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John Sinclair - Folge 1831

Der Jenseits-Bann

»Ich habe Angst, John!«

»Das weiß ich.« Ich nickte Don Gordon zu. »Sie haben Angst vor diesem Geist.«

»Genau«, flüsterte er, »genau. Es gibt diesen Geist, ich weiß sogar, wie er aussieht. Er ist feinstofflich, aber nicht so hell, wie man sich Geister vorstellt.«

»Wie ist er dann?«

»Bläulich.«

»Aha«, sagte ich, »und weiter?«

Don Gordon trank erst mal sein Bierglas leer. »Er hat mich attackiert. Richtig angegriffen.« Er sagte nichts mehr und ließ die Worte zunächst wirken …

Es war ein heikles Thema, über das wir sprachen, und das in einer Umgebung, die entspannend wirken sollte. Wir saßen im Freien, in einem Biergarten. Wir konnten die Themse sehen, erlebten aber auch einen starken Autoverkehr um uns herum. Es war warm, aber nicht schwül, so konnten wir es gut aushalten. Die Sommersonne versteckte sich hinter Wolken. Manchmal kam vom Wasser her ein Luftzug, der uns gut tat.

»Wie machen sich die Attacken denn bemerkbar?«, wollte ich wissen.

»Hatte ich das nicht schon am Telefon gesagt?«

»Ich möchte es trotzdem noch mal hören.«

»Wie Sie wollen, John.«

Es stimmte, am Telefon hatte er von diesen Attacken schon gesprochen. Da hatten wir einen ersten Kontakt aufgenommen. Und er war auch nicht zufällig zustande gekommen, sondern durch die Vermittlung meiner Freundin Jane Collins. Sie war Privatdetektivin, und Don Gordon hatte sich mit seinen Problemen an sie gewandt, auch weil er einen Rat haben wollte. Jane hatte sich seine Sorgen angehört und anschließend mich kontaktiert. Ich hatte mich breitschlagen lassen, mich mit Don Gordon zu treffen.

»Sie sind da«, sagte er, »und ich kann sie nicht fassen. Ich spüre sie, ich sehe sie, sie kreisen um mich herum, und dabei bleibt es leider nicht. Sie sind auch in mir. Oder er. Ich weiß es nicht.« Don Gordon hob die Schultern an.

»Und was geschieht dann mit Ihnen?«

»Das ist das Problem. Wer immer es auch ist, er will mich mitnehmen. Angeblich kennt er mich, aber ich kenne ihn nicht. Ich weiß nicht, was ich mit ihm zu tun haben soll.«

»Wohin sollen Sie ihm denn folgen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich es nicht weiß. Ja, ehrlich, ich weiß nicht, wohin ich ihnen folgen soll.«

»Haben sie Ihnen das gesagt?«

»Nein.«

»Aber sie haben Ihnen klargemacht, dass Sie ihnen folgen sollen?«

»Allerdings. Es war in meinem Kopf, aber ich konnte mich wehren. Ich wollte ihnen nicht folgen. Ich habe meine Wohnung verlasen und war froh, dass ich nicht von ihnen verfolgt wurde.«

»Können Sie sich denn einen Grund für diese Vorgänge vorstellen?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Aber es muss einen geben.«

»Das glaube ich auch.«

Eine Bedienung kam und fragte, ob wir noch etwas trinken wollten. Ich bestellte noch ein Wasser, während sich Don Gordon für ein Bier entschied. Ich wollte wissen, wie oft er schon von diesen Geistern besucht worden war. Die genaue Zahl konnte er nicht angeben. Er sprach davon, dass es einige Male gewesen waren.

»Und es wurde immer intensiver«, erklärte er. »Zuerst war es einfach nur lasch, aber das änderte sich. Sie drangen auf mich ein und wollten mich mitnehmen.«

Das Bier wurde gebracht. Mein Wasser ebenfalls, und ich schaute zu, wie mein Gegenüber gierig trank. Er schaffte es fast, den Glaskrug zu leeren. Als er ihn absetzte, nickte er. »Ich hatte wirklich einen immensen Durst.«

»Der sei Ihnen gegönnt.«

Er räusperte sich und wischte seine Lippen ab. Jetzt war der Schaum verschwunden, und er stellte mir eine Frage.

»Ist Ihnen zu meinem Problem schon etwas eingefallen?«

»Sollte es das denn?«

»Ja, John. Sie sind der Fachmann. Das hat mir Jane Collins gesagt. Sie gehören zu denjenigen, die sich auskennen, und Sie würden es auch locker schaffen.«

Ich wiegte den Kopf. Ob ich es locker schaffte, war die große Frage. Aber Gordon hatte mich neugierig gemacht. Ich tat seine Erzählungen nicht einfach zur Seite, denn ich wusste, dass mehr dahintersteckte. So etwas dachte man sich nicht aus. Davon war ich überzeugt. Es war klar, dass er von mir etwas hören wollte, und den Gefallen tat ich ihm auch.

»Bitte, Don, was haben Sie jetzt vor?«

»Wenn wir hier fertig sind, werde ich in mein Hotel fahren, mich an die Bar setzen, einen trinken und danach in mein Bett steigen.«

»Aha. Und dort haben Sie Ruhe?«

»In der letzten Nacht hatte ich das schon.«

»Aber Ihre Wohnung möchten Sie nicht mehr betreten?«

»Doch, nur nicht mehr so schnell. Ich möchte einfach nur sicher sein, dass der Spuk vorbei ist.«

»Kann ich verstehen.«

»Danke.«

»Ich hätte trotzdem einen Vorschlag an Sie.«

»Okay, ich höre.«

Über den runden Tisch hinweg lächelte ich. »Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir gemeinsam Ihre Wohnung aufsuchen?«

Er schaute mich an. Dann lächelte er ebenfalls, aber man konnte es als skeptisch ansehen. »Sie wollen tatsächlich mit mir in meine Wohnung gehen?«

»Ja.«

»Und dann?«

»Will ich hoffen, dass Ihre Geister erscheinen. Das ist eigentlich alles.«

Don Gordon wusste nicht, was er sagen sollte. Er schaute in sein Glas, lachte leise auf und schüttelte dann den Kopf.

»Nicht?«, fragte ich.

»Doch. Unter diesen Umständen schon.«

»Dann sollten wir nicht länger warten …«

***

Ich hatte Don Gordon in meinem Rover mitgenommen. So waren wir zu seiner Wohnung gefahren, die in einem Haus lag, zu dem ein Parkplatz gehörte, und zwar hinter dem Haus.

Ich wusste nicht, was Don Gordon von Beruf war, aber wer in einer solchen Gegend und in einem Haus wie diesem wohnte, der gehörte schon zu den oberen Einkommensklassen.

Als wir ausstiegen, stellte ich die Frage nach dem Beruf, und Don Gordon musste lachen, bevor er eine Antwort gab.

»Würde das Haus nicht meiner Schwester und meinem Schwager gehören, so könnte ich es mir nicht leisten. Ich zahle als Miete einen Vorzugspreis.«

»Aha.«

»Ja, denn als Pfleger in einem Krankenhaus bekommt man höchstens eine Überlebenspauschale in dieser Stadt.«

»Ja, das kann sein.«

»Das ist sogar so.«

Wir nahmen den Hintereingang, um in das Haus zu gelangen. Gordon schloss auf, und wenig später standen wir in einem wunderbar kühlen Flur. Die Wände zeigten ein Fliesenmuster. Es gab einen Lift, und alles war sehr sauber.

»Wo wohnen Sie?«

»In der zweiten Etage.«

»Lift oder …?«

»Ja, ja, wir fahren.«

Das war kein Problem. Wir glitten hoch, und als wir ausstiegen, betraten wir einen Flur, in dem es zwei Wohnungen gab. Die Türen dazu lagen sich gegenüber.

Don Gordon schloss auf. Er war ein kräftiger Mann mit braunen Haaren, die wild auf seinem Kopf wuchsen und nicht so leicht gebändigt werden konnten.

Er betrat seine Wohnung als Erster, und ich stellte fest, dass er vorsichtig ging. Möglicherweise wartete er darauf, angegriffen zu werden, aber das tat niemand. Es blieb alles ruhig, und ich schob mich ebenfalls in den Flur hinein, der recht schmal war und von dem alle Türen abgingen, auch die zum Bad.

Es war still. Nicht mal das Summen einer Fliege hörten wir. Don Gordon sagte: »Ich schaue mal nach, ob ich etwas Fremdes bemerke.«

»Tun Sie das.«

Er öffnete die Tür zum Wohnraum. »Wenn Sie wollen, können Sie hier auf mich warten.«

»Danke.«

Es gab nicht nur den Wohnraum, es gehörte auch ein Balkon zu ihm. Der interessierte mich. Die Tür neben dem Fenster ließ sich öffnen, und mit dem nächsten Schritt betrat ich den Balkon.

Er lag an der Vorderseite des Hauses. Mein Blick glitt über den Himmel, der sich im Westen gerötet hatte. Bald würde es dunkel werden.

Ich stellte fest, dass wir uns in einer normalen, aber schon gehobenen Gegend befanden.

Warmer Wind streifte mein Gesicht. Das Wetter sollte sich ändern, wieder kühler werden und regnen. Mir war das egal. Ich mochte die große Hitze nicht.

Don Gordon betrat ebenfalls den Balkon. »Nichts, John, einfach gar nichts.«

»Was meinen Sie?«

»Ich habe keinen Hinweis auf einen Geist gesehen.«

»Haben Sie denn danach gesucht?«

Er hob verlegen die Schultern. »Wenn Sie so wollen, schon.«

»Das schminken Sie sich mal ab. Geister tun immer, was sie wollen.«

»Stimmt.« Er stellte sich neben mich. »Bisher habe ich mich hier immer sehr wohl gefühlt, doch seit die Geister meine Wohnung entdeckt haben, ist das anders.«

»Das kann ich mir denken.«

»Ich wusste wirklich nicht, was ich machen soll, aber jetzt geht es mir besser. Sie sind da, und jetzt wünsche ich mir sogar, dass die Geister erscheinen.«

»Können Sie sich denn einen Grund vorstellen, warum sie gerade zu Ihnen gekommen sind?«

»Nein, das kann ich nicht. Ich sehe kein Motiv. Ich bin völlig ahnungslos.«

»Verstehe.«

»Aber Sie als Polizist gehen davon aus, dass es einen Grund geben muss – oder?«

»Ja.«

»Und der kann an mir liegen?«

»So sehe ich das.« Ich sprach weiter. »Sollte sich die Geisterwelt tatsächlich hier bei Ihnen gezeigt haben, dann hat sie das nicht ohne Motiv getan.«

Don Gordon schaute mich an. »Das ist harter Tobak, den Sie mir hier auftischen.«

»Das können Sie so sehen. Aber es entspricht meinen Erfahrungen. Das ist nun mal so.«

Don Gordon wusste nicht, was er noch sagen sollte. Er zuckte mit den Schultern und ging zurück in die Wohnung. Ich blieb noch ein paar Sekunden auf dem Balkon und schaute dem fernen Wetterleuchten zu. Dann ging auch ich.

Gordon hatte sich in einen Sessel gesetzt und die Beine ausgestreckt. »Sie müssen mir jetzt nur noch sagen, was Sie trinken möchten.«

»Wasser.«

»Okay, ich hole es Ihnen.« Er stand auf und verließ das Zimmer in Richtung Küche.

Ich blieb im Sessel sitzen und dachte darüber nach, ob ich mich richtig verhalten hatte. War dieser Mann echt, oder war Jane Collins auf einen Spinner reingefallen, den sie mir dann angedreht hatte. Das war auch nicht Sinn der Sache, denn ich hätte meine Zeit auch woanders verbringen können.

Draußen zog es sich langsam zu. Die Dämmerung brachte ihren Vorhang mit, den sie über den Himmel legte. Auch hier in der Wohnung wurde es dunkler. Ich schaltete kein Licht ein. Das konnte Don Gordon übernehmen, wenn er zurückkehrte.

Aber wann kam er zurück?

Er hätte schon längst wieder hier im Zimmer sein müssen, doch er war nicht zu sehen und auch nicht zu hören.

Das machte mich misstrauisch.

Ich rief seinen Namen.

Er gab mir keine Antwort.

Ich startete einen zweiten Versuch, und diesmal hatte ich meine Stimme verstärkt. Jetzt musste er mich gehört haben, aber da tat sich nichts. Und genau diese Ruhe machte mich nervös. Meiner Ansicht nach war da etwas schiefgelaufen, und ich kam schwungvoll aus dem Sessel.

Gordon hatte das Wasser aus der Küche holen wollen. Ich dachte dabei an einen Kühlschrank, und mein erster Weg führte mich in den Flur. Von dort aus ging auch die Tür zur Küche ab.

Ich ging nach links und lauschte dabei auf ein Geräusch, weil ich mir sicher war, dass ich es einfach hören musste, aber da war nichts, was an meine Ohren drang.

Bis zur Küchentür waren es nicht mal drei Schritte. Die legte ich locker zurück, aber meine Lockerheit war wie weggeblasen, als ich in die Küche schaute. Das war möglich, weil die Tür offen stand.

Ich sah hinein – und musste schlucken. Denn mit diesem Bild hatte ich nicht gerechnet.

In der Küchenmitte sah ich Don Gordon. Wie tot lag er auf dem Rücken …

***

Ich war ja schon misstrauisch geworden, aber dass es mich so hart treffen würde, damit hatte ich nicht gerechnet und war entsprechend überrascht.

Bevor ich die Küche betrat, warf ich erst einen Blick in den Raum. Ich suchte ihn nach weiteren Überraschungen ab, die aber nicht vorhanden waren, abgesehen von dem leblosen Mann.

Ein langer Schritt brachte mich neben Don Gordon. Ich ging in die Knie, um ihn besser untersuchen zu können, ob er noch lebte, und da konnte ich beruhigt sein, er lebte noch.

Ich schaute mir sein Gesicht an. Manchmal kann man dem Ausdruck entnehmen, was die Menschen vor ihrem Zustand erlebt oder gesehen hatten, aber hier war nichts. Das Gesicht war ausdruckslos.

Warum war ihm das passiert? Wer hatte daran gedreht? Auf diese Fragen wollte ich gern eine Antwort haben, aber niemand konnte sie mir geben.

Ich blieb in der Küche und schaute mich um. Es gab keinen Feind.

Don Gordon hatte von Geistern gesprochen. Ich war trotz meines Engagements skeptisch geblieben, doch jetzt musste ich ihm Abbitte leisten, obwohl ich noch keinen dieser Geister hier in der Wohnung gesehen hatte. Es stellte sich die Frage, ob sie noch da waren oder ob sie sich wieder zurückgezogen hatten.

Ich wartete ab. Es blieb in meiner Umgebung weiterhin still. Es tauchte auch kein Geist auf, der mich attackierte, es blieb alles ruhig, aber ich traute dem Frieden nicht.

Passierte was? Passierte nichts? War alles schon vorbei?

Auf keine der Fragen konnte ich eine Antwort geben, aber ich war überzeugt davon, dass jemand anderer sie mir geben würde. Entweder Don Gordon oder die Macht, die ihn ausgeschaltet hatte.

Ach ja, da gab es noch eine dritte Alternative. Ich dachte an mein Kreuz und hatte den Gedanken kaum gefasst, als ich es unter meiner Kleidung hervorholte.

Es blieb in meiner Hand liegen.

Ab jetzt lauerte ich darauf, dass es mir gelang, eine Spur zur anderen Seite zu finden.

Noch ließ mich das Kreuz im Stich. Es gab mit keiner Reaktion zu erkennen, dass sich etwas Gefährliches in der Nähe befand. Es war alles normal.

Hielt sich eine fremde Macht hier in der Küche verborgen? Ich drehte eine Runde durch die Küche und musste erkennen, dass sich hier nichts tat.

Und im Flur?

Ich betrat ihn und sah sofort die Veränderung. Sie spielte sich nicht auf oder an meinem Kreuz ab, sondern war in der Diele zu sehen.

Mir genau gegenüber, wo sie aufhörte, sah ich zum ersten Mal den seltsamen Geist …

***

Und er schimmerte tatsächlich in einem kalten Blau. Ich wusste nicht, ob man bei ihm von einem Körper sprechen konnte, vielleicht von einem Astralleib, aber der sah sonst anders aus, wenn ich mich richtig erinnerte. Ein solcher Leib war trotz seiner Feinstofflichkeit irgendwie auch kompakt. Aber hier spielte das keine Rolle, die Gestalt war nicht kompakt oder gefüllt. Sie bestand aus Umrissen, die so wirkten, als wären sie mit einem blauen Stift gezeichnet worden.

Das also war der Geist.

Gefährlich sah er nicht aus. Man konnte ihn als ein geisterhaftes Strichmännchen bezeichnen, das sich irgendwie verirrt hatte.

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