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John Sinclair - Folge 1841

Der Engeljäger

(1. Teil)

»Flieh, Julian! Flieh bitte. Flieh zu John Sinclair. Nur er kann dir helfen! Das musst du mir glauben. Nur er …« Der alte Bischof zitterte vor Erregung. Er suchte nach weiteren Worten, fand aber keine mehr. Beide Hände hatte er auf die Schultern des jungen Mannes gelegt, der vor ihm stand.

Sie sahen aus wie Großvater und Enkel. Das traf aber nicht zu. Julian war ein Schützling des pensionierten Bischofs. Und er war etwas ganz Besonderes, aber das wussten nur wenige …

Julian hatte den Bischof noch nie so erregt gesehen. Er meinte es wirklich ernst. Und er vertraute dem alten Mann. Er war auch gern bei ihm gewesen, doch nun musste sich das ändern. Das sah er ein. Der Bischof hätte ihn nie belogen.

»Wann soll ich denn weg?«

»Heute. Am besten sofort.«

»Aber ich kann …«

»Keine Ausrede mehr. Deine Sachen habe ich schon gepackt. Du kannst sofort fliehen.«

»Ja, ja, und wo soll ich hin?«

»Nach London.«

Julians Mund klappte auf. »Das ist nicht eben nah, wenn ich …«

»Nimm den Roller. Damit ist es kein Problem. In deiner Tasche findest du wichtige Dinge und natürlich Geld. Es ist nicht viel, aber es wird reichen, dessen bin ich mir sicher.«

»Es wird gleich dunkel«, sagte Julian.

»Ich weiß, ich weiß. Dann musst du unterwegs übernachten. Wichtig ist, dass du von hier wegkommst. Man sucht dich.«

»Das habe ich begriffen. Aber wer ist dieser John Sinclair? Den Namen habe ich noch nie gehört.«

»Er ist jemand, der Verständnis für dich haben wird. Dem du dein Geheimnis anvertrauen kannst. Er wird es begreifen.«

»Und weiter?«

»Er wird dich auch schützen.« Der Bischof nickte. »Davon bin ich überzeugt.«

»Weiß er Bescheid?«

»Ich habe ihn angerufen und vorbereitet.«

»Was hat er gesagt?«

Der alte Bischof lächelte. »Er ist einverstanden. Du wirst bei ihm nicht auf taube Ohren treffen.«

»Ja, das ist gut. Und was ist, wenn man mich findet?«

»Dann wird man dich töten.«

Julian erschrak. »Warum denn?«

»Weil du etwas Besonderes bist, und das weißt du selbst. Du kannst Dinge, die andere Menschen nicht können, weil sie nur Menschen sind, aber das bist du nicht.«

»Ich weiß«, sagte Julian mit leiser Stimme. »Aber was wird John Sinclair dazu sagen?«

»Das Richtige.«

»Ist er auch ein Mann der Kirche?«

»Nein, das ist er nicht. Aber er steht voll und ganz auf unserer Seite.« Der Bischof holte erst mal Luft. »Er hat schon viel erreicht in seinem Leben. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Böse zu bekämpfen, und man nennt ihn auch den Geisterjäger. Fahr du jetzt nach London. Wo du ihn findest, das habe ich dir aufgeschrieben. Die Infos befinden sich in der Tasche.«

»Weiß er denn, dass ich kommen werde?«

»Ich sagte doch schon, dass ich mit ihm telefoniert habe. Er will dich treffen. Ich denke, dass du dir den Treffpunkt sogar aussuchen kannst. Zum einen ist es die Dienststelle bei Scotland Yard, zum anderen kann es auch seine Wohnung sein. Das wird sich ergeben.«

Der junge Mann nickte. Aber er hatte Tränen in den Augen. Er wollte nicht weg. Es war ihm bei dem Bischof gut gegangen, sie hatten sich super verstanden, obwohl altersmäßig Jahrzehnte zwischen ihnen lagen.

»Alles klar, mein Sohn?«

Julian nickte, aber er stellte noch eine Frage. »Gibt es wirklich keinen anderen Ausweg?«

»Nein.«

»Dann ist es gut.«

Der Bischof wollte ihn so nicht gehen lassen. Eine Hoffnung musste er ihm noch mit auf den Weg geben. Er schaffte ein Lächeln und sagte dann: »Es ist ja nicht für immer. Wenn alles vorbei ist, werden wir wieder in Kontakt treten.«

»Ehrlich?«

»Ja, mein Junge.«

Jetzt lächelte auch Julian. Er drehte sich um, weil der Bischof seine Tränen nicht sehen sollte.

»Du musst dann jetzt fahren.«

»Ja, das werde ich.«

Wenig später hatte er das Haus verlassen und war in die Wärme des Spätsommertags getreten. Es tat ihm gut, sie zu spüren, denn innerlich hatte er gefröstelt.

Als er die schmale Treppe vor der Tür hinter sich gelassen hatte, fiel sein Blick auf die Kirche, die nicht weit entfernt stand. Sie war kein großer Bau, beileibe nicht, aber sie war von einem großen Grundstück umgeben, auf dem auch das Haus stand, das dem Bischof von der Diözese zur Verfügung gestellt worden war, um da seinen Lebensabend zu verbringen. Hin und wieder sprang er auch für den einen oder anderen erkrankten Kollegen ein und las eine Messe.

Er war Julian gefolgt und blieb auf der obersten Stufe stehen. Sein Blick glitt in die Umgebung, über der die letzten Strahlen der untergehenden Sonne einen goldenen Schimmer hinterließen.

Der Tag würde nicht mehr lange bleiben. Deshalb sollte Julian den hellen Rest noch ausnutzen.

Er war im Moment nicht zu sehen, tauchte aber dann wieder auf und schob den Roller neben sich her.

Am Fuß der Treppe blieb er stehen und schaute die Stufen hoch auf den Bischof.

Der kam die Treppe hinab und blieb vor seinem Schützling stehen. Einen letzten Gruß sollte er ihm noch mit auf den Weg geben. Und das war ein Segen.

»Und jetzt fahr bitte, mein Junge. Möge der Herr dich beschützen …«

Die letzten Worte gingen im Knattern des Motors unter …

***

Es war schon später Nachmittag, als Suko und ich zurück ins Büro kehrten, wo Glenda Perkins dabei war, ihre Handtasche zu packen, weil sie Feierabend machen wollte.

Wir hatten eine Besprechung mit einigen Leuten vom Sicherheitsdienst gehabt. Da ging es um Abhörmethoden, über die gerade in letzter Zeit so viel geschrieben worden war. Unser Geheimdienst war auch nicht eben ein Unschuldslamm.

»Na, wie war’s?«, fragte Glenda.

Ich winkte ab. »Kannst du vergessen. Jeder versucht immer wieder, nicht schuldig zu sein.«

»Das kennt man.«

»Und der eine schiebt es auf den anderen«, fügte Suko hinzu, der in unserem Büro verschwand.

Ich hatte noch eine Frage an Glenda. »Ist sonst etwas passiert? Hat jemand angerufen?«

»Das schon.«

»Und wer?«

»Dein neuer Freund.«

Ich schüttelte den Kopf. Ich kannte Glenda Perkins lange genug. Was hatte sie sich jetzt schon wieder ausgedacht? »Welcher Freund denn?«

»Dieser Bischof.«

»Ach, du meinst Daniel Carver?«

»Genau der.«

»Und was wollte er? Dass ich zurückrufe?«

»Nein, davon hat er nichts gesagt. Er hat nur gemeint, dass er das Paket jetzt auf die Reise geschickt hat. Finde ich schon komisch, John.«

Ich musste lachen. »Nun ja, ich nicht. Es geht um einen jungen Mann, der sich mit mir in Verbindung setzen soll. Er heißt Julian.«

»Und warum soll er das tun?«

»Tja, er sieht zwar aus wie ein Mensch, aber er ist es in Wirklichkeit nicht.«

»Was ist er dann?«

»Ein Engel oder jemand, der nahe dran ist.«

Glenda Perkins holte Luft und sie pfiff dabei. »Stimmt das wirklich, John?«

»Ja. Das hat mir der Bischof so gesagt. Und ich frage mich, warum ich ihm nicht glauben soll.«

»Klar. Aber was hast du damit zu tun?«

»Gute Frage, Glenda, ich weiß es nicht. Ich muss mich nur darauf verlassen, was mir der Bischof berichtet hat.«

»Und was war das noch mal?«

»Ganz einfach. Der Bischof war der Meinung, dass sein Schützling gejagt wird.«

»Von wem?«

»Das wusste er nicht zu sagen. Er sprach nur von einem Engeljäger.«

»Das hört sich nicht gut an.«

»Eben.«

Glenda zuckte mit den Schultern. »Er hat mir allerdings nicht gesagt, wann er hier sein wird.«

»Ist nicht weiter tragisch. Ich werde mich darum kümmern.«

»Gut, John. Aber ich verschwinde jetzt.«

»Tu das.«

»Bis morgen dann.«

Ich nickte ihr zu und telefonierte von Glendas Platz aus. An die Bitte des pensionierten Bischofs hatte ich gar nicht mehr gedacht. Jetzt stand sie mir wieder vor Augen, und ich hatte sogar ein schlechtes Gewissen bekommen.

Ich wählte die Nummer des Bischofs und war froh, dass nicht besetzt war. Der Ruf kam durch, aber das war auch alles.

Niemand hob ab.

War der Bischof nicht da? Das konnte natürlich sein, und doch konnte ich daran nicht glauben. Bei mir blieb ein ungutes Gefühl zurück. Doch ändern konnte ich daran nichts.

Ich war allerdings gespannt auf diesen jungen Mann mit dem Namen Julian …

***

Daniel Carver, der Bischof, wusste nicht, wie er sich fühlen sollte. Er glaubte, das Richtige getan zu haben. Er hatte seinen Schützling weggeschickt. Jetzt lag sein Schicksal in den Händen einer anderen Institution.

Er hoffte so stark, dass Julian durchkam, und er setzte auch ein großes Vertrauen in den Mann mit dem Namen John Sinclair. Von ihm hatte er schon viel gehört, und da war nichts Negatives dabei gewesen. John Sinclair war ein Mensch, der sich in vielen Sätteln zu Hause fühlte, der schon große Erfolge im Kampf gegen das Böse errungen hatte, und so hoffte der Bischof, dass er auch in diesem Fall aufräumen würde.

Dass der oder die Verfolger Julian dicht auf den Fersen waren, das wusste Dan Carver. Aber er kannte sie nicht genau. Er konnte sich nicht vorstellen, wer sie waren. Es mussten Gestalten sein, die Engel hassten, und da konnte man nur zu dem Schluss gelangen, dass sie aus der Hölle stammten.

Mörder aus der Hölle!

Das war für den Bischof nicht so abwegig. Er war jemand, der noch an die große Trennung zwischen Himmel und Hölle glaubte. Und er glaubte auch an den Teufel, auch wenn er ihn hasste, aber das hatten einige Päpste auch getan und trotzdem zahlreiche Exorzisten ausbilden lassen.

Seine Gedanken kehrten zu Julian zurück. Er fragte sich, ob er tatsächlich ein Engel war. Ja, er hatte schon etwas Engelhaftes an sich, doch ein richtiger Engel sah eigentlich anders aus. Er war mehr ein Geistwesen.

Nun ja, jetzt war er weg, und der alte Bischof konnte ihm nur die Daumen drücken, dass er es schaffte. Wenn jemand Verständnis für ihn aufbringen konnte, dann war es John Sinclair.

Der Bischof kannte den Mann nicht persönlich, er hatte nur genug von ihm gehört, das meiste von seinen Kollegen. Aber offen hatten sie nie über ihn gesprochen, stets nur flüsternd und unter der Hand.

Daniel Carver hatte minutenlang am Fenster gestanden und nach draußen geschaut. Jetzt hatte er genug davon. Er wollte zudem etwas trinken und verspürte auch einen leichten Hunger. Den wollte er mit einer Scheibe Toast besänftigen.

Eine Tasse Kaffee war jetzt nicht schlecht. Er ging in die Küche, wo die Maschine stand. Es dauerte nicht lange, da gluckerte bereits das Wasser.

Der Bischof hatte sich an den Tisch gesetzt und schaute ins Leere. Dabei waren seine Gedanken aber nicht leer, sie drehten sich um eine bestimmte Person, und die hieß Julian.

Er war derjenige, um den es ging. Er war der Junge, der aussah wie ein normaler Mensch, aber keiner war. Der sich mit den Engeln unterhielt, weil sie seine Brüder waren, wie er behauptete. Das war schon ungewöhnlich und eigentlich nicht zu fassen, aber das Gegenteil war auch nicht bewiesen.

Der Kaffee war jetzt durchgelaufen. Mindestens zwei Tassen konnte der Bischof sich gönnen. Und es waren recht große Tassen. Man konnte sie schon als Becher bezeichnen.

Die Scheibe Toast bestrich er mit Kirschmarmelade und aß mit großem Appetit.

Für eine Weile hatte er die Stressgedanken vergessen. Er ließ sich Zeit. Aß langsam und trank genussvoll. Es waren seine Minuten der Entspannung, die mussten sein. Jeden Tag gönnte sich der Bischof diese kleine Pause.

Dann horchte er plötzlich auf.

Etwas war an seine Ohren gedrungen, das ihm nicht passte. Es war in der Nähe zu hören gewesen, aber nicht in seinem Haus, sondern außen.

Dan Carver trank die Tasse leer, aß auch das letzte Stück Toast und erhob sich. Er stellte fest, dass seine Beine ein wenig zitterten und sein Herz schneller schlug.

Was hatte er gehört?

Er hatte es vergessen, aber er wusste auch, dass er sich nicht geirrt hatte. Und es war direkt an der Hausmauer aufgeklungen. Sogar nicht weit von einem Fenster entfernt.

Dort schlich er hin. Eine Gardine hing davor, aber sie reichte nur knapp bis zur Hälfte, der untere Teil des Fensters lag frei.

Der Bischof ging in die Knie und schaute nach draußen. Um das Haus herum herrschte ein Zwielicht, das er schlecht mit seinen Blicken durchdringen konnte. Da musste er sich schon auf sein Gehör verlassen.

War dort etwas oder nicht?

Er wusste es nicht. Dabei wäre es besser gewesen, wenn er das Fenster geöffnet hätte, aber das erschien ihm zu riskant. Die Fenster wollte er so lange wie möglich geschlossen halten.

Der Bischof ging zurück in sein Wohnzimmer, das mit alten Möbeln eingerichtet war. Sie sahen aus, als würden sie aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts stammen.

Er ging an dem durchgesessenen Sofa vorbei und blieb vor dem Fenster stehen.

Dann der Blick nach draußen.

Er sah die Kirche als schwachen Umriss auf dem Grundstück, aber keinen Besucher, der ihm hätte Angst einjagen können. Da war nichts zu entdecken, und allmählich kam ihm doch der Gedanke, dass er sich geirrt hatte. Er war nervös geworden, und da hatten ihm seine Nerven einen Streich gespielt.

Mit dieser Erklärung gab er sich zufrieden, auch wenn er nicht glücklich dabei war. Aber er kam sich trotzdem vor wie ein Held, der dem Bösen einen Streich gespielt hatte.

Wichtig war, dass Julian nicht mehr bei ihm wohnte. Wer immer ihm auch auf den Fersen war, er musste jetzt woanders suchen, und wenn er es bei John Sinclair tat, würde er sich eine blutige Nase holen. Der alte Bischof traute dem Geisterjäger sehr viel zu.

Er begann zu beten. Nicht für sich, sondern für seinen jungen Schützling, den er aufgenommen hatte, weil es sonst keiner getan hatte.

Er wollte sein Gebetbuch und den Rosenkranz holen, als er mitten in der Bewegung stutzte. Erneut war das Geräusch aufgeklungen, doch jetzt wusste er genau, von wo es ihn erreicht hatte. Von der Eingangstür her.

Also doch!

Dan Carver wusste nicht, was er unternehmen sollte. Ihm war klar, dass er sich nicht verstecken, geschweige denn verschwinden konnte. Er musste sich stellen.

Sein Herz klopfte stark. Schweiß war ihm auch ausgebrochen. Er ging bis zur offen stehenden Zimmertür und blieb dort stehen, um in den schmalen Flur zu schauen, an dessen Ende sich die Eingangstür befand.

Er hörte wieder etwas.

Es war ein schlimmes Geräusch. Es stammte auch nicht von einem Menschen, denn es klang wie ein böses Knurren, als würde vor der Tür ein Hund oder ein Raubtier stehen.

Aber war das möglich?

Der Bischof dachte hin und her. Er hatte einen roten Kopf bekommen, und die Schweißperlen verteilten sich auf seinem Gesicht. Und dann zuckte er zusammen, als ein hässlicher Laut die Eingangstür bis in die Grundfesten erschütterte. Ein zweiter Laut folgte, und da war es dann passiert.

Die Tür brach ein!

Sie kippte dem alten Mann entgegen, der seine Hände in die Höhe riss und sich so selbst den Blick nach vorn verwehrte.

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