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John Sinclair - Folge 1829

Die Spinnenfrau

»Toll«, sagte ich und verzog meine Mundwinkel.

»Was ist toll?«, fragte Suko und bremste hinter einem gelben Transporter.

»Dass wir am frühen Morgen schon mit einer Leiche konfrontiert werden. Das meine ich.«

»Du hast doch gefrühstückt«, hielt Suko dagegen.

»Ein wenig.«

Er lachte. »Dann siehst du die Leiche nicht auf nüchternem Magen.«

»Danke. Soll das ein Trost sein?« Purdy Prentiss rief nicht grundlos an.«

»Das denke ich auch.« Danach grinste ich. »Du wirst lachen, es tröstet mich sogar.«

Purdy Prentiss!, dachte ich. Die toughe Staatsanwältin, die sich so leicht nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Die Frau mit den rotblonden Haaren war wirklich toll. Wir hatten schon oft genug mit ihr zusammengearbeitet, und es kam noch etwas Wichtiges hinzu. Purdy Prentiss hatte schon mal gelebt. Vor sehr, sehr langer Zeit in Atlantis. Davon war noch etwas zurückgeblieben.

Sie konnte sehr gut mit Waffen umgehen.

Und heute wollte sie uns eine Leiche zeigen. Das war im Prinzip nichts Außergewöhnliches, aber wenn Purdy so sprach, dann steckte wohl mehr dahinter. Was es genau war, das hatte sie uns leider nicht gesagt, es sollte wohl eine Art von Überraschung werden.

Verabredet waren wir in der Pathologie. Und dieser Bau sah für mich von außen ebenso hässlich aus wie von innen. Er bestand aus Backsteinen, die gut aussehen können, wenn man sie pflegt. Das war hier nicht der Fall. Man hatte sie Wind und Wetter überlassen, und so gab es an den Außenwänden so gut wie keine Farbe mehr.

Wir konnten wieder anfahren. Ich war froh, dass ich neben Suko sitzen konnte, denn er war es gewesen, der mir bei meinem letzten Fall das Leben gerettet hatte. Wäre er nicht gekommen, hätte mich ein gewisser Dr. Sarko zur Hölle geschickt. Es war ihm nicht gelungen, weil Suko schneller gewesen war, und jetzt steckte der gute Sarko in der Hölle.

Weit mussten wir nicht mehr fahren. Im nächsten Block lag unser Ziel.

Die Umgebung wurde grauer, als wollte sie sich dem Bau anpassen. Das aber konnte auch Einbildung sein. Dennoch sank meine Laune noch tiefer, als ich das Gebäude sah.

Wir wussten, wo wir parken konnten. Das war im hinteren Teil des Grundstücks. Dort gab es einen Parkplatz, der von hier nicht einsehbar war.

Und wir hatten Glück, denn es gab eine freie Parktasche, die für den Rover wie gemacht schien.

Wir stiegen aus, blieben zunächst mal stehen und blickten uns um. Zumindest ich tat das.

»Was hast du?«, fragte Suko.

Ich winkte ab. »Nichts Besonderes.«

»Doch, du siehst so aus.«

»Klar. Ich habe nur daran gedacht, dass es hier noch immer so beschissen aussieht.«

»Hast du was anderes angenommen?«

»Im Prinzip nicht. Ich dachte nur, ich hätte mich geirrt. Ist aber nicht.«

»Das ist unser Schicksal. Komm, Alter, dann wollen wir uns die Leiche mal anschauen.«

An diesem Morgen war ich wirklich nicht gut drauf. Ob es nur an dem Besuch in der Pathologie lag, wusste ich nicht. Es konnte auch andere Gründe haben.

Man konnte nicht einfach so hineingehen und irgendwelche Toten besichtigen. Man musste sich schon anmelden oder bekannt sein. Der Kollege hinter der Eingangstür ließ seine Zeitung sinken, als er uns sah. Dann fing er an zu grinsen.

»Na, auch mal wieder hier, die Herren?« Er grinste weiter. »Zum Glück lebend – ha, ha …«

Wir lachten nicht. Suko übernahm das Sprechen. »Wir sind mit Doktor Prentiss verabredet. Wissen Sie, wo wir sie finden können?«

»Klar, das ist eine heiße Nummer. Und so etwas ist Staatsanwältin. Alle Achtung.«

Ich verlor langsam die Geduld. »Wo ist sie? Wir haben keine Lust, lange zu suchen.«

»In der Kantine.«

Ich war überrascht. »Ach, gibt es so etwas hier auch?«

»Keine richtige. Wir nennen den Raum nur so. Da stehen ein paar Automaten. Dort können Sie sich was holen.«

»Danke für den Tipp.«

»Keine Ursache.« Er erklärte uns noch, wie wir am besten zu dieser Kantine kamen, dann griff er wieder nach seiner Zeitung und vertiefte sich darin.

Im Innern dieses Hauses roch es kaum. Die Luft wirkte künstlich auf mich, aber das konnte auch täuschen. Jedenfalls war es keine Umgebung, die mir gefiel.

Ich folgte Suko, der die Tür zu dieser angeblichen Kantine fand und sie aufdrückte. Es war ein Raum mit Fenstern. Das war nicht überall hier der Fall. Der Blick fiel zur Seite und auf die Mauern eines anderen Hauses.

Der Mann am Empfang hatte recht. In dieser Kantine gab es nur Automaten und ein halbes Dutzend Tische mit Stühlen. Aus den Automaten an der Wand konnte man die Getränke ziehen, aber auch kleine Snacks.

Und einen solchen aß Purdy Prentiss, die allein an einem Tisch hockte und uns anlächelte. Den Kaffee trank sie aus der Tasse, und auf einem Unterteller lagen einige Kekse. Zudem beschäftigte sie sich mit einem Artikel, der in einer Fachzeitschrift erschienen war.

Das war jetzt vorbei, als sie uns sah.

»Na, das ist doch super, dass ihr so schnell gekommen seid.« Sie umarmte uns beide. »Wollt ihr etwas essen?«

Suko schüttelte den Kopf.

Purdy fragte: »Du, John?«

»Nein, ich habe schon.«

»Okay. Aber ich esse noch etwas.«

»Kannst du gern. Ich hole mir einen Kaffee.«

Dann saßen wir zusammen. Zum Kaffee hatte ich mir doch noch ein Stück Kuchen besorgt. Es war eine Waffel, die ich aß und die sogar recht gut schmeckte.

Purdy lächelte uns zu. »Ihr seid gespannt, wie?«

»Und ob«, sagte ich.

»Das bin ich auch«, sagte sie.

»Wieso?«

»Auf die Lösung.«

»Aber es geht um einen Toten – oder?«, fragte Suko,

»Sicher. Und dieser Tote gibt uns Rätsel auf. Sorry, aber das ist nun mal so.«

»Inwiefern?«, fragte ich.

Sie winkte ab. »Das werdet ihr gleich sehen. Ich will nur noch meinen Kaffee trinken.«

»Ja, tu das.«

Sie hatte es wirklich spannend gemacht, und nicht nur sie trank den Kaffee, sondern auch ich schlürfte meinen weg und aß auch den Rest der Waffel.

Wir schauten uns an. Purdy lächelte. Ihr Haar trug sie wie immer. Es sah aus, als säße ein rotblonder Helm auf ihrem Kopf. So akkurat war auch der Schnitt. In ihren grünen Augen tanzten Funken, als sie fragte: »Alles klar bei dir?«

»Ich kann nicht klagen.«

»Super.«

»Und was ist mit dir?«

Sie winkte ab. »Ach, du weißt doch, John. Immer die gleiche Routine.«

»Aber nicht jetzt.«

»Das stimmt.«

Mehr sagte sie nicht. Ich hatte gedacht, dass sie etwas hinzufügen würde, doch da hatte ich mich geirrt. Mit einer Serviette tupfte Purdy ihre Lippen ab, dann stand sie auf und nickte uns zu. »Wir können.«

Purdy Prentiss kannte sich hier aus. Wieder gingen wir durch einen Flur und mussten mit einem Lift in den Keller fahren. Hier kannte ich mich besser aus. Suko und ich waren schon öfter hier gewesen und hatten mit dem Chef, Doktor Miller, zu tun gehabt. An diesem Tag bekamen wir ihn nicht zu Gesicht, nur einige andere Angestellte, die uns kurz grüßten. Wir mussten bis zum Ende des Gangs gehen. Dort befand sich an der linken Seite eine Tür, vor der Purdy stehen blieb.

»Man hat mir diesen Raum überlassen.« Sie holte aus der Kostümjacke einen Schlüssel hervor und schloss auf.

Jetzt hatten wir so lange gewartet, und ich war gespannt, ob es sich auch gelohnt hatte.

Die Staatsanwältin schob die Tür auf, und unser Blick fiel in einen recht kleinen gekühlten Raum. Eine Einrichtung gab es nicht, dafür den üblichen Tisch, den ich von der Pathologie her kannte. Er war aus Metall. An den Seiten gab es die Ablaufrinnen für die Flüssigkeiten.

Und dann fiel mein Blick auf den Tisch.

Dort lag er.

Neben mir wurde Suko blass. Purdy sagte nichts, und ich stand da und konnte auch nichts sagen, denn was ich hier zu sehen bekam, damit hatte ich nicht gerechnet …

***

Der Tote war ein Phänomen!

Er lag auf dem Rücken, und ich hätte gut in sein Gesicht schauen können. Das aber war nicht möglich. Von dem Gesicht war nicht viel zu sehen, weil es völlig bedeckt war. Und das von einem hellen Gebilde.

»Tretet ruhig näher und schaut es euch an. Der Tote ist sehr interessant.«

Ja, das war er. Zumindest die Tatsache, dass er in einen Kokon eingewickelt war. Er war auch nicht nackt, sondern trug normale Kleidung.

Suko und ich schauten genauer hin und erkannten, dass der Körper von Fäden umwickelt war. Und das nicht nur von wenigen, sondern von unzähligen, die so dicht nebeneinander lagen, dass sie eine regelrechte Schicht bildeten, die eng auf der Haut lag.

Mich interessierte besonders der Kopf. Ich wollte das Gesicht sehen, aber ich hatte Mühe, es zu erkennen, weil die Fäden zu dicht waren. Sie klebten aneinander, es gab keine Lücke, durch die wir schauen konnten. Ich erkannte, dass der Mund weit geöffnet war, als hätte er versucht, noch im letzten Moment nach Luft zu schnappen.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich mich wieder aufrichtete und mich nach links drehte. Denn dort stand Purdy Prentiss. Wie ich sie kannte, wartete sie bestimmt auf einen Kommentar von mir. Damit konnte ich nicht dienen, dafür mit einer Frage.

»Was ist mit ihm passiert? Kannst du dazu was sagen? Habt ihr etwas herausgefunden?«

Sie nickte. »Haben wir.«

»Und was?«

Purdy Prentiss schaute auf ihre Hände, als sie sprach. Und sie redete recht langsam. »Er ist grausam umgebracht worden. Man kann davon ausgehen, dass er erstickte. Erst machte man ihn kampfunfähig, dann wurde es gnadenlos.«

»Was ist das für ein Zeug, das seinen Körper bedeckt?«, wollte ich wissen.

Die Antwort gab Suko. »Spinnweben, würde ich sagen. Ja, dicke Spinnweben. Habe ich recht?«

»Hast du, Suko.«

Ich hatte nur zugehört. Jetzt blies ich meine Wangen auf. Danach stieß ich die Luft wieder aus und sagte: »Spinnweben also.«

»Ja.«

»Und weiter?«

Purdy Prentiss legte ihre Stirn in Falten und weitete die Augen. »Er ist nicht das erste Opfer. Es gab schon mal eines, das so aussah. Da habe ich noch nicht richtig geschaltet. Jetzt aber stehen meine Sinne auf Alarm, denn dieses zweite Opfer könnte auf eine Serie hindeuten.«

»Vielleicht.«

Suko war einmal um den Tisch herumgegangen, er hatte sich eine Frage überlegt.

»Wer wäre denn in der Lage, diese Fäden abzuschießen? Meinst du, dass es Spinnen gewesen sind?«

Purdy hob die Schultern. »Wir haben die Bänder untersucht und festgestellt, dass es sich um das Material handelt, aus dem auch Spinnweben sind.«

»Mehr sagst du nicht?«, fragte ich.

»Was willst du denn hören?«

Ich musste lachen. »Gibt es denn Spinnen, die diese Fäden abschießen?«

»Das müssten Riesentiere sein.«

»Genau. Aber du weißt nicht mehr – oder?«

»Tja, was soll ich dazu sagen? Wir haben die Fäden untersucht, sie bestehen aus normaler Spinnenseide, die ein Tier als Flüssigkeit aus den Spinnwarzen schießt. In der Luft erhärtet sie sich zu den elastischen Fäden. Wenn du einmal in denen gefangen bist, gibt es kaum ein Entkommen. Selbst für Menschen nicht.«

Ich musste erst mal durchatmen, bevor ich fragte: »Könnten wir es denn hier mit einer Riesenspinne zu tun haben?«

»Das muss wohl so sein«, sagte Purdy.

Suko meinte: »Dann stellt sich die Frage, wo es sie gibt.«

Tja, wo gab es sie? Keiner von uns konnte darauf eine Antwort geben. In dieser Welt bestimmt nicht. Der Gedanke an eine andere Dimension kam mir in den Sinn. Ich wollte aber nicht weiter darauf eingehen, sondern kam auf den Mann zu sprechen.

»Wo wurde er gefunden?«

»In einem Kanal nahe der Themse.«

»Im Wasser?«

Purdy schüttelte den Kopf. »Nein, es war ein trockener Kanal. Wie ich erfahren konnte, führt er nur im Winter Wasser. Es ist auch mehr ein Abfluss für Abwasser. Da wurde er gefunden, aber ob er da auch gestorben ist, weiß ich nicht.«

»Klar. Und du hast von noch einem Opfer gesprochen.«

»Genau, John. Er sah aber nicht so aus wie dieser hier.«

»Warum nicht?«

»Weil da nur sein Kopf umwickelt war. Der Körper lag frei. Erstickt ist er trotzdem.«

»Und wo fand man ihn?«

»Auf einem Rummel.«

»Bitte?« Ich konnte es nicht glauben.

Purdy Prentiss nickte. »Ja, auch wenn es ungewöhnlich ist, man fand ihn auf einem Rummel. Er saß als Toter in einem Wagen der Geisterbahn.«

»Sehr passend«, sagte ich.

»Das kannst du laut sagen.«

»Und wo finden wir den Rummel?«

Da lächelte sie. »Ich kenne deine Gedanken. Zwischen ihm und dem Kanal liegen Meilen. Du kannst auch Welten sagen. Eine Verbindung haben wir da nicht entdeckt.«

»Schade.«

»Du sagst es.« Purdy runzelte die Stirn. Dann sagte sie mit leiser Stimme: »Wir müssen davon ausgehen, es mit einem Phänomen zu tun zu haben. Und deshalb seid ihr mit dabei.«

»Toll«, murmelte ich.

»Was hättest du an meiner Stelle getan, John?«

»Keine Ahnung. Da bin ich überfragt.«

Suko hatte lange Zeit nichts gesagt. Das änderte sich jetzt.

»Wie heißen die beiden Toten, und was habt ihr über die herausgefunden? Ich denke, da ist nachgehakt worden.«

»Ist es auch.«

»Dann mal los.«

»Der erste Tote heißt Walter Friend. Der zweite, der hier von euch liegt, hört auf den Namen Steve Heller.«

Jetzt wussten wir mehr. Aber keiner von uns konnte mit den Namen etwas anfangen. Das galt auch für Purdy Prentiss, wie sie uns sagte.

»Habt ihr denn Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Toten herausgefunden?«, fragte Suko.

»Nein, das haben wir nicht. So einfach ist das nicht.«

»Und wer waren die beiden? Was haben sie für einen Background?«

Purdy hob die Schultern. »Sie waren so unterschiedlich. Walter Friend arbeitete als Eisenbahner. Steve war in einem Architekturbüro beschäftigt.« Purdy schaute auf ihre Füße. »Es tut mir leid, aber wir haben keine Gemeinsamkeit herausgefunden. Sie haben sich zu Lebzeiten nicht gekannt.«

»Und doch sind sie beide auf diese schreckliche Art und Weise gestorben.« Ich schüttelte den Kopf. »Sollte es sie denn nur zufällig erwischt haben?«

»Das ist möglich.«

Ich sah Purdy zweifelnd an. »Glaubst du das wirklich? Du bist doch nicht von gestern. Da muss es eine Verbindung geben.«

»Klar. Aber wie finden wir die?«

»Das ist die Frage.«

Ich sprach weiter.

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