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John Sinclair - Folge 1843

Die Falle der Sensenfrau

(3. Teil)

Das Gesicht des Chefs der Weißen Macht zeigte einen ernsten Ausdruck, als er die Seitentür öffnete, die in den Garten führte, der nicht groß war, aber mit seinen Proportionen denen des Vatikanstaats entsprach. Klein und kompakt.

An der Tür stand ein Mann im schwarzen Anzug. Er war so etwas wie ein Wächter. In seinem Gesicht regte sich nichts, als er fragte: »Soll ich Sie begleiten, Signore?«

»Nein, nein, das ist nicht nötig. Was soll denn hier passieren? Ich bleibe im Garten.«

»Aber ich darf Sie beobachten.«

Father Ignatius lachte. »Sie dürfen alles, Luigi.«

»Danke.«

Ignatius ging und betrat den Garten, der im nördlichen Bereich des Vatikans lag, nicht weit von den Museen entfernt. Es war ein Platz zum Ausruhen, zum Nachdenken.

Das kam auch Ignatius in den Sinn, als er die ersten Schritte gegangen war. Hinein in eine friedliche Stimmung, doch er wusste genau, dass dieser Frieden nicht überall zu finden war, denn ein Großteil der Welt war schlecht, und genau mit dieser Schlechtigkeit wurde er immer wieder konfrontiert.

Es war die Gegenseite. Man konnte von einem dämonischen Feld sprechen, das nicht abgeerntet worden war und immer wieder Nachschub erhielt, der bekämpft werden musste. Da stand die Weiße Macht, der Geheimdienst des Vatikans, mit an erster Stelle, und ihr Chef, Father Ignatius, hatte zudem sein Netzwerk gespannt, das weit über die Mauern des Vatikans und des Landes hinausreichten, unter anderem auch nach London, denn dort lebte ein guter Freund von Ignatius. John Sinclair eben.

Und um diesen Mann drehten sich die Gedanken des Mannes, der mit kleinen Schritten durch den Park ging und zu Boden schaute, als wollte er die kleinen Steine auf dem Weg zählen.

John Sinclair war auf dem Weg zu ihm. Allerdings würde er nicht allein kommen. Sein Freund und Kollege Suko war bei ihm, und sie brachten einen jungen Mann mit, der etwas Besonderes war. Er sah aus wie ein Mensch, aber er war kein normaler Mensch, sondern ein Nephilim, der aus der Verbindung zwischen einem Engel und einem Menschen entstanden war. Er sollte Ignatius übergeben werden, der sich sehr dafür interessiert hatte.

Noch waren die drei nicht eingetroffen. Ignatius hatte erfahren, dass der Flieger Verspätung hatte, deshalb blieb ihm auch die Zeit, im Garten zu relaxen.

Er wollte in sich gehen. Er wollte sich sammeln. Er wollte in sich hineinhorchen, um seine Gedanken zu ordnen und seine Sinne zu schärfen. Dazu brauchte er die Ruhe, das Alleinsein in der Natur, und dafür eignete sich der Garten besonders.

Man konnte allein gehen, denn die Büsche schützten gegen Blicke. Palmen wuchsen ebenfalls hier. An einigen Stellen wurden sie von Agaven abgelöst, aber auch Kiefern waren zu sehen. Insgesamt allerdings dunkle Bäume.

Auch wenn die Sonne hoch am Himmel stand und auf die Erde brannte, im Garten gab es immer genügend Schatten. Dort standen dann die schmalen Bänke aus Eisen, die zum Ausruhen einluden.

Das nutzte auch Father Ignatius aus. Es gab hier so etwas wie einen Lieblingsplatz, auf den er sich mit einem Seufzer auf den Lippen niederließ. Er streckte seine Beine aus und drückte seinen Rücken gegen die Lehne. Dann schloss er die Augen, um die Ruhe noch mehr genießen zu können.

Äußerlich war sie vorhanden, in seinem Innern nicht. Dort kochte es zwar nicht, aber Ignatius war innerlich immer auf der Hut. Er achtete auf irgendwelche Veränderungen in der Umgebung. Er war jemand, der sich selbst immer wieder hinterfragte und dabei seine Aufgabe nie vergaß. Auch jetzt nicht. Er musste an den jungen Mann denken, der ihm gebracht werden sollte. Er war etwas Besonderes. Er hatte Verbindungen zu den Engeln und nicht nur das, sein Vater sollte ein Engel gewesen sein, aber einer, der verflucht worden war, weil er sich nicht an die göttlichen Regeln gehalten hatte.

Die Weiße Macht, der Geheimdienst des Vatikans, kümmerte sich nicht nur um normale Probleme, nein, es ging bei ihm darum, die andere Seite zu erforschen. Die Seite der Hölle, die des Bösen, der Dämonischen, denn sie bekämpfte Father Ignatius bis aufs Blut.

Da hatte er schon einiges erlebt. Er, der mal ein Mönch in einem schottischen Kloster gewesen war und den Sprung bis an die Spitze der Weißen Macht geschafft hatte.

Ein sehr wichtiger Posten, aber auch einer, der einsam macht. Zum Glück gab es da ein paar Freunde und Verbündete, auf die er sich verlassen konnte. Unter anderem gehörten John Sinclair und Suko dazu, auf deren Besuch er sich sehr freute.

Und natürlich auch auf Julian. Auf ihn vor allen Dingen, denn er würde ihm viel verraten können, davon ging er aus. Denn John brachte ihn nicht grundlos in seine Obhut.

Sie würden bald eintreffen, dann konnte man weitersehen. Er würde John auch noch neue Munition mitgeben, denn er ließ hier die geweihten Silberkugeln anfertigen.

Ignatius wusste nicht, wie lange er auf der Bank gesessen hatte, als er die Augen öffnete und wieder nach vorn schaute und seinen Blick zum Himmel richtete, der seine Bläue verloren hatte und jetzt einen Grauschimmer zeigte.

Ignatius seufzte. Dann lächelte er. Ja, es hatte ihm gut getan, hier zu sitzen und sich seinen Gedanken hinzugeben. Das harte Leben würde ihn noch früh genug wieder einholen und …

Inmitten seiner Überlegungen zuckte er zusammen, denn er hatte etwas gehört, das nicht hierher passte.

Etwas Fremdes …

Sekundenlang hielt er den Atem an. Er lauschte dabei, aber es war nicht mehr zu hören. Und doch glaubte er nicht, sich geirrt zu haben. Da musste etwas gewesen sein.

Er lauschte erneut.

Nein, es blieb still in seiner Umgebung. Kein Knurren mehr, kein Rascheln oder das Geräusch von Schritten. Nicht mal die Blätter bewegten sich, weil es völlig windstill war.

Zufrieden war Ignatius trotzdem nicht. Er gehörte zu den Menschen, die den Dingen gern auf den Grund gingen, und das hatte er bisher hier nicht gekonnt. Es war alles zu oberflächlich gewesen, und er wollte wieder zurück in sein Büro.

Da hörte er das Hecheln!

Augenblicklich blieb er auf der Stelle stehen. Dieses Geräusch hatte er sich nicht eingebildet. Es war vorhanden gewesen, und es war in seiner Nähe aufgeklungen.

Er wartete.

Er schaute sich um.

Ein heimlicher Beobachter hätte festgestellt, dass er wie ein Mensch reagierte, der unter Strom stand. Er ahnte etwas, aber es war nichts zu sehen, und das blieb auch in den folgenden Sekunden so. Bis Ignatius sich bewegte und er wieder das Knurren vernahm, das jetzt in seiner Nähe aufklang.

Rechts oder links?

Oder beides?

Er drehte sich um und tat dies recht langsam, denn er wollte nichts überstürzen und sehen können, wenn sich jemand in seiner Nähe versteckt hielt.

Das hatte er auch getan.

Jetzt aber waren sie da!

Sie lösten sich aus ihren Verstecken, die sie sich in den Büschen gesucht hatten. Sie knurrten, sie hechelten, und sie waren schnell. Von zwei Seiten rahmten sie Ignatius ein, rissen die Mäuler auf und zeigten ihre mörderischen Reißzähne …

***

Ignatius tat nichts. Er stand stocksteif auf der Stelle. Er wollte der anderen Seite keinen Grund für einen Angriff geben.

Aber wer waren diese Tiere?

Er schaute genauer hin. Nein, das waren keine normalen Hunde. Das waren Geschöpfe mit kompakten Köpfen, breiten Mäulern und scharfen Zähnen, die sie wohl gern in weiches Fleisch schlagen würden.

Noch taten sie das nicht. Noch standen sie da und beobachteten nur. Aus ihren offenen Mäulern hingen die grauen Zungen wie alte Lappen, und was aus ihren Rachen drang, waren krächzende Laute, die böse und aggressiv klangen.

Ignatius wusste nicht, woher die Tiere gekommen waren und wohin sie gehörten. Er hatte sie hier in den Gärten noch nie gesehen und stufte sie als Bestien mit schwarzgrauem Fell ein. Er glaubte auch daran, dass es ihnen nichts ausmachte, sich auf Menschen zu stürzen und diese gnadenlos zu zerreißen.

Eine falsche Bewegung, und sie würden auch ihn zerreißen. Waren sie nur gekommen, um ihm zu zeigen, dass sie vorhanden waren, oder wollten sie ihn angreifen?

Zu wem gehörten sie? Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie aus eigenem Antrieb gehandelt hatten. Sie waren geschickt worden. Und zwar von einem, der es bestimmt nicht gut mit ihm meinte.

Was sollte er tun?

Seine Gedanken rasten. Sie trieben Furchen in sein Gehirn, aber sie brachten keine Lösung.

Er wusste auch nicht, wie lange er bereits in dieser Haltung stand. Aber allmählich wurde es ihm schon unbequem.

Dann hörte er ein Hüsteln. Es war nicht in seiner Nähe aufgeklungen, aber er hatte es deutlich vernehmen können. Auch die Tiere hatten es gehört. Sie bewegten sich plötzlich. Sie duckten sich und sahen aus, als wollten sie jeden Augenblick losspringen.

Das taten sie nicht, und der Chef der Weißen Macht hörte das Geräusch erneut. Diesmal war es ein Husten. Da fiel ihm ein, dass Luigi, der Wachtposten, erkältet war. Das hatte er ihm am gestrigen Tag noch gesagt, nun lieferte er den Beweis.

Wenn es eine Chance gab, aus dieser Lage zu entkommen, dann durch Luigi. Er war ein Kämpfer, er konnte sich wehren, und er war bewaffnet, was auch zählte.

Es gab für ihn nur eine Lösung. Er musste Luigi herholen, auch wenn das für ihn gefährlich werden konnte.

Er rief den Namen. »Luigi?«

»Signore?«

»Bitte, kommen Sie. Aber seien Sie vorsichtig. Ich – ich – werde bedroht.«

»Bitte?«

»Ja, bedroht.« Er hatte nicht so laut gesprochen, denn er wollte die Tiere nicht aufmerksam machen.

»Von wem?«

»Ähm …« Ignatius schaute nach unten. »Ich weiß es nicht genau. Hunde sind es wohl nicht, aber die Tiere sehen gefährlich aus. Seien Sie vorsichtig.«

»Verstehe.«

Die beiden Vierbeiner hatten zugehört. Es war daran zu sehen, dass sie ihre Ohren aufgestellt hielten. Sie taten noch nichts. Sie knurrten nur vor sich hin. Und das hörte sich nicht gut an. Zudem kamen sie Ignatius vor, als hätten sie das Interesse an ihm verloren, aber das glaubte er nicht. So einfach lief es hier nicht.

Es vergingen wenige Sekunden, da hörte er die Geräusche der Schritte. Luigi kam, und wie er ging, ließ auf eine gewisse Vorsicht schließen. Hoffentlich ging alles gut. Ignatius drückte sich selbst die Daumen. Noch immer flößte ihm der Anblick dieser beiden Tiere, die bestimmt keine Hunde waren, Angst ein.

»Signore, wo sind Sie?«

»Bei meiner Bank.«

»Alles klar.«

»Aber passen Sie auf, bitte.«

»Geht klar.«

Ignatius hoffte, dass Luigi Vorsicht walten lassen würde. Er war ein erfahrener Mann, hatte früher mal eine Kampfsportgruppe geleitet und arbeitete nun für die Weiße Macht. Der Dienst war immer darauf erpicht, geeignete Menschen auf seine Seite zu ziehen und sie für sich arbeiten zu lassen.

Er tauchte auf. Und er machte nicht den Eindruck, als würde er mit einer Gefahr rechnen. Ignatius wusste nicht, ob er ihn warnen sollte oder nicht. Die Situation war ungewöhnlich, und bevor er eine Entscheidung getroffen hatte, war Luigi da.

Er blieb stehen, als hätte man ihm gegen die Brust geschlagen. Er senkte den Blick, sah die beiden Hundemonster, und seine Hand zuckte in Richtung Pistole.

Das war der Augenblick, auf den die beiden Bestien nur gewartet hatten, denn aus dem Stand heraus griffen sie an …

***

Die beiden falschen Engel huschten aus der Flammenwand auf uns zu. Wir konnten sie nicht stoppen. Sie hatten sich auf der Ladefläche des vor uns fahrenden Sprinters versteckt. Jetzt stand der Wagen. Die Türen waren aufgeflogen, wir hatten das Feuer für einen Moment gesehen, und aus ihm hatte sich die feinstoffliche Gestalt gelöst, die mit einem Satz die Kühlerschnauze erreichte, sich dort zusammenduckte und darauf wartete, was wir tun würden.

Es waren die beiden Wesen, die aus Amandas Feuerwelt stammten. Einen ihrer Artgenossen hatten wir erledigt, aber die beiden anderen wollten es genau wissen.

Für mich stellten sie irgendwelche Zwitterwesen dar. Sie schwebten zwischen den Welten oder Existenzen. Mal stellten sie ein kompaktes Wesen dar, dann eines, das feinstofflich war.

Und jetzt?

Sie hockten auf der Kühlerhaube. Kleine Flammenzungen umgaben sie, aber es war kein Feuer, das Hitze abstrahlte. Ich kannte es, denn hier hatten wir es mit einem Höllenfeuer zu tun.

Suko warf mir einen knappen Blick zu. »Und?«

»Wir müssen raus.«

»Okay.«

Ich öffnete bereits die linke Tür. Ich wusste, wie ich diese fremden Engel bekämpfen konnte. Wenn sie etwas hassten, dann war es mein Kreuz, und bevor sie noch reagieren konnten und von der Kühlerhaube verschwanden, war ich bei ihnen.

Ich warf mich der Gestalt entgegen, die mir am nächsten hockte. Das Kreuz hielt ich in der Hand. Es war zwar profan, so zu handeln, aber auch erfolgreich.

In der nächsten Sekunde konnte ich zuschauen, wie das Feuer gelöscht wurde. Ich hörte einen dünnen Schrei der Verzweiflung, dann zerplatzte die Gestalt vor unseren Augen.

Auf der anderen Seite hatte Suko seine Dämonenpeitsche eingesetzt und schlug damit zu.

Ja, das war ein Treffer, obwohl es sich um einen feinstofflichen Körper handelte. Er wurde nicht zerrissen, er blieb stehen und veränderte sich.

Das ...

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