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John Sinclair - Folge 1823

Totenland

(1. Teil)

Es konnte eine Falle sein, und das war es sicherlich auch, aber Karina Grischin war trotzdem gefahren, auch wenn der Treffpunkt alles andere als Vertrauen erweckend war.

Ein Hinterhof irgendwo in Moskau und in einem Stadtteil, der nicht zu den besten zählte. Aber sie musste hin, auch wenn es eine Falle war. Alles, was mit ihrem verschwundenen Freund Wladimir Golenkow zusammenhing, war wichtig …

Karina ging die letzte Strecke zu Fuß. Dabei dachte sie immer wieder über den Anrufer nach, und sie fragte sich, ob seine Entführer dahintersteckten.

Ja, das war die große Frage. Die Entführer, die sich einen besonderen Namen gegeben hatten: Rasputins Erben.

Seit der Entführung aus der Reha-Klinik hatte sie nichts mehr von ihrem Freund gehört. Irgendwo musste er sein, denn sie glaubte nicht, dass man ihn getötet hatte. Dazu war er trotz seiner Behinderung zu wertvoll für sie.

Der Winter war vorbei. Der Frühling hätte das Land übernehmen müssen. Aber das war bisher noch nicht geschehen. Hin und wieder ein paar warme Tage, das war es dann auch. Dafür herrschte noch strenge Kälte, und so manche Schneeflocke war auch gefallen.

Im Moment gab es keinen Schnee und auch keinen Regen. Dafür wehte ein kalter Wind durch die Straßen und Gassen der Stadt, und am Himmel hatten sich Wolken gesammelt.

Karina ging durch die Gasse, denn es war der kürzeste Weg bis zum Treffpunkt. Der wiederum lag auf einem kleinen Platz, dessen Mittelpunkt ein Brunnen war, auf dessen Grund seit Jahren kein Wasser mehr schimmerte.

Wer den Platz betrat, der konnte den Eindruck gewinnen, es mit einem Hinterhof zu tun zu haben. Er war nicht groß, alles wirkte eng. Die Fassaden der Häuser, die die Grenzen bildeten, waren unterschiedlich hoch. Manche reichten über vier Etagen, andere wiederum brachten es nur auf die Hälfte, und nicht alle Etagen oder Häuser waren bewohnt.

Es ging auf Mitternacht zu. Nur einige wenige Fenster waren erhellt.

Karina ging die letzten Meter langsamer. Sie war auf der Hut. Immer wieder schaute sich die Agentin um. Sie war eine wirklich toughe Frau, die sich auch zu wehren wusste. So leicht ließ sie sich nicht aus dem Spiel bringen, aber sie war nicht unüberwindlich, das wusste sie, und deshalb war sie auch vorsichtig.

Sie horchte in die Stille hinein, die zum Glück nicht unterbrochen wurde. Das sah sie schon mal als positiv an.

Ihr Ziel war der Brunnen. Die Stimme des unbekannten Anrufers klang noch in ihrem Ohr nach, als er die entscheidenden Worte gesagt hatte.

»Warte am Brunnen …«

Mehr war nicht gesagt worden. Den ungefähren Zeitpunkt hatte man ihr schon zuvor mitgeteilt.

Gegen Mitternacht …

Und das war jetzt so weit. Ein paar Minuten mussten noch vergehen, dann war die Tageswende erreicht.

Karina Grischin ging weiter. Auch jetzt war sie auf der Hut. Es konnte durchaus sein, dass sie aus dem Dunkel hervor einen schnellen Angriff erlebte oder ein Schuss aus dem Hinterhalt auf sie abgefeuert wurde, aber es tat sich nichts. Alles blieb normal.

Sie erreichte den Brunnen und hielt an. Ihr Blick bohrte sich in die sie umgebende Dunkelheit, aber da war nichts zu sehen. Kein Verfolger war ihr auf den Fersen.

Es war nur seltsam, dass sie das nicht beruhigte. Ihre innere Unruhe war geblieben. Sie spürte sie wie schwache Vibrationen, die sich im gesamten Körper ausbreiteten.

Sie umrundete den Brunnen mit langsamen Schritten. Dabei schaute sie über den Rand hinweg in den Brunnen hinein. Sie konnte bis auf den Grund schauen, aber da war auch nichts zu sehen, abgesehen von dem Müll, den jemand über den Rand in den Brunnen geworfen hatte. So lag dort matschiges Papier, aber es gab auch alte Büchsen, die jemand hier losgeworden war.

Ich werde mich wohl auf eine Geduldsprobe einstellen müssen!, dachte sie und setzte sich auf den Brunnenrand. Das war bequemer, als die ganze Zeit zu stehen.

Sie wartete.

Der Uhrzeiger rückte vor. Mitternacht war erreicht. Es tat sich nichts. Hin und wieder bekam sie einen knappen Windstoß mit. Der trieb einen muffigen Geruch gegen ihre Nase.

In der Umgebung veränderte sich auch nichts. Es blieb still bis auf die üblichen Geräusche. Und dann gab es doch eine Veränderung.

Das waren Schritte. Bestimmt nicht von einem Tier, und sie wusste auch, aus welcher Richtung die Schritte kamen. Dorthin drehte sie ihren Kopf.

Und da war er zu sehen.

Nein, nicht nur er. Das war nicht einer, das waren zwei Personen, die auf sie zukamen. Sie waren im Dunkeln nicht genau zu sehen, aber Karina erkannte sie an ihrem Gang.

Dann hatten sie eine bestimmte Entfernung erreicht und blieben stehen. Sie taten nichts.

Karina zog die Nase kraus. Die beiden stanken. Ob ihre Körper oder ihre Klamotten den Geruch abgaben, das fand sie nicht heraus. Jedenfalls strömten sie eine Mischung aus Schweiß und Rauch aus.

Karina nickte ihnen zu.

Die beiden schauten sich an. Dann fingen sie an zu lachen. Der eine fragte: »Weißt du, was mit der los ist?«

»Nein.«

»Die will uns verarschen.«

»Klar will sie das.«

»Dann sollten wir sie mal ganz höflich fragen, was sie in unserem Revier zu suchen hat.«

»Ja, das ist gut.«

»Vielleicht können wir es ja akzeptieren.«

Karina stöhnte leise auf. So wie die Dinge liefen, deutete alles auf eine Auseinandersetzung hin, die Karina nicht passte. Nicht, dass sie Angst gehabt hätte, das nicht, aber sie wollte jedes Aufsehen vermeiden.

»Hast du uns verstanden?«

»Ja, das habe ich.«

»Gut. Und was sagst du?«

Karina lachte, um dem Gespräch etwas von der Spannung zu nehmen. »Ich habe nichts getan. Ich sitze hier und ruhe mich aus.«

»Ausruhen?«

»Klar.«

»Das ist scheiße.«

»Wieso?«

»Man ruht sich hier nicht aus. Nicht um diese Zeit. Ich kann mir vorstellen, dass dies eine dämliche Ausrede ist. Oder?«

Der zweite Typ lachte. »Ist sie bestimmt«, sagte er dann.

»Und was meinst du dazu?«

»Nein«, sagte Karina. »Das ist alles andere als eine Ausrede. Ich möchte meine Gedanken finden und allein bleiben.«

»Hier bleibt keiner allein, wenn wir es nicht wollen. Und eine wie du schon gar nicht. Weißt du, was du für uns bist?«

»Nein, was denn?«

»Du bist ein Spielzeug. Ein heißes Ding für Männer, und das lassen wir uns nicht entgehen.«

»Genau das ist es.«

Karina wusste, dass sie die beiden Kerle auf die friedliche Art nicht loswurde. Die wollten mehr.

»Wir werden gleich von hier verschwinden«, sagte einer und nickte. »Du wirst mit uns in den Keller gehen. Dort werden wir dann unseren Spaß haben. Solltest du nicht mitmachen wollen, wird der Spaß noch intensiver, denn wir beide stehen auf harten Sex. Hast du das kapiert? Ist das okay für dich?«

»Ja.«

»Gut. Noch Fragen?«

»Ja, wohin müssen wir denn?«

»Nicht weit. Wir bleiben in der Nähe.«

»Das ist gut, danke.«

Die Kerle schauten sich an. Sie schüttelten den Kopf. Mit der Reaktion kamen sie nicht zurecht. Sie hatten damit gerechnet, dass die Frau große Angst zeigen würde, aber das war nicht der Fall. Sie gab sich sogar locker.

Und sie lächelte, bevor sie fragte: »Wann geht es los?«

Bisher hatte sie nach jeder Frage sofort eine Antwort bekommen, diesmal allerdings nicht. Die beiden Typen waren etwas von der Rolle. Sie schauten sich an, sie lachten etwas dämlich und hörten die Frage der Frau.

»Was ist? Habt ihr es euch anders überlegt?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Ich auch nicht«, erklärte Karina und handelte so, wie man es von ihr gewohnt war. Alles ging blitzschnell. Sie schnappte sich den Ersten, hob ihn an, ließ ihn fallen und rammte ihm dabei ein Knie in den Leib. Der Stoß nahm ihm die Luft. Er stöhnte auf und wurde über den Rand geworfen, hinein in den Brunnen, wo er liegen blieb.

Der andere glotzte nur blöd aus der Wäsche und fing sich zu Anfang eine Ohrfeige ein, die ihm fast den Kopf von den Schultern geschleudert hätte.

Der zweite Hieb erwischte ihn in der Höhe des Magens. Da sackte er zusammen und fiel nach vorn. Genau in den dritten Schlag hinein, der ihn zum Schweigen brachte.

Karina hob den Kerl an und wuchtete ihn über den Brunnenrand hinweg, sodass er neben dem anderen landete und dort liegen blieb, ohne sich zu rühren.

Karina Grischin war zufrieden. Sie warf einen Blick in den Brunnen und sah die beiden Gestalten, die erst mal genug hatten. Dass es nicht die waren, die sie hatte treffen wollen, lag auf der Hand. Die stellten sich sicher nicht so dämlich an. Es war nur die Frage, ob diese Aktion gesehen worden war oder nicht. Möglicherweise verdarb sie einiges, aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Die beiden Hundesöhne hatten erst mal genug, sie würde weiterhin warten und …

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, denn plötzlich meldete sich ihr Handy …

***

Es war kein lautes Klingeln oder Ähnliches in diese Richtung, es war nur ein Summen. Man hatte ihr geraten, ein Handy mitzunehmen, damit sie überall erreichbar war.

Sie meldete sich.

»Ah, du bist es ja!«

Karina schloss für einen Moment die Augen. Da war die Stimme, die ihr Ohr erreicht hatte, aber sie konnte nicht sagen, ob es sich dabei um die einer Frau oder eines Mannes handelte. So wusste sie auch nicht, ob Chandra, die Kugelfeste, sie anrief. Möglich war alles.

»Ja, da bin ich.«

»Gratuliere.«

»Wozu?«

»Du hast die beiden schnell ausgeschaltet …«

»Ach ja, ich erinnere mich. Hast du sie geschickt?«

»Nein. Wie kommst du darauf?« Karina hörte ein Lachen. »Diese Idioten? Traust du mir das zu?«

»Es kommt darauf an.«

»Egal, was passiert ist. An unserem Verhältnis ändert das nichts. Kapiert?«

»Ich habe kein Verhältnis mit dir.«

»Ach, fick dich.«

»Danke, darauf kann ich verzichten. Dafür würde ich gern wissen, was du von mir willst.«

»Das ist ganz einfach. Ich möchte dir einen Gruß von Wladimir bestellen.«

»Ach …«

»Ja, er lässt dich grüßen.«

»Wie schön für ihn.«

»Oder hast du etwas anderes erwartet? Wäre ja auch möglich. Aber sicher hast du an deinen Freund gedacht.«

»Ich kann es nicht abstreiten.«

»Das wusste ich doch.«

»Und wie geht es weiter?«, fragte Karina.

»Mit Golenkow?«

»Zum Beispiel.«

Karina hörte das fette Lachen. Jetzt war sie sich sicher, dass es Chandra war, die mit ihr sprach.

»Es ist alles ganz einfach«, sagte die Kugelfeste. »Gar nicht kompliziert. Dein Freund lebt. Ja, du kannst mir glauben. Er lebt, und wir kommen gut miteinander zurecht. Ich, Rasputin und er.«

In Karinas Kopf wirbelten die Gedanken. Was sie erfahren hatte, das war der Hammer, und sie stellte sich die Frage, ob es eine Lüge oder die Wahrheit war.

Sie merkte, dass ihr das Blut in den Kopf geschossen war, und darüber ärgerte sie sich, obwohl das niemand sah. Karina wartete darauf, dass die Anruferin erneut sprach, und da hatte sie sich nicht geirrt, denn wieder drang die Stimme in ihr Ohr.

»Wäre dein Freund bei mir, dann hättest du mit ihm sprechen können, so aber musst du dich auf das verlassen, was ich dir sage. Ist das klar?«

»Komm zur Sache!«

»Gern. Ich darf dir mitteilen, dass sich Wladimir in seiner neuen Umgebung sehr wohl fühlt. Er wird gebraucht. Er hat Aufgaben bekommen, die er gern erfüllt. Er bleibt bei uns, und niemand hat vor, ihn zu töten. Er ist zu wertvoll für uns. Wir partizipieren von seinem Wissen, das er gern mit uns teilt, und man kann sagen, dass er kein Heimweh hat. Auch nicht nach dir.«

Karina blieb ruhig. »Wo ist er?«, fragte sie. »Bitte, ich will wissen, wo er sich aufhält. Oder hast du Angst, es mir zu sagen, Chandra?«

Die Kugelfeste lachte. »Nein, nein. Wieso sollte ich Angst haben? Das Wort kenne ich nicht.«

»Dann gib mir eine Antwort.«

»Gern. Dein Wladimir Golenkow hat eine neue Heimat gefunden. Im Moment hält er sich im Totenland auf.«

Karina schnaufte. Den Begriff hörte sie zum ersten Mal. Aber sie glaubte nicht daran, dass die andere Seite geblufft hatte. Es gab dieses Gebiet mit dem Namen Totenland. Kein Zweifel, und bestimmt lag es auch in dieser Welt, in diesem Land und nicht in einer anderen Dimension.

»Jetzt überlegst du, wie?«

»Stimmt.«

»Und?«

»Ich will ehrlich zu dir sein. Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen. Totenland! Was ist das? Ein Land der Toten? Ein riesiger Friedhof? Oder was?«

»Vielleicht beides. Ein Experimentierfeld in der Natur. Du weißt doch, wer mein Freund ist. Rasputin, das Genie, der Wissenschaftler und auch Magier. Einer, der den Tod hat überwinden können und trotzdem kein Zombie ist.«

»Ja, ich kann es mir vorstellen.«

»Wunderbar. Dann kannst du dir auch denken, dass sich Wladimir in seiner Nähe wohl fühlt.«

»Das weiß ich nicht.«

»Es ist aber so.«

»Gut, ich akzeptiere es.« Karina räusperte sich. »Und du hast nur Kontakt mit mir aufgenommen, um mir das zu sagen?«

»Klar. Ich wollte dir Hoffnung geben.« Sie lachte kichernd. »So bin ich eben.«

Ja, so war sie. Karina schnaufte. Sie spürte die Feuchtigkeit an ihren Handflächen und wünschte sich Chandra in ihre Nähe. Aber das blieb ein Wunsch. Sie sagte mit leiser Stimme: »Wie wäre es, wenn ich ein paar Sätze mit Wladimir sprechen könnte?«

Erst hörte sie nichts. Dann ein Lachen. Und danach klang die Frage auf. ...

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