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John Sinclair - Folge 1827

Das vergessene Grab

Plötzlich roch es nach Leiche!

Oder nach Verwesung. Eigentlich egal, dieser Gestank war einfach furchtbar, und Henny Halston wusste nicht, wo er auf einmal hergekommen war.

Sie richtete sich auf. Dabei rutschte das Handtuch von ihrem Körper und legte die beiden Brüste frei. Sie bewegte den Kopf, und erst jetzt fiel der Frau auf, dass sie sich allein in der Sauna befand. Alle anderen Gäste waren bereits verschwunden …

Sie tat nichts. Atmete nur heftig. Schmeckte den Gestank auf der Zunge und schüttelte den Kopf. Er war einfach ekelhaft und widerlich.

Henny schaute nach vorn, wo sich die Tür befand, durch die sie die Sauna verlassen konnte.

Woher kam der Gestank nach alten Leichen? Sie wusste es nicht. Da musste ihr jemand einen Streich gespielt haben. Es war durchaus möglich, dass heimlich ein Spray benutzt worden war, um sie zu ärgern.

Noch war die Sauna warm, aber Henny Halston fror trotzdem. Über ihre Schultern rann eine Gänsehaut. Sie spürte die Feuchtigkeit auf ihrer Oberlippe und wischte die Tropfen weg

Über der Tür gaben zwei kleine Lampen etwas Licht ab. Das war alles. Man benötigte keine starke Beleuchtung in der Sauna. Die Frau dachte auch nicht mehr daran, nach dem Verlassen der Sauna in das Becken mit dem kalten Wasser zu springen. Sie wollte alles ruhig angehen lassen, wenn sie erst mal draußen war. Dann aber würde sie die Verantwortlichen auf den ekelhaften Geruch aufmerksam machen. So etwas durfte es nicht geben. Das war schon mehr als ungeheuerlich.

Sie rutschte von der Bank, berührte mit ihren nackten Füßen den Holzboden. Dann zog sie das Handtuch so hoch, dass es ihre Brüste bedeckte.

Niemand war da. Keiner würde nach ihr sehen, wenn es gefährlich wurde. Da war der Geruch. Wenn man das alles zusammenzählte, dann war es ganz natürlich, dass in ihrem Magen ein Druck entstanden war.

Sie hörte nichts und ärgerte sich, dass sie eingeschlafen war. Jetzt musste sie die Folgen ausbaden, und sie ging endlich auf die Tür zu, um die Saunakabine zu verlassen.

Der Gestank blieb.

Henny Halston konnte das nicht verstehen. Sie ging auf Zehenspitzen. Plötzlich hatte sie den Eindruck, nicht mehr allein zu sein und beobachtet zu werden. Deshalb blieb sie stehen, um zu schauen und zu lauschen.

Da gab es nichts zu sehen, nur zu riechen.

Alle schienen die Sauna verlassen zu haben. Auch der Mann, der hier die Aufsicht hatte. Henny wäre jetzt froh gewesen, mit ihm reden zu können. Beinahe hätte sie nach ihm gerufen, dann dachte sie daran, dass sie sich damit vielleicht lächerlich machte.

Der nächste Raum beherbergte die Spinde, in denen die Besucher ihre Kleidung hängen konnten. Die Türen der schmalen Schränke konnten abgeschlossen werden, was die meisten nicht taten. Man kannte sich, und große Wertsachen nahm niemand mit in die Sauna. Zudem war es hier noch nie zu einem Diebstahl gekommen.

Sie ging auf die Tür zu, die sie nur aufdrücken musste. Dann schwappte sie nach außen, und Henny konnte die Saunakabine verlassen. Das tat sie auch, und sie saugte sofort die Luft ein, weil sie herausfinden wollte, ob es auch in dieser Umgebung so roch.

Ja, es stank auch hier.

Die Spinde standen so, dass es Räume zwischen ihnen gab. Es war alles schon über Jahrzehnte alt. Wer seine Klamotten aus dem Spind holte, musste mit ihnen zu einer anderen Stelle gehen, wo er sich umziehen konnte. Das war die Wand im Hintergrund. Vor ihr zog sich von einem Ende bis zum anderen eine Bank hin.

Henny wollte mit ihrer Kleidung nicht dorthin gehen. Sie war allein und hatte Platz genug, sich im Gang zwischen den Spinden umziehen zu können. Und danach würde sie heilfroh sein, wenn sie diesen Leichengeruch aus der Nase bekam.

Sie öffnete den Knoten des Saunatuchs und begann sich abzutrocknen. Sie verspürte nicht die geringste Lust, zu duschen und sich noch weiterhin dem Leichengestank auszusetzen. Schließlich ließ sie das Handtuch zu Boden fallen. Sie wollte es später aufheben, wenn sie sich angezogen hatte.

Sie griff nach ihrem Slip und streifte ihn über. Dann wollte sie nach dem BH greifen und ihn ebenfalls anziehen, als ihre Bewegung stockte.

Es war schlimm. Es war sogar grauenhaft, doch sie konnte daran nichts ändern. Es erwischte sie wie ein Schwall. Es war der eklige Gestank. Sie fühlte sich von ihm umgeben und das noch stärker als zuvor.

Henny Halston fuhr herum.

Was sie sah, ließ sie erstarren!

***

War es ein Mann oder ein Monster, das vor ihr stand? Sie konnte es nicht genau sagen, aber sie war nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen, denn dieser Anblick war mehr, als ein Mensch ertragen konnte.

Sie ächzte. Und sie nahm den infernalischen Gestank doppelt so stark wahr wie vorher. Sie wusste jetzt, woher er stammte, und ihre Angst steigerte sich ins Unermessliche.

Er sah schlimm aus.

Verschmutzt. Mit einem Gesicht, das zwar menschliche Formen zeigte, aber vieles von seinem Menschsein verloren hatte. Es gab keine Haut mehr, die normal ausgesehen hätte. Was an Haut vorhanden war, war nur noch ein Film aus Dreck, sie war auch an einigen Stellen gerissen. Augen gab es auch. Sie hatten sich nach vorn geschoben, als wollten sie aus den Höhlen quellen, und aus dem offenen Maul drang diese unsichtbare stinkende Wolke. Aber das war noch nicht alles. Das Schlimmste kam noch, als Henny für einen Moment wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Dieser Mensch, nein dieser Unmensch, er – er kam ihr bekannt vor.

Ja, sie kannte ihn. Das war doch, das war …

Aber nein, das ging nicht. Er war tot und …

Ein Schatten erschien vor ihren Augen, und dieser Schatten wurde sehr kompakt.

Es war eine Faust.

Henny Halston hatte den Eindruck, von einem Dampfhammer an der Stirn erwischt worden zu sein. Sie kippte zurück. Ihr Kopf schien zu explodieren. Sie prallte gegen einen der metallenen Spinds und rutschte dann daran hinab.

Bewusstlos wurde sie nicht, und sie merkte, wie der Gestank nicht nur blieb, sondern sogar noch zunahm. Weit riss sie die Augen auf.

Was sie sah, war schon schlimm. Vor ihren Augen tauchte das Gesicht auf, und es war diese Wolke aus Leichengestank, die ihr den Atem raubte.

Und dann sah sie wieder etwas auf sich zukommen. Er waren zwei Hände. Sie sah die gespreizten Finger, die sich nicht ihrem Gesicht näherten, sondern ihrem Hals.

Und sie griffen zu.

Henny Halston wollte schreien, doch es war ihr nicht mehr möglich. Augenblicklich wurde ihr die Luft abgedrückt. Nicht mal ein Keuchen brachte sie hervor.

Und dann drückten die Finger zu.

Sie waren gnadenlos. Henny riss noch den Mund auf, aber sie bekam keine Luft. Sie wusste nur, dass etwas Furchtbares passierte und sie nichts dagegen tun konnte.

Der Gestank blieb. Und den nahm sie auch als Letztes wahr, ehe sie die Schatten das Todes in ein anderes Reich zerrten …

***

Tanner, Chiefinspektor und Chef einer Mordkommission, zog ein paar Mal die Nase hoch und schüttelte den Kopf. Dann sagte er nur zwei Worte. »Hier stinkt’s.«

»Das meine ich auch, Sir«, stimmte ihm sein Assistent zu.

»Gut. Und wonach stinkt es?«

»Keine Ahnung.«

Tanner fixierte ihn scharf. »Wirklich nicht?«

Der Mann wurde rot im Gesicht. »Doch – aber …«

»Warum sagen Sie es dann nicht?«

»Ähm – es ist so, Sir. Ich wollte Ihnen nicht vorgreifen, verstehen Sie?«

»Nein«, bellte Tanner, der innerlich grinste. »Nun sagen Sie schon was, verdammt.«

»Gut.« Der junge Mann ging einen Schritt zurück. »Es stinkt nach Verwesung, oder?«

»Ja, das ist es. Es stinkt nach Verwesung. Nach alten Leichen, und das ist unser Problem.«

»Genau, Sir.«

Die beiden Polizisten standen vor dem Saunabau auf dem Gelände mit den Schrebergärten. Tanners Mannschaft war noch in dem Haus, wo die Tote lag. Eine Frau von vierzig Jahren war brutal erwürgt worden. Gefunden hatte sie der Hausmeister, der während der Tat auf einer Fete gewesen war und die Saunabesucher allein gelassen hatte. Bei seiner Rückkehr hatte er dann die Tote gefunden.

Tanner, der alte Griesgram, kam wieder auf den Geruch zu sprechen. Dazu stieß er seinen grauen Hut aus der Stirn und verschränkte seine Hände hinter dem Rücken.

»Ich sage Ihnen, dass der Geruch wichtig ist.«

»Ja, Sir.«

Tanner begann mit einer kleinen Wanderung und machte daraus einen Kreis. »Und jetzt überlegen Sie mal, Sam, woher der Geruch wohl hätte stammen können?«

»Von einer Leiche.«

Tanner blieb stehen. »Richtig.«

»Und wir haben auch eine Leiche, Sir.«

»Ja, aber keine, die stinkt oder diesen Gestank abgibt. Das muss etwas zu bedeuten haben.«

Der Assistent war überfragt und fühlte sich überhaupt nicht wohl in seiner Haut. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und schaute seinen Vorgesetzten nur an.

»Keine Meinung?«

»Es ist zu abstrakt, Sir.«

»Ja, das meine ich auch«, stimmte Tanner zu, »aber es ist auch eine Tatsache, und das dürfen wir nicht vergessen.«

»Sicher.«

Tanner nickte vor sich hin, schaute erst zu Boden und konzentrierte sich dann auf seinen Assistenten.

»Es steht fest, dass wir einen Mörder suchen. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber ich frage mich natürlich, was für einen Mörder wir suchen. Begreifen Sie das?«

»Klar.«

Tanner sprach weiter. »Und können Sie sich vorstellen, dass wir einen Mörder suchen, der einen Leichengeruch abgibt?«

»Nein.«

»Das ist aber der Fall.«

Der Assistent holte tief Luft. »Und wer käme infrage? Wer könnte oder würde so etwas tun?«

»Das ist die Frage.«

»Kennen Sie die Antwort, Sir?«

»Kaum. Vielleicht auch ja. Ich möchte nicht, dass sich ein bestimmter Verdacht bestätigt. Aber es ist möglich, dass es dann doch der Fall sein wird.«

»Darf ich fragen, welchem Verdacht Sie nachgehen, Chef?«

Tanner verzog das Gesicht. Seine Haut bekam noch mehr Falten. »Wer ist denn in der Lage, einen derartigen Geruch abzugeben?«

»Ein Toter.«

»Perfekt, mein Freund, perfekt. Deshalb könnten wir theoretisch davon ausgehen, dass ein Toter gekommen ist und die Frau getötet hat.«

»Bitte?« Der Assi wurde blass. Er hätte nie gedacht, dass sich die Gedanken seines Chefs in einer derartigen Richtung bewegen würden. Das konnte er nicht nachvollziehen.

»Sie sagen ja gar nichts, Bender.«

»Sir, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin geschockt oder erschlagen. Mit derartigen Vorgängen habe ich mich gedanklich noch nie beschäftigt.«

»Kann ich mir denken.«

»Wie kann ein Toter töten, wenn ich das mal so fragen darf.«

»Eigentlich nicht.«

»Das meine ich auch.«

»Aber es gibt Ausnahmen.«

Bender erschrak. »Was sagen Sie da, Sir?«

Tanner winkte ab. »Schon gut. Es waren nur meine Gedanken, die mir kamen. Allerdings haben wir nichts in der Sauna gefunden, das sich im Zustand der Verwesung befunden hätte. Daher kann der Gestank also nicht gekommen sein.«

»Ja, Sir. Kann aber auch sein, dass man noch etwas findet.«

»Richtig.« Tanner deutete mit dem Finger auf seinen Assistenten. »Haben Sie mal an dem Leichnam der Frau gerochen, Bender?«

Der junge Mann schluckte. »Nein, das habe ich nicht. Das – das – würde ich auch nicht.« Sein Gesicht zeigte einen Ausdruck des Ekels.

»Ich habe es getan.«

»Und, Sir?«

»Die tote Frau roch nicht nach Verwesung. Also muss es etwas anderes gewesen sein, das hier den Geruch hinterlassen hat. Und dabei bleibe ich auch.«

»Dann müssen wir also nach einem Täter suchen, der nach Verwesung riecht.«

»Bender, Sie haben es begriffen.« Tanner schlug dem Assistenten auf die rechte Schulter. »Das müssen wir, und es wird bestimmt nicht einfach werden.«

Bender starrte auf seine Schuhspitzen. Er hätte einiges zu sagen gehabt, was er aber nicht tat. Er hielt lieber den Mund und folgte Tanner dann in das Holzhaus der Sauna.

Die Mannschaft war noch da. Man hatte die Spuren gesichert, und da gab es einiges, was man gebrauchen konnte. Eines war besonders interessant für die Mannschaft.

Der Forensiker kam zu Tanner. Er hielt eine kleine Glasflasche mit Stöpsel in der Hand und hielt die hoch.

»Schauen Sie mal.«

Tanner nickte. »Was ist das?«

»Wir haben Hautfetzen gefunden.«

»Und weiter?«

»Ich habe sie noch nicht exakt untersucht, aber ich kann schon ein kleines Statement abgeben.«

»Dann tun Sie es.«

»Diese Hautfetzen sind nicht normal.«

»Aha. Und weiter?«

»Sie sind tot.«

»Bitte?«

Der Forensiker nickte. »Ja, sie sind tot. Es sind auch keine Schuppen, sondern kleine Fetzen, die aus dem Verbund der Haut herausgerissen worden sind.«

»Aha. Und wenn ich Sie richtig verstehe, glauben Sie, dass sie vom Mörder stammen könnten.«

»Das wäre möglich.«

»Und weiter?«

Der Fachmann zuckte mit den Schultern. »Ich kann es nicht genau sagen, aber wenn ich mir die Hautreste anschaue, dann habe ich das Gefühl, dass sie von keiner lebenden Person stammen.«

»Meinen Sie einen Toten?«

»Ja.«

Tanner schwieg. Das kam bei ihm selten vor. In diesem Fall jedoch fiel ihm nichts mehr ein. Er stand da und schaute ins Leere. Er dachte nach. Und es mussten verrückte Gedanken sein, denn er schüttelte immer wieder den Kopf.

Der Kollege empfand diese Geste anders. »Sie – ähm – Sie glauben mir nicht?«

»Doch, ich glaube Ihnen. Leider glaube ich Ihnen, und ich denke, dass wir ein Problem bekommen können.«

Tanner sagte nicht, welches und ließ deshalb eine leicht verunsicherte Mannschaft zurück …

***

»Noch einen Drink!«

Der Wirt schaute den Gast skeptisch an. Seine Antwort sprach er langsam aus. »Das ist aber der letzte, Gary.«

»Ja.«

»U

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