächelte so lockend, wurde dann sehr bald ernst und sagte ihrem Kunden, wohin er fahren musste, um sie zu treffen.

»Oh, das ist aber einsam.«

»Ich weiß. Dort steht der Wohnwagen.«

»Bitte?«

»Ja, wir treffen uns in meinem Wohnwagen oder Wohnmobil. Das ist wohl besser gesagt.«

»Klar. Und wann sollte ich bei dir sein?«

»Ist dir neunzehn Uhr recht?«

»Immer.«

»Bis dann, ich freue mich.« Sie lächelte noch mal, drehte sich um und ließ dann ihren Umhang vom Körper gleiten, sodass er jetzt ihren nackten Körper sah.

Er stöhnte leise. Dieser Anblick wühlte ihn auf. Wenn sie sich jetzt umdrehte, dann war ihr Anblick perfekt. Aber das tat sie nicht, denn Larissa verschwand Sekunden später aus dem Bild, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.

Ray Parker machte das nichts aus. Er hatte gesagt, was er wollte. Und er hatte herausgefunden, was er kaum für möglich gehalten hatte. Er wusste jetzt, wo Larissa ihr Reich aufgebaut hatte. In einem Wohnmobil.

Eigentlich verrückt. Auch wunderte er sich noch jetzt darüber, dass ihm das bei den zahlreichen Treffen nichts aufgefallen war.

Ray Parker war sicher, dass es ab jetzt aufwärts ging. Diesen Sonntag würde er nie vergessen, das stand für ihn fest. Und er hoffte, dass Larissa bereit war, mit ihm die Verbindung einzugehen, denn was sie zu bieten hatte, das bot so leicht keine Frau.

Bis zum Abend würde er noch einige Stunden Zeit haben. Dann aber musste es zur Sache gehen, und seine Vorfreude wuchs von Minute zu Minute an …

***

Ray Parker war unterwegs.

Er war nach Osten gefahren, denn er musste in einen Stadtteil von London, der weltbekannt war. Er hieß Greenwich. Zu Greenwich gehörte auch ein recht großer Park mit mehreren Colleges, einem Museum, einem Theater und einer Kunstgalerie.

Das alles wusste Ray Parker, weil er hier mal beruflich zu tun gehabt hatte, aber daran wollte er jetzt nicht denken. Heute war für ihn etwas anderes wichtig.

Über die Shooters Hill Road war er in den Park gefahren. Die Straße lag in der Südhälfte der Grünfläche, hier gab es praktisch nur Wiesen. Die Bäume wuchsen weiter nördlich, hier in der Südhälfte gab es sie nicht in Massen.

Mit der Nordseite grenzte der Park an die Themse. Da gab es noch eine Schiffsanlegestelle, die aber nicht zu sehen war, weil der Nebel sie verdeckte.

Der Nebel kam vom Fluss her und wälzte sich lautlos in den Park hinein nach Süden. So war es kein Wunder, dass er auch den einsamen Autofahrer erreichte, der hier unterwegs war.

Das gefiel Ray Parker nicht. Zuerst hatte er den Dunst noch gelassen hingenommen, wenig später war er dichter geworden, und es würde nicht leicht sein, das Ziel zu finden.

Er hatte die Shooters Hill Road verlassen müssen und war noch weiter nach Süden gefahren. Straßen gab es genug, und eine führte auch nicht weit an seinem Zielort vorbei.

Im Nebel war sie nur schwer zu finden. Jetzt hätte er sich Larissas Handynummer gewünscht, aber die hatte sie ihm nicht gegeben. Außerdem hatten sie darüber nie gesprochen.

Zum Glück war er früh genug gestartet. Jetzt rollte er im Schritttempo weiter und war froh, keinen Gegenverkehr zu erleben.

Einen Wohnwagen oder ein Wohnmobil hatte er bisher nicht entdeckt.

Er befand sich auf der richtigen Straße. Sie hieß Long Pond Road und war kaum breiter als eine Gasse. Hier in der Nähe stand der Wagen. Und zwar dort, wo Bäume standen, die eine grüne Lunge bildeten.

Die Gruppe der Bäume würde an der linken Seite liegen. Darauf achtete der Fahrer, und er machte sich auch Gedanken über die Frau. Ob Larissa wirklich immer hier lebte? Er konnte es nicht glauben, aber das war jetzt unwichtig. Für ihn zählten nur die nächsten Stunden, die er mit ihr verbringen würde.

Endlich! Endlich würde er das bekommen, nach dem er sich so gesehnt hatte. Das warme Fleisch. Genau das spornte ihn an, weiterzufahren.

Zu dicht war der Nebel nicht. Parker konnte immer etwas erkennen, nur war es nicht relevant. Ab und zu mal ein Baum oder ein größeres Gebüsch, das war alles. Er sah nur nicht den Ort, an dem er sich sein großes Vergnügen gönnen wollte.

Und dann hatte er Glück. Auf der linken Seite wuchs innerhalb des Nebels ein dunkler Schatten hoch. Jetzt fuhr Ray Parker noch langsamer, und sehr bald stellte er fest, dass es sich bei dem Schatten um eine Baumgruppe handelte.

Lag dort sein Ziel?

Er fuhr noch langsamer.

Und dann sah er Licht.

Das war nicht strahlend hell. Eine Lampe nur, die ihren Schein abgab, der im Nebel aber verwaschen wirkte.

Er stoppte, schaute genauer nach und war zufrieden, denn er sah nicht nur das Licht, sondern noch etwas anderes. Eine helle Fläche in der Nähe, und das musste die Außenwand des Wohnmobils sein.

Auf der Straße konnte er nicht parken. Deshalb drehte er das Lenkrad nach links und rollte langsam auf die Bäume zu, die zum Glück so wuchsen, dass sie nicht störten.

Er stoppte und stellte den Motor ab. Seine Hände zitterten etwas, was ihm gar nicht gefiel.

Noch blieb Parker im Wagen sitzen. Er richtete seinen Blick auf die Breitseite des Wohnmobils und wartete darauf, dass sich dort etwas tat. Nein, da passierte nichts, und Ray Parker blieb nichts anderes übrig, als den Wagen zu verlassen und auf das Ziel zuzugehen.

Dass man ihn nicht begrüßte, empfand er nicht als unnatürlich. Wer lauerte schon hinter einem schmalen Fenster, um auf etwas zu warten, das irgendwann eintraf?

Nebel umgab ihn. Er hatte das Gefühl, von nassen Tüchern gestreichelt zu werden.

Der Wagen war nicht weit von ihm entfernt. Mit einigen Schritten hatte er ihn erreicht. Nichts deutete darauf hin, dass hier jemand lebte. Es gab auch kein rotes Licht, das auf etwas Bestimmtes hinwies. Nur eben diese Außenleuchte.

Und es war still, sehr still sogar. Das mochte auch an der grauen Soße liegen, die alles an Geräuschen schluckte.

Schon bald sah Ray Parker eine Seitentür, die letztendlich sein Ziel war. Davor blieb er stehen. Hatte man ihn gesehen? Er wusste es nicht. Jedenfalls hatte sich Larissa nicht gemeldet, und das wunderte ihn schon ein wenig.

Er musste noch einen Schritt nach vorn gehen, dann hatte er die Tür erreicht und klopfte.

Er rechnete kaum damit, dass er gehört worden war. Aber er wurde eines Besseren belehrt, denn er hörte plötzlich das leise Lachen, das ihm so bekannt vorkam.

Ja, sie war es.

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