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John Sinclair - Folge 1833

Das Killer-Buch

ERST LESEN – DANN STERBEN!

Das war das Motto, nach dem Pierre Boulain vorging. Seit Monaten war er hinter dem Buch her, von dem Eingeweihte immer nur flüsternd sprachen. Er wollte das Buch haben, koste es, was es wolle. Es steckte voller Geheimnisse, und die wollte er herausfinden. Doch zunächst musste er das Buch erst einmal in seinen Besitz bringen.

Das war sein Problem. Kaufen konnte er es nirgendwo. Nur wenige Menschen wussten von ihm. Und Pierre gehörte zu den Wissenden. Leider nicht zum inneren Kreis, aber er wusste, wo er ansetzen musste.

Und zwar bei Coppa …

Er war jemand, der viel wusste, der keinem Beruf nachging und trotzdem nicht in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Coppa war jemand, den viele arrogante Menschen übersahen, aber er besaß ein immenses Wissen. Die Menschen holten sich bei ihm Rat, wenn sie nicht weiter wussten.

Und Coppa war ein Wissender. Einer, der die Augen immer offen hielt und deshalb mehr wusste als manche Experten.

Boulain war froh, auf ihn gestoßen zu sein. Ob Zufall oder nicht, das wusste der Mann nicht so genau. Jedenfalls sah er es als eine Fügung des Schicksals an, dass er so weit mit seinen Recherchen gekommen war. Er wollte ja nicht viel wissen, nur eben, wo er das Buch finden konnte.

Er war mit Coppa verabredet. Der Mann wartete auf ihn am Seine-Ufer. Er würde auf einer bestimmten Bank sitzen, war Boulain gesagt worden. Der Fluss rauschte an ihm vorbei. Das gegenüberliegende Ufer sah er nicht, weil dazwischen die Ile de la Cité lag mit der weltberühmten Kirche Notre Dame.

Es war Sommer. Eine laue Luft fächerte über Paris. Die Dämmerung hatte vieles geschluckt, aber dafür schimmerten die Lichter. Ob als Laternen oder Girlanden in den Lokalen, die ihren Gästen auch Plätze im Freien anboten.

Pierre Boulain war nicht allein unterwegs. Spaziergänger, die sich Zeit ließen, waren ebenso unterwegs wie Skater oder junge Menschen auf anderen Fahrzeugen wie Roller und Räder.

Die Menschen ließen sich Zeit, sie waren entspannt, und das war Pierre Boulain eben nicht.

Nervös ging er an den Bänken vorbei. Er sah die Menschen, die es sich dort bequem gemacht hatten. Bei keinem von ihnen handelte es sich um Coppa. Aber Coppa musste gekommen sein. Er hatte es versprochen. Aber noch war die Reihe der Bänke nicht zu Ende. Musiker hatten es sich auf freien Plätzen bequem gemacht und spielten sehnsuchtsvolle Melodien, die zu dieser abendlichen Stimmung passten. Normalerweise gefiel es Boulain, doch an diesem Abend hatte er kein Ohr dafür.

Er war ein Durchschnittstyp. Ein Mann, der nicht auffiel. Wer ihn sah, der vergaß ihn schnell. Genau das war dem Vierzigjährigen sehr recht. Er wollte nicht auffallen, dafür handeln, wenn es sein musste.

Und so ging er weiter. Wieder geriet eine Bank in sein Blickfeld. Auch sie war besetzt, allerdings nur von einer Person, und die hatte sich nach vorn gebeugt. Sie sah aus, als wollte sie jeden Moment aufstehen. Von ihrem Kopf und dem Gesicht war nicht viel zu sehen, weil eine Kapuze es verdeckte.

Pierre ging weiter. Er hatte den Mann auf der Bank durchaus gesehen, aber kein Interesse gezeigt. Fast war er schon an ihm vorbei, als er den Zischlaut hörte.

Er blieb stehen.

»Wo willst du hin, Boulain?«

Die Frage hatte ihn erreicht, und es gab nur einen, der sie hätte stellen können. Es war der Mann auf der Bank gewesen, und Boulain ging etwas zurück.

Jetzt sah er den Mann besser. Er hatte sich normal hingesetzt und auch die Kapuze von seinem Kopf gestreift. Boulain lächelte.

»Da bist du ja.«

»Das hatte ich versprochen«, erkläre Coppa.

»Klar. Darf ich mich setzen?«

»Immer.«

Beide Männer saßen nebeneinander. Coppa war jünger. Er trug so etwas Ähnliches wie einen Jogging-Anzug und auf dem Kopf eine Strickmütze. Seine Hände verschwanden in den Hosentaschen, und im Gesicht wuchs ein Dreitagebart.

Boulain streckte seine Beine aus. »Du hast nicht vergessen, warum wir uns hier treffen?«

»Habe ich nicht.«

»Das ist gut. Dann mal meine Frage. Wie gehen wir vor?«

Coppa lachte leise. »Umsonst ist der Tod, das weißt du doch.«

»Ah ja. Stimmt. Hätte ich schon nicht vergessen.« Boulain griff in die Tasche seines Jacketts und holte einen Umschlag hervor. »Hier ist das Geld.«

»Merci.« Coppa nahm es an sich. »Muss ich es nachzählen?«

»Nein. Es stimmt bis auf den letzten Cent.«

»Okay, ich glaube dir.«

»Sehr schön. Und jetzt?«

Coppa breitete die Arme aus. »Was willst du? Jetzt können wir gehen. Du hast gezahlt und bekommst die Ware.«

»Moment mal. Gehen?«

»So ist es.«

»Wohin denn?«

Coppa lachte. »Du willst doch das Buch haben.«

»Klar, das will ich. Aber ich habe gedacht, dass du es mitbringst.«

»Nein, das habe ich nicht. Wir werden es holen müssen. Oder du wirst es tun.«

Pierre Boulain hatte Mühe, seinen Ärger nicht zu zeigen, der in ihm hochgestiegen war, und sagte: »Das war aber nicht abgesprochen.«

»Ich kann dir das Geld auch zurückgeben.«

»Nein, nein, schon gut.«

»Dann komm mit.«

»Und wohin?«

Coppa lachte. »Dorthin, wo du das Buch findest. Du willst es, und du sollst es auch bekommen.«

»Gut.« Boulain stand auf. Es wusste jetzt, wie alles ablaufen sollte, und wollte nun keine Zeit mehr verlieren. Das Buch war wichtig. Es war wunderbar, an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Wenn es sich dann in seinem Besitz befand, würde sich sein Leben von Grund auf ändern. Davon ging er aus.

Beide Männer standen jetzt vor der Bank. »Ist es weit?«, fragte Boulain.

»Nein. Ein paar Minuten Fußweg. Unser Ziel liegt in einer der Gassen hier in der Umgebung.«

»Was ist es denn?«

»Ein Geschäft.«

»Und was für eines?«

Coppa rieb seine kräftige Nase. »Eine Buchhandlung, in der du nur alte Bücher findest.«

Boulain trat zurück. »Verdammt, da suche ich mich doch tot.«

»Wieso?«

»In einer Buchhandlung …«

Coppa legte einen Finger gegen die Unterlippe. Auf seinem Gesicht zeigte sich ein nachdenklicher Ausdruck. »Das würde stimmen, wenn ich nicht schon etwas vorbereitet hätte.«

»Und?«

»Du musst zu dem Verkaufstisch gehen. Dort findest du auch die Kasse. Daneben liegt das Buch. Du erkennst es an seinem dunkelroten Lederumschlag.«

»Und darauf kann ich mich verlassen?«

»Ja, ich lüge dich nicht an.«

»Sehr gut.«

»Dann komm endlich mit.« Coppa drehte sich von Pierre weg und ging einfach los.

Nicht weit entfernt lag ihr Ziel. Im Gewirr der Gassen und kleinen Straßen südlich des Seine-Ufers. Dort verlor sich kein Tourist.

Und Coppa kannte sich aus. Er war in Paris geboren. Er ging so zielstrebig, dass Boulain Mühe hatte, ihm zu folgen.

»Wo müssen wir denn hin?«

»In die Rue Christine.«

»Aha.«

»Kennst du sie?«

»Nein«, gab Pierre zu.

»Du bist kein Pariser?«

»Ich lebe schon lange hier. Aber wer kennt diesen Moloch schon so genau? Nicht mal die Taxifahrer, glaube ich.«

»Da kannst du recht haben.«

Schmale Straßen, die von alten Häusern gesäumt wurden. Manche sahen aus, als würden sie jeden Moment zusammenstürzen. Doch wer hier wohnte, der zahlte eine extrem hohe Miete, das stand ebenfalls fest. In dieser Stadt konnte man sogar eine Hundehütte als Wohnung vermieten.

Die beiden Männer gingen nebeneinander her. Der frische Wind streifte sie nicht mehr. In den Gassen war es zu eng, und hier hatte sich noch die Tagesschwüle gehalten. Hinzu kamen die Gerüche, die in ihre Nasen drangen. Sie waren nicht eben die feinsten. Das Wetter würde sich zwar nicht großartig ändern, aber man hatte von Gewittern gesprochen, die im Anmarsch waren.

Ich werde das Buch bald haben! Ich werde es besitzen! Ich werde derjenige sein, der den Inhalt beherrscht. Ich werde reich sein. Ich werde Macht haben, und das alles nur aufgrund des Buchs.

Er freute sich, und er ging davon aus, dass sein Führer nicht wusste, was wirklich in diesem Buch stand. Wäre er informiert gewesen, er hätte es bestimmt behalten, denn der Inhalt war für gewisse Menschen der reinste Sprengstoff.

An einer Ecke blieb Coppa stehen. »So, das hier ist die Rue Christine.«

»Okay, und wo müssen wir hin?«

»Es sind nur noch ein paar Meter.«

»Und du bist sicher, dass uns niemand stört?«

»Verlass dich drauf.«

»Dann ist es gut.«

Coppa sagte: »Ich warte draußen auf dich. Ich stehe gewissermaßen Schmiere. Ist alles im Preis inbegriffen.«

»Super.«

»Dann komm.«

Sie gingen wieder los, und Boulain war froh, es fast geschafft zu haben. Er wollte nicht noch mehr schwitzen. Das Hemd klebte ihm am Körper, und er sehnte sich nach einer Dusche.

Wie aus dem Nichts tauchte die Buchhandlung plötzlich auf. Sie war nicht sehr groß und befand sich auf der unteren Ebene des Hauses. Es gab zwei kleine Schaufenster und eine Tür, die allerdings verschlossen war. »Wie kommen wir da hinein?«

»Du wirst reinkommen.«

»Und wie?«

»Das lass mal meine Sorge sein.« Coppa hatte alles vorbereitet. Er griff in seine Jacke und holte einen Schlüssel hervor.

»Und der passt?«, flüsterte Boulain.

»Probier es aus.«

Das tat Pierre sofort. Butterweich glitt der Schlüssel in das Schloss hinein. Es war kein Problem, ihn zweimal zu drehen.

»Jetzt ist sie offen«, sagte Coppa.

Boulain musste eine Klinke bewegen, dann konnte er eintreten.

Er tat es noch nicht, sondern hielt die Tür fest. Dabei drehte er den Kopf.

»Ist alles so richtig?«

»Klar.«

»Und du bleibst hier?«

»Ja.«

Das war für Boulain okay. Er drückte die Tür noch weiter auf und war froh, dass keine Glocke klingelte und seine Ankunft meldete. So etwas gab es oft in alten Läden.

Er schob sich auf leisen Sohlen ins Innere. Viel konnte er im Dunkel, das hier herrschte, nicht sehen.

Er griff in die Tasche und holte seine Lampe hervor. Jetzt ging es ihm besser, denn er wusste, dass er nur ein paar Schritte von seinem Ziel entfernt war …

***

Er knipste die Lampe an und richtete den Strahl sofort nach unten, sodass er die Holzbohlen des Fußbodens traf. Pierre wusste, dass er das Licht dämpfen musste. Er konnte es nicht so hell brennen lassen, dann wäre er unter Umständen aufgefallen. Da brauchte nur ein nächtlicher Spaziergänger vorbei zu gehen und einen Blick in das Schaufenster zu werfen.

Er deckte den Strahl ab, dann ging er weiter und entdeckte, dass der Laden größer war, als er angenommen hatte.

Boulain wusste ja, nach was er suchen musste. Es war der Kassenbereich. Dort würde das Buch zu finden sein.

Je tiefer er in den Laden eindrang, umso schneller schlug sein Herz. So nah am Ziel seiner Träume zu sein, das war schon etwas Besonderes. Er roch den Staub, er roch auch das alte Papier der Bücher, die schon viele Jahre hier standen und darauf warteten, dass sie gekauft wurden.

Er ließ den Strahl der Lampe nur durch die Lücken seiner Finger gleiten, das reichte ihm aus, und dann huschte ein Lächeln über seine Lippen, denn er hatte gefunden, was er gesucht hatte.

Er legte die letzten Schritte zurück und blieb vor dem Kassenbereich stehen. Es war so etwas wie eine Insel innerhalb des Geschäfts. Ein Rechteck, auf dem die Kasse stand, die ebenfalls altertümlich aussah und ein recht hohes Gebilde war, mit einer Schublade, die aufsprang, wenn kassiert werden musste.

Die Kasse interessierte ihn nicht. Dafür die direkte Umgebung, denn dort sollte das Buch liegen.

Er musste nicht leuchten, er fand es auch so. Es lag rechts neben der Kasse, als hätte man es für einen Kunden bereitgelegt, der es nur noch abzuholen brauchte.

Aus seinem Mund löste sich ein Laut der Erleichterung. Er war am Ziel seiner Wünsche. Diese Tatsache trieb ihm den Schweiß auf die Stirn, auch ließ sie sein Herz schneller schlagen.

Er griff nach dem Buch und ging danach in die Knie. Er wollte einen ersten Blick hineinwerfen, aber dazu brauchte er mehr Licht. Und wenn er kniete oder hockte, dann wurde er von dem kompakten Tisch gedeckt, auf dem die Kasse stand.

Er schaute auf das Buch. Es war der Umschlag, der ihn interessierte. Er war weich und griffig, was ihn wunderte. Eigentlich hatte er ihn als starr eingestuft, aber das Weiche gefiel ihm umso besser.

Er kniete noch immer, und plötzlich hatte er Zeit. Ja, jetzt wollte er es wissen.

Seine Finger zitterten, als er das Buch aufschlug. Es war nicht besonders dick, er musste achtgeben, dass er das Papier an den Seiten nicht zerriss. Er feuchtete eine Fingerspitze an und konnte umblättern.

Was sah er?

Namen, nur Namen mit Zahlen davor und dahinter. Aber es gab auch Seiten, auf denen ein Text stand, den er aber jetzt nicht las, weil die Zeit dazu nicht vorhanden war.

War das das Buch?

Er suchte vergebens nach einem Titel. Danach hatte er sich auch nie erkundigt. Er ging davon aus, dass es das Buch war, das er haben wollte.

»Endlich«, flüsterte er und drückte seine Lippen für einen winzigen Moment auf den Umschlag. Dass dies verrückt war, sagte er sich selbst, aber er hatte nicht anders gekonnt.

Und plötzlich saß er starr.

Etwas hatte sich verändert. Etwas war an seine Ohren gedrungen. Etwas stimmte nicht mehr, und plötzlich hatte er das Gefühl, nicht mehr allein zu sein.

Er wartete ab und hielt den Atem an.

Ja, jetzt war es deutlicher zu hören. Was er da vernahm, das waren Schritte, und sie wurden nicht normal gesetzt, er empfand sie als schleichend, als wollte derjenige, der sich ihm da näherte, niemanden stören.

Er drehte den Kopf. Das Buch hatte er unter seinen linken Arm in Höhe des Ellbogens geklemmt. Die Lampe leuchtete nicht mehr. Sie lag ausgeschaltet neben ihm.

Und die Schritte kamen näher. Boulain hielt den Atem an. Er wollte nicht verraten, wo er hockte. In seinem Kopf fing es an zu rauschen.

Er spürte seine Gelenke nicht mehr. Seine Beine waren eingeschlafen. Wer ihn jetzt überraschte, musste mit wenig Gegenwehr rechnen.

Und dann war alles vorbei.

Keine Schritte mehr.

Kein Schleifen über den Boden. Er konnte durchatmen. Es war alles okay, und dann ging es ihm noch besser, denn er hörte jemanden sprechen.

Im Moment war er durcheinander. Dann konzentrierte er sich, und er hatte das Gefühl, aus einer anderen Welt in die Realität zurückzukehren.

»He, Boulain, bist du da?«

Pierre fiel ein Stein vom Herzen. »Ja, ich bin hier!«

»Gut. Aber warum versteckst du dich?« Coppa lachte. »Hast du Angst gehabt?«

»Quatsch. Ich habe es mir nur etwas bequemer gemacht, weil ich einen Blick in das Buch werfen wollte.«

»Dann komm doch hoch.«

»Ja, ja, okay, ich wollte nur nicht, dass man mich von draußen sieht, wenn ich Licht mache.«

»Da draußen ist alles okay.

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