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John Sinclair - Folge 1825

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Schreie aus dem Fegefeuer
  4. Vorschau

Schreie aus dem Fegefeuer

Warum er plötzlich anfing zu schwitzen, wusste Urs Meyer selbst nicht. Es war keine Täuschung. Er spürte den Schweißausbruch und konnte ihn sogar sehen, als er seinen Kopf drehte, um sein Gesicht als Abbild im Zugfenster zu betrachten. Er ärgerte sich darüber, und er ärgerte sich noch mehr, als ihn sein Gegenüber ansprach, eine stämmige Frau von ungefähr sechzig Jahren …

»Ist Ihnen nicht gut, junger Mann?«

Urs zuckte leicht zusammen. »Doch, doch – es ist schon alles okay. Ich habe keine Probleme.«

»Aber Sie transpirieren so stark. Und das so plötzlich. Praktisch von einem Augenblick zum anderen. Das ist schon ungewöhnlich, möchte ich mal sagen.«

Das stimmte. Es war ungewöhnlich. Meyer begriff es selbst nicht. Er saß hier im Zug. Er fuhr durch die Schweiz. Er sah eine herrliche Landschaft, wenn er aus dem Fenster schaute, er teilte mit der älteren Frau ein Abteil, und er hätte völlig entspannt sein können, was er aber nicht war.

Der Schweiß auf seinem Gesicht war vorhanden. Daran gab es nichts zu rütteln, und sein Inneres war auch nicht entspannt. Er saß da wie auf heißen Kohlen und schluckte einige Male, ohne ein Wort zu sagen.

»Zu warm ist es hier auch nicht«, sagte die Frau.

»Ja, ja …« Urs Meyer nickte.

»Haben Sie eine Krankheit?«

»Nein.«

»Oder fühlen Sie sich krank?«

»Auch nicht.« In Urs Meyer stieg allmählich Ärger hoch. Er hatte keine Lust, sich von einer fremden Person ausquetschen zu lassen. Er ärgerte sich ja über sich selbst, und dabei sollte es auch bleiben.

Aber warum schwitzte er so stark?

Den Grund konnte er noch immer nicht nennen. Er überlegte auch, ob es sich dabei um eine Vorahnung handelte. Dass er sich vor etwas fürchtete, das noch auf ihn zukommen könnte.

Aber was?

Er saß im Zug. Der fuhr auf Schienen durch die Schweizer Berge, und er wusste, dass bald ein langer Tunnel auf den Zug wartete. Als er daran dachte, zuckte er leicht zusammen.

Tunnel?

Der lange! Der längste! Der, der die Verbindung zwischen der deutschen und der italienischen Schweiz darstellte. Durch diese Dunkelheit würde der Zug fahren, aber im Wagen selbst würde es nicht dunkel werden. Da brannte das Deckenlicht.

Es gab also keine Probleme. Die hatte es eigentlich nie gegeben. Eine Fahrt durch den Gotthard war bisher immer glatt über die Bühne gegangen, doch als Urs Meyer daran dachte, überkam ihn schon so etwas wie ein bedrückendes Gefühl, das er sonst nicht kannte. Selbst die Landschaft gefiel ihm nicht mehr. Die hohen Berge kamen ihm nahezu gefährlich vor, sie erinnerten ihn an Mauern, die jeden Augenblick zusammenfallen konnten.

Er atmete heftiger, holte ein Tuch aus der Tasche und wischte damit über seine Stirn.

Die Frau gegenüber beobachtete ihn mit Argusaugen. Dann fragte sie: »Möchten Sie einen Schluck Wasser? Ich habe eine Flasche bei mir.«

»Nein, danke.«

»Gut, wie Sie wollen.«

Meyer schaute aus dem Fenster. Die Berge waren noch näher herangerückt. Sie kamen ihm sehr hoch vor. Wenn er den Himmel sehen wollte, musste er den Kopf schon leicht verrenken, und da sah er dann den grauen Fleck.

Die Frau von gegenüber nickte ihm zu. »Gleich ist es so weit«, sagte sie.

»Was meinen Sie?«

»Dann kommt der Tunnel.«

»Aha.«

»Und der ist lang.«

»Ich weiß.«

»Oder haben Sie Angst davor?«

Urs Meyer krauste die Stirn. Er presste die Lippen aufeinander, weil er sich vor einer Antwort fürchtete. Tatsächlich hatte er Angst vor dem Tunnel. Vor diesem langen, finsteren Loch, das kein Ende zu nehmen schien.

»Warum sollte ich Angst vor dem Tunnel haben? Bin ich ein kleines Kind?«

»Nein, das nicht. Aber es gibt viele Erwachsene, die vor einem Tunnel Angst haben. Auch wenn es nicht mehr dunkel im Zug wird wie früher. Das habe ich noch erlebt.«

»Ja, ja, ich weiß.«

»Und jetzt kann man eine Fahrt mit dem Zug genießen. Sie können wunderbar entspannen, es gibt keinen Stress, nur den, den man sich selbst macht.«

»Ich weiß.«

»Machen Sie sich Stress?«

»Nie!«

»Haha, Sie lügen.« Die Frau nickte. »Sie sagen nicht die Wahrheit, junger Mann.«

»Aha, das wissen Sie?«

»Ja.«

»Und woher?«

Sie schob ihren Kopf etwas nach vorn. »Das sehe ich Ihnen an. Ja, dafür habe ich einen Blick.«

Urs Meyer sagte nichts. Nur ein leises Aufstöhnen entwich seinem Mund. Er mochte die Frau nicht, die da so selbstsicher vor ihm hockte. Sie trug ein grüngraues Kostüm und darunter eine weiße Bluse. Ihr Lächeln wirkte feist, und in den kleinen Augen schimmerte es hin und wieder.

Eigentlich hatte Urs Meyer schon längst aufstehen und das Abteil wechseln wollen, doch die Kraft fand er einfach nicht. Der Sitz kam ihm vor wie ein Magnet, der ihn anzog und erst mal nicht wieder freigeben wollte.

»Stimmt’s?«, fragte sie.

»Was?«

»Dass Sie lügen.«

Urs Meyer war es leid. »Verdammt noch mal, lassen Sie mich mit Ihrem Geschwätz in Ruhe. Ich will diesen Mist nicht mehr hören. Ist das klar für Sie?«

»Ja, das ist es. Aber warum wollen Sie der Wahrheit nicht ins Auge sehen? Das ist doch nicht schlimm.«

Er musste lachen und deutete mit dem Zeigefinger gegen sich. »Weil es Ihre Wahrheit ist oder nur eine dumme Anmache. Nicht mehr und nicht weniger.«

Die Frau nickte. »Also gut«, sagte sie und zupfte an ihren graublonden Haaren. »Wenn Sie so sensibel sind, kann ich daran nichts ändern. Und das ist auch egal.« Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Ich will mal sagen, dass wir pünktlich sind.«

»Wie meinen Sie das?«

»Das ist ganz einfach. Es wird nicht mehr lange dauern, dann haben wir den Tunnel erreicht.«

»Na und?«

»Ich meine nur. Nicht, dass Sie sich erschrecken.«

»Keine Sorge, ich bin Fahrten durch Tunnels gewohnt und habe meine Kindheit schon hinter mir.«

»Wie Sie meinen.«

Urs Meyer wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Er schaute jetzt durch das Fenster und konzentrierte sich wieder mehr auf sich. Da stellte er fest, dass der Schweiß auf seiner Stirn kalt geworden war. Jetzt fühlte er sich an wie eine dünne Fettschicht.

»Jetzt kommt er, junger Mann!«

Das hätte die Frau ihm nicht zu sagen brauchen. Urs Meyer erlebte es selbst, als der Zug in die Röhre hinein raste und von ihr verschluckt wurde.

»Ja«, sagte die Frau, »jetzt sind wir drin. Ich heiße übrigens Edith.«

»Aha.« Mehr sagte Urs nicht. Sie fuhren durch den Tunnel, aber im Abteil war es nicht finster geworden, denn das Licht an der Decke brannte weiterhin.

Die Reisenden saßen sich gegenüber und schauten sich an. Urs Meyer ging es gar nicht gut. Er presste die Lippen zusammen und starrte nach vorn, aber auch ins Leere.

Im Zug selbst war es ruhiger geworden. Hatten sie vor dem Tunnel noch Stimmen und Geräusche gehört, so waren diese nicht mehr vorhanden. Eine ungewöhnliche Stille hatte sich ausgebreitet. Sie schien sogar noch stärker zu sein als die Zuggeräusche. Minute würde sich an Minute reihen, bis das Ende des Tunnels erreicht war.

Edith deutete ein Kopfschütteln an und fragte: »Haben Sie vielleicht ein komisches Gefühl?«

»Nein, warum?«

»Ich meine nur.«

Meyers Stimme klang ärgerlich. »Sie müssen doch einen Grund für Ihre Frage haben.«

»Den habe ich auch. Sie kommen mir so anders oder ungewöhnlich vor.«

»Wie?«

»Kann ich auch nicht genau sagen. Als wären Sie in tiefe Gedanken versunken.«

»Nein, das bin ich nicht.« Er lachte. »Ich warte nur darauf, dass der Tunnel zu Ende ist.«

»Ich auch. Es ist doch etwas anderes, wenn man auf eine Landschaft schaut und nicht gegen Wände, wobei hin und wieder ein paar Lichter blinken. Das meine ich.«

Urs Meyer wollte etwas erwidern, aber er hielt sich zurück, denn es geschah etwas Neues.

Das Licht fing an zu flackern. Einige Male wurde es dunkel, dann wieder hell und schließlich wurde das Flackern hektischer, als stünde die Lampe kurz vor ihrem Exitus.

Edith schaute hoch. »Was soll das?«, murmelte sie.

»Ja, das frage ich mich auch.«

»Wir sind doch nicht mehr in den alten Bahnen. Man hat alles so neu gemacht und ist stolz darauf.«

Meyer winkte nur ab. Er hatte keine Lust, sich mit irgendwelchen Dingen auseinanderzusetzen. Er wollte seine Ruhe haben, aber seltsam war es schon. Deshalb schielte er auch immer wieder zur Decke hin. Dort flackerte das Licht munter weiter.

Plötzlich war es weg!

Von einer Sekunde zur anderen, und schlagartig hatte sich die Dunkelheit ausgebreitet.

Stockfinster wurde es!

***

Damit hatte keiner der beiden Fahrgäste gerechnet. Edith erschrak darüber sogar so intensiv, dass sie einen leisen Schrei von sich gab. Es wurde nicht mehr hell, es gab auch kein Flackern, die tiefe Dunkelheit blieb bestehen.

Edith lachte künstlich auf. Urs Meyer lachte nicht. Dann fing sie an zu sprechen. »Das ist mehr als seltsam. Nein, Spaß macht das nicht, muss ich sagen. Ehrlich nicht. Das habe ich nicht erwartet. Sie denn?«

Edith erhielt keine Antwort.

»He, was ist?«, fragte sie.

Ihr Gegenüber sagte wieder nichts.

Edith stieß eine leise Verwünschung aus. »Reden Sie etwa nicht mehr mit mir?«

Es blieb erneut still, und die Frau fing an, sich zu ärgern. Dass jemand so stur sein konnte, damit hatte sie nicht gerechnet.

»Dann eben nicht.«

Sie hatte keine Lust mehr, etwas zu sagen. Dieser Mensch war schon mehr als seltsam. Normalerweise hätte er etwas sagen müssen. Er hatte es nicht getan, es schien, als hätte die Dunkelheit ihm die Sprache verschlagen.

Und der Zug fuhr weiter durch den Tunnel. Die normalen Geräusche waren zu hören. An sie konnte man sich schon gewöhnt haben und auch an die leichten Schaukelbewegungen.

Nur von dem jungen Mann hörte sie nichts mehr, sie sah auch nichts, denn es war einfach zu dunkel. Da gab es keinen Umriss zu sehen, nichts zu hören, auch kein Atmen.

Kein Atmen?

Die beiden Worte trafen sie wie ein elektrischer Schlag. Plötzlich dachte sie an etwas Schlimmes, das mit der Dunkelheit zusammenhing. Sie konnte sich vorstellen, dass bei dem jungen Mann etwas in Bewegung geraten war, mit dem er seine Probleme hatte. Und dass er nicht hatte dagegen ankämpfen können, sodass er jetzt nicht mehr in der Lage war, etwas zu sagen. Sie dachte an eine Ohnmacht, eine Bewusstlosigkeit oder, was noch schlimmer war, an einen Herzinfarkt.

Der Gedanke daran trieb ihr das Blut ins Gesicht. Im Augenblick fühlte sie sich hilflos. Diese Dunkelheit kam ihr immer schwerer und dichter vor, aber sie wusste auch, dass sie etwas tun musste. Zumindest vorfühlen, und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Sie streckte ihre Hand aus, weil sie herausfinden wollte, ob der junge Mann vielleicht gefallen war. Bei einem Schlaganfall oder einem Infarkt war alles möglich.

Sie fasste hin.

Leer!

»Ha, das ist doch …« Sie hörte auf zu sprechen und fasste noch mal hin. Dabei beugte sie sich weit nach vorn und war sicher, dass sie jetzt den anderen berühren konnte.

Wieder nichts …

Und diese Tatsache bereitete ihr noch größere Sorgen. Es war schlimm, sie fand keine Erklärung. Sie musste einen erneuten Versuch wagen, denn sie wollte endlich Bescheid wissen.

Da flackerte das Licht.

Es lenkte sie ab. Edith schaute zur Decke, wo die Lampe mal hell, dann wieder dunkel aussah und dann – es war kaum zu glauben – hell blieb, was Edith freute.

Sie schaute nach vorn.

Der Platz ihr gegenüber war leer!

***

Edith hatte einatmen wollen, auch, um sich zu beruhigen. Das tat sie jetzt nicht, sie hielt einfach nur den Atem an und starrte nach vorn auf einen leeren Sitz.

»Nein«, sagte sie. »Nein, das ist doch nicht wahr! Das kann es nicht sein …« Sie erbleichte und hörte sich auch stöhnen. Gedanken rasten durch ihren Kopf, die sie blass werden ließen, aber sie wollte sich beruhigen. Es musste alles auf einem Level bleiben, sonst würde sie noch verrückt.

Der Platz war leer. Aber warum war er leer?

Weil ein Mensch aufgestanden war und das Abteil verlassen hatte. So musste es sein, so konnte es nur sein, aber so war es nicht. Welchen Grund sollte der junge Mann gehabt haben, das Abteil zu verlassen? Das war Unsinn, das passte nicht.

Aber es gab ihn nicht mehr. Und in Luft aufgelöst haben konnte er sich auch nicht.

Also hatte er doch das Abteil verlassen. Er hatte die Tür aufgezogen, war auf den Gang getreten und …

Nein, das war auch nicht möglich. Das hätte ich gehört, dachte Edith. Lautlos konnte man von hier nicht verschwinden. Die Tür konnte nicht ohne Geräusche aufgezogen werden. Das war nicht möglich.

Aber der junge Mann war weg. Und aus dem Fenster konnte er auch nicht gefallen sein.

Die Frau mit dem Vornamen Edith wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Ihr wurde heiß und kalt und sie presste die Hände gegen ihre Brust, als sie Luft holte.

Was tun?

Jetzt überlegte sie, ob der Reisende Gepäck gehabt hatte oder nicht. Das konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen. Hatte er einen Koffer bei sich gehabt oder nur eine Tasche?

»Mein Gott, was ist man doch blöde!«, schimpfte sie sich aus. »Da weiß ich nicht mal, ob er Gepäck bei sich gehabt hat. Das ist ja einfach grauenhaft.«

Dann stand sie auf. Bei ihrem Sitz wollte sie nicht bleiben, deshalb ging sie zur Tür. Sie war geschlossen. Es wies nichts darauf hin, dass der junge Mann das Abteil während der Fahrt durch den Tunnel verlassen hatte.

Plötzlich schrie sie auf. Ein Schatten war vor der Tür erschienen. Dann wurde die Tür plötzlich aufgerissen, und Edith zuckte zurück. Ein Mann stand vor ihr. Er trug eine Uniform und bewegte seinen Kopf schüttelnd hin und her.

»Haben Sie mich erschreckt«, keuchte Edith.

»Ja, das habe ich gesehen«, sagte der Schaffner, der Edith schon mal kontrolliert hatte. »Ist Ihnen was passiert?«

»Nein, nein.«

»Dann ist alles in Ordnung?«

Plötzlich wusste die Frau nicht mehr, welche Antwort sie geben sollte. Nach außen hin war alles in Ordnung, aber nicht nach innen, da erlebte sie ein großes Durcheinander.

Sie schaute den Beamten an, dem dieser Blick schon seltsam vorkam. »Ist wirklich alles in Ordnung?«, wollte er wissen.

Edith nickte. »Eigentlich ja. Das kann man sagen. Es ist alles in Ordnung.«

»Und tatsächlich?«

»Sie sind Menschenkenner, wie?«

»A

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