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John Sinclair - Folge 1832

Der City-Dämon

Das war nicht gut!

Nein, das war überhaupt nicht gut. Die Leute hatten recht. Dieses unheimliche Klopfen und Stöhnen am Tag oder mitten in der Nacht, das war nicht normal. Das musste abgestellt werden. Da musste etwas passieren.

Aber was?

Phil Grady wusste es auch nicht, doch er wollte es herausfinden. Man hatte ihn darauf angesetzt. Die Mieter wollten endlich Gewissheit haben. Und er war der Hausmeister der Bude, denn so nannte er das große Haus mit seiner braunen Fassade …

Auch Grady hatte diese Geräusche vernommen. Nur war er ebenfalls überfragt. Er wusste nicht, woher sie kamen. Es stand nur fest, dass sie ihren Ursprung im Haus hatten. Als hätte sich dort eine fremde Kreatur eingenistet, die diese Geräusche oder Laute von sich gab. Ein unheimlicher Mieter, der den Bewohnern Angst machen wollte.

Grady hatte schon öfter nachgeforscht und keinen Erfolg erzielt. Das Stöhnen und Klopfen war geblieben.

Er ging davon aus, dass sich die Ursache im Keller befand, und ihn inspizierte er mal wieder. Hier unten standen die großen Kessel für die Heizanlage. Ein mit Werkzeug gefüllter Eisenschrank war ebenfalls vorhanden, und aus ihm holte Grady eine lichtstarke Taschenlampe. Er brauchte sie eigentlich nicht und nahm sie nur zur Sicherheit mit.

Dann machte er sich auf den Weg. Der Keller war groß und kahl. Er wirkte leer, denn es stand kein Gerümpel herum. Das war alles in den einzelnen Räumen verstaut, die sich in den Haupt- und auch den Nebengängen verteilten. Jeder Mieter im Haus hatte seinen eigenen Kellerraum.

Grady hatte seine bestimmten Wege, die er ging, und auch an diesem Tag machte er da keine Ausnahme. Vom Hauptgang aus ging er in die Nebengänge und überall horchte er, ob das furchtbare Geräusch irgendwo zu lokalisieren war.

Tag und Nacht wurde es gehört. Momentan war es später Abend, als Grady durch den Keller ging und dem Echo seiner eigenen Schritte lauschte.

Wohin er genau gehen wollte, das wusste er jetzt noch nicht. Das entschied er stets nach Lust und Laune. Er blieb im breiten Gang, bewegte sich recht langsam und ließ sich auch Zeit, auf die einzelnen Kellertüren zu schauen. Die meisten bestanden aus Holz. Es gab allerdings auch Gittertüren. Zwischen ihnen waren die Lücken groß genug, um in den Keller schauen zu können.

Es gab Menschen, die Angst davor hatten, einen Keller zu betreten. Zu denen gehörte der Hausmeister nicht.

Er freute sich darüber, dass der Keller sauber war. Vor knapp einem Jahr hatte es mal Probleme gegeben. Da hatten sich Junkies hier aufgehalten, doch die waren schnell wieder verschwunden gewesen.

Phil Grady ließ es langsam angehen. Seine Taschenlampe brauchte er nicht einzuschalten. Das Deckenlicht war hell genug.

Es gab hier unten keine Mäuse und auch keine Ratten. Jedenfalls hatte er noch keine zu Gesicht bekommen, und er hoffte, dass es auch so blieb.

Der Hausmeister erreichte den ersten Nebengang. Der lag an der linken Seite, und dort war es dunkel. Deshalb schaltete er seine Taschenlampe an.

Der Gang war nicht lang. Hier gab es nur wenige Räume, die allesamt gesichert waren.

Im Gang sah er nur ein einzelnes Rad von einem Bike. Es lehnte an einer Tür.

Der Hausmeister ging zurück in den Hauptgang. Erneut dachte er über die Geräusche nach, von denen er bisher nichts gehört hatte.

Er wollte noch bis zum Ende des Hauptgangs durchgehen und dann den Rückweg antreten. Und am nächsten Tag würde er den Leuten sagen, dass er nichts gefunden hatte. Wieder mal nicht. So war das eben, und er konnte es nicht ändern.

Tagsüber wäre er hier unten nicht so lange allein geblieben. Aber in der Nacht oder am späten Abend war das anders. Da vermieden es die Bewohner, den Keller zu betreten.

Hin und wieder war ein Rauschen in den Leitungen zu hören, die unter der Decke verliefen.

Er gähnte. Allmählich erfasste ihn Müdigkeit. Es wurde Zeit, dass er sich hinlegte.

Der Hausmeister wollte den Gang nicht bis zum Ende gehen. Er machte kehrt und ging zurück. Diesmal nicht mehr so langsam. Er wollte in seine Wohnung, und das so schnell wie möglich. Morgen war schließlich auch noch ein Tag.

Er hatte fast die Hälfte des Rückwegs hinter sich, als es doch noch passierte.

Plötzlich hörte er das Stöhnen!

Mitten in der Bewegung stoppte er. Auf seinem Gesicht zeichnete sich für einen Moment ein Ausdruck des Schreckens ab, aber er hatte sich schnell wieder gefangen.

Es gefiel ihm nicht, so etwas gehört zu haben. Er hatte sich schon damit abgefunden, dass an diesem Abend alles ruhig bleiben würde.

Und jetzt das.

Er stöhnte leise auf und schüttelte auch den Kopf. Das durfte nicht wahr sein. Er hätte am liebsten die Flucht ergriffen, dann aber siegte sein Pflichtbewusstsein.

Er wollte nachschauen.

In den folgenden Sekunden konzentrierte sich Grady, weil er herausfinden wollte, wo genau dieses Geräusch herkam.

Von links.

Nicht aus einem der Seitengänge.

Aus dem Hauptgang!

Genau dort stand er. Jetzt musste er nur noch herausfinden, aus welchem Keller das Geräusch drang.

Er drehte sich um.

Erneut vernahm er das Stöhnen. Nein, das konnte kein Mensch sein. So stöhnte niemand, denn was er da hörte, das klang nach einem Monster.

Und dann klopfte es auch noch. Es hörte sich an, als wäre jemand dabei, gegen die Wand zu schlagen.

War da jemand?

Er sah keinen, und er glaubte es auch nicht. Aber die Geräusche waren weiterhin zu hören, und so ging er auf die Tür zu, die ihm am nächsten lag.

Sie war kompakt. Kein Durchblick. Er konnte nur lauschen, was er auch tat.

Er presste sein Ohr gegen die Außenseite und schon wenige Sekunden später atmete er auf, denn aus diesem Raum war nichts zu hören.

Aber das Stöhnen hörte nicht auf. Grady vernahm es, als er sein Ohr von der Kellertür löste. Und jetzt, da er günstiger stand, wusste er auch, woher dieses Geräusch kam.

Aus dem Nebenkeller.

Oder aus dem, der zwei Türen weiter lag, und der war nicht durch eine kompakte Tür versperrt.

Grady zögerte keine Sekunde. Mit wenigen Schritten hatte er sein neues Ziel erreicht. Vor sich sah er die Tür aus Holzlatten, zwischen denen sich breite Ritzen befanden.

Er wollte einen Blick in den Kellerraum werfen. Dabei musste Grady näher an die Tür heran, was er auch tat. Jetzt hörte er das Geräusch lauter, aber noch konnte er nichts erkennen.

Er schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete zwischen zwei Latten hindurch in den kleinen Kellerraum. Der Strahl fiel gegen die Wand.

Sie war da, aber sie war nicht mehr normal, denn was Phil Grady da zu sehen bekam, ließ ihn aufstöhnen und dann vor Schreck verstummen.

In der Wand sah er das Grauen!

***

Grady sah eine Hand. Nein, das war schon eine Klaue. Hände sahen anders aus. In der Wand malte sich etwas ab, das gekrümmte Finger mit langen dunklen Nägeln hatte.

Dann gab noch den Oberkörper und den Kopf, dessen eine widerliche Fratze war. Sie hatte Ähnlichkeit mit dem Gesicht eines Menschenaffen, war aber viel verzerrter und mit einem breiten Mund versehen, den man schon als Maul bezeichnen konnte. Das war noch nicht alles. Aus der Stirn wuchsen zwei Hörner, und die Haut im Gesicht glich von ihrer Farbe her einer Baumrinde.

Was war das?

Alles, nur kein Mensch. Und ob der Arm ebenfalls zu dieser Gestalt gehörte, war nicht zu erkennen. Es spielte für den Betrachter momentan auch keine Rolle.

Und jetzt wusste der Hausmeister, wer der Stöhner war. Diese schaurige Gestalt innerhalb der Wand gab diese furchtbaren Laute von sich.

Ein schreckliches Bild in der Wand, das kleinen Kindern Angst einjagen konnte. Und nicht nur ihnen, auch der Hausmeister fürchtete sich, denn damit hatte er nicht gerechnet. Es war einfach schlimm, und er wusste nicht, was er sagen sollte.

Er ging zurück, als sich der Kopf in seine Richtung drehte. Jetzt sah er das Gesicht frontal, und er sah auch die Augen darin. Sie waren feurig rot. In den Pupillen schienen Blitze zu zucken, die die Augen aber nicht verließen und darin gefangen blieben.

Phil Grady schüttelte den Kopf. Er sah die Hand und das Monster überdeutlich, und er ging auch nicht davon aus, dass es sich um ein Gemälde handelte, denn Gemälde bewegten sich nicht.

Dieses schon …

Er blieb noch stehen. Grady schaffte es einfach nicht, sich zurückzuziehen. Er starrte das schreckliche Bild in der Wand an. Um den Hals wanden sich schwarze Schlangen, und auch an den Armen der Gestalt sah er sie.

Plötzlich zuckte das Maul des Monsters. Es wurde aufgerissen, und Grady schaute hinein.

Das war kein dunkler Schlund. Im Maul leuchtete es. Da zuckten ebenfalls Blitze oder sprühte ein helles Feuer.

Einen Moment später war das Maul wieder geschlossen.

Phil Grady verharrte noch immer bewegungslos an der Kellertür. Er konnte nicht fassen, was sich da abspielte, aber er wollte auch nicht darüber nachdenken.

Und dann gab es noch dieses Klopfen. Als hätte man jemanden eingesperrt, der sich unbedingt bemerkbar machen wollte. Aber er sah niemanden. Es gab nur das Monster und die Hand.

Plötzlich gab es beides nicht mehr. Obwohl Phil Grady hinschaute, bekam er nicht richtig mit, wie beides verschwand. Es zog sich zurück in das Mauerwerk, und dann war es verschwunden.

Grady stand noch immer vor der Tür. Jemand in seiner Nähe stöhnte. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, dass er es selbst war. Dieser Anblick war einfach zu viel für ihn gewesen. Er wusste zudem nicht, wie er sich verhalten sollte.

Es gab für ihn nur eine Alternative. Er durfte nicht länger hier im Keller bleiben. Wer wusste, was da noch passieren konnte. Das Erscheinen dieser Gestalt war ihm wie eine Warnung vorgekommen. Aber darüber wollte er jetzt nicht nachdenken.

Ich haue ab!

Der Entschluss setzte sich in seinem Kopf fest. Raus aus dem Keller, rein in seine kleine Wohnung, die im Erdgeschoss lag. Dort fühlte er sich sicherer und konnte vor allen Dingen über das Erlebte intensiver nachdenken.

Den Vorsatz setzte er augenblicklich in die Tat um. Und Grady verließ den Keller so schnell, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her …

***

Seine Wohnung – zwei kleine Zimmer und ein Bad, in das noch eine Toilette hineingequetscht worden war. Für eine Person reichte die Wohnung aus, und er fühlte sich in ihr auch wohl.

Im größeren Zimmer schlief und wohnte er. Dann gab es noch die Küche, deren Fenster zur Straße hin ging. Es war recht groß, und die Küche war für den Hausmeister der ideale Aufenthalt. Von da konnte er schauen, was draußen passierte.

Auch nach seinem Besuch im Keller hatte er sich in die Küche neben das Fenster gesetzt. Er fühlte sich noch immer wie erschlagen von dem Erlebten, das er einfach nicht verdrängen konnte. Das Bild im Keller wollte ihm nicht aus dem Kopf. Stets kehrte es zurück, wenn er glaubte, es vergessen zu haben.

An Schlaf war nicht zu denken. Er musste die Nacht irgendwie anders herumkriegen. Aus dem Schrank hatte er sich die Flasche Brandy geholt und bereits ein drittes Glas getrunken. Er wollte vergessen. Der Alkohol sollte die Erinnerungen wegspülen.

Das tat er leider nicht. Sie blieben. Immer wieder drängten sie sich vor, und je öfter sie kamen, umso mehr Fragen stellte sich der Mann.

Er konnte es sich nicht erklären. Ihm war nur klar, dass er sich nicht getäuscht hatte. Aber woher kam dieses schreckliche Monster?

Das wusste er nicht. So ein Ding hatte er noch nie gesehen.

Und es hatte sich bewegt. Es war auch kein Gemälde, das jemand auf die Wand gepinselt hatte. Dieses Wesen war echt gewesen.

»Echt«, flüsterte der Hausmeister und spürte etwas Kaltes über seinen Rücken rinnen. »Sehr echt sogar. Kein Film oder so. Aber wie ist das möglich?«

Er konnte sich keine Antwort geben. So sehr er es auch immer wieder versuchte. Dann nahm er das Glas in die Hand und trank den Rest Brandy, der sich noch darin befand.

Er stellte das leere Glas wieder zur Seite und senkte den Kopf. Dabei stierte er auf den Tisch und merkte, dass er zu viel getrunken hatte.

Aber er war noch nicht müde. Er stemmte sich von seinem Stuhl hoch, hustete zweimal und verließ die Küche. Im kleinen Flur hing seine Jacke, die er überstreifte. Dann verließ er das Haus und blieb vor der Tür stehen.

Es war eine kühle Nacht. Eine, die nicht in den Monat Juni passte. Die Temperatur war gesunken. Dafür hatte der Wind aufgefrischt und brachte sogar eine gewisse Kälte mit, die den Hausmeister leicht frösteln ließ.

Das alte Haus lag in einer ruhigen Straße. Zumindest in der Nacht, denn da waren die meisten Mieter in ihren Wohnungen. Es war auch keine Durchgangsstraße, die durch dieses Wohngebiet im Londoner Osten führte. Die Fahrbahn endete in einer Sackgasse. Dahinter begann Brachland, das so manche unverantwortliche Menschen als Müllkippe benutzten.

Das interessierte den Hausmeister im Moment nicht. Er stand vor der Tür und hatte sich eine Zigarette angezündet. Den Qualm blies er in die Höhe, und auch seinen Blick ließ er an der Fassade hoch gleiten.

Zehn Stockwerke hatte die Bude. Für viele Menschen war sie kein Hochhaus, für ihn schon, denn zehn Stockwerke unter Kontrolle zu halten, das war nicht einfach.

Um den Dachrand sehen zu können, musste er sich aus der Nähe des Hauses entfernen. Er ging auf die Straße, wo der Blickwinkel besser war, und konnte nun hoch bis zu dem flachen Dach schauen.

Seine Augen glitten über die Fassade. Nur wenige Fenster waren erhellt, und Grady fragte sich, was die Menschen dort wohl taten und worüber sie sprachen. Ob die Unruhe im Haus wieder ein Thema war.

Bestimmt.

Er brauchte nur an den Morgen zu denken, denn da würden ihn die Bewohner wieder mit Beschwerden überschütten, und er konnte ihnen keinen Rat geben. Und wenn jemand sagte, dass er ausziehen wollte, dann riet er ihm auch nicht ab.

Er warf die Kippe zu Boden und trat sie aus. Die Glut verlöschte. Er wurde dabei an das Feuer erinnert, das er im Maul und den Augen des Monsters gesehen hatte, und dabei rann es ihm kalt den Rücken hinab. Er schüttelte sich sogar, bevor er wieder ins Haus und seine Wohnung ging, um vielleicht noch etwas Schlaf zu bekommen.

Das war nicht möglich. Zumindest nicht für den Moment. Denn als er noch ein letztes Mal in die Höhe schaute, da sah er das helle Licht auf dem Hausdach. Es bewegte sich, als bestünde es aus Flammen, und aus diesen Feuerzungen stieg eine riesige Gestalt in die Höhe, die das Gesicht hatte, das er im Keller gesehen hatte.

Phil Grady stöhnte. Er öffnete den Mund und vergaß, ihn wieder zu schließen. Das war der reine Wahnsinn.

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