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John Sinclair - Folge 1821

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Aus den Tiefen der Hölle
  4. Vorschau

Aus den Tiefen der Hölle

Plötzlich war die Seligkeit vorbei!

Fast von einem Augenblick zum anderen erlebte Jenny Price diesen Umschwung. Und das auch körperlich. Wäre nicht das Geländer in der Nähe gewesen, wäre sie zusammengebrochen.

So konnte sie sich soeben noch festhalten. Ihr Atem pfiff. Sie hatte das Gefühl, dass alles in ihrem Körper zu eng war, dass die Luft, die sie einatmete, nicht bis in die Lungen drang.

Aber das kannte Jenny. Es war ihr nicht neu. So fing es immer an, wenn die Zeit um war. Jetzt brauchte sie neuen Stoff …

Wie war er noch genannt worden – Teufelspulver. Die meisten nannten die Droge Crystal. Sie war brutal gefährlich, schlimmer als Heroin, aber sie war auf dem Vormarsch, und es gab Gerüchte, dass der Teufel selbst sie angerührt hatte.

Wer sie nahm, war happy. Bis die Wirkung aufhörte, dann kam die große Ernüchterung. Zuerst verschwammen die Bilder und wurden von neuen ersetzt. Und die hatten es in sich. Sie waren brutal, sie waren grausam, als hätte die Hölle ihre Magazine geöffnet, um ihren Opfern die Bilder ins Gehirn zu brennen.

Diese Phase lag hinter Jenny Price. Jetzt drehte sich alles um ihre Erschöpfung. Sie spürte sie mit jeder Faser ihres Körpers. Ohne die Stütze des Geländers hätte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten können. Sie umklammerte es, sie blieb ganz ruhig und war froh, dass ihre Beine nicht mehr nachgaben.

Erholung. Sie brauchte Erholung. Dann konnte sie auch den Rest der Strecke zurücklegen. Es war ja nicht mehr weit bis zu ihrem Ziel. Kleine Container standen jenseits der Umzäunung. Dahinter stachen die hohen Mauern des Krankenhauses in den Himmel. Der Müll aus dem Hospital war ihre letzte Hoffnung. Es gab da gewisse Pflaster, die sie nehmen konnte, um ihre Sucht etwas abzuschwächen. Danach würde sie sehen müssen, wie sie an Geld kam, um sich einen neuen Stoß zu kaufen, wie sie immer sagte.

Sie musste nur noch eine kurze Strecke laufen. Sie zitterte noch immer. Darüber ärgerte sie sich. Aber es ging nicht anders. Schließlich gab sie sich einen Ruck und stieß sich ab.

Jenny hatte Schwierigkeiten, sich normal zu bewegen. Sie schwankte von einer Seite zur anderen, aber sie biss die Zähne zusammen, weil sie nicht aufgeben wollte. Sie musste das Zeug einfach bekommen. Wenn nicht, dann drehte sie durch, dann war alles zu spät.

Jenny Price wusste, wie sie auf das Gelände des Krankenhauses gelangte. Es war zwar eingezäunt, aber da gab es im Zaungitter eine Tür, die an den Seiten aus Verstrebungen bestand. In der Mitte aber aus Draht. Und der Draht war aufgerissen worden. So konnte jeder, der wollte, auf das Gelände des Krankenhauses gelangen.

Sie schwankte weiter. Ihr Blick war starr geworden und auf das Ziel gerichtet. Hinter ihrer Stirn tuckerte es, und aus ihrem halb geöffneten Mund wehten leise Stöhnlaute.

Vor der Tür hielt sie an. Sie legte ihre Hand gegen den Draht, drückte dagegen und schaute zu, wie das Gitter nachgab. Jetzt war der Weg frei.

Jenny duckte sich, kletterte durch die Tür, und war gleich darauf auf der anderen Seite.

Geschafft!

Jenny blieb stehen, weil sie sich für eine Weile ausruhen wollte. Und auch musste, denn der kurze Weg hatte sie angestrengt. Dass sie entdeckt wurde, war unwahrscheinlich, denn es hielt sich niemand in der Nähe auf.

Die kleinen Container standen in einer Reihe hintereinander. Sie waren zwar relativ hoch, aber als normal gewachsener Mensch kam man gut zurecht.

Bevor sie eine Deckelhälfte zur Seite schob, holte sie Luft und blickte sich noch einmal um. Auf keinen Fall durfte sie sich erwischen lassen.

Jenny schob den Deckel zurück. Am Rand der Öffnung stützte sie sich auf, drückte sich hoch und sah vor sich den Inhalt.

Wer wühlte schon in Krankenhausmüll herum? Ein normaler Mensch bestimmt nicht. Da musste es einem schon sehr schlecht gehen, um zwischen dem gebrauchten Mull und den oft blutigen Verbänden das Richtige zu finden.

Für sie waren bestimmte Pflaster wichtig. Auch wenn sie schon ausgelaugt waren, enthielten sie doch Spuren des Rauschmittels, auf das sie so scharf war und das ihr weiterhelfen konnte.

Jenny fing an, den Inhalt des Containers zu durchwühlen. Sie musste auf Einwegspritzen achtgeben, damit sie sich daran nicht verletzte.

Wenn jemand Routine im Durchwühlen der Container hatte, dann war sie es. Plötzlich war ihre Schwäche vorbei. Sie arbeitete mit beiden Händen. Sie schob Mull und Verbandzeug zur Seite.

Pflaster! Wo fand sie das Pflaster?

Je mehr Zeit verstrich, umso ungeduldiger wurde sie. Aus ihrem Mund drang ein heftiges Keuchen. Sie wurde zu einer Furie und schleuderte die weichen Reste in die Höhe.

Wo steckten die Pflaster? Sie konnte nicht glauben, dass sich keine im Container befanden. Bisher hatte sie immer Pflaster gefunden, und das konnte heute nicht anders sein – oder?

Es war auch nicht anders.

Sie hatte Glück. Die Pflaster lagen weit unten, fast am Boden, und sie hatte sich tief bücken müssen. Dabei war das andere Zeug über sie gefallen und hatte sie fast unter sich begraben.

Ja, da waren die Pflaster. Und sie waren recht groß.

Drei reichten ihr. So suchte sie nicht mehr weiter und richtete sich wieder auf. Die drei Pflaster hatte sie sich unter den Arm geklemmt und kletterte wieder aus dem Container. Beinahe wäre sie noch über den Rand gekippt. Im letzten Augenblick konnte sie sich halten und hangelte sich am Container entlang bis zum Boden, auf dem sie stehen blieb, hustete und atmete.

Ja, sie hatte es geschafft. Mit drei Pflastern kam sie schon etwas weiter. Sie hoffte, dass sie nicht kontaminiert waren, aber das würde sich noch herausstellen. Sie musste die Pflaster auskochen und den Stoff herausfiltern, der ihr Erleichterung verschaffen sollte. Dann konnte sie ihn sich spritzen, aber es gab noch eine andere Möglichkeit. Sie konnte die Pflaster auch auslutschen, um die Restmengen des Wirkstoffs herauszuholen.

Das war aber mit einem Risiko verbunden. Manchmal war die Konzentration so hoch, dass dieses Experiment tödlich endete. Jenny hatte es einmal probiert, wollte aber bei der Möglichkeit des Auskochens bleiben.

Sie lief so schnell wie möglich. Ihre Füße klatschten auf den Boden, und sie war froh, sich wieder durch die Tür zwängen zu können. Jenny hoffte, dass diese Lücke noch lange für sie offen blieb.

Jetzt musste sie erst mal weg. Sie wollte in ihre Wohnung. Das heißt, es war mehr ein Loch als eine Wohnung. Sie und einige andere Typen wohnten in einem Abbruchhaus, in dem es kein fließendes Wasser und auch nur noch wenige Fenster gab. Es würde nicht mehr lange dauern, dann erfolgte der Abbruch, aber bis dahin ließ man sie zum Glück in Ruhe.

Jenny hatte das Gelände des Krankenhauses verlassen und spürte erst jetzt die Anstrengung.

Sie würde den Weg nach Hause zu Fuß laufen müssen. Es gab niemanden, der sie mitnahm, und wenn sie zu Hause ankam, würde sie sich mit den gebrauchten Pflastern der krebskranken Menschen beschäftigen und zusehen, dass sie sich die Droge daraus hervorholte.

Sie wollte die Welt mit anderen Augen sehen. Sie brauchte wieder Power, und diese Kraft bekam sie nur durch das Rauschmittel. Die Droge Crystal wirkte da Wunder.

Jenny musste die Straße überqueren. Danach brauchte sie nicht mehr weit bis zum Abrisshaus zu laufen.

Sie ging schneller.

Und sie schaute nicht nach rechts und nicht nach links. Genau das war ihr Fehler. Dass noch andere Menschen unterwegs waren, das hatte sie aus ihrem Gehirn gestrichen. Und an Autofahrer hatte sie erst recht nicht gedacht.

Aber es gab sie.

Jenny Price hörte noch das Quietschen der Reifen und bekam dann einen Stoß, der sie zu Boden schleuderte…

***

Es war keine Vergnügungsfahrt, die wir hinter uns hatten, aber Sir James, unser Chef, hatte uns zu einer Klinik geschickt, in der psychisch kranke Menschen untergebracht waren. Dort sollten wir uns einen Mann namens Richard Hale anschauen, dessen Verhalten für uns interessant sein konnte. Sir James hatte es spannend gemacht und so gut wie nichts erzählt, und deshalb waren wir skeptisch.

Den Wagen stellten wir auf dem Parkplatz der Klinik ab. Danach wandten wir uns dem Eingang zu.

Es war schon eine besondere Klinik, denn die Tür ließ sich nicht öffnen. Wir mussten uns erst über eine Sprechanlage anmelden, dann konnten wir die Tür aufstoßen und gerieten wenig später in den Empfangsbereich.

Eine Frau erwartete uns nicht. Zwei Männer, die aussahen wie Bodybuilder, schauten uns forschend an. Wir zeigten unsere Ausweise und erklärten, dass wir einen Termin bei Dr. Smith hatten. Der Mann hieß tatsächlich so.

Es wurde telefoniert. Wir konnten uns so lange setzen und uns die nicht eben freundliche Umgebung anschauen. Es herrschte die Farbe braun vor. Die brachte keinen Menschen auf einen fröhlichen Gedanken. Der Boden war mit ebenfalls bräunlich schimmernden Fliesen bedeckt.

Suko nickte vor sich hin. »Tolle Umgebung.«

»Sehe ich auch so.«

»Die macht einen Kranken noch kranker.«

Er erntete von mir keinen Widerspruch. Gespannt waren wir auf den Arzt und auf das, was er uns zu sagen hatte.

Nach wenigen Minuten stieg er aus einem der beiden Lifte.

Dr. Smith war ein kleiner, quirliger Typ mit recht langen und auch wuscheligen Haaren. Er trug eine Brille mit dunklem Gestell, und in seinem Gesicht malten sich Bartschatten ab. Er hatte seinen weißen Kittel nicht geschlossen, deshalb sahen wir sein leicht zerknittertes blaues Hemd.

»Das ist schön. Da sind Sie ja, meine Herren.« Er gab uns flüchtig die Hand. »Da können wir ja gleich beginnen.«

Nichts gegen eine gewisse Eile, aber da hatte ich doch noch eine Frage. »Um was geht es eigentlich genau, Dr. Smith? Da sind wir leider nicht aufgeklärt worden.«

»Schade.«

»Dann tun Sie es.«

»Nun ja, es geht um ein neues Phänomen. Um ein Teufelspulver oder eine Teufelsdroge, die auf den Markt gekommen ist. Wir halten sie für schlimmer als Heroin, und sie macht Menschen zu körperlich und seelischen Wracks.«

»Und wie heißt diese Droge?«

»Crystal.«

Suko und ich schauten uns an. Beide schüttelten wir den Kopf, denn diesen Namen hatten wir noch nie gehört.

Der Arzt sprach weiter. »Chemiker haben einen anderen Namen für sie gefunden. Sie nennen sie N-Methylamphetamin, kurz Methamphetamin. Das zur Droge.«

»Gut«, sagte ich, »dann gehe ich mal davon aus, dass dieser Richard Hale etwas damit zu tun hat.«

»Ja, er war Konsument, nicht Dealer.«

»Aha, und was ist jetzt mit ihm?«

Der Arzt rückte an seiner Brille und sagte: »Das werden Sie gleich zu sehen und zu hören bekommen. Deshalb sind Sie hier. Und ich habe gehört, dass Sie grausame Wahrheiten auch vertragen können.«

»Ja, wir bemühen uns.«

»Okay, dann kommen Sie mit.«

Wir betraten den Fahrstuhl und wunderten uns, dass wir nach unten fuhren.

»Oh, geht es in den Keller?«, fragte ich.

Der Arzt nickte nur. Wenig später fanden wir uns in einem Gang wieder, der kahl und durch das Deckenlicht recht hell war.

Türen waren auch an den Seiten, und beim Gehen fiel mir auf, dass sie sehr dick waren. Hier sollten wohl Schreie nicht gehört werden.

Ich sagte nichts dazu.

Auch Suko gefiel die Umgebung nicht. Das las ich von seinem Gesicht ab.

An der linken Seite blieben wir vor einer Tür stehen, die ebenfalls sehr stabil aussah. In der oberen Hälfte befand sich eine bewegbare Klappe, die der Arzt verschob und einen Blick in die dahinter liegende Zelle warf. Er schaute nur für kurze Zeit nach, dann wandte er sich wieder an uns.

»Ritchie sieht friedlich aus. Er sitzt in seinem Sessel und schaut ins Leere.«

»Und weshalb sind wir hier?«, fragte Suko.

»Ganz einfach. Ritchie kann auch anders. Dann dreht er durch. Dann hat er den Kontakt mit ihr.«

»Mit wem?«

»Ich traue mich kaum, es Ihnen zu sagen und…«

»Bitte, tun Sie es trotzdem«, sagte Suko.

»Dann hat er Kontakt mit der Hölle. Dann ist er fähig, in ihre Tiefen zu blicken.«

»Woher wissen Sie das?«

»Er hat es mir erzählt. Und er freut sich darüber.«

»Haben Sie ihn denn auf Entzug gesetzt?«, wollte ich wissen.

»Ja, er bekommt keine Drogen mehr. Aber was er sieht, das hat sich in seinem Gehirn regelrecht festgebrannt. Es kommt aus den Tiefen der Hölle, wir können eigentlich nichts mehr für ihn tun. Eine andere Macht hat ihn übernommen. Als ich mit meinen Kollegen darüber sprach, da machte man mir den Vorschlag, es mal beim Yard zu versuchen. Dort würde es Leute geben, die sich um derartige Fälle kümmern. Ja, und jetzt stehen Sie hier.«

»Stimmt.«

»Sind Sie dann bereit, ihn sich zumindest mal anzuschauen?«

»Und ob«, sagte Suko und hatte dabei auch in meinem Sinne gesprochen…

***

Der Besuch am Krankenbett hatte Jane Collins keinen Spaß bereitet. Sie hatte nach einem Kollegen sehen wollen, der angeschossen worden war. Er war nicht gestorben, aber er hatte leider einen Schuss in den Rücken bekommen, und dieser Treffer hatte dafür gesorgt, dass er gelähmt war. Bis jetzt jedenfalls. Ob die Ärzte noch etwas retten konnten, das ...

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