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John Sinclair - Folge 1834

Vier grausame Jäger

»Wo ist Lucy?« James Miller stand wie ein Klotz vor seiner Frau und funkelte sie an.

Iris Miller ließ ihr Strickzeug sinken. »Ist sie denn nicht in ihrem Zimmer?«

»Nein, ich war oben.«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Dann weiß ich es auch nicht.«

»Das gefällt mir nicht.«

Iris kannte ihren Mann. Wenn er diesen Ton anschlug, stand er kurz vor der Explosion. Er war gefährlich in seiner Unbeherrschtheit, wenn es um seine Tochter ging. Sie war sein Ein und Alles. Nach zwei Fehlgeburten hatten sie endlich Glück gehabt und ein gesundes Kind bekommen. Das lag vier Jahre zurück …

Die Frau rückte mit einer weiteren Möglichkeit heraus. »Kann es nicht sein, dass sich Lucy bei den Hunden befindet?«

»Bitte?« James glaubte, sich verhört zu haben.

»Ja.«

»Wie kommst du denn darauf?«

»Es fiel mir gerade ein.« Sie strich über ihr glattes Haar. »Es ist doch durchaus möglich, dass sie zu den Tieren gegangen ist. Oder nicht?«

»Keine Ahnung.«

»Sie hat sich mit den Tieren immer gut verstanden. Schon von ganz klein auf.«

»Dann müsste sie ja in den Käfig gegangen sein«, erklärte James.

»Ja, auch das. Möglich ist alles.«

Miller nickte. »Okay, ich schaue nach.«

»Gut.«

»Bleib du hier.«

»Sicher …«

James Miller setzte seinen Vorsatz sofort in die Tat um. Er wollte unbedingt wissen, wo seine Tochter steckte. Große Sorgen machte er sich nicht.

Die Tiere waren noch jung. Sie kannten Lucy seit ihrer Geburt. Das war alles schon okay. Das Mädchen kam gut mit den Tieren zurecht. Lucy hatte immer mit ihnen gespielt und ihren Spaß gehabt.

Dennoch überkam James Miller ein leicht ungutes Gefühl, als er sich auf den Weg machte. Er ging in den Garten, denn dort stand die Hütte der Hunde.

Es war kein Käfig, sondern ein Gebilde aus Holz, das aussah wie ein kleines Haus. Die Eingangstür war vergittert, sodass man in das kleine Haus hineinschauen konnte.

Miller ging durch den Garten. Er stand in voller Blüte. Der Sommer zeigte, wozu er fähig war. Tagsüber hatte die Sonne am Himmel gestanden, jetzt war sie verschwunden. Der Abend brachte die Schatten und auch die ersehnte Abkühlung.

Er ging schneller, weil er aus der Hütte Geräusche hörte. Ein schwaches Bellen, mal ein leises Knurren und das helle Lachen eines Kindes. Das konnte nur Lucy sein.

Er lief jetzt fast. Das Haus für die Hunde stand am Ende des Grundstücks. Es sah beinahe aus wie eine Gartenlaube, nur die Tür mit dem Gitter passte nicht dazu.

Aber die Hunde konnten nach draußen schauen.

Und umgekehrt auch.

James Miller blieb vor der Tür stehen. Er schaute durch die Lücken der Stäbe in das Innere.

Seine Augen weiteten sich.

Inmitten der vier Hunde hockte seine Tochter Lucy und fühlte sich anscheinend pudelwohl …

***

James Millers Herz hatte auf dem Weg zum Ziel schneller geschlagen. Jetzt schlug es zwar auch noch, aber nicht mehr so schnell. Es war wieder zur Ruhe gekommen.

Der Mann atmete tief aus und sagte erleichtert: »Ach, da bist du ja.«

»Hi, Daddy«, rief Lucy fröhlich, »hast du mich gesucht?«

»Das kann man wohl sagen.«

»Ja, ich bin hier.«

Sie sprach fast wie eine Erwachsene, was der Vater nicht begriff, und sie schien sich tatsächlich zwischen den Tieren mehr als wohl zu fühlen. Das zeigte ihr Lächeln, und auch ihre Bewegungen deuteten darauf hin, denn immer wieder streichelte sie die Tiere. Da bekam jedes seine Einheiten.

James Miller wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Das Bild war ihm neu. Er schüttelte den Kopf und er sah auch, dass die Hunde glücklich waren.

Vier an der Zahl waren es. Ein Wurf, den die Millers behalten hatten. Sie mochten Tiere, und ihr Grundstück war groß genug, um ihnen freien Lauf zu lassen. Hinzu kam, dass direkt hinter dem Grundstück die freie Natur – der Wald – begann.

Miller hatte nichts gegen die Hunde, aber es war nicht besonders hygienisch, wenn sich seine Tochter in die Hütte setzte und mit den Tieren spielte.

»Ich denke, du sollest deine Freunde jetzt verlassen. Es wird Zeit für dich, schlafen zu gehen.«

»Ja, ja, das wollte ich sowieso.«

»Super, dann komm.«

Lucy tat es noch nicht sofort. Sie musste sich erst von den Tieren verabschieden. Sie sprach mit ihnen, sie streichelte ihr Fell, und erst dann war sie bereit, die Tiere allein zu lassen.

Die nahmen auch Abschied. Sie leckten Hände und auch das Gesicht des Mädchens, winselten oder jaulten leise und schienen richtig traurig zu sein, dass Lucy zur Tür ging, die ihr Vater für sie geöffnet hatte.

»So, dein Bett wartet schon.«

Sie nickte. Dann sagte sie, während sie neben ihrem Vater herhüpfte: »Das war toll.«

»Sind es deine Freunde?«

»Ja, super.«

»Und wie bist du dazu gekommen, in ihre Hütte zu gehen? Hast du dafür eine Antwort?«

»Ich musste hin.«

»Wie?«

»Ja, ich musste einfach zu ihnen, es war so wunderbar für mich.«

»Erzähle mal genau.«

»Das ist ganz einfach, Dad. Ich war im Garten. Hier, wo wir jetzt sind, und da habe ich gespielt.«

»Aha. Und da sind also die Hunde gekommen?«

»Nein«, Lucy blieb ebenso stehen wie ihr Vater, »nein, so ist es nicht gewesen.«

»Wie dann?«

»Sie – sie – haben mich gerufen.«

»Ja.« Er nickte. Dann aber zuckte er zusammen, weil ihm erst jetzt der Sinn ihrer Antwort klar geworden war.

»Moment mal. Was hast du gesagt?«

»Sie haben mich gerufen.«

»Mit Stimmen?«

Lucy nickte.

»Und wo hast du die Stimmen gehört? Hallten sie durch den Garten an deine Ohren?«

»Nein. Ich hörte sie anders.«

Das begriff Miller nicht. »Wie anders?«

»Sie waren in meinem Kopf.«

»Ach, ehrlich?«

»Ja.«

»Und?«

»Sie sprachen zu mir.«

James Miller wusste nicht, was er sagen sollte. Er mochte Tiere, aber dass sie mit Menschen in Verbindung traten und sogar mit ihnen kommunizierten, das war schon ein Hammer. Hunde, die sprechen, das war etwas, das gab es nicht. Das konnte es nicht geben. Der Mann wusste, dass seine Tochter eine große Fantasie hatte. Schon mit ihren vier Jahren kannte sie zahlreiche Geschichten, die sie oft zum Besten gab. Auch selbst erfand sie welche, und Miller konnte sich vorstellen, dass sie sich wieder etwas ausgedacht hatte.

Das Thema war für ihn erledigt. »Komm bitte jetzt. Du musst noch duschen und dann ins Bett.«

»Ja, das mache ich. Und weißt du auch, wovon ich träume, Dad?«

»Nein, wovon?«

»Ich träume von Hunden. Von unseren Hunden, Dad.«

»Das ist auch normal. Du magst sie, und sie mögen dich auch. Ihr seid Freunde.«

»Das stimmt.«

»Menschen und Tiere haben sich schon immer gut verstanden. Man darf es nur nicht übertreiben.«

»Habe ich das denn, Dad?«

»Meiner Meinung hast du das.«

»Ach, es ist doch nichts passiert.«

»Das stimmt schon, Liebes. Aber Mensch und Tier gehören getrennt. Für Tiere gibt es Ställe, für Menschen Häuser.«

»Ja, ja, Dad.«

Sie gingen die letzten Schritte und dann erschien schon Iris Miller in der offenen Hintertür. Die Frau sah erleichtert aus. Das hörte man an ihrem Atem. Für einen Moment schloss sie die Augen, dann umfasste sie ihre Tochter und drückte sie an sich.

»Jetzt haben wir uns wirklich Sorgen um dich gemacht.«

»Sie war bei den Hunden, Iris. Sie saß mitten zwischen ihnen und hat sich mit ihnen wunderbar verstanden.«

»Ja, das ist schon was Besonderes.«

»Die Hunde sind so lieb«, sagte das Kind.

»Klar, und du wirst auch lieb sein. Jetzt geht es zuerst unter die Dusche. Danach ins Bett, das schon auf dich wartet.«

»Okay.«

Die Eltern lächelten sich zu. Beide waren jetzt zufrieden, wobei James Miller daran dachte, dass das, was seine Tochter gesagt hatte, schon mehr als ungewöhnlich war …

***

Es war alles zügig vonstatten gegangen. Das Duschen, ein kleines Essen, das Putzen der Zähne, dann lag Lucy in ihrem Bett. Durch das offene Fenster, dessen Fläche durch ein Fliegengitter gesichert war, drang die kühlere Luft der Nacht. Es war inzwischen dunkel geworden, und Iris sah ihrer Tochter an, dass sie sehr müde war. Sie hatte Mühe, die Augen offen zu halten.

»So, jetzt wird geschlafen.« Iris strich mit der Hand über das Gesicht ihrer Tochter. »Morgen ist auch noch ein Tag.«

»Das weiß ich, Mummy.«

»Gut, dann …«

»Kann ich dir noch was sagen?«

»Okay, einen Satz noch.«

»Es war toll bei den Hunden. Ich konnte sogar mit ihnen reden.«

Iris lachte auf. »Ach, du Dummerchen, Hunde können nicht sprechen. Höchstens bellen oder knurren, aber nicht sprechen. Das hast du bestimmt nur geträumt.«

»Nein, habe ich nicht.«

»Und wieso nicht?«

»Weil ich in der Hütte war. Sie sind meine Freunde, das haben sie mir gesagt.«

»Aha – gesagt?«

»Ja.«

»Gesprochen?«

Lucy nickte im Liegen.

»Das kann ich nicht glauben.«

»Doch, Mummy, das haben sie. Ich habe ihre Stimmen gehört.«

»Und wo war das?«

»In meinem Kopf.«

»So ist das.« Iris tat, als würde sie ihrer Tochter glauben. »Was hast du denn da gehört?«

»Och, das war toll.«

»So? Und wie toll?«

»Sie haben mir gesagt, dass sie mich beschützen würden.«

»Finde ich klasse.«

»Mein ganzes Leben lang, Mummy. Bis ich nicht mehr bin. Ich werde immer ihren Schutz haben.«

»Das ist schön.« Iris Miller nickte. »Tiere sind oft so. Sie haben einen Beschützerinstinkt, der kann sich auch auf dich auswirken. Ich wünsche es dir, mein Kind.«

»Danke.«

»Aber jetzt wird geschlafen, und ich wünsche dir auch die tollsten Träume.«

»Du bist lieb, Mummy.«

Iris strich ihrer Tochter noch mal über das Gesicht, dann verließ sie das Zimmer. Eine schwache Lampe ließ sie brennen.

Die Tür hatte sich kaum hinter ihr geschlossen, da schüttelte sie den Kopf, denn sie konnte nicht nachvollziehen, was Lucy ihr da gesagt hatte. Normal war das nicht.

Als sie das Wohnzimmer betrat, lag ihr Mann auf der Couch und sah fern. In der Flimmerkiste lief eine alte Show mit einem Entertainer, der schon seit Jahren tot war, aber noch viele Fans hatte. Den Ton drehte der Mann leiser und fragte dann: »Schläft sie?«

»Ja, ich denke schon.«

»Das ist gut.«

Iris Miller nahm in einem Sessel Platz. »Sie hat mir nur so etwas Ungewöhnliches gesagt.«

»Aha. Hat es mit den Hunden zu tun gehabt?«

»In der Tat. Lucy erzählte, dass die Hunde mit ihr gesprochen hätten. Verrückt, würde ich sagen, aber sie ließ sich nicht davon abbringen. Und auch, dass die Hunde sie beschützen würden, und das ihr ganzes Leben hinweg.«

»Hört sich stark an, nicht?«

»He, du klingst nicht überrascht.«

James Miller richtete sich auf. »Das bin ich auch nicht. Lucy hat ein Faible für die Hunde entwickelt, das ist phänomenal. Ich denke, dass wir in Zukunft ein wenig darauf achten sollten. Oder wie siehst du es?«

»Nicht anders.«

»Das freut mich.«

Iris schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur auf derartige Gedanken kommen?«

»Das weiß ich auch nicht. Aber wir sollten etwas mehr auf sie aufpassen.«

Darin waren sich die Eltern einig. Auch Iris spürte, dass sie müde wurde, und ihrem Mann fielen ebenfalls fast schon die Augen zu. Deshalb beschlossen sie, ins Bett zu gehen.

Sie schliefen ein, sie träumten auch, und in den Träumen spielten Hunde eine große Rolle.

Noch wussten sie nicht, dass sie für die Zukunft sehr bedeutend sein sollten …

***

Auch bei den Hunden war es dunkel geworden. Sie hätten schlafen können, aber das taten sie nicht. Sie wanderten durch ihre Hütte, jaulten manchmal, knurrten auch, und in der Dunkelheit verwandelten sich ihre Körper in Schatten.

Sie gingen hin und her und waren kaum zu hören, wenn sie auftraten. Sie wurden zu ungewöhnlichen Gestalten, obwohl sie gleich blieben, aber die Dunkelheit war kreativ und schuf immer wieder neue Konturen.

Es geschah etwas mit den Tieren. Plötzlich waren ihre Augen nicht mehr das, was sie eigentlich sein sollten. Sie hatten eine andere Farbe angenommen und glühten jetzt in einem dunklen Rot. Rot war eine Farbe, vor der man sich fürchten konnte, weil es ein besonderes Rot war. Ein tiefes Rot, das sich gegen die Menschen richtete und aus der tiefsten Hölle zu kommen schien.

Vier Hunde.

Vier Gezeichnete.

Und ein Kind.

Passte das zusammen?

Die Zukunft würde es zeigen …

***

Vierzehn Jahre später.

»Wo willst du hin?«, fragte Lucy Miller.

Larry kicherte. »Das weißt du doch.«

»Nein, bisher nicht.«

»Wir fahren in den Wald.«

»Aha. Und dann?«

»Machen wir es uns gemütlich«, erwiderte er grinsend.

»Aha, so läuft das also.«

»Ja, so läuft das.«

Lucy sagte erst mal nichts. Sie wusste, was ihr Freund Larry vorhatte, aber das wollte sie nicht. Ein bisschen rumknutschen, ein wenig Petting, das war okay, aber Larry wollte richtigen Sex, und dazu war sie nicht bereit.

Nicht mit ihm. Nicht so schnell. Auf keinen Fall.

Gedehnt sprach sie seinen Namen aus.

»Ja, was ist denn?«, fragte er.

»Ich habe keinen Bock darauf, mit dir in den Wald zu fahren, ich will nicht bumsen.«

»Das brauchst du auch nicht.«

»Na bitte.«

Er kicherte. »Das erledige ich schon. Du wirst sehen, ich bin eine Schau. Wenn du mich einmal genossen hast, willst du es immer wieder.«

»Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Sonst hätte ich es nicht gesagt.«

»Also gut. Mach keinen Mist. Halt an, dann kannst du umdrehen und wieder zurückfahren.«

»Ach, so willst du das?«

»Ja.«

»Ich aber nicht. Außerdem haben wir den Wald schon so gut wie erreicht.«

Lucy Miller saß vorn. Und sie ließ ihre Blicke schweifen. Es war draußen zwar dunkel, aber wer in dieser Gegend wohnte, der kannte sich auch in der Nacht aus.

Sie fuhren dicht an der Waldgrenze entlang, die auf der linken Seite lag.

Auf der rechten breitete sich ein großes Feld aus, auf dem Roggen wogte, der bald geerntet werden musste. Wenn sie weiter geradeaus fuhren, würden sie nach drei Kilometern auf einen Ort treffen. Sie konnten aber auch zurückfahren, das wäre ihr am liebsten gewesen.

Larry bremste kurz ab, kurbelte das Lenkrad herum und bog in den Weg ein, der in den Wald führte. Es war eine Rumpelstrecke, die gleich ...

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