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John Sinclair - Folge 1839

Besuch aus der Hölle

(2. Teil)

»Wir werden verfolgt, Luke.«

»Das habe ich gesehen, Madam.« Der Fahrer nickte. »Sie denken sicherlich an den Motorradfahrer.«

»Genau an den.«

»Sollte das für Sie ein Grund zur Besorgnis sein, Madam?«

»Ich weiß es nicht. Was meinen Sie denn?«

»Ungewöhnlich ist es schon.«

»Das meine ich auch. Warten wir mal ab, wie lange er uns auf den Fersen bleibt …«

Doris Dawson saß im Fond der Limousine und spürte den kalten Schweiß auf ihrer Haut. Sie war eine Frau, die so leicht nichts aus der Fassung brachte, und auch die Verfolgung hätte sie nicht weiter gestört, doch nach dem Erlebnis mit ihrem Bruder Peter war sie doch verunsichert. Sie wusste nicht, ob ihr Bruder wirklich tot war. Das war möglich, sonst wäre er nicht beerdigt worden. Sein Sarg war in die Tiefe gelassen worden, aber dann war er plötzlich erschienen. Zusammen mit einem Helfer, und jetzt musste sich die Schwester fragen, ob es ihn zweimal gab.

Ja, er war auf dem Friedhof gesehen worden, und das nicht nur von ihr, sondern von zahlreichen anderen Zeugen. Ein Unding, ein nicht zu fassendes Phänomen, und die Frau dachte auch daran, dass man sie angegriffen hatte. Sie hatte auf dem Boden gelegen und eine verdammte Angst vor ihrem Bruder gehabt, der angeblich hätte tot sein müssen. Ob er das wirklich war, stand in den Sternen.

Peter und sie waren zwar Geschwister, hatten sich aber im Laufe der Zeit völlig entfremdet, und sie ging davon aus, dass auf sie ein böses Schicksal wartete. Seinen eigenen Sohn Elmar hatte es bereits erwischt, und sie konnte sich vorstellen, dass der Hass ihres Bruders sich auch noch auf andere Mitglieder der Verwandtschaft ausgebreitet hatte.

Und jetzt diese Verfolgung. War sie echt? War es ein Zufall? Doris Dawson wusste es nicht. Auch ihr Fahrer konnte da keine konkrete Antwort geben.

»Soll ich den normalen Weg nach Hause fahren, Madam?«

»Eigentlich ja. Oder?«

»Ich könnte einen Umweg nehmen, dann würden wir sehen, ob er uns tatsächlich verfolgt.«

»Sie denken da an ein paar Nebenstraßen?«

»So ähnlich.«

»Bitte, Luke, tun Sie, was Ihnen beliebt. Sie werden schon das Richtige vorhaben.«

»Danke, Madam.«

Mrs Dawson war nervös. Immer wenn sie dieser Zustand erreichte, brauchte sie den Tabak. So holte sie die Schachtel mit den Zigarillos hervor, klaubte ein Stäbchen heraus und zündete es mit ihrem schmalen Feuerzeug an. Sie stieß den Rauch aus und dachte daran, wo sie wohnte. Ihr Haus stand in Hampstead, einer hügeligen Gegend im Londoner Norden. Hier wohnten Menschen, die Geld besaßen und nicht auf das eine oder andere Pfund Sterling schauen mussten.

Geld spielte bei ihr keine Rolle. Sie lebte allein, leistete sich aber Personal. Ihr Fahrer war zugleich der Gärtner, und ein Hausmädchen beschäftigte sie auch. Hin und wieder kam noch eine Köchin hinzu, wenn sie Gäste erwartete.

Ihr Blick fiel wieder in den Spiegel an der linken Außenseite. Dort malte sich ein Teil der Straße ab, und da sah sie auch die Gestalt auf der Maschine. Sie trug einen Helm und eine Lederkluft. Es war nicht zu erkennen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte.

Normalerweise hätte sie ein derartiger Anblick nicht gestört. In diesem Fall war alles anders. Sie hatte den Eindruck, als würde alles zusammengehören. Die Erlebnisse auf dem Friedhof und jetzt die Verfolgung. Und sie brachte damit auch ihren Bruder in einen Zusammenhang, obwohl es keine Beweise gab.

Sie musste husten, weil sie sich am Rauch verschluckt hatte. Dann hörte sie Lukes Stimme.

»Ich biege jetzt ab.«

»Okay.«

Sie fuhren auf der Finchley Road und hätten diese noch eine Weile fahren müssen, aber Luke bog in eine Seitenstraße ab, die sich in Serpentinen in die Höhe wand und über einige Hügel führte.

Der Verfolger war nicht mehr zu sehen. Das sorgte bei der Frau nur für ein kurzes Aufatmen. Sie wollte auf Nummer sicher gehen und ließ die Fensterscheibe nach unten gleiten.

Der Fahrtwind peitschte in den Wagen und erwischte auch ihr Gesicht.

Aber deswegen hatte sie das Fenster nicht geöffnet. Sie wollte etwas anderes erfahren, und das trat auch ein.

Der Motorradfahrer war noch da.

Er zeigte sich nicht, aber er war zu hören, denn mit einer Maschine konnte man nicht lautlos fahren.

»Mist!«, flüsterte die Frau und saugte an ihrem Zigarillo. Dann schluckte sie, holte tief Luft und wandte sich wieder an ihren Fahrer.

»Wir haben Pech gehabt. Er ist noch da.«

»Ja, ich höre ihn auch.«

»Dann gehen wir mal davon aus, dass es kein Zufall ist und wir bewusst auf der Liste stehen.«

»Das ist möglich, Madam.«

Doris Dawson stäubte Asche ab. »Jetzt sollten wir uns Gedanken darüber machen, was wir tun können.«

»Sie sagen es.«

»Und was haben Sie sich so gedacht?«

»Entkommen können wir ihm nicht. Er ist mit seiner Maschine zu schnell und auch zu wendig. Er wird uns immer auf den Fersen bleiben, das können Sie mir glauben, Madam.«

»Also müssen wir davon ausgehen, dass es zu einer Konfrontation kommt.«

»Danach sieht es aus, Madam.«

»Dann sollten aber wir bestimmen, wann es so weit ist«, sagte die Frau. »Oder was meinen Sie, Luke?«

»Eine gute Idee.«

»Gut, machen wir uns daran, sie in die Tat umzusetzen. Ich bin sehr gespannt.«

»Ich auch, Madam.«

Doris Dawson zog heftig an ihrem Zigarillo, paffte ein paar graublaue Wolken und drückte den Rest des Zigarillos dann im Aschenbecher aus. Jetzt war sie bereit. Sie suchte den Blick im Rückspiegel, fand ihn auch, aber der Verfolger war nicht zu sehen. Ihr Fahrer war mit dem Tempo heruntergegangen, und das musste der Mann auf der Maschine auch getan haben.

Das hörte auf, als Luke noch mehr Gas wegnahm. Jetzt fuhren sie sehr langsam, beinahe im Schritttempo, und jetzt hatten sie Glück, denn der Verfolger zeigte sich im Innenspiegel.

»Ha, das ist er!«, rief Doris.

»Genau, Madam.«

»Und jetzt?«

»Wir werden das tun, was wir uns vorgenommen haben, Madam. Wir werden kurz vor der Höhe in eine Parkbucht fahren und abwarten, was geschieht.«

»Ja, das ist gut.«

Viel Zeit hatten sie nicht mehr. Nach einer recht scharfen Kurve folgte eine Gerade, nur an ihrer linken Seite war eine Parkbucht zu sehen, in die sogar ein Truck gepasst hätte.

»Ich fahre jetzt hinein.«

»Tun Sie das.«

Luke lenkte nach links. Auch ihm war nicht besonders wohl auf der Fahrt. Er fragte sich, warum sie verfolgt wurden. Das ließ auf Feinde schließen, aber darüber hatte seine Chefin mit ihm nicht gesprochen. Sie hatte sich wohl verändert gezeigt, als sie von der Beerdigung gekommen war, die so gar nicht stattgefunden hatte, wie sie hätte ablaufen sollen.

Sie standen. Sekunden verstrichen, dann stellte der Fahrer eine Frage.

»Soll ich aussteigen, Madam?«

»Nein, noch nicht, wir warten ab.«

»Gut.« Luke war ein Mensch, der sich so leicht vor nichts fürchtete. Hier aber war ihm unwohl. Zwar hatte er den Verfolger gesehen und auch als normal eingestuft, und doch hatte er dabei ein ungutes Gefühl bekommen, das auch jetzt noch nicht verschwunden war. Er spürte seinen Herzschlag. Den Innenspiegel hatte er so gedreht, dass er die Parkbucht hinter dem Wagen beobachten konnte. Außer ihnen stand niemand hier.

»Er scheint sich Zeit zu lassen, Madam.«

»Richtig.« Sie lachte stoßweise. »Darum frage ich mich, ob er aufgegeben hat.«

»Nein, Madam, das denke ich nicht. Einer wie der gibt nicht auf. Er hätte sonst all die Mühen nicht auf sich genommen. Der will etwas, und der will was von uns.«

»Das befürchte ich auch.«

Es verstrichen noch einige Sekunden, dann wurde alles anders. Der Verfolger erschien. Nur fuhr er nicht mehr normal, sondern so langsam wie möglich tuckerte er näher.

»Ja, wir haben uns nicht geirrt, Luke. Er will etwas von uns. Ganz klar.«

»Was machen wir, Madam?«

»Abwarten.«

»Gut. Aber ich denke, dass wir ihn doch fragen sollten, was er mit uns vorhat oder von uns will.«

»Ja, das können wir.«

Nach dieser Antwort herrschte Schweigen, nur schwere Atemzüge waren zu hören.

Doris Dawson atmete durch den Mund. Aber sie behielt ihren Blick bei, denn sie wollte sehen, was da passierte und auch wer der Verfolger war. Bisher war von ihm nur die Gestalt zu sehen, nicht aber sein Gesicht, das unter einem Helm verschwunden war.

»Der wartet, Luke.«

»Ja, sieht so aus.«

»Aber auf wen wartet er? Auf uns?«

»Kann sein.«

»Dann sollten wir ihm den Gefallen tun.«

»Was meinen Sie damit, Madam?«

»Mit ihm Kontakt aufnehmen. Hingehen und ihn zum Reden bringen. Das ist es doch.«

»Ja, das wäre nicht schlecht.«

»Dann tun Sie es, Luke.«

»Klar.« Luke öffnete die Tür. Er war beileibe kein ängstlicher Mensch, doch beim Aussteigen spürte er schon so etwas wie einen Kloß im Magen, sodass er dies mit einer Vorwarnung verglich …

***

Wir waren wieder nach Hause gefahren und hatten uns eingestehen müssen, nur zweiter Sieger gewesen zu sein. Die Beerdigung hatte uns die Grenzen aufgezeigt. Da waren wir nur Statisten gewesen. Da hatte ein Toter mit uns gespielt. Ein gewisser Sir Peter Dawson war gestorben. Noch kurz vor seinem Tod hatte er mich zu sich an sein Sterbebett kommen lassen, um mir vom Jenseits zu erzählen, von den besonderen Gegebenheiten dort, und dann war er gestorben.

Das dachte ich.

Es gab ihn noch. Es gab ihn, weil er wieder zu einem besonderen Leben erweckt worden war, und er war nicht mehr allein, denn es gab noch einen Begleiter, der ihm auf seinen Wegen nicht von der Seite weichen würde.

Peter Dawson war ein Mensch, ein Toter, einer, der aus dem Jenseits kam, einer, der keine Seele hatte und trotzdem existierte, weil er einen Begleiter an seiner Seite hatte.

Das war eine schillernde Persönlichkeit. Ich wusste nicht genau, um wen es sich dabei handelte. Es war keine menschliche Gestalt, und ich ging mal davon aus, dass es sich um einen Gruß aus der Hölle handelte. Dass der Teufel einen seiner bösen Engel geschickt hatte, der eine bestimmte Aufgabe hatte!

Er war uns über. Wir hatten ihn nicht stellen können. Wir hatten das Nachsehen gehabt, aber wir wussten jetzt, dass der Tote, der noch immer auf eine gewisse Art und Weise herumgeisterte, uns über war.

Und er wollte Rache!

Rache hieß töten.

Das hatte er schon bewiesen und seinen Sohn Elmar und dessen Lebenspartner Jack Warner getötet. Aber das war nicht alles gewesen. Es musste weitergehen, aber wir mussten erst mal wieder tief durchatmen, uns erholen, und dann zu einem neuen Angriff ansetzen.

Aber wo sollten wir angreifen?

Ich wusste es nicht. Ich hatte noch keine Ahnung. Eine Nacht lag vor mir, und ich hoffte, dass ich am anderen Morgen so etwas wie eine Idee hatte.

Oder auch Suko und Glenda Perkins, denn beide hatten mich auf den Friedhof begleitet.

Ich hatte mir eine Dose Bier aus dem Kühlschrank geholt und machte mir meine Gedanken. Es war nicht gut für uns gelaufen, aber wir fanden auch nicht das Rad, mit dem wir alles umdrehen konnten.

Draußen war es zwar noch warm, aber es hatte sich bereits die Dunkelheit über die Stadt gelegt. Man merkte, dass der Sommer sich allmählich verabschiedete.

Ich wollte nicht mehr lange aufbleiben. Den Ton der Glotze hatte ich leiser gestellt, und deshalb klang das Telefon mit seiner Melodie besonders laut.

Ich hob ab und hatte dabei einen leichten Druck im Magen.

»Ich hoffe, du hast noch nicht geschlafen, John«, hörte ich Glendas Stimme.

»Nein.«

»Das ist gut.«

Ich hatte herausgehört, dass ihre Stimme leicht zitterte, und ahnte schon einiges.

»Was gibt es?«, wollte ich wissen.

»Es ist noch nicht vorbei, John.«

»Was meinst du damit?«

»Unser Fall Dawson.«

»Ja, ja, ich weiß, dass es noch nicht vorbei ist. Wir müssen noch mal von vorn anfangen und …«

»Bitte, John, deshalb habe ich dich nicht angerufen. Aber es geht um das Thema. Ich bin angerufen worden, John, und deshalb spreche ich jetzt mit dir.«

»Okay, ich höre.«

»Ich bekam einen Anruf, der mir erklärte, dass es weitergehen wird. Dass es noch nicht zu Ende ist. Und wenn du mich jetzt fragst, wer angerufen hat, kann ich nur sagen, dass ich es nicht weiß. Ich habe die Stimme nicht erkannt.«

»War sie männlich?«

»Das schon.«

»Kann sie auch einem Toten gehört haben?«

Glenda lachte. »Das weiß ich nicht, aber alles ist möglich, sage ich dir.«

»Okay. Ich weiß jetzt Bescheid, und ich frage dich, ob du auch weiterhin allein in deiner Wohnung bleiben willst oder ob ich zu dir kommen soll.«

»Das ist nicht nötig, John, wirklich nicht. Du kannst bleiben. Ich habe den Anruf nicht als eine direkte Drohung wahrgenommen. Deshalb hält sich meine Furcht auch in Grenzen.«

»Das ist ein Wort. Aber wenn du Probleme hast, rufe wieder an. Egal, um welche Uhrzeit.«

»Werde ich machen, John. Gute Nacht.«

»Ja, dir auch.« Ich legte auf, und meine Stirn legte sich in Sorgenfalten. Es war nicht leicht, gewisse Tatsachen zu akzeptieren, aber ich musste es tun. Noch zeigte sich die andere Seite uns überlegen, aber ich setzte darauf, dass es diesmal anders sein würde.

Ich trank die Dose Bier leer und dachte darüber nach, warum ausgerechnet Glenda Perkins angerufen worden war. Okay, sie war mit auf dem Friedhof gewesen, aber sie war diejenige, die man als den schwächsten Punkt einstufen musste. Vielleicht hatte die andere Seite sie deshalb angerufen. Aber wer war die andere Seite?

Das wusste ich genau, und doch brachte mich dieses Wissen vorläufig nicht weiter. Wenn ich den Anruf richtig interpretierte, dann war die andere Seite noch am Ball. Sie hatte sich gemeldet, und sie würde es auch weiterhin so halten.

So konnte ich gespannt auf die Zukunft sein …

***

Der Fahrer Luke hatte den Wagen verlassen und die Tür hinter sich zugeschlagen.

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