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John Sinclair - Folge 1836

Fratze des Unheils

Wer an diesem Sommerabend über den See fuhr, dachte an alles, nur nicht an das Grauen und den Tod.

Die Luft war weich, die Schwüle des Tages verschwunden. Das Plätschern des Wassers wirkte wie eine sanfte Musik.

Noch war es hell. Am Himmel über dem See zeigten die Wolken verschiedene Muster. Irgendwie sahen sie alle aus wie weiße Kissen oder Oberbetten, die frisch gewaschen waren, so hell strahlten sie. Eine Sonnenscheibe war nicht mehr zu sehen, aber die untergegangene Sonne färbte den Himmel rot. Im Westen glühte es auf, als wäre dort die Klappe eines gewaltigen Ofens geöffnet worden …

Eric Fischer ruderte mit langsamen Bewegungen. Er wollte nichts überstürzen, denn noch war es warm, und er hatte keine Lust, auch jetzt noch zu schwitzen. Er wollte sich etwas erholen und hoffte dabei auf den schwachen Wind, der ihn umschmeichelte und der etwas kühler geworden war.

Es war ein Abend, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Die Geräusche des Tages waren verschwunden, und Fischer ruderte der Mitte des Sees entgegen.

Er liebte dieses Gewässer. Der Tegernsee war für ihn der See überhaupt. Nicht so groß. Sehr übersichtlich, von wunderschönen kleinen Orten umgeben, wobei er Rottach-Egern am meisten liebte, denn hier wohnte er auch in einem tollen Hotel.

Eric Fischer zog die Ruder noch einige Male durch, dann holte er sie ein und ließ sich treiben. Er hatte die Mitte des Sees zwar noch nicht erreicht, aber die Entfernung zum Ufer war weit genug. So würde er jetzt anfangen zu meditieren. Sich einfach nur hingeben, sich treiben lassen, eine halbe Stunde die Stille genießen. Keiner war da, der ihn störte, niemand sprach ihn an und wollte etwas von ihm. Er hatte sich nicht umsonst praktisch versteckt in seinem einwöchigen Urlaub, in dem er auch phasenweise sein Handy abstellte.

Einfach nur Ruhe haben, über das Leben nachdenken und auch über seine Karriere. Er wusste nicht, ob er sich auch weiterhin so reinhängen sollte, wie er es getan hatte. Zu einem Burn-out wollte er es nicht kommen lassen.

Fischer schloss die Augen. Es gefiel ihm, das Plätschern der Wellen zu hören. Er spürte auch das Schaukeln des Boots. Wenn er nicht achtgab, würden ihm die Augen zufallen und er versank in einen tiefen Schlaf. Schlafen konnte er in diesem Hotel wunderbar. Das hätte er nicht gedacht. Im Job hatte er das nicht erlebt, aber hier konnte er sich in den Nächten wirklich ausruhen.

Das weiche Schaukeln lullte ihn regerecht ein, aber er schrak zusammen, als es heftiger wurde. Als hätte jemand gegen sein Boot gestoßen, um ihn aus seinem Schlummer zu reißen.

Eric öffnete die Augen.

So etwas wie ein Adrenalinstoß jagte durch seinen Körper. Plötzlich schlug sein Herz schneller, und er wunderte sich darüber, denn es war ja nicht viel passiert. Nur eben das heftige Schaukeln hatte ihn irritiert, weil er nicht wusste, was der Grund war. Es war kein großes Boot in seiner Nähe vorbei gefahren, und trotzdem schaukelte der Kahn.

Warum?

Fischer hatte sich zwar nicht rücklings hingelegt, aber schon eine bequemere Haltung eingenommen. Die gab er jetzt wieder auf, denn er wollte wissen, was passiert war und wieso das überhaupt hatte geschehen können.

Er schaute auf die Wasserfläche zu beiden Seiten des Kahns. Sie hatte noch nicht den dunklen Ton angenommen und wirkte sehr klar, sodass er weit in das Wasser hineinschauen konnte.

Das Boot schaukelte. Es fiel ihm nicht leicht, sich zu konzentrieren. Er wusste auch nicht, was er suchte, aber er bekam plötzlich große Augen, als er zur rechten Seite schaute und sah, dass sich unter der Oberfläche etwas abmalte.

Er wusste nicht, wie tief dieses Etwas unter ihm lag, aber es war zu sehen, und plötzlich kroch ein Gefühl in ihm hoch, das sein Herz erreichte und es zu umklammern schien. Es war das Gefühl der Angst.

Urplötzlich hatte es ihn erfasst und ließ sein Herz schneller schlagen. Dafür gab es eigentlich keinen Grund, und doch schaffte er es nicht, sich dagegen zu wehren. Die Angst war da und die Ursache dieses Etwas in der Tiefe.

Aber was schwamm dort?

Er wusste es nicht. Es war da, aber es war nicht genau zu erkennen. Es sah kompakt aus, aber es ging nicht unter. Es war kein Gebilde aus Tang oder Schlamm, das war etwas anderes, und er wusste nicht, ob es lebte oder schon tot war.

Aber es schwamm.

Und Eric Fischer wollte es genau wissen. So weit wie möglich beugte er sich über Bord. Allerdings irritierte ihn der Wellenschlag, sodass er nicht klar sah.

Die Furcht blieb, ebenso wie der Druck, der sich um seine Brust gelegt hatte. Er wusste nicht, was sich dort unten befand, aber es war nicht normal, da war er sich sicher.

Und dann war es klar!

Im Wasser schwamm ein Gesicht. Es gab keinen Zweifel. Er sah es deutlich. Das war ein Gesicht. Eine Fratze sogar, und nichts störte jetzt mehr seinen klaren Blick.

Die Fratze war nicht glatt. Sie musste aus verschiedenen Versatzstücken zusammengesetzt worden sein, und sie strahlte etwas Bösartiges ab.

Eric Fischer hatte das Gefühl, dass sie im nächsten Augenblick aus dem Wasser und in sein Gesicht springen würde. Um den Mund herum sah sie wie ein Skelett aus, denn da schimmerten die blanken Knochen.

Es war grauenhaft. Es passte nicht in diese friedliche Stimmung, und er spürte, wie etwas Schlimmes von diesem Gesicht ausging und ihn erreichte.

Es war eine Macht. Er schaffte es nicht, ihr zu widerstehen. Sie war so stark.

Und das Gesicht war bleich. Ja, die bleiche Haut zu den dunklen Haaren, die durch das Wasser aufgeschwemmt wurden.

Trieb der Kopf zu ihm hoch?

Nein, er blieb im Wasser, aber der Blick nagelte den einsamen Ruderer trotzdem fest.

Eric Schneider flüsterte etwas, das er selbst nicht verstand. Dann schüttelte er den Kopf und hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit Langem wieder richtig durchatmen zu können.

Er schaute noch mal hin.

Dann auch ein drittes Mal.

Aber das Bild blieb.

Es gab keine Fratze mehr.

Sie war verschwunden!

***

Eric Fischer wusste nicht, was er denken sollte. Er saß in seinem Boot, wischte durch sein schweißfeuchtes Gesicht und war unfähig, sich zu bewegen.

Hinter seiner Stirn tuckerte es. Er schaute wieder dorthin, wo er das Gesicht gesehen hatte. Aber da war nichts mehr. Keine Fratze zu sehen, nur das, was ihm der See bot. Und der wurde allmählich immer dunkler. Es sah so aus, als schien er in eine andere Welt zu versinken.

Fischer richtete sich auf. Dass er dabei stöhnte, nahm er nur wie nebenbei wahr. Er blickte zum Himmel, aber auch der gab ihm keine Antwort. Er zog sich allmählich zu.

Und plötzlich geschah etwas, das er an sich nicht kannte. Er fing an zu zittern. So plötzlich, als hätte man kaltes Wasser über ihn gegossen. Es waren die Nerven, das stand für ihn fest. Sie machten nicht mehr mit. Jetzt wurde ihm klar, dass er tatsächlich Erholung brauchte. Das war einfach nicht zu fassen, nicht zu begreifen, und er war völlig durcheinander.

»Ich muss weg!«, flüsterte er. »Verdammt noch mal, ich muss hier weg!« Plötzlich war der See zu seinem Feind geworden. Wenn er sich umdrehte, dann sah er an den Ufern die kleinen Orte. Dort schimmerten zahlreiche Lichter, die ihn allerdings nicht beruhigten, sondern die Furcht noch stärker werden ließen.

Sekunden später tauchte er die Ruder ins Wasser. Dass es spritzte, war ihm egal. Er wollte so schnell wie möglich runter vom See, und dafür musste er rudern.

Er tat es.

Aber es geschah nicht wie beim Hinweg. Er geriet in eine regelrechte Panik hinein. Er hätte schreien können, was er dann auch tat, und er lauschte dem Echo seiner Schreie.

Er blickte nicht mehr auf die Oberfläche. Er wollte damit nichts mehr zu tun haben. Er musste das Ufer erreichen. Nur dort würde er sich sicher fühlen.

Er schaffte es.

Aber Eric Fischer hatte nicht darauf geachtet, wo er angelegt hatte. Er war nur froh gewesen, als der Kiel über den glatten Uferkies rutschte und das Boot dann zur Ruhe kam, und zwar auf einem Grasteppich.

Und er ließ sich Zeit, aus dem Boot zu klettern. Alles war noch zu frisch. Er fühlte sich, als hätte er soeben eine Sauna verlassen. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht feucht war. Einige Male holte er tief Luft, bog auch den Rücken durch, und dann konnte er nicht anders. Er musste lachen. Er war ungeheuer froh, es geschafft zu haben, auch wenn er nicht danach fragen wollte, was da eigentlich passiert war. Er befand sich nicht mehr auf dem Wasser, sondern auf dem Trockenen, wo sich die Angst allmählich zu verflüchtigen begann.

Er hatte es geschafft, aber er hockte noch immer im Boot und lauschte der Melodie der Wellen, die ans Ufer schwappten. Dann kletterte Eric Fischer endlich aus dem Boot, und als er neben dem Kahn stand, spürte er, dass seine Knie zitterten. So einfach war das Erlebnis doch nicht zu verkraften.

Beim Aussteigen hatte er dem See den Rücken zugedreht. Das änderte er jetzt, denn er fand wieder den Mut, über das Wasser zu schauen. Es bildete jetzt eine dunkle Fläche, die sich leicht schaukelnd bewegte. An den Ufern waren helle Lichtreflexe auf dem Wasser zu sehen, aber in der Mitte war es dunkel und sah geheimnisvoll aus.

Eric Fischer schauderte leicht zusammen. Er wollte nicht mehr daran denken, was im Dunkeln des Sees lauerte, aber das schaffte er nicht. Dieses fratzenhafte Gebilde stand immer noch vor seinen Augen, und er würde es auch so schnell nicht vergessen.

Erst jetzt wurde ihm richtig klar, dass er nicht dort an Land gegangen war, von wo er gestartet war. Das kleine Bootshaus stand weiter entfernt. Direkt hinter ihm begann ein Spazierweg, und dann sah er auch die Fassade eines Luxushotels, die wirkte, als wäre ein Kreuzfahrtschiff an Land gespült worden.

Sein Hotel lag nicht direkt am See. Er musste noch einige Hundert Meter gehen, aber das war nicht tragisch, denn der Weg führte ihn durch schmale Wohnstraßen mit sehr teuren Häusern, die zum Großteil leer standen, weil sich ihre Besitzer nur am Wochenende blicken ließen.

Eric Fischer war den Weg immer gern gegangen. Vor allen Dingen zum See hin. Da hatte er sich schon immer auf das Wasser gefreut. Das war jetzt nicht mehr der Fall. Es war die Angst, die ihn immer noch in ihren Klauen hielt, und er spürte auch den Druck, der auf ihm lastete. Immer wieder schaute er sich um, weil er sicher sein wollte, nicht verfolgt zu werden, aber er sah nichts. Es war alles okay. Niemand schlich hinter ihm her. Nur von vorn lief ihm ein einsamer Jogger entgegen, dessen keuchender Atem nicht zu überhören war.

Noch einmal einbiegen, dann hatte er die Straße erreicht, die direkt auf das Hotel zuführte. Wenn er erst mal dort war, würde es ihm besser gehen, davon war er überzeugt.

Und dann würde er sich noch einen Schluck gönnen. Im Zimmer gab es eine Minibar, in der auch zwei Flaschen Bier standen.

Das hätte ihn normalerweise zufrieden gemacht. An diesem Abend war das nicht so. Auch wenn er sich nicht mehr direkt fürchtete, vor der Nacht hatte er trotzdem Angst.

Es lag an seiner Erinnerung, denn er wusste genau, dass er das nicht vergessen würde, was er so intensiv erlebt hatte. Und er hoffte auch, dass es nicht erst ein Anfang gewesen war …

***

»Du musst mal raus«, sagte Jane Collins.

»Was meinst du damit?«

»Raus, John. Urlaub machen.«

Ich nickte. »Stimmt.«

»Dann fahr doch!«

»Super. Und wohin soll ich fahren?«

»Keine Ahnung.«

Ich lachte und fragte: »Wohin fährst du denn, liebe Jane Collins?«

Nie hätte ich gedacht, dass ich eine konkrete Antwort bekommen würde, aber es war tatsächlich der Fall. Ich erhielt sie und bekam große Augen.

»Ich fahre an einen See.«

»Aha. Und wann?«

»Übermorgen.« Jane lächelte honigsüß.

»Und wie lange?«

»Für eine Woche.«

»Aha.« Ich trank einen Schluck Bier und schaute auf die Beleuchtung des Biergartens, die über mir hing. Es war eine Schlange aus bunten Lampen. »Und wo liegt das Loch? Willst du Nessie suchen?«

Jane schüttelte den Kopf. »Was erzählst du denn für einen Mist? Nein, ich fahre nicht nach Schottland.«

»Aber die Seen …«

Die Detektivin verdrehte die Augen. »Es gibt auch noch in anderen Ländern Seen.«

»Stimmt. Jetzt fällt es mir wieder ein.« Ich lachte. »Aber wo willst du denn hin?«

»Nach Deutschland.«

»Ach, wie nett.«

»Nach Bayern. Es gibt dort wunderschöne Seen, und einen habe ich mir ausgesucht. Es ist der Tegernsee.«

»He«, rief ich, »den kenne ich.«

»Ach ja?«

Ich nickte heftig. »Es liegt schon einige Zeit zurück, da hatte ich dort einen Fall. Harry Stahl war auch dabei, und die Gegend ist mir noch in Erinnerung. Sie ist toll.«

»Das denke ich auch. Und deshalb will ich dorthin. Du könntest mitkommen, wenn du willst.«

Ich verzog die Lippen. »Na ja …«

»Jetzt hör mal auf zu lamentieren. Denk mal an deine gefährliche Arbeit. Du musst mal wieder Urlaub machen. Die Zeit ist reif dafür. Hinzu kommt das heiße Wetter. Jedenfalls werde ich übermorgen bis München fliegen und mir dort einen Leihwagen nehmen, den ich bereits bei der Autovermietung bestellt habe.«

»Wie praktisch.«

»Genau.« Jane trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, der zwischen uns stand. »Du kannst noch mitfliegen, allerdings musst du dich schnell entscheiden.«

»Wie schnell?«

Sie warf mir einen Luftkuss zu. »Sehr schnell.«

»Kann das auch morgen sein?«

»Ja, aber nicht so spät. Und wenn dein Chef sich weigert, schmeißt du die Brocken hin und steigst bei mir ein. Dann wirst du eben Privatdetektiv.«

»Ja, das ist mein Traum.«

»Spotte nicht.«

»Schon gut, ich werde es mir merken.«

Es war auch bei uns so etwas wie die Saure-Gurken-Zeit oder das Sommerloch, und auch ich hatte keine große Lust, mich allzu sehr in die Arbeit reinzuhängen. Ich wollte einfach mal eine Pause machen. Suko und Shao würden bleiben. Glenda Perkins war im Moment auf einer Studienreise, die sie in den Osten Europas führte.

»Es ist deine Entscheidung, John.«

»Ja, ja, ich weiß.«

»Dann denk nicht zu lange nach.«

Das tat ich auch nicht. Noch an diesem Abend und im Biergarten entschied ich mich, mit Jane Collins nach Deutschland zu fliegen, um dort ein paar Tage Urlaub zu machen.

»Aber eines muss ich dir noch sagen, Jane.«

»Bitte.«

»E

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