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John Sinclair - Folge 1827

Der Weg ins Verderben

Die Worte bestanden mehr aus schrillen Schreien, und trotzdem verstand Sheila Conolly, wer da etwas von ihr wollte. Es war Harriet Brown, die anrief und redete, als wäre sie völlig aufgelöst.

Sheila wartete auf eine Sprechpause, die auch erfolgte. Sie hatte sich darauf eingestellt, schnell zu reden, und das schaffte sie.

»So, meine Liebe, jetzt reiß dich mal zusammen und sag, was du von mir willst.«

Sie bekam eine Antwort. Nur anders, als Sheila sie sich vorgestellt hatte. Sie hörte das Schluchzen, dann ein Stöhnen. Anschließend war die Stimme kaum zu verstehen …

»Sie – sie – sind in mir.«

»Wer ist in dir, Harriet?«

»Die Dämonen!« Die Antwort peitschte in ihr Ohr, und Harriets Stimme hatte sich sogar männlich angehört.

Sheilas Antwort folgte prompt. »Quatsch, es gibt keine Dämonen. Du irrst dich.« Sie wusste es zwar besser, doch davon wollte sie lieber nicht sprechen.

»Doch, es gibt sie. Das weißt du.«

»Und was macht dich so sicher?«

»Ich weiß es eben.« Harriet heulte auf, doch ihre Stimme versickerte schnell.

Sheila dachte nach. Ihre Gedanken wirbelten. Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Ihre Freundin schien sich nicht beruhigen zu können, auch jetzt hatte sie nicht aufgelegt, obwohl sie nichts mehr sagte.

»Okay, Harriet, ich habe dir zugehört. Aber was willst du wirklich? Sag es!«

»Ich will, dass du zu mir kommst.«

»Und dann?«

»Du musst mich retten.«

»Okay.« Sheila blieb ruhig. »Vor wem soll ich dich retten? Kannst du mir das sagen?«

»Ja, vor ihnen.«

»Wer sind sie?«

»Die Dämonen!«, schrie Harriet. »Genau die sind es. Diese schrecklichen Dämonen.«

»Und weiter?«

»Reicht das nicht?«

»Ja, ja …« Sheila war klar, dass Harriet so einiges über die Conollys wusste und sie deshalb angerufen hatte. Bei Dämonen horchte Sheila auf, was sie auch jetzt tat, es aber nicht zugeben wollte.

Und ihr Mann Bill war nicht da. Er übernachtete irgendwo in Wales, weil dort ein Buch vorgestellt wurde, dessen Inhalt Bill interessierte, auch weil er den Autor gut kannte.

So war Sheila allein zu Hause geblieben. Das heißt, ganz allein war sie nicht, denn es gab noch Johnny Conolly, den Sohn.

Sie hörte wieder die Jammerstimme. »Kommst du, Sheila?«

»Und dann?«

»Wirst du dafür sorgen, dass die Dämonen aus mir verschwinden.«

Sheila verdrehte die Augen. »Ich weiß nicht, was du dir vorgestellt hast, Harriet, aber ich bin keine Exorzistin, denn so denkst du doch über mich, oder?«

»Nein, nein, Sheila. Aber ich weiß, dass du anders denkst als die meisten.«

»Das stimmt nicht.«

»Doch, du und dein Mann ihr seid etwas Besonderes. Du hast es mal anklingen lassen. Du hast mal gesagt, dass du Dingen nachgehst, die anders sind. Oder so ähnlich.«

»Ja, das stimmt schon.«

»Eben. Und deshalb habe ich dich angerufen. Ich will, dass du mir hilfst, dass wir miteinander reden.« Ihre Stimme nahm einen anderen Klang an. »Bitte, Sheila.«

Sheila überlegte, wiegte den Kopf, verdrehte die Augen, schaute auch mal scharf nach vorn, hörte wieder das Schluchzen der Anruferin und dachte daran, dass es ihrer Freundin schlecht ging und sie etwas unternehmen musste. Sie hätte sich immer Vorwürfe gemacht und kein gutes Gewissen gehabt, wenn sie jetzt kniff.

Zwar gehörte Harriet Brown nicht zu ihren besten Freundinnen, aber sie hatten sich immer gut verstanden und waren hin und wieder mal gern shoppen gegangen.

»Was ist denn, Sheila?«, jammerte sie.

»Keine Sorge, ich komme.«

»Echt?«

»Ja.«

»Und wann?«

»Du kannst auf mich warten, aber ich werde dir keine Zeit angeben. Hast du verstanden?«

»Hab ich.«

»Dann reiß dich zusammen, Harriet.«

»Danke, Sheila, danke, dass du kommst.«

»Schon gut.«

Das Gespräch war vorbei. Sheila schloss die Augen. Sie saß vor ihrem Schreibtisch und ließ sich in ihrem Kippstuhl zurücksinken. In ihrem Kopf begannen die Überlegungen, und sie fragte sich, ob sie das Richtige getan hatte. Hätte sie abgelehnt, dann hätte sich bestimmt ihr Gewissen gemeldet, und damit kam sie schlecht zurecht. Es war nur dumm, dass Bill nicht im Haus war.

Als sie hinter sich das Räuspern hörte, zuckte sie zusammen. Sie schaute zur Seite und sah einen Schatten, der sich über den Teppich bewegte.

Aus dem Schatten wurde ein Mensch, und den kannte Sheila gut. Es war ihr Sohn Johnny.

»Hi«, sagte sie müde.

Johnny fragte: »Was war los?«

Sie winkte ab. »Ach, vergiss es.«

»Nein, warum?« Johnny setzte sich auf die Schreibtischkante. »Du hast telefoniert.«

»Stimmt.«

»Und ich habe zufällig einen Teil des Telefonats mitgehört.«

Sie winkte ab. »Am besten ist es, wenn du gar nichts fragst. Es war Harriet Brown.«

»Ach, die.«

Sheila nickte. »Ich weiß ja, dass du sie nicht magst, aber das spielt keine Rolle. Sie hat angerufen, weil sie in Panik war. Ich denke, dass sie meine Hilfe braucht.«

»Und wogegen? Oder warum?

»Sie ist beeinflusst worden.« Sheila zuckte mit den Schultern. »Von Dämonen, wie sie sagte.«

»Was?« Plötzlich war Johnny hellwach. »Dämonen, hast du gesagt? Was hat sie mit Dämonen zu tun?«

»Sie sagte es mir nicht.«

»Glaubst du ihr denn?«

Sheila sagte nichts. Sie dachte nach und meinte nach einer Weile: »Das ist schwer. Es klang aber echt.«

»Was meinst du?«

»Die Worte. Auch so, wie sie sich gab. Sie hat eine wahnsinnige Angst gehabt.«

»Hm.« Johnny überlegte und fragte dann: »Hast du denn bei ihr nachgehakt, um Näheres zu erfahren?«

»Nein, das habe ich nicht, aber ich habe ihr versprochen, dass ich zu ihr fahre.«

»Hast du das auch gut überlegt?«, fragte Johnny.

»Habe ich, denn wenn sich Harriet etwas antun würde, ich würde mir immer Vorwürfe machen.«

»Das kann ich verstehen.«

»Dann lass mich jetzt fahren, Johnny. Umso schneller bin ich wieder zurück.«

»Nein.«

Sheila schrak zusammen. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet. »Bitte, was soll das?«

»Du fährst nicht allein. Ich komme mit dir.«

Sheila wusste nicht, ob sie lächeln oder ernst bleiben sollte. Sie entschied sich für ein Lächeln, wobei sie fragte: »Willst du deine alte Mutter beschützen?«

»Wenn du das so siehst, meinetwegen.«

»Nun ja, ich habe nichts dagegen.«

»Super, Ma. Und du brauchst auch keine Furcht davor zu haben, dass es auffällt und man dich eventuell auslacht. Ich werde nicht mit zu dieser Freundin gehen, sondern im Auto sitzen bleiben und dir so etwas wie eine Rückendeckung geben.«

Spöttisch fragte sie: »Vor wem willst du mich denn beschützen?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber ich denke, dass man immer mit Überraschungen rechnen muss.«

»Da hast du recht.« Sheila gab ihrem Sohn einen Klaps auf die Schulter und verschwand. »Ich ziehe mir nur etwas Frisches an.«

»Meinetwegen.« Johnny horchte in sich hinein. Das hatte ihm sein Freund und Patenonkel John Sinclair geraten. Nachdenken und dabei auf das Bauchgefühl achten. Er tat beides, und man konnte nicht behaupten, dass er sich dabei gut fühlte. Ein komisches Gefühl hatte ihn schon erfasst. Und dem wollte er vorbeugen.

Seit einiger Zeit besaß auch Johnny eine Waffe. Es war Zufall, dass sie sich in seinem Zimmer befand. Normalerweise bewahrte er sie im Tresor auf. Johnny hatte sie nur herausgenommen, um sie zu reinigen.

Bevor seine Mutter nach ihm rief oder suchte, war er in seinem Zimmer verschwunden.

Die Waffe lag dort unter einer Hose auf einem Stuhl versteckt. Groß umzuziehen brauchte Johnny sich nicht. Er musste nur seine Waffe verstecken. Sie schob er in seinen Gürtel. Ein Holster für die Beretta hatte er nicht.

Dann streifte er seine schwarze Jacke mit dem Aufdruck SMILE über und betrat den Flur.

Seine Mutter war noch nicht fertig. Sie stand vor dem Spiegel und kämmte sich.

»Ich warte draußen auf dich, Ma.«

»Ist okay.«

Erst vor einer Woche hatten sich die Conollys ein neues Auto gekauft. Es war kein zweiter Porsche für Bill, sondern ein silbergrauer Beetle mit Glasdach. Davon hatte Sheila schon immer geschwärmt und nun endlich zugeschlagen. Sie fühlte sich in diesem Wagen sauwohl und hätte ihn gegen keinen Porsche eingetauscht.

Der kleine Flitzer stand vor der breiten Garage. Ebenso wie Johnnys Roller. Ein eigenes Auto fuhr er nicht. Die Anschaffung war für ihn zu teuer, und seine Eltern, die nicht eben zu den Ärmsten zählten, dachten nicht im Traum daran, ihm ein Auto zu kaufen. In London kam man auch ohne Wagen zurecht.

Seine Mutter kam. Sie nickte ihm zu. »Willst du fahren oder es mir überlassen?«

»Traust du mir das denn zu?«

»Hätte ich sonst gefragt?«

»Stimmt auch wieder.« Johnny fing den Wagenschlüssel auf, den Sheila ihm zuwarf. Er stieg ein, und dabei fragte er sich, ob das, was sie vorhatten, wirklich so harmlos war, wie es bisher den Anschein hatte …

***

Harriet Brown wohnte südlich der Themse nahe der Gegend mit dem Namen Tabrad Darden. Dort gab es eine schmale und nicht sehr lange Querstraße, in der auch ihr Laden lag. Es war ein besonderes Geschäft, eine Boutique und zugleich ein Café. Beides passte wunderbar zusammen, und der Laden lief wie geschmiert. Harriet überlegte, ob sie nicht einen zweiten eröffnen sollte und dann Sheila Conolly mit einspannte. Darüber hatten sie sich schon öfter unterhalten, und Harriet brauchte Sheila auch als Geldgeberin. Die Summe war nicht klein, denn wer in London etwas eröffnen wollte, der musste tief in die Tasche greifen.

Sheila hatte sich noch nicht entschieden und auch nicht mit ihrem Mann darüber gesprochen. Auch jetzt dachte sie nicht daran, als sie sich auf dem Weg befanden. Es ging ihr mehr um Harriets Verhalten. Sie glaubte nicht daran, dass es gespielt war. Irgendetwas war ihr widerfahren und hatte sie sehr mitgenommen. Von Stress wollte sie auch nicht sprechen, denn Harriet konnte sich auf gute Mitarbeiterinnen verlassen, die sie auch gut bezahlte.

Und jetzt ist sie von Dämonen verseucht! Es war schwer für Sheila, das nachzuvollziehen, obwohl gerade sie genügend Erfahrungen und auch Ärger mit den Wesen der Finsternis gehabt hatte. Aber nicht nur sie, sondern auch ihre Familie.

Dass diese Wesen bei Harriet Brown zuschlagen würden, das hätte sich Sheila nicht vorstellen können.

Vielleicht war es auch übertrieben, das musste man alles erst mal abwarten.

Johnny fragte: »Woran denkst du, Ma?«

Sheila winkte ab.

»An sie, wie?«

»Ja.«

»Und du bist noch immer davon überzeugt, dass wir das Richtige tun, wenn wir zu ihr fahren?«

»Bin ich.«

»Aber du könntest sie auch anrufen.« Johnny ließ den Wagen ausrollen, weil sich vor ihnen eine Schlange gebildet hatte. Wenn er aus dem Fenster schaute, sah er die Old Kent Road. Sehr weit waren sie nicht mehr von ihrem Ziel entfernt.

»Nicht schlecht, dein Vorschlag, Johnny.«

»Dann mach es doch auch.«

»Genau.« Sheila lächelte. »Ich muss ja nicht fahren.« Sie holte ihr Handy hervor. Gespeichert hatte sie sehr viele Nummern. Die von Harriet Brown befand sich auch darunter.

Der Ruf ging durch. Sheila wartete. Eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass sofort abgehoben wurde, aber den Gefallen tat man ihr nicht. Sie hatte trotzdem Glück, denn Harriet meldete sich nach einer Weile leise.

»Ich bin es, Sheila.«

»Ah ja. Gut …«

»Wie geht es dir denn jetzt?«

»Ja, ja, das ist schon okay, Sheila. Was möchtest du denn von mir? Sollen wir uns treffen?«

Sheila war irritiert. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. »Bitte, Harriet, weißt du das denn nicht?«

»Nein, was soll ich wissen?«

»Ich bin auf dem Weg zu dir.«

»Ach.«

»Ja, du hast mich angerufen und um einen Besuch gebeten. Dem Ruf bin ich gefolgt.«

»Nun ja …«

»Erinnerst du dich denn nicht mehr daran?«

»Ähm – eigentlich nicht.«

»Dann ist es ja gut, dass ich angerufen habe. Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir bei dir.«

»Wenn du meinst …«

Sheila war ziemlich von den Socken. Sie fuhren wieder an, und sie warf Johnny einen Blick zu.

»Verstehst du das?«

»Was genau?«

»Sie weiß nichts mehr davon, dass wir beide miteinander telefoniert haben.«

Das überraschte auch Johnny.

»Sie war von meinem Anruf überrascht«, sagte Sheila. »Jetzt weiß ich wirklich, dass nicht alles in Ordnung ist. Ich bin froh, dass wir gefahren sind.«

»Klar.«

Die beiden hatten sich auf das Navi verlassen, und das brachte sie auch ans Ziel.

Johnny lenkte den Beetle in die recht enge Straße und war skeptisch, denn er fragte, ob sie wohl einen Parkplatz finden würden.

»Werden wir.«

»Und wo?«

»Hinter dem Haus, das Harriet Brown gehört, gibt es einen Hof. Es ist der Parkplatz für Kunden.«

»Und wer wohnt alles in dem Haus?«

»Nur Harriet. Unten hat sie den Laden, darüber wohnt sie auf zwei Etagen.«

»Bisschen üppig für eine Person – oder?«

»Nicht unbedingt. Sie hat in der ersten Etage noch ihr Atelier, denn sie erfindet ihre Mode selbst.«

»Sehr kreativ.«

»Du sagst es.«

Sheila Conolly war in den letzten Minuten nicht unbedingt beruhigter geworden. Sie machte sich jetzt sogar noch mehr Sorgen, und die drückten ihr aufs Gemüt. Sie hatte das Gefühl, sich einer Sache zu nähern, die sehr gefährlich werden und aus dem Ruder laufen könnte.

Johnny sah den Laden auf der rechten Seite. Er fuhr bereits auf der Straßenmitte und lenkte den Beetle wenig später in die Einfahrt, um auf den Hof zu gelangen.

Es war noch Platz für ihren Wagen, den Johnny neben einem Jaguar abstellte.

»W

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