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John Sinclair - Folge 1822

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Ich jagte die böse Äbtissin
  4. Vorschau

Ich jagte die böse Äbtissin

Die Nacht war da. Wie ein gewaltiger Teppich lag sie über der Stadt, aber London schlief nie. Es hatte sich nur ein wenig zur Ruhe gelegt, um für den folgenden Tag fit zu sein.

Es gab die stillen und die lauten Orte. Zu den lauten zählten die Discos, die Event-Hallen und so manche Ecke in der City. Zu den stillen Orten gehörten die Kirchen und auch die Kliniken. In ihnen herrschte nächtliche Ruhe. Die meisten Kranken schliefen …

Nach außen hin war alles klar. Aber wer hinter die Fassaden schaute, der sah andere Bilder. Es gab auch misstrauische Patienten, die dem Frieden nicht trauten. Die auch in der Nacht wach lagen und in die Dunkelheit horchten.

Wie Maria Toledo, die Nonne, die in einem schmalen Einzelzimmer lag und nicht schlafen konnte.

Sie war nervös. Das hing mit ihrem inneren Zustand zusammen, denn es war die reine Angst, die sie nicht schlafen ließ. Sie war noch einmal davongekommen. Sie hatte sich ins Krankenhaus schleppen können. Jetzt lag sie hier. Sie war allein mit ihrer Angst, aber auch mit der Hoffnung, dass sich etwas ändern würde. Nur würde das erst am folgenden Tag geschehen und bis dahin musste sie abwarten.

Andere hatten nicht den Mut gehabt wie Maria, obwohl sie litten, aber sie hatten den letzten Schritt noch nicht gewagt.

Das hatte Maria ihnen voraus, und sie hoffte, alles genau richtig gemacht zu haben.

Jetzt lag sie im Bett auf dem Rücken und schaute gegen die Decke.

Maria Toledo war keine Hellseherin. Sie wusste nicht, was noch auf sie zukommen würde, sollte sie überleben. Das war alles noch nicht sicher, denn sie wusste sehr wohl, wie gefährlich die andere Seite war.

Die Hölle war immer grausam gewesen. Das hatte sich auch in der heutigen, der modernen Zeit nicht geändert. Und es hatte immer wieder Menschen gegeben, die sich gegen die Mächte der Hölle gestemmt hatten. Einer von ihnen lebte in London. Mit ihm hatte die Nonne Verbindung aufgenommen. An ihn persönlich war sie nicht herangekommen, aber seine Assistentin oder Mitarbeiterin, eine gewisse Glenda Perkins, hatte versprochen, ihm die Botschaft zu überbringen und dafür zu sorgen, dass er die Nonne am nächsten Tag besuchen würde. Früher ging es leider nicht, und so konnte sie nur hoffen, dass man sie nicht fand. Wenn das geschah, würde man sie töten. Da blieb es dann nicht bei Brandflecken, wie sie sich jetzt auf ihrem Körper verteilten. Die Warnungen waren vorbei. Jetzt ging es ums Ganze.

Den Namen John Sinclair hatte Maria Toledo in Rom gehört. Beim Besuch der Ewigen Stadt war sie mit einem Mann zusammengetroffen, der Father Ignatius hieß und recht viel Einfluss besaß. Mit ihm hatte sie an zwei Abenden wunderbar geredet und so auch von John Sinclair erfahren, dem Mann, der in London lebte und es sich zur Aufgabe gemacht hatte, gegen die Mächte der Hölle zu kämpfen.

Die Nonne hatte alles genau behalten. Nun war der Zeitpunkt für sie gekommen, um mit John Sinclair Kontakt aufzunehmen.

Ein erster war hergestellt worden, aber viel wichtiger war der zweite, der persönliche, und sie hoffte stark, dass es dazu bald kommen würde.

Noch einige Stunden überstehen, dann war es so weit. Aber die Zeit würde lang werden, sehr lang.

Ein leises Klopfen an der Zimmertür schreckte sie auf. Sie blieb auf dem Rücken liegen und drehte nur den Kopf ein wenig, sodass sie zur Tür schauen konnte.

Die wurde langsam geöffnet. Das Herz der Patientin schlug schneller. Für einen Moment hatte sie einen schlimmen Gedanken, aber der traf nicht zu.

Es war Leni, die Nachtschwester, die sich über die Schwelle schob und das Licht einschaltete. In ihrem weißen Outfit sah sie aus wie ein Gespenst. Hinzu kam, dass sie flache Schuhe trug, die ihr erlaubten, lautlos zu gehen, und so blieb die Stille bestehen, als sie das Zimmer betrat.

Die Nonne lächelte. Sie hob die Hand zum Gruß und freute sich, dass Schwester Leni einen Stuhl herbei schob und darauf Platz nahm. Es deutete darauf hin, dass sie etwas länger bleiben wollte.

Das blonde Haar der Schwester war kurz geschnitten, und in der Dunkelheit schienen die grünen Augen zu leuchten, so intensiv war die Farbe.

»Und jetzt die übliche Frage. Wie geht es Ihnen?«

»Ha, ich freue mich auf Morgen. Auf meinen Besuch. Der ist nämlich etwas ganz Besonderes.«

»Ja, das sagten Sie schon. Und Sie wollen auch jetzt nicht verraten, wer er ist?«

Maria Toledo überlegte. »Nun ja, Sie sind immer so nett zu mir gewesen. Ihnen kann ich es ja sagen.«

»Danke.«

»Er ist Polizist.«

Leni erschrak. »Was ist er? Ein Polizist?«

»Ja. Und sogar ein besonderer. Er arbeitet für Scotland Yard, wenn Sie verstehen.«

»Ehrlich?« Die Schwester staunte.

»Ja, warum sollte ich lügen?«

»Und weshalb treffen Sie ihn?«

»Ich muss ihm etwas sagen.«

Leni nickte. »Das hängt sicherlich mit dem Aufenthalt hier bei uns zusammen – oder?«

»Ja.«

Leni nickte gedankenverloren. Dann fragte sie: »Und was machen Ihre Verletzungen? Die Brandwunden?«

»Die sind nicht mehr da.«

Leni lachte und winkte ab. »Hören Sie auf. Das kann ich Ihnen nicht glauben.«

»Aber ich hatte das Gefühl. Ich spüre sie nicht mehr. Es gibt keine Schmerzen.«

»Das ist etwas anderes. Dann scheinen sie wirklich gut verheilt zu sein, denke ich.«

»Ja, bestimmt.«

»Soll ich trotzdem mal nachschauen?«

»Wie Sie wollen, Schwester.«

Leni lächelte und zog die Decke zur Seite. Die Nonne war mit einem Nachthemd bekleidet und mit einer Unterhose. Das Nachthemd hatte sich die Nonne selbst in die Höhe gezogen, so lag der größte Teil des Oberkörpers frei vor den Blicken der Nachtschwester. Sie schaute, sie schüttelte den Kopf, und sie flüsterte etwas.

»Das gibt es nicht.«

»Was ist denn?«, fragte Maria.

»Die – die – Wunden.«

»Was ist mit ihnen?«

»Sie sind – weg!«

Ein gurgelnder Laut drang aus der Kehle der Kranken. Es sollte wohl ein Lachen sein, war aber als solches ein wenig verunglückt. »Das kann doch nicht sein.«

»Es ist aber so!«

»Nichts zu sehen?«

»Nun ja, nicht ganz. An manchen Stellen sehe ich noch den rötlichen Puder.«

»Und?«

»Sonst nichts.« Leni schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht. Ich glaube ja nicht an Wunder. Aber hier scheint doch ein Wunder geschehen zu sein.«

»Meinen Sie?« Maria Toledo war noch immer ziemlich durcheinander. Sie begriff nicht, was mit ihren Brandwunden passiert war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie so mir nichts dir nichts verschwunden waren.

Sie schaute genau nach. Die Hände hatte sie zu Fäusten geballt. Und sie legte sich gehorsam auf den Bauch, als sie darum gebeten wurde.

»Tja, das ist ein Hammer.«

»Meine ich auch, Schwester.«

Leni richtete das Nachthemd der Nonne. Dabei gab sie einen Kommentar ab. »Das grenzt ja schon an eine Wunderheilung.«

»Nun ja, das will ich nicht sagen. Aber die Brandwunden sind gut zurückgegangen.«

»Stimmt. Aber ich weiß noch immer nicht, wie Sie sich diese eingefangen haben.«

Maria Toledo senkte den Blick. »Das – möchte ich auch nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Morgen vielleicht.«

»Wenn Ihr Besuch da war?«

»Genau.«

Schwester Leni erhob sich von der Bettkante. »So, dann werde ich mal weitergehen. Und Ihnen wünsche ich noch eine ruhige Nacht. Versuchen Sie, Schlaf zu finden.«

»Ich werde mich bemühen.«

»Gut, dann bis später mal.« Die Schwester war bereits an der Tür winkte noch einmal und schaltete das Licht aus.

Maria Toledo blieb allein zurück. Wieder einmal. Der Besuch der Schwester hatte ihr gut getan. Jetzt aber war sie wieder mit ihren Gedanken allein.

Und das waren nicht die besten. Es gab keine Ablenkung mehr. Dafür kehrte die Angst zurück.

Es war kurz nach Mitternacht. Die nächsten Stunden würden sich hinziehen, das wusste sie aus Erfahrung. Da konnte noch viel passieren.

Sie konzentrierte sich auf ihren Herzschlag. Ja, er hatte sich schon verändert. Er war lauter geworden, das fand sie zumindest. Sie hörte ihn überdeutlich, und er erreichte auch ihren Kopf, wo es zu kleinen Explosionen kam.

Ein Fenster gab es auch in diesem schlauchartigen Raum. Es lag recht hoch und war mehr lang als breit. Man konnte auch von einem Schlitz sprechen. Aber es war offen, und etwas frische Luft drang in den Raum, was der Kranken gut tat.

Nur trocknete sie nicht den Schweiß auf ihrer Stirn. Er blieb leider auf dem Gesicht liegen. Dass ihr so warm war, lag nicht nur an den äußeren Temperaturen, es konnte auch an ihrem inneren Zustand liegen, den sie nicht beeinflussen konnte.

Maria wartete und hoffte. Ja, sie hoffte, nicht zu spät reagiert zu haben. Möglicherweise war noch etwas zu retten. Sie setzte auf John Sinclair und hatte nicht vergessen, dass ihr damals Father Ignatius wahre Wunderdinge von ihm berichtet hatte.

Ja, er würde sie beschützen können. Dass die andere Seite die Verfolgung aufgegeben hatte, daran glaubte sie nicht. Die machten weiter. Bis zum bitteren Ende, und sie hatten in Clarissa die perfekte Anführerin. Die nahm alles in die eigenen Hände. Man sagte ihr nach, dass sie mit dem Teufel im Bunde stand, was Maria durchaus glaubte.

Sogar sehr stark glaubte. Clarissa war nicht mehr normal. Sie reagierte oft genug extrem. Zwar sah sie normal aus, doch wer sie länger kannte, der merkte, dass in ihr etwas lauerte, das anders war als bei einem normalen Menschen und auch schlecht erklärt werden konnte.

Diese Gedanken beschäftigten sie auch jetzt, und so war es ihr nicht möglich, einzuschlafen. Das war für sie auch nicht schlimm. Wichtig war, dass sie bis zum Morgen durchhielt, um dann mit diesem Polizisten John Sinclair sprechen zu können.

Sie sah sich selbst nicht als Verräterin an. Zuvor hatte sie mit der Äbtissin gesprochen und sie indirekt sogar gewarnt. Aber Clarissa hatte nicht auf sie gehört. Sie hatte sogar recht spöttisch reagiert und sie ausgelacht.

Das Verlassen des Klosters war wie eine Flucht gewesen. Daran hatten sie auch die Verätzungen nicht hindern können, denn Clarissa hatte sich sehr wütend gezeigt. An die Folter wollte Maria nicht denken. Es war eine schlimme Tortur gewesen, und trotzdem hatte sich die Nonne nicht von ihrem Plan abbringen lassen.

Bis nach London hatte sie sich durchgeschlagen, denn hier lebte John Sinclair. Aber sie hatte sich zuerst in ärztliche Behandlung begeben müssen, denn ihre Verbrennungen mussten untersucht werden.

Hier in der Klinik waren die Wunden recht schnell verheilt. Sie fühlte sich wieder fast fit, und jetzt musste sie nur mehr die wenigen Stunden überstehen, dann lief alles anders.

Es war ruhig in ihrem Zimmer. Sie empfand die Stille schon als leicht belastend, konnte es aber nicht ändern.

Völlig finster war es nicht. Schwaches Restlicht breitete sich aus und erreichte auch die Tür.

Genau von dort hörte Maria ein Geräusch. Zuerst achtete sie nicht besonders darauf, doch als es sich wiederholte, da horchte sie auf und stand augenblicklich unter Spannung.

An das Geräusch wollte sie nicht mehr denken, denn jetzt sah sie, dass sich die Tür öffnete. Auch das war nichts Besonderes, aber wie das passierte, das hinterließ bei ihr schon einen Druck im Magen.

Sie schaute hin. Maria wusste, dass es keine Krankenschwester war, die sie besuchen wollte. Die betraten die Zimmer auf eine andere Art und Weise. Hier kam eine andere Person, die die Tür mit einer heftigen Bewegung weiter aufstieß.

Jetzt stand sie im Rahmen.

Jetzt war sie zu erkennen.

Es war Marias Albtraum, denn auf der Schwelle stand Clarissa, die böse Äbtissin …

***

Maria Toledo reagierte nicht. Sie lag starr in ihrem Bett, aber in ihrem Kopf jagten sich die Gedanken.

Jetzt ist es so weit! Jetzt werde ich geholt! Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr! Das waren ihre Gedanken, und sie fing an zu zittern und zu frieren. Sie wusste nicht, was man von ihr wollte, und hoffte, dass sie aus dieser Lage noch mal freikam.

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Äbtissin gekommen war, um sie zu töten. Auf der anderen Seite war sie durch die Hände dieser Frau schon gefoltert worden, und jetzt war sie da. Sie hatte keine Ruhe gegeben. Sie hatte Maria verfolgt und sie jetzt gestellt.

Marias Gedanke galt der Krankenschwester mit dem netten Namen Leni. Sie hoffte nur, dass ihr nichts passiert war, denn das hatte sie wirklich nicht verdient.

Die Äbtissin ging einen Schritt weiter und blieb dann stehen. So konnte sie die Tür schließen. Und je länger sie vor der Tür stand, umso besser war sie zu sehen.

Sie trug noch ihr schwarzes Habit. Aber im krassen Gegensatz dazu auch die weiße Haube, die aus zwei Teilen bestand. Zu einem aus einem eng gebundenen Kopftuch und zum anderen aus einer schleierartigen Bedeckung, deren Stoff sich auch auf den Schultern ausbreitete.

Und dann gab es noch das Gesicht, das zwar ein menschliches Aussehen hatte, aber durch etwas anderes gezeichnet war. Die Haut war geschwärzt. Von der Stirn bis hin zum Kinn reichte ein senkrechter weißer Balken. Ein Querbalken gehörte auch dazu. Er reichte über den Mund hinweg und holte die vollen Lippen der Frau überdeutlich hervor. Wer genau hinschaute, der musste auf den Gedanken kommen, dass es sich bei diesem weißen Zeichen um ein Kreuz handelte. Und zwar um ein auf dem Kopf stehendes.

Das dunkle normale Outfit hatte auch einen tiefen Ausschnitt, sodass die Ansätze der beiden Brüste gut zu sehen waren.

So wie sie lief keine Nonne herum. Erst recht keine Äbtissin. Das war bereits die reine Provokation. Aber so war sie eben. Durchtrieben, immer an sich denkend und auch gierig.

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