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John Sinclair - Folge 1838

Der Begleiter

(1. Teil)

»Bitte, Doktor, bitte, er muss kommen. Holen Sie ihn. Sorgen Sie dafür, dass ich ihn sehen kann.«

Der Arzt lächelte, bevor er fragte: »Meinen Sie wirklich diesen John Sinclair, den Polizisten?«

»Ja, aber er ist nicht nur ein einfacher Polizist.« Die Finger des Todkranken umkrallten das Handgelenk des Arztes. »Tun Sie mir bitte den Gefallen.«

»Warum ist er denn so wichtig?«

Der Kranke atmete rasselnd ein. »Ja, er ist wichtig. Ich muss mit ihm reden. Er und ich, wir waren nicht immer derselben Meinung, aber jetzt muss ich mit ihm reden. Sinclair ist nicht nur Polizist, er ist mehr, viel mehr, glauben Sie mir.«

»Nun ja, wenn Sie das sagen, Sir.«

»Ach, hören Sie auf. Lassen Sie das Sir weg. Ich war mal mächtig, das ist lange her.«

»Na ja, so lange auch nicht. Man kennt Sie schon noch.«

»Das weiß ich, aber jetzt tun Sie mir den Gefallen. Ich denke, dass er auf Sie hört, Doktor.«

Der Arzt nickte. »Ich werden schauen, was sich machen lässt.«

»Danke, das ist gut. Ich bin für diese Welt schon nicht mehr da, denn ich spüre, dass bereits der Sensenmann in meiner Nähe steht, er muss nur noch zugreifen.«

»So weit ist es noch nicht«, erklärte der Mediziner und nickte dem Todkranken zu, den der Krebs innerlich zerfressen hatte. »Ich kann dann nur für Sie hoffen, dass dieser John Sinclair auch zu erreichen ist und Sie aufsuchen will.«

»Versuchen Sie es über seinen Chef Sir James Powell. Er kennt mich, er weiß, was zu tun ist.«

»Gut.« Der Arzt nickte. »Wenn alles klappt, wird dieser John Sinclair noch heute bei Ihnen sein.«

Sir Peter atmete auf. Er stöhnte dabei. »Danke, danke, dass Sie das für mich tun.«

»Kein Problem, Sir Peter, kein Problem …«

***

Sir Peter Dawson lag im Sterben, und mich wollte er sehen. Ausgerechnet mich.

Ich konnte es kaum fassen. Er und ich, wir waren zwar keine Feinde, aber auch keine Freunde. Der Mann war ein Zeitungsmogul, und er hatte einige Male über mich Artikel schreiben lassen, die meinen Job lächerlich machen sollten. Dass das, was ich tat, alles Quatsch war, dass es keine fremden Mächte gab, dass ich mich lächerlich machte und ich überhaupt eine lächerliche Figur war.

Diese Artikel lagen Jahre zurück. Es war dann nicht mehr über mich und meinen Kollegen geschrieben worden, was auch daran lag, dass sich Sir James Powell eingemischt hatte. Er und Sir Peter gehörten befreundeten Clubs an, und man hatte sich auf diese Art und Weise geeinigt.

Der Mann mischte im Pressegeschäft immer noch mit, aber jetzt mehr im Online-Bereich.

Und nun wollte er mich sprechen. Das war kaum zu fassen. Ich schaute meinen Chef, der mir gegenüber saß, ungläubig an, und ich sah auch sein feines Lächeln.

»Bitte, Sir, habe ich richtig verstanden? Dieser Typ will mich tatsächlich sprechen?«

»Ja.«

»Aber warum?«

»Das weiß ich nicht.« Sir James winkte ab. »Er hat sich auch nicht persönlich bei mir gemeldet, sondern seinen Arzt vorgeschickt. Der erklärte mir, dass der Patient nicht mehr lange leben wird. In den nächsten Tagen ist es vorbei. Vielleicht heute schon, wer kann das wissen. Deshalb eilt es auch.«

»Sagt die andere Seite?«

»Ja, wenn Sie das so wollen, John.« Sir James holte Luft. »Ich kann Sie beim besten Willen nicht zwingen, John. Tun Sie, was Sie selbst meinen.«

»Ja, das muss ich wohl.«

Sir James sprach dagegen. »Sie sollten sich nicht vergewaltigen, John. Das auf keinen Fall. Ich frage mich nur, ob Sie nicht neugierig geworden sind, was dieser alte Hetzer jetzt auf dem Sterbebett von Ihnen will. Ich denke nicht, dass er sich für seine Artikel entschuldigen will. Nein, nein …«

»Oder er braucht Hilfe.«

Ich hatte den Satz eigentlich nur so dahin gesagt, aber da zuckte mein Chef zusammen. Er schaute mich aufmerksam an und flüsterte: »Das kann es sein. Das ist möglich.«

So überzeugt war ich nicht, aber das sagte ich meinem Chef nicht. Dafür fragte ich: »Hat er einen Termin genannt, wann ich bei ihm eintreffen soll?«

»Nein, das hat er nicht. Ich denke, Sie können zu ihm kommen, wann immer Sie wollen.«

»Okay. Und wo finde ich den alten Zänker?«

»Es ist eine Privatklinik, in der er liegt. Sie müssen nach Chelsea fahren.« Ich bekam eine Visitenkarte. »Da haben Sie die Anschrift, John. Und tun Sie mir einen Gefallen.«

»Welchen?«

»Vergessen Sie den alten Streit.«

»Ich werde mich bemühen.«

»Gut. Dann erwarte ich später einen Bericht von Ihnen.« Sir James legte seine Stirn in Falten. Ich wusste jetzt, dass er noch nicht fertig war. »Wissen Sie, was ich denke?«

»Nein.«

Sein Kinn ruckte vor. »Ich kann mir denken, dass er Sie aus einem bestimmten Grund bei sich haben will. Und das hat, so kann ich mit auch vorstellen, mit Ihrem Job zu tun. Irgendwas stimmt da nicht, das sagt mir meine innere Stimme.«

»Okay, Sir. Aber meine hat sich noch nicht gemeldet. Kann ja noch kommen.«

Sir James drohte mir mit seinem erhobenen Zeigefinger. »Nehmen Sie das nicht zu leicht.«

»Danke für den Rat. Ich werde mich bemühen.« Dann war ich aus dem Büro und schüttelte den Kopf.

***

Für meinen Rover bekam ich einen Parkplatz vor der Klinik. Er war nur den Besuchern vorenthalten und er war auch nicht besonders groß. Das war gar nicht nötig, denn auch die Klinik war kein Koloss. Sie erinnerte mehr an ein etwas größeres Haus, in dem nur einige Parteien lebten.

Verabredet war ich mit einem Doktor Morton. Den Termin hatte ich am Telefon gemacht. Ich hatte nur zwei Minuten Verspätung, was in London schon mehr als super ist. Vom Parkplatz her schritt ich über einen Plattenweg dem Eingang entgegen, der an der Seite des Hauses lag. Nur ein schlichtes Schild wies darauf hin, dass sich hier eine Klinik befand. Man wollte es nicht nach außen hin zeigen. Es gab auch sonst keinen Namen zu lesen, als ich vor der Tür stand. Aber ich stellte fest, dass ich von einigen Kameras beobachtet wurde. Egal, daran muss man sich in London gewöhnen.

Ich klingelte und wartete darauf, dass man mir öffnete. Eine Stimme drang an mein Ohr, und ich hörte die Frage: »Bitte, wen darf ich melden?«

»John Sinclair.«

»Einen Augenblick, bitte.«

Es war auch wirklich nur ein Augenblick. Dann erklang das Summen, und ich konnte die Tür nach innen drücken. So trat ich ein in diese andere Welt, in der es still war und man so gar nicht den Eindruck hatte, in einer Klinik zu sein. Die Wände waren in einem zarten Grün gehalten. Es gab eine Sitzgruppe mit einem weichen Lederüberzug, einen ovalen Tisch, auch Lesestoff, ein Fenster zum Garten und eine junge Frau, die hinter einem Schreibtisch saß und lächelte. Sie hatte mir auch die Tür geöffnet.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz. Doktor Morton wird bald hier sein.«

»Danke.« Ich setzte mich und schaute zu der Frau hin, die sich eine Brille aufsetzte, deren Bügel die gleiche Rotfärbung hatten wie ihre Haare.

Es war und blieb still. Bis auf ein Summen in der Nähe. Als das verstummte, hörte ich die Schritte und dann tauchte der Arzt auf, mit dem ich verabredet war.

Dr. Morton war ein hoch gewachsener Mann mit schwarzen Haaren und einem dünnen schwarzen Kinnbart. Er lächelte breit, hielt mir seine Hand hin und sagte: »Sie also sind John Sinclair.«

»Ja.«

»Danke, dass Sie gekommen sind. Damit haben Sie unserem Patienten einen großen Gefallen getan.«

»Das hoffe ich. Aber ich möchte Sie noch etwas fragen, Doktor.«

»Bitte, tun Sie das.«

»Worum geht es genau?«

Da hob der Mann im weißen Kittel die Schultern an. »Sorry, aber ich weiß es nicht.«

Das wollte mir nicht in den Kopf. »Aber Sie haben doch auch mit dem Mann geredet. Oder nicht?«

»Ja, das habe ich.«

»Und?«

Er schüttelte den Kopf. »Nichts, Mister Sinclair. Er wollte mir nichts sagen. Nur Sie waren wichtig, und das sehr intensiv. Er hat mich gedrängt, und ich habe es als den letzten Wunsch eines Patienten aufgefasst, bevor dieser stirbt. Er hat sich wirklich nach Ihnen gesehnt.«

»Das ist seltsam.«

»Warum?«

»Ach, wir sind nicht die besten Freunde gewesen. Aber das liegt lange zurück.«

»Wie gesagt, ich habe nur seinen Wunsch in die Tat umgesetzt.«

»Ist er denn wach?«

»Ja.« Der Arzt lachte. »Er kam mir wie aufgedreht vor. Als hätte er noch mal einen Schuss Leben bekommen.«

»Hört sich ja gut an.«

»Sicher.«

»Dann möchte ich ihn gern sehen.«

»Okay, kommen Sie mit.«

Das Krankenzimmer lag in der ersten Etage. Der Lift brachte uns hoch. Die Kabine war sogar von innen gepflastert. Hier war alles sehr nobel, und die Preise sicherlich auch.

Ich sagte nichts auf der kurzen Fahrt. Wir stiegen in einem Flur aus, in dem die Wände ebenfalls einen lindgrünen Anstrich zeigten. Im Gegensatz zu den Zimmertüren, die in Nischen lagen und beige gestrichen waren.

Ich folgte dem Arzt, der den Gang weiterging, bis er die zweitletzte Tür auf der linken Seite erreichte.

»Hier ist es.«

»Gut«, sagte ich gepresst. In den letzten Sekunden hatte mich ein komisches Gefühl erfasst. Ich spürte den leichten Druck im Magen, eine Vorstufe einer gewissen Nervosität. Warum das so war, konnte ich auch nicht sagen. Es hing wahrscheinlich mit dem zusammen, was sich hinter der Tür befand.

Der Arzt klopfte an, bevor er die Tür öffnete, die lautlos aufglitt. Er überschritt die Schwelle, dann war ich an der Reihe und schob mich an ihm vorbei.

Das Krankenzimmer war nicht besonders groß. Aber durch das Fenster sehr hell.

Und dann stand da das Bett. Es war recht breit, und ich wunderte mich darüber, dass es nicht von irgendwelchen Instrumenten umrahmt war, Messgeräten, die man bei einem Sterbenden erwartet hätte. Nein, hier war gar nichts.

Im Bett lag die greise Gestalt. Nichts wies mehr auf einen Menschen hin, mit dem ich schon einigen Ärger gehabt hatte. Ich sah einen kleinen Kopf, eine welke Haut und eine Nase, die sehr scharf hervorstach.

Der Kranke hatte genau mitbekommen, dass sein Arzt einen Besucher mitgebracht hatte.

»Ha, da ist er ja. John Sinclair. Himmel, Sie sehen immer noch gut aus. Und Sie waren neugierig genug, um zu mir zu kommen, weil Sie wissen möchten, was dieser Greis von Ihnen will.«

»Ja, so ähnlich.«

Die Finger der rechten Hand bewegten sich, als wollte der Alte, dass der Arzt verschwand.

Der tat ihm den Gefallen, sagte aber: »Ich gehe, aber ich sage Ihnen, dass Sie, wenn es Ihnen schlecht geht …«

»Bla, bla, bla. Hören Sie auf, bitte.«

»Schon gut.«

»Dann gehen Sie jetzt.«

Der Arzt warf mir noch einen aufmunternden Blick zu, dann verließ er das Zimmer.

Sir Peter Dawson nickte. »So«, sagte er dabei, »jetzt sind wir unter uns.«

»Ja.«

»Setzen Sie sich. Holen Sie sich den Stuhl von da hinten. Ich will nicht, dass Sie auf mich starren.«

»Alles klar.«

Wenig später saß ich an der Bettkante und schaute in das Gesicht des Mannes, der nicht mehr lange zu leben hatte. Der nahe Tod hatte bei ihm schon seine Zeichen hinterlassen. Ich entnahm es seinem Blick, der sehr trübe war, aber irgendwie auch hell. Nur die Haut sah schon anders aus, seine Lippen wirkten wie zwei Lappenstücke, und die hellen Haare standen wirr ab.

»Ist lange her, nicht?«

»Stimmt.«

»Ja, ich habe damals über Sie geschrieben, Sinclair, weil ich der Meinung war, dass ich das tun musste. Es hat nichts gebracht, und inzwischen bin ich alt geworden. Ich stehe kurz davon, dem Sensenmann die Hand zu geben.«

»Ja, das ist wohl so.«

»Und deshalb möchte ich noch etwas klären«, flüsterte der Greis. »Nicht dass Sie denken, dass ich alles zurücknehmen werde, nein, das nicht. Das lasse ich so stehen, aber ich kann Ihnen sagen, dass ich gelernt habe.«

»Oh. Inwiefern?«

»Ja, denn ich glaube zu wissen, dass es doch Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir uns kaum vorstellen können.«

»Gut.«

»Mehr sagen Sie nicht?«

»Ich höre. Das ist doch nicht alles, was Sie mir haben sagen wollen. Oder?«

»Nein«, sagte er leise. »Aber es ist ein Anfang, Mister. Ja, ein Anfang, denn ich habe umgedacht. Ich weiß jetzt, dass Ihre Arbeit sehr wertvoll ist.«

»Danke.«

»Und dass auch einiges dahintersteckt.«

»Okay, Sir Peter. Aber was hat Sie zu dieser Umkehr gebracht? Können Sie mir das sagen?«

»Es war ein Denkprozess«, gab er nach einer Weile zu. »Damit fing es an. Dann ging es weiter. Ich wollte Beweise haben. Ich habe mich mit den verschiedenen Theorien beschäftigt, weil ich mal einen anderen Blickwinkel haben wollte.«

»Und bekamen Sie den?«

»Ich denke schon. Ich habe mir ein bestimmtes Thema ausgesucht. Und zwar den Tod.«

»Was sagen Sie da?«

»Sie haben richtig gehört. Ich meine den Tod. Ich wollte mich mit dem beschäftigen, was unweigerlich auf mich zukommt, wissen Sie?«

»Das kann ich nachvollziehen, Sir Peter.«

»Danke.« Er lachte leise. »Ich wollte dem Tod seinen Schrecken nehmen. Ich wollte mich mit ihm arrangieren.«

»Oh, da haben Sie sich aber was vorgenommen.«

»Das weiß ich.«

»Und? Gab es ein Ergebnis?«

Sir Peter Dawson ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ja, es gab ein Ergebnis«, flüsterte er. »Ich habe mich mit dem Jenseits beschäftigt, mit den Engeln, mit Dantes Hölle, mit Geistern, die keine Ruhe finden, und mit welchen, die Ruhe haben.«

»Wie lautete Ihr Fazit?«

»Dass der Tod gar nicht so schlimm ist. Ich bin fast davon überzeugt, im Jenseits oder wie immer man die andere Seite nennt, eine neue Aufgabe zu finden.«

»Und weiter?«

»Tja, je mehr Zeit verging, umso mehr habe ich meine Forschungen aktiviert. Da lag ich noch nicht hier, da war ich noch zu Hause, aber ich wusste da schon, dass mich der Krebs fressen würde.«

»Was haben Sie denn herausgefunden, Sir Peter?«

»Das ist ganz einfach gesagt. Dass Sie recht haben, John Sinclair. Ja, Sie haben recht, wenn Sie behaupten, dass es andere Welten oder Dimensionen gibt. So ist das nun, und ich muss mich einfach damit abfinden. Es war wunderbar und faszinierend zugleich. Ich habe mich mit den Engeln beschäftigt, denn ich hatte den Plan, meinen Schutzengel zu finden und ihn zu bitten, dass er auf mich achtet.«

»Sehr gut. Haben Sie das?«

»Ich hoffe.«

»Aber Sie wissen es nicht.«

»Nein, nicht genau. Ich bin mir aber fast sicher, dass es mich erwischt. Bald schon. Und deshalb möchte ich, dass Sie hier an meinem Bett bleiben.«

Ich lachte innerlich. Der Mann hatte gut reden. Ich konnte hier nicht den Rest des Tages verbringen oder auch die folgende Nacht. Nein, das wollte ich nicht.

»An Ihrem Bett kann ich nicht so lange bleiben. Ich habe noch zu tun. Ich bin gekommen, weil mich mein Chef darum gebeten hat. Dass Sie Abschied nehmen wollten, Sir Peter.«

»Ja, ja, das ist auch so. Aber es soll ein besonderer Abschied sein, John.«

»Gut und welcher?«

»Ich bin beim Sterben nicht allein«, flüsterte er.

»Aha. Und wer ist bei Ihnen?«

»Ich habe einen Begleiter …«

***

...

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