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John Sinclair - Folge 1837

Nacht-Phantom

In dieser Sommernacht war es nicht nur warm, sondern auch schwül. Hinzu kam die Dunkelheit, die sich als riesiger Vorhang über das Land gesenkt hatte.

Die hatten die beiden Männer abgewartet, die ihr Auto verlassen hatten und aus einer gewissen Entfernung die alte Ruine beobachteten. Sie befanden sich auf einer kleinen Erhöhung, von der aus sie eine gute Sicht hatten. Hin und wieder hob einer der beiden sein Nachtsichtgerät an die Augen und richtete seinen Blick auf die alte Ruine …

Mist«, murmelte der Mann, der auf den Namen Scotty hörte.

»Was ist denn?«

»Der taucht bestimmt nicht mehr auf, der verdammte Blutsauger, und wir hocken hier umsonst.«

Bill Conolly, der zweite Mann, legte Scotty seine Hand auf den Unterarm. »Abwarten, er kommt schon noch.«

Scotty lachte und wischte über seine feuchte Stirn. »Glauben kann ich das nicht.«

»Er wird noch erscheinen. Die Nacht ist seine Zeit. Bald geht der Mond auf. Da geht er auf Blutsuche.«

»Sollte man meinen.« Scotty ließ das Glas wieder sinken. Er sagte nichts mehr und hing seinen Gedanken nach.

Das traf auch bei dem Reporter Bill Conolly zu. Auch er dachte darüber nach, warum er eigentlich hier hockte. Nicht, weil er nicht schlafen konnte, nein, es ging hier um eine Gestalt der Nacht, um einen Vampir, ein unheimliches Wesen. Lautlos wie ein Phantom glitt sie durch die Nacht und war auf der Suche nach Blut. Wer sie gesehen hatte, sprach von ihrer Übergröße, vor allen Dingen in der Breite, denn sie sollte Flügel oder Schwingen haben, die an den Ecken so kantig waren wie die von Fledermäusen. Deshalb sprach man auch von einem Vampir- oder Nacht-Phantom.

Daran hatten die beiden Männer Interesse. Bill, der als Reporter arbeitete, brauchte mal wieder eine gute Geschichte, um das Sommerloch auszufüllen.

Aber nicht nur deshalb hockte Bill hier. Er war jemand, der auch an Dinge glaubte und sie seit Jahren immer wieder bewiesen bekam, die andere Menschen negierten. Hinzu kam, dass sein ältester Freund der Geisterjäger John Sinclair war. Ihm allerdings hatte er nichts von seinem nächtlichen Ausflug erzählt.

Und dann gab es noch Scotty. Er gehörte zu Bills Bekannten, zu seinen Informanten. Der Reporter hatte sich im Laufe der Jahre ein gewisses Netzwerk geschaffen. Scotty arbeitete neben anderen Jobs auch mal als Privatdetektiv. Und er war neugierig. Er hatte seine Ohren überall, und er war jemand, den man kaum sah. Das lag an seiner Körpergröße, aber auch daran, dass er sich schnell und lautlos bewegen konnte. Er war dann plötzlich da, hörte, was gesprochen wurde, stellte hin und wieder Nachfragen und war blitzschnell verschwunden, wenn jemand bei ihm nachfragen wollte.

Bill Conolly mochte er. Und nicht nur das. Er bewunderte ihn. Bill hatte aus seinem Job das Richtige gemacht. Er führte ein nie langweiliges Leben, hatte eine Familie – und gehörte zu den Menschen mit blendenden Beziehungen, sodass ihm viele Türen geöffnet wurden, die anderen verschlossen blieben.

Scotty stieß Bill an. »Denkst du jetzt, dass ich dich reingelegt habe?«

»Warum sollte ich das?«

»Weil wir noch keinen Vampir gesehen haben.«

Bill grinste. »Es ist auch noch nicht Mitternacht.«

»Da hast du auch recht. Aber wenn erst der Vollmond am Himmel steht, sind die Voraussetzungen gut.«

»Eben, Scotty. Dann solltest du dich nicht beschweren.«

»Tue ich ja nicht.«

»Aber du kannst es nicht erwarten.«

»Ja, aber aus einem anderen Grund, als du denkst.«

»Aus welchem denn?«

Scotty rutschte hin und her. »Ich will mal wieder dabei sein, wenn es richtig rund geht.«

»Warte ab, aber sei auch auf der Hut. Wenn die Gestalt wirklich ein Vampir ist, sieh zu, dass du ihr nicht zu nahe kommst. Das könnte für dich gefährlich werden.«

»Ja, ja, der Biss.«

»Genau.«

Scotty grinste und schlug Bill Conolly auf die Schulter. »Keine Sorge, ich habe mich schon vorbereitet. Ich habe viel über die Blutsauger gelesen und weiß, wie man ihnen beikommen kann.«

»Das ist gut.«

»Willst du mal sehen?«

»Du hast mir deinen Pfahl schon gezeigt.«

»Er ist aus Eiche, Bill.«

»Super.«

Scotty sprach mit gesenkter Stimme. »Und wenn ich ihn diesem Blutsauger in die Brust ramme, dann kommt er am anderen Ende wieder hervor, das kann ich dir schwören.«

»Ich wünsche es dir.«

»Gut.«

Bill sagte nichts mehr, er warf einen schnellen Blick auf seine Uhr.

Es mussten noch sechs Minuten vergehen, dann war die Tageswende erreicht. Und Bill war gespannt, ob sich der Vampir an diese alte Regel halten würde.

Gesehen hatte er die Gestalt noch nicht. Er kannte auch deren Namen nicht. Von Scotty wusste er nur, dass der Vampir als Nacht-Phantom angesehen wurde. Und das von vielen Menschen. Egal, aus welcher Altersgruppe oder aus welchen Berufen sie kamen. Die Leute waren der Meinung, dass es den Blutsauger gab. Sie konnten ihn sogar beschreiben, allerdings nicht sehr detailliert, denn aus der Nähe hatte ihn noch niemand zu Gesicht bekommen. Es wäre den Leuten wohl auch schlecht ergangen, denn wenn ein Vampir angriff, war der Mensch fast immer zweiter Sieger.

Auch Scotty hatte auf seine Uhr geschaut. »Ja, gleich ist Mitternacht«, murmelte er, »dann entscheidet es sich.«

Bill Conolly erwiderte nichts. Er blickte nach links, wo sich der Vollmond allmählich über den Horizont erhob und das Land in sein bleiches Licht tauchte.

Das Warten gefiel beiden nicht, aber es gehörte nun mal dazu, und die Langeweile verschwand noch vor Mitternacht, denn da hörten sie plötzlich das Geräusch.

Es war nicht alltäglich. Ein lautes Schwirren und Wirbeln, als hätte jemand mit einem besonderen Instrument Musik gemacht. Es war nicht genau zu beschreiben, aber es kam aus einer Richtung, in die die beiden Männer schauten.

Daher sollte der Vampir kommen. Doch er kam nicht. Dafür hörten sie das wilde Brausen, und sie hatten beide den gleichen Gedanken. Sie hoben die Gläser vor die Augen und holten sich das Ziel näher heran.

Auch mit dem bloßen Auge wäre die Veränderung zu sehen gewesen, doch sie hatten es besser. Sie sahen die schwarze Wolke, die aus der Tiefe kam. Jetzt war sie dabei, in die Höhe zu fliegen. Wie viele Tiere es waren, wussten sie nicht, aber sie hatten erkannt, dass es sich hier nicht um Vögel handelte.

»Weißt du, was das sind, Bill?«

»Ja. Fledermäuse, denke ich.«

»Genau.« Scotty lachte. »Hätte ich nicht gedacht, oder doch? Jedenfalls ist es nicht überraschend für mich, denn Fledermäuse gehören zu einem Vampir, oder?«

»Ja, so sagt man.«

»Dann können wir uns auf etwas gefasst machen, Bill.«

Der Reporter gab keine Antwort. Er kümmerte sich mehr um die Wolke, die auch mit bloßem Auge zu sehen war, denn sie sah sehr geballt aus, als sie durch die Luft tobte und sich manchmal bewegte wie eine Welle.

Scotty rieb seine Hände. »Wir sind richtig!«, flüsterte er. »Bill, wir sind richtig. Das war die Vorhut, und ich bin mir sicher, dass der Blutsauger folgen wird.«

»Das könnte sein.«

»Und ich glaube auch, dass er dort hergekommen ist, wo wir auch die Fledermäuse gesehen haben.«

»Also bei der Ruine.«

Beide dachten nach. Sie hatten jetzt erlebt, dass es doch etwas gab, was ihren Verdacht bestätigte. Allerdings mussten sie auch eingestehen, dass sie zu weit entfernt waren. Um mehr herausfinden zu können, mussten sie näher heran.

Scotty sprach Bills Gedanken aus. »Wir können hier nicht bleiben. Wir müssen zur Ruine. Ich glaube nicht, dass der Vampir auftaucht und zu uns kommt. Wir müssen schon dort sein, wenn er sein Versteck verlässt. Das muss dir doch klar sein.«

»Ist es auch.«

»Super.«

Für die beiden Männer gab es kein Zögern mehr. Wie gesagt, sie hatten auf einer kleinen Anhöhe gesessen. Die Ruine stand ebenfalls auf einer Anhöhe, nur war sie höher und auch mächtiger. Zu der Ruine hoch schlängelte sich ein schmaler Weg, den sie nehmen mussten.

Scotty schaute Bill offen ins Gesicht. »Und?«

»Wir gehen.«

Scotty rieb seine Hände. »Darauf habe ich gewartet«, erwiderte er nur.

***

Es wurde ein Gang durch die Nacht, auf dem sie auf jegliches Licht verzichten konnten, da der Vollmond am Himmel stand.

Es gab die Fledermäuse noch. Sie bildeten auch weiterhin eine Wolke, die allerdings immer einen neuen Anblick bot, als müsste sie sich stets neu erfinden. Die Wolke war bereits so hoch, dass ihre Flattergeräusche nicht zu hören waren.

Es dauerte nicht lange, da waren beide in Schweiß gebadet. Es bereitete ihnen keinen Spaß, bei dieser Schwüle zu laufen.

Aber sie gaben nicht auf und erreichten bald den Beginn des Wegs, der hoch zur Ruine führte.

»Und jetzt noch klettern«, stöhnte Scotty.

»Du sagst es.«

»Macht dir das Spaß?«

»Und wie.«

Beide mussten lachen. Sie hatten immer noch kein Licht eingeschaltet. Das taten sie auch jetzt nicht, als sie den Weg hoch gingen, der sich in Serpentinen nach oben wand und dort endete, wo die alte Ruine stand.

Hoch über ihr schwebte die Wolke aus Fledermäusen. Sie bewegte sich kaum vom Fleck.

Der Atem der Männer ging schwerer, je höher sie kamen. Es war nicht immer gleich steil, da brauchte man schon eine gewisse Kondition, um gut voranzukommen. Die hatte Bill.

Scotty musste öfter eine Pause einlegen, und als er endlich die Serpentine hinter sich gelassen hatte, da sah er Bill Conolly einige Meter entfernt stehen.

Er ging keuchend auf ihn zu. »Na, was Neues?«

»Nein.«

»Das ist gut.«

»Warum?«

»Ich muss mich noch ausruhen, Bill.« Er beugte sich vor und atmete tief ein. »Dauert nicht lange.«

»Ist schon okay!« So hatte Bill Conolly Zeit, sich umzuschauen. Er drehte sich auf der Stelle um, und er ging davon aus, dass sie sich dort befanden, wo früher mal ein großer Saal gewesen war. Die Wände gab es noch zum Teil, sie ragten unterschiedlich hoch gegen den dunklen Himmel, aber es gab auch noch andere Reste und Erinnerungen aus früherer Zeit.

Die Wände und Mauerreste waren schwarz gefärbt, und man musste davon ausgehen, dass es hier mal zu einem großen Brand gekommen war.

Hier sollte der Blutsauger also zu finden sein. Ein guter Platz für das Phantom der Nacht. Allerdings nicht hier im Freien, denn Bill ging davon aus, dass es noch Keller gab, denn in derartigen Räumen fühlte sich ein Blutsauger wohl. Da konnte er die Tage verbringen, da erreichte ihn keine Sonne.

Scotty war wieder okay. Er stand vor Bill und nickte ihm zu. »Und jetzt, großer Meister? Was liegt an? Hast du eine Idee?«

»Was meinst du?«

»Wo wir suchen müssen.«

Bill verdrehte die Augen. »Erst mal sind wir hier, und ich glaube nicht, dass sich der Blutsauger zeigen wird, obwohl es dunkel ist. Wenn es ihn gibt, dann unter uns.«

»In einem Keller?«

»Ja, im Innern der Ruine. Den Keller muss es geben, und ich glaube auch, dass sich dort die Fledermäuse aufgehalten haben. Warum sie den Bereich verlassen haben, weiß ich nicht. Aber wir könnten es unter Umständen herausfinden.«

Scotty überlegte und sagte dann: »Also in die Tiefe?«

»Ja.«

»Gefällt mir nicht.«

Bill grinste. »Mir auch nicht. Aber ich will nicht verschwinden und mir später Vorwürfe machen, dass ich nicht alles getan habe, um den Blutsauger zu finden.«

»Ja, ja, schon gut.«

»Aber wenn du keinen Bock hast, kannst du ja hier auf mich warten.«

»He, nicht schlecht.«

»Möchtest du?«

Scotty schüttelte den Kopf. »Nein, mit gefangen, mit gehangen. Wir können uns ja wehren.«

»Das allerdings.«

»Dann los.«

Noch wussten sie nicht, wohin sie der Weg führen würde. Sie gerieten tiefer in die alte Ruine hinein. Jetzt suchten sie nach einer Öffnung, die vorhanden sein musste, wenn sie in die Tiefe wollten.

Die fanden sie.

Es war Bill Conolly, der sie entdeckte. Er hatte die Führung übernommen und auch seine kleine Taschenlampe eingeschaltet, die ein weißes, kaltes Licht abgab, das über den Boden floss und eine recht breite Steintreppe aus der Dunkelheit riss, die über Eck lag.

Bill blieb stehen.

»Hast du es gefunden?«, frage Scotty, der hinter ihm ging.

»Ich denke schon.«

Scotty schob sich heran. Auch er sah den Beginn der Treppe, aber beide entdeckten nicht, wo sie letztendlich endete, denn sie schien recht lang zu sein.

Bill leuchtete nach unten. Das kalte Licht floss über die Stufen und war so stark, dass es auch die letzte Stufe traf und sich auch davor noch ausbreitete.

Scotty schnaufte, als er seine gebückte Haltung verließ und sich aufrichtete.

»He, das ist es wohl.«

»Was meinst du?«

Scotty schüttelte den Kopf. »Es kann sein, dass dort unten sein Grab liegt. Es und den Vampir, der darin liegt, zu finden, deshalb sind wir ja gekommen. Wir müssen runter.«

»Das denke ich auch.« Bill spürte schon leichte Beklemmungen in seiner Brust. Er dachte daran, dass er jetzt gern seinen Freund John Sinclair an seiner Seite gehabt hätte, aber John war nicht da, und herzaubern könnt er ihn auch nicht.

Sie mussten da allein durch.

»Ich gehe als Erster«, sagte Bill.

»Okay.« Scotty räusperte sich. »Ich warte dann, bis du mir ein Zeichen gibst, dann komme ich nach.«

»Ja.«

»Dann viel Glück.«

Bill nickte. Es war eine breite Treppe, die vor ihm lag. Das Gestein war nicht unbedingt glatt. Jede Stufe hatte Beulen oder auch kleine Vertiefungen, die sich im Laufe der Zeit gebildet hatten.

Bill behielt seine Lampe in der linken Hand. Die andere wollte er frei haben, um so schnell wie möglich seine Beretta ziehen zu können.

Als er die erste Stufe erreicht hatte, blieb er stehen und leuchtete dorthin, wohin die Treppe führte.

Nein, das war kein Keller. Bill leuchtete in eine Umgebung, die man mit gutem Gewissen als ein Gewölbe bezeichnen konnte. Man hätte auch von einer unterirdischen Kapelle sprechen können, denn es gab sogar eine recht hohe Decke. Auf dem Boden lagen umgekippte Tische und auch Stühle.

Bill ging zwei Stufen weiter, weil er für Scotty Platz machen wollte. Er hatte hinter sich Schritte gehört. Als er sich umdrehte, stand Scotty vor ihm. Sein Gesicht lag im Halbdunkel und kam Bill in diesem Zwielicht fremd vor.

»Überrascht?«, fragte er.

Scotty nickte. »Ja, das bin ich. So etwas Gewaltiges habe ich nicht erwartet. Du?«

»Ich auch nicht.«

»W

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