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John Sinclair - Folge 1840

Schattenreich Atlantis

Raffi wusste genau, dass er sich im Reich eines finsteren Dämons befand. In der grauen Finsternis einer Totenwelt, die vom Bösen beherrscht wurde. Nur selten schaffte es jemand, diese Welt zu betreten. Sie war einfach zu menschenfeindlich und auch zu unheimlich, denn in ihr herrschten Gesetze, die ein Lebewesen – auch einen Menschen – zermalmen konnten …

Raffi hatte es getan, die Welt betreten, und jetzt gab es kein Zurück mehr für ihn. Er hatte sich den Weg bis zum Fluss gebahnt. Nein, es war mehr ein Bach oder ein breites Rinnsal, durch das er schritt und sich an der Kühle des Wassers erfreute.

Grundlos hatte er diesen Weg nicht auf sich genommen, denn er wollte sich das zurückholen, was man ihm geraubt hatte. Es war die schöne Lavinia, die er sich als Frau ausgesucht hatte. Und sie war auch einverstanden gewesen.

Dann aber waren die Anderen gekommen. Die Menschen, die keine waren, sondern Mutanten. Sie hatten sie ihm weggenommen. Einfach geraubt, und von dieser Zeit an hatte er nichts mehr von ihr gesehen.

Aber er hatte nicht aufgegeben. Seine Liebe war einfach zu groß gewesen, und so hatte er sich auf den Weg gemacht, Lavinia zu finden. Er wollte sie befreien, er wollte sie wieder zu sich holen. Weg aus der Finsternis. Kein Opfer mehr für die Dämonen oder Mutanten. Auf keinen Fall.

Man sprach davon, dass die Mutanten oder Dämonen auch Menschen opferten. Man erzählte sich flüsternd von grausamen Ritualen der Mutanten.

Alles um Raffi herum war neu für ihn. Er wusste auch nicht, wo man Lavinia festhielt. Er rechnete mit einem Ort, den man als Zentrum bezeichnen konnte, und in das wollte der einsame Mann gelangen. Der Fluss sollte ihn hinbringen, denn er ging davon aus, dass dieses Gewässer durch das Zentrum führte.

Wie weit entfernt es lag, wusste er nicht, denn es gab keine Aufzeichnungen. Also musste er weitermachen.

Zu beiden Seiten des Gewässers breitete sich die wilde und düstere Natur aus. Ein Dschungel, der bis an den Rand des Wassers wuchs und ein Versteck für alle möglichen Gefahren sein konnte. Gesehen hatte Raffi sie noch nicht.

Hin und wieder erreichte er tiefere Stellen. Dann verließ er das Wasser und bewegte sich am Ufer entlang, aber er wechselte immer wieder, denn das Laufen durch das Gewässer war einfacher. Da gab es keine Hindernisse.

So sehr er auch über sein Ziel nachdachte, er kannte es nicht. Er ging nur davon aus, dass es in der Fremde des großen Landes lag, in dem er lebte.

Es war ein schönes Land. Aber es gab auch düstere Welten, in denen mächtige Dämonen mit ihren Helfern lebten. Es war ein besonderes Land, und es war eine große Insel mit viel Strand, gegen den die Wellen schlugen.

Raffi ging seinen Weg. Im Dorf wussten sie Bescheid. Sie hatten zu den Göttern gebetet, damit diese ihm Schutz geben sollten. Das alles hatte er über sich ergehen lassen müssen, und es hatte ihn von seinem Plan nicht abgebracht. Er liebte Lavinia. Sie war einfach so wunderbar.

Er wollte sie finden!

Und deshalb ging er weiter, immer weiter. Einen Tag und eine Nacht hatte er schon hinter sich gebracht. Jetzt hoffte er, sein Ziel noch im Hellen zu erreichen.

Angegriffen worden war er noch nicht. Es blieb in seiner Umgebung alles ruhig. Das Wasser rauschte um ihn herum.

Er ging weiter. Sein Hemd war durchgeschwitzt. Die Hose ebenfalls. Die dunkelbraune Mütze hing verklebt bis über seine Ohren.

Das Schattenreich hatte er längst erreicht. Um ihn herum war es düster, aber es wurde nicht stockdunkel, und das sah er als einen Vorteil an.

Manchmal legte er auch eine Pause ein. Er hatte sich etwas zu essen mitgenommen. Zu trinken nichts. Es gab genügend Wasser, das er trinken konnte.

Im Fluss fand er eine flache Steininsel. Dort ließ er sich nieder. Aus seiner Tasche holte er den Proviant. Es war ein Stück Fleisch, von dem er mit einem Messer etwas abschnitt. Das Fleisch war gepökelt und so haltbar gemacht worden.

Raffi wollte sich noch eine kurze Ruhepause gönnen, um sich danach an den Rest der Strecke zu machen. Wie es dann weiterging, das wusste er nicht. Jedenfalls wollte er Lavinia nicht aufgeben, und er würde um sie kämpfen.

Etwas störte ihn. Es war ein Geräusch, das er zuvor noch nicht gehört hatte. Es war auch nicht in seiner unmittelbaren Nähe zu hören, sondern über ihm.

Er hob den Kopf.

Vögel zogen ihre Kreise.

Er beobachtete sie und bekam mit, wie sie mal höher flogen, dann wieder nach unten sanken, ihn aber nicht aus ihren Augen ließen.

Raffi trank noch einen Schluck Wasser und stand wieder auf. Die Bewegung hatten auch die Vögel mitbekommen, sie schlugen noch mal heftig mit den Flügeln, als wollten sie dagegen protestieren, dass sich jemand bewegt hatte.

Er prüfte noch mal seine Stiefel nach, war mit dem Sitz zufrieden und machte sich wieder auf den Weg. Er ging davon aus, dass er keine weitere Pause mehr einlegen musste, bevor er sein Ziel erreichte.

Und die Vögel? Die begleiteten ihn weiter, aber sie flogen dabei sehr hoch über seinem Kopf. Das beruhigte ihn. Und noch etwas änderte sich. Es war das Bild an den Ufern. Sie waren nicht mehr so dicht bewachsen. Das Buschwerk war zurückgewichen, das Ufer lag frei. Sand und Steine bedeckten den Erdboden. Der Blick tauchte auch ein in den Hintergrund. Dort erhoben sich Hügel und bildeten eine Kette.

Für Raffi stand fest, dass er es bald geschafft hatte. Er wollte nicht mehr durch das Wasser gehen, der Rand war breit und fest genug. Das war seine neue Strecke.

Er verließ das Wasser und setzte seinen Weg fort. Da die Büsche in den Hintergrund getreten waren, konnte er seine Sicht als gut bezeichnen. Und er nahm noch etwas anderes wahr.

Brandgeruch!

Zuerst achtete Raffi nicht weiter darauf, doch je weiter er kam, umso intensiver erlebte er den Geruch, und schon bald sah er den Rauch, der über den Bäumen im Hintergrund hinweg in den Himmel stieg. Dort musste ein Lager sein.

Raffi atmete auf. Er war sich sicher, dass er nicht mehr zu weit laufen musste. Die Menschen, die er fand, würden ihm schon Antworten geben, wenn er höflich war. In diesem Teil des Landes ging er davon aus, dass es sich um Mutanten handelte, die nicht unbedingt negativ reagieren mussten. Sie waren eigentlich recht friedliche Geschöpfe, wenn man ihnen nicht zu nahe kam. Und manchmal waren sie auch von Menschen nicht zu unterscheiden.

Er ging dem Rauchgeruch entgegen. Zu sehen war nichts, aber als er näher an die Bäume und auch an das Unterholz heran kam, da sah er die Bewegungen der Menschen und hörte auch ihre Stimmen.

Bisher hatte ihn keiner gesehen. Oder man nahm keine Notiz von ihm. So konnte er weitergehen und sah schon bald zwischen den Bäumen die ersten Hütten.

Er blieb stehen.

Hütten waren es schon, aber man hätte sie auch als kleine Häuser bezeichnen können, so stabil waren sie gebaut worden.

Raffi ging auf die Häuser zu. Oder vielmehr auf den Platz in der Mitte, der leer war, bis auf einen Thronsessel.

Angesprochen hatte ihn bisher keiner, und so blieb er neben dem Thronsessel stehen. Alles sah für ihn friedlich aus. Er fürchtete sich nicht davor, hier auf Menschen zu warten, die ihn ansprechen würden.

Noch passierte nichts.

Aber man beobachtete ihn.

Dunkle Augen ließen ihn nicht aus dem Blick. Er hörte hin und wieder eine Stimme, aber kein Lachen. Und die Stimmen gehörten immer Frauen, was ihn auch wunderte. Über seinem Kopf kreisten wieder die geierartigen Vögel, die jetzt recht niedrig flogen.

»He, will keiner mit mir sprechen?«, rief er in die Runde. »Ich beiße nicht.«

Er hatte so laut gesprochen, dass er auch weiter entfernt verstanden worden war. Nur meldete sich niemand. Man ließ ihn in Ruhe. Man wollte ihn ignorieren.

»Was ist denn los?«

Auch jetzt erreichte er keine Reaktion. Die Bewohner ließen sich nicht anlocken.

Raffi wurde sauer. Das Blut stieg ihm in den Kopf. Sein Gesicht zeigte einen harten Ausdruck. Wie von selbst hatte sich seine rechte Hand auf den Säbelgriff gelegt.

Kamen sie? Oder wollten sie nicht? Hatten alle hier ein schlechtes Gewissen? Ahnten sie, dass er gekommen war, um sich etwas zurückzuholen?

»Moment!«

Er zuckte zusammen, als er die Stimme hörte. Sie klang alt und brüchig, aber er war froh, überhaupt eine Reaktion zu erleben.

»Ja, wer bist du?«

»Ich komme zu dir.«

In der Nähe eines Hauses war die Stimme aufgeklungen. Er hatte nicht genau gesehen, in welchem das gewesen war, aber aus dem Grau der Dämmerung unter den Bäumen löste sich eine Gestalt.

Sie kam auf ihn zu …

***

Die Gestalt ging langsam. Der Ankömmling hatte jedoch erkannt, dass es sich um einen Mann handelte. Um einen sehr alten Mann, denn er ging gebückt und schaute zu Boden. Erst als er eine bestimmte Strecke hinter sich gebracht hatte, hob er den Kopf an und zeigte sein Gesicht.

Im hellen Licht und angestrahlt hätte es bestimmt noch älter ausgesehen. Er erkannte das Faltenmuster in diesem Gesicht, dessen Haut aussah, als wäre sie aus Leder hergestellt.

Raffi fragte sich, wer er war. Mensch oder Mutant?

Es konnte sich durchaus um einen Mutanten handeln, aber sicher war er sich nicht. Bekleidet war die Gestalt mit einer langen Kutte, deren Stoff viele Falten warf. Zudem bedeckte die Kapuze einen Teil des Kopfes. Nur das Gesicht blieb frei.

»Hast du hier das Sagen? Bist du hier der Herr? Regierst du hier in deinem Dorf?«

Der Mann schaute Raffi an, und der stellte fest, dass der Alte Wasseraugen hatte. Sie schimmerten zumindest so wie Wasser. Und in ihnen befand sich auch eine gewisse Unruhe oder Bewegung.

»Was willst du hier?«

Raffi lachte. »He, Alter. Ich habe dich zuerst etwas gefragt. Also gib mir eine Antwort.«

Der Mann hatte ihn gehört, doch er reagierte nicht so, wie es sich der Sprecher gedacht hatte. Er wandte sich ab und ging zu dem Thron, auf dem er sich niederließ.

Raffi ärgerte sich. Er hätte schon weiter sein können, wenn der Typ ihm eine Antwort gegeben hätte. So aber sagte er nichts und streckte seine Beine unter dem Kuttenstoff aus.

Raffi blieb nichts anderes übrig, als sich vor den Mann zu stellen. Das gefiel ihm gar nicht, denn der andere saß erhöht, und so musste Raffi zum ihm hoch schauen.

»Bitte, ich möchte eine Antwort haben.«

»Ja, das weiß ich.«

Endlich hatte der Mann geantwortet. Und er hatte mit einer sehr knarzigen Stimme gesprochen, sodass Raffi sich fragte, ob die Stimme einem Menschen gehörte.

»Sag sie …«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Woher kommst du? Wer bist du?«

Raffi hatte schon gedacht, dass man ihm Fragen stellen würde, und er nickte dem Alten zu.

»Ich komme aus einem anderen Teil des Landes. Aus einem sehr fruchtbaren, und ich habe auch nichts mit den Dämonen um den Schwarzen Tod zu tun. Ich möchte nur eines …«

»Ja?«

»Ich möchte meine Frau zurückhaben, die man mir raubte. Deshalb bin ich hier. Ich will sie finden. Ich bin auf der Suche nach ihr.«

»Aha. Und du glaubst, dass du sie hier finden wirst?«

»Ich glaube vieles, aber ich möchte auch etwas wissen und frage dich deshalb. Weißt du Bescheid über Lavinia? So heißt sie.«

Der Alte ließ sich Zeit mit der Antwort. »Und wenn? Was würde das ändern?«

»Dann würde ich dich bitten, diese Frau freizulassen, damit ich sie wieder mit in meine Heimat nehmen kann.«

»Und du glaubst, dass wir so einfach zustimmen und dir die Frau mitgeben?«

Raffi hatte genau zugehört. Bei dieser Antwort war ihm klar geworden, dass Lavinia hier sein musste. Er riss sich allerdings zusammen und zeigte mit keiner Geste an, was er wirklich dachte.

»Was wollt ihr denn mit ihr?«

Der Alte lachte. Dann rieb er sein Kinn. »Es kommen nicht oft Menschen zu uns und …«

»Seid ihr denn keine Menschen?«

Jetzt kicherte der Alte. Danach legte er eine kurze Pause ein und fragte: »Hast du dich denn nicht erkundigt, wer wir sind?«

»Ich habe etwas gehört.«

»Das ist schon mal gut. Und was?«

»Dass es auf dieser großen Insel auch einen Bereich gibt, in dem sich Mutanten aufhalten.«

Der Alte beugte sich leicht vor. »Und was willst du noch wissen?«

»Das ist doch klar. Ich will wissen, warum Lavinia hier bei euch festgehalten wird. Sie hat euch nichts getan. Sie ist keine Kriegerin, sondern eine harmlose Person. Ich kann es einfach nicht fassen, dass man sie gefangen hält.«

»Meinst du, dass sie gefangen ist?«

»Ja.«

»Wir haben sie nicht geholt.«

»Ha, und wie ist sie dann zu euch gekommen?«

»Vielleicht auf die gleiche Art und Weise wie du. Das ist schon möglich, denke ich.«

»Das hätte ich gewusst«, hielt er dagegen. »Ja, sie hätte mir bestimmt was gesagt, denn wir waren sehr vertraut miteinander, das kann ich beschwören.«

»Sicher.«

»Und deshalb gehört sie zu mir. Wir hatten nämlich vor, für immer zusammenzubleiben.«

»Aha, so ist das.«

»Genau so. Und deshalb bin ich fest entschlossen, sie zurückzuholen.«

»Das habe ich mir gedacht.«

Raffi lächelte breit. »Dann kann ich also davon ausgehen, dass sie hier bei euch ist.«

»Du bist nicht umsonst gekommen.«

»Danke.« Er fand, dass er genug geredet hatte, und nickte dem Alten zu. Es war ihm auch egal, ob er es mit einem Mutanten zu tun hatte oder mit einem Menschen. Für ihn zählte nur der Erfolg, und so sagte er dem anderen seine Wünsche frech ins Gesicht.

»Dann lass sie herkommen. Ich will sie sehen, und ich will sie in meine Arme schließen.«

Der Alte bewegte sich nicht. Er sagte auch nichts, sondern schüttelte nur den Kopf.

Und das gefiel Raffi ganz und gar nicht. Er schickte zunächst einen Fluch auf die Reise, bevor er zu seiner Waffe griff und den Säbel mit einer glatten und schwungvollen Bewegung zog. Er hielt ihn so, dass die Spitze auf den Alten zeigte.

Und er hörte dessen Reaktion. »Willst du mich bedrohen?«

»Nein. Aber ich möchte hier nur klarstellen, dass ich nicht aufgebe. Ich will sie haben.«

»Das weiß ich.«

»Dann hol sie her!«

Der Alte lehnte sich zurück. Er sagte nichts, er bewegte sich auch nicht, er ließ alles auf sich zukommen, und dabei verzog sich sein Mund zu einem Lächeln.

Raffi wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Er bewegte seinen Kopf und schaute sich um. Zwei, drei Sekunden reichten aus, um ihn etwas Bestimmtes erkennen zu lassen.

Es waren mehr Menschen da. Er hatte sie nicht kommen sehen, aber jetzt standen sie da und hatten einen Kreis um ihn gebildet. Er sah keine Waffen in ihren Händen, und das brauchten Mutanten auch nicht. Oft genug waren sie selbst die Waffe.

Und hier?

Er wusste es nicht. Er war verunsichert. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken. Er dachte daran, dass er etwas tun musste, denn sonst würde er sein Gesicht verlieren.

»Was soll das?«

...

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