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John Sinclair - Folge 1830

Der Tod lässt grüßen

»Ich bin gut«, sagte sich Hiram Decker im Stillen, »auch wenn es das erste Mal ist.«

Er stand am Beginn des langen Gangs. Die Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer steckte in seiner rechten Jackentasche. Sie war extra weit geschneidert worden.

Am Ende des Gangs sah er die zweiflügelige Tür. Dahinter musste er liegen. Wie jeden Mittag. Im Ruheraum der Hotel-Sauna. Um diese Zeit befand sich in der Regel so gut wie kein anderer Gast dort.

Es würde alles sehr schnell gehen. Dessen war sich Hiram Decker sicher. Schnell und präzise. Der Besuch beim Tod hatte ihm gut getan. Jetzt musste er nur noch die Ernte einfahren …

Hiram Decker nickte sich selbst zu. Es war so etwas wie ein Startzeichen für ihn. Er trug Schuhe mit Gummisohlen. Damit konnte er schleichen. Man würde ihn kaum hören, und genau darauf kam es ihm an.

Er war derjenige, der überraschte. Der kam, zuschlug und dann wieder verschwand. Er mochte es, auf diesen weichen Sohlen zu laufen. So kam er sich vor wie ein Schatten, der plötzlich auftauchte und spurlos wieder verschwand, nachdem er das Grauen hinterlassen hatte. Er war der Mann fürs Grobe, aber seinen Job wollte er auf eine leise und auch feine Art erledigen.

Bald hatte er das Ende des Gangs erreicht. Dort blieb er stehen und lauschte. Er konzentrierte sich auf seine Umgebung und war froh, dass sich nichts verändert hatte.

Decker wusste, dass die Tür nicht abgeschlossen war. Da hatte er sich schon kundig gemacht. Er musste sich nur für eine Hälfte entscheiden und dachte an die rechte.

Zuvor allerdings gönnte er sich einen Blick durch das runde Fenster in der oberen Hälfte der Tür in den dahinter liegenden Raum.

Über sein glattes Gesicht huschte ein Lächeln. Er sah genau das, was er sehen wollte. Sein Opfer hatte den üblichen Platz eingenommen. Entspannt lag er auf seinem Liegestuhl. Decker sah sogar, dass er die Augen geschlossen hatte. Die Hände des Schlafenden lagen auf seinen Oberschenkeln. Er trug einen hellen Bademantel mit dem Emblem des Hotels auf der Brust.

In einer Minute würde er tot sein – spätestens. Decker würde seinen Job machen, und niemand würde ihn davon abhalten können.

Er öffnete die Tür.

Die eine Hälfte schwappte fast lautlos nach innen. Jedenfalls schien der Mann nichts zu hören. Decker ging davon aus, dass er schlief. In seiner Heimat – Russland – hatte er die Ruhe nicht, aber hier in Deutschland, in Baden-Baden, da konnte er entspannen und musste keine Angst vor irgendwelchen Killern haben, die ihm von der Konkurrenz geschickt wurden.

Decker schob sich in den Ruheraum. Ja, es war hier still zwischen den Wänden, allerdings auch etwas warm oder schwül, sodass ihm sofort der Schweiß auf die Stirn trat. Noch ein Grund, den Job schnell hinter sich zu bringen.

Auch jetzt waren die Schritte des Mannes kaum zu hören, als er sich durch den Raum bewegte und auf den Schlafenden zuging.

Vor der Liege blieb er stehen.

Dann holte er seine Waffe hervor.

Sie lag gut in der Hand, trotz des aufgeschraubten Schalldämpfers. Noch visierte er sein Opfer nur mit den Augen an. Der Russe merkte davon nichts. Aber er war es, der das einzige Geräusch in diesem Raum abgab. Ein leises Schnarchen oder Röcheln, das empfindliche Menschen wütend machen konnte.

Auch Decker mochte das Schnarchen nicht. Jetzt freute er sich darauf, es abstellen zu können.

Er visierte den Mann über den Lauf seiner Waffe an. Der Finger lag schon am Abzug, als Decker zögerte.

Der Russe hatte sich bewegt.

Das leise Schnarchen verstummte.

Dann bewegte sich der Kopf zur Seite. Zugleich fing der Mann an zu zwinkern. Sofort danach öffnete er die Augen, und jetzt musste er seinen Besucher sehen.

Der Russe begriff!

Nur war es zu spät für ihn. Als ihm klar wurde, was mit ihm passieren sollte, da drückte Hiram Decker ab. Er blieb ganz ruhig und schoss zweimal.

Beide Kugeln stanzten Löcher in die linke Brustseite des Russen. Der weiße Stoff des Bademantels färbte sich rot. Dann zuckte der Körper hoch und sackte sofort wieder zurück auf die Liege.

Geschafft!

Hiram Decker war zufrieden. Er lächelte und hätte sich am liebsten selbst auf die Schulter geklopft. Das ließ er bleiben, denn er wollte nicht länger als nötig am Tatort verweilen. Dass der Russe tot war, stand für ihn fest, davon brauchte er sich nicht erst zu überzeugen. Jetzt war es wichtig, so rasch wie möglich wieder zu verschwinden.

Er steckte die Waffe weg. Dann drehte er sich nach rechts, um auf die Tür zuzugehen.

Genau nach einem Schritt erwischte es ihn!

***

Plötzlich war alles anders.

Er konnte nicht mehr gehen. In seinem Körper hatte sich etwas ausgebreitet, das heiß und kalt zugleich war. Es brannte in seine Lunge hinein und raubte ihm die Luft.

Hiram Decker torkelte zur Seite. Ein Pfeifen verließ seinen Mund. Er richtete sich wieder auf, denn so schnell wollte er nicht aufgeben. Die Tür war nicht weit entfernt. Eine schon lächerliche Entfernung, die er nur überbrücken musste.

Das schaffte er nicht.

Etwas anderes war da.

Etwas Fremdes steckte in ihm, das ihn voll und ganz übernommen hatte. Er wusste nicht, was es war. Ihm war nur klar, dass etwas Schlimmes mit ihm passierte, das möglicherweise zu seinem Tod führen konnte.

Er spürte, dass die Kraft ihn verließ. Auf der anderen Seite war ihm klar, dass er verschwinden musste, denn er wollte auf keinen Fall als Mörder festgenommen werden.

Er ging.

Nein, das war schon kein Gehen mehr. Decker schleppte sich weiter. Auf seinem Gesicht zeichnete sich der Schmerz ab. Sein Körper geriet in eine gebückte Haltung und taumelte durch den Ruheraum. Nur ging er nicht in die gewünschte Richtung. Er lief nicht auf die Tür zu, sondern auf eine der Wände. Dort befand sich ein Spiegel, der bis zum Boden reichte.

Er sah sich darin.

Decker sah, dass es ihm schlecht ging. Dass er kaum mehr in der Lage war, sich auf den Beinen zu halten. Er schwankte, aber er fiel noch nicht.

Und dann sah der Killer etwas, das ihn erschütterte. Es ging um ihn, es ging um sein Aussehen, das er sich nicht erklären konnte. Er hatte erst gedacht, sich zu irren, doch es war kein Irrtum. Er sah sich selbst, und er musste erkennen, dass er sich verändert hatte.

Es gab keine normalen Augen mehr. Sie waren zwar in den Umrissen noch da, aber in ihnen vereinigte sich ein starkes, kaltes und knallgelbes Licht.

Wieso?

Hiram Decker riss seinen Mund auf. Da traf ihn der zweite Schock. Denn auch in seinem Mund und tief in der Kehle sah er das verdammte Licht. Dieses harte Gelb, das ihn an etwas erinnerte. Es schoss ihm plötzlich durch den Kopf.

Er kannte die Farbe. Er hatte sie mal geliebt. Sie hatte ihn auf den Weg gebracht. Sie hatte dafür gesorgt, dass er die Seiten wechseln konnte.

Und jetzt stellte sie sich gegen ihn. Sie vernichtete ihn, denn Decker glaubte nicht daran, dass er noch eine Chance hatte.

Ein wahnsinniger Schmerz tat sich in seinem Innern auf. Er raste vom Kopf bis zu den Füßen. Er war Hitze und Kälte zugleich, und er sorgte dafür, dass sein Inneres verändert wurde.

Plötzlich spürte er seinen Herzschlag. Es war ein verrücktes Trommeln, und er hatte das Gefühl, dass seine Brust gesprengt werden würde. Dann war auch die Luft weg. Schmerzen jagten als Stiche in seinen Kopf hinein. Die normale Umgebung verschwand. Etwas anderes raste auf ihn zu. Es waren die Schatten des Todes, die sich seiner bemächtigten und ihn endgültig aus dem Leben rissen …

***

Der deutsche BKA-Agent Harry Stahl saß in seinem Büro, trank einen Kaffee und schaute auf die Jalousien vor dem Fenster, die nicht viel Sonnenlicht durchließen. Das war auch gut so, denn der Tag versprach wieder warm zu werden, und davon wollte Harry im Büro nichts mitbekommen. Da war ein wenig Schatten schon besser.

Er saß hier nicht, um auf den Feierabend zu warten. Es gab einen Grund, der ihn im Büro festhielt. Einer seiner Vorgesetzten wollte etwas von ihm, und man hatte ihm geraten, sich schon reisefertig zu halten. Deshalb stand auch eine gepackte Reisetasche im Büro.

Der Vorgesetzte hieß Schneider. Und er kam aus dem Südwesten der Republik, das wusste Harry. Er hatte auch etwas von Baden-Baden gehört, war sich aber nicht sicher.

Einige Minuten später klopfte es. Sofort danach wurde die Tür geöffnet, und Schneider betrat das Büro.

Nicht jeder Mann, der bei den Diensten sein Geld verdient, sieht aus wie James Bond. Das traf auch auf Schneider zu. Er war ein recht kleiner Mann mit Kugelbauch und hatte seinen Körper in einen hellen Anzug gezwängt. Das dunkelblaue Hemd sah zerknittert aus, und auch der Anzug war nicht neu.

Die Männer reichten sich die Hand, und Harry Stahl bot etwas zu trinken an.

»O ja, das ist nicht schlecht.«

»Ich habe es aber nur zimmerwarm.«

»Ach, das macht nichts.«

»Okay.« Harry holte aus einem Fach seines Schreibtischs eine kleine Flasche Wasser und ein Glas.

Schneider bedankte sich. Er trank danach gierig und tat kund, wie gut ihm das Wasser getan hatte.

»Aber deswegen bin ich nicht bei Ihnen«, fügte er noch hinzu.

»Das dachte ich mir.«

Schneider lächelte. »Ich komme aus dem Badischen, habe dort auch mein Büro, und in Baden-Baden ist etwas passiert, das uns Rätsel aufgibt.«

»Ich höre …«

Bei den nächsten Worten konnte Schneider sein Gegenüber nicht anschauen. »Ich habe mir sagen lassen, dass Sie so etwas wie der Spezialist für ungewöhnliche Fälle sind.«

»Nun ja, man erzählt sich viel.«

»Doch, doch, ich habe einiges über Sie gelesen, Herr Stahl. Wir brauchen uns nichts zu erzählen. Deshalb bin ich ja hier.« Jetzt schaute er Harry direkt an. »Es geht um einen Fall, der für uns sehr rätselhaft ist.«

»Aha. Und weiter?«

»Es geht um den Mörder – und auch um sein Opfer.«

»Schön. Das hört sich aber nicht rätselhaft an.«

Das gab Schneider zu. Doch er sagte auch: »Lassen Sie mich weiterreden.«

»Bitte.«

Schneider berichtete, wer in der Sauna eines Hotels aufgefunden worden war. Ein Mann, dem jemand zwei Kugeln ins Herz gejagt hatte.

»Das ist nicht besonders geheimnisvoll.«

»Ich bin noch nicht fertig. Das dicke Ende kommt noch.«

Und dann wurde es interessant. Harry bekam wirklich große Ohren, als er hörte, was geschehen war. Es hatte nicht nur das Opfer erwischt, sondern auch den Killer.

»Bitte?«, fragte Harry.

»Ja, der Mann ist tot.«

»Wissen Sie, wie er heißt?«

»Wir sind dabei, es herauszufinden. Mittlerweile werden meine Kollegen es geschafft haben. Aber das ist nicht so wichtig, denke ich mal. Ich sehe andere Dinge.«

»Gut. Welche?«

Schneider holte Atem und es sah aus, als wollte er sich aufblähen. Seine Augen vergrößerten sich, und dann rückte er mit der ganzen Geschichte heraus.

»Der Mann war nur noch eine Hülle!«

Harry Stahl überlegte. Dann fragte er: »Sie meinen damit den Killer, oder irre ich mich?«

»Nein, es ist kein Irrtum.«

»Und weiter?«

»Der Mann ist nur noch eine Hülle gewesen.«

»Was heißt das?«

Schneider senkte seine Stimme. »Genau wie ich es Ihnen gesagt habe. Er war nur noch eine Hülle.«

Harry verzog die Lippen. »Kein – ähm – Inneres mehr?«

»So ist es.«

»Und weiter?«

Schneider gab einen kieksenden Lacher von sich. Dann hob er die Schultern. »Das reicht doch, oder? Der Mann war leer. Man hat ihm das Innere geraubt oder es zerstört.«

»Wahnsinn …«

»Ja, Sie sagen es, Stahl. Und wir haben jetzt ein verdammtes Problem, das sage ich Ihnen.«

»Wer war denn das Opfer?«

Schneider senkte seine Stimme. »Zuerst haben wir gedacht, es wäre ein Russe. Aber das ist er nicht. Bei dem Mann handelte es sich um einen Ukrainer.«

»Ach. Und wo geschah die Tat genau?«

»In Baden-Baden.«

»Warum? Haben Sie da eine Idee?«

Schneider wusste die Antwort. Er sprach davon, dass die Russen schon immer die Stadt im nördlichen Schwarzwald geliebt hatten. Schon die Zaren hatten mit ihrem Gefolge hin und wieder Baden-Baden aufgesucht, um hier ein paar schöne Tage oder auch Monate zu verbringen.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten sich viele Russen daran erinnert und waren in die Stadt gekommen. Natürlich nur die, die Geld hatten. Das hatte sich auch bis in die Ukraine herumgesprochen. So waren auch aus diesem Land die Menschen in den Westen gekommen.

Einer hatte nicht überlebt.

Ohne irgendwelche Vorurteile ausspielen zu wollen, konnte man sagen, dass auch Gäste ins Land kamen, die ihr Geld nicht eben ehrlich verdienten. Gangster, die sich hier in Deutschland eine Auszeit gönnten.

»Was wissen Sie denn über das Motiv?«

»Nichts, Herr Stahl. Und wir wissen vor allen Dingen nicht, warum dieser Killer gestorben ist. Und wie das geschah. Etwas muss sein Inneres ausgebrannt haben.«

»Ja, das ist schon ungewöhnlich.«

»Und damit Licht in die Sache kommt, sitze ich hier bei Ihnen am Tisch und rede.«

»Das heißt, ich soll die Suppe auslöffeln.«

»So drastisch würde ich es nicht sehen. Sie sollen sich bitte des Falls annehmen.«

»Das habe ich erwartet.«

»Und?«

Harry Stahl lachte. »Was soll ich denn machen? Ablehnen? Mich weigern? Nein, ich werde mich darum kümmern.«

»Das ist gut.«

»Aber dann sagen Sie mir noch, wie weit Sie die Behörden eingeweiht haben.«

»Die normale Polizei meinen Sie?«

»Genau die.«

»Nun ja, das ist leider nicht zu vermeiden gewesen. Da macht man sich auch Gedanken, aber man weiß auch, dass wir im Hintergrund mitmischen. Und jetzt werden wir aus dem Hintergrund einen Vordergrund machen.« Er leerte sein Glas. »Ich kann Ihnen sagen, dass Sie alle Vollmachten haben. Dieser Fall muss aufgeklärt werden. Nicht nur, dass dieses Opfer ein Ukrainer gewesen ist, es geht auch um den Täter. Wie ist es möglich, dass ein Mensch innerlich vergeht. Dass er verbrennt oder so. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.«

»Da liegen Sie wohl richtig.«

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