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John Sinclair - Folge 820

Karenas Liebesbiss

Niemand hatte gesehen, wie er wach wurde. Niemand hatte gesehen, wie er aufgestanden war. Niemand hatte gesehen, wie er sich angezogen hatte, und niemand hatte gesehen, wie er das Haus verließ.

Jetzt stand Johnny Conolly davor. Er schaute in den Vorgarten. Es war noch immer kalt. Der Frühling wollte einfach nicht kommen.

Aber Johnny spürte die Kälte nicht …

Zwei, drei Schritte ging er vor, um danach den Serpentinenweg hinab zu laufen, der erst am Tor, der Einfahrt des elterlichen Grundstücks, endete.

Es war der übliche Weg, den er immer nahm, ob er nun zu Fuß ging oder ihn mit irgendeinem Fahrzeug befuhr. Er kannte die Strecke, er wusste, wie lange man brauchte, um sie hinter sich zu bringen, aber das war in dieser Nacht alles anders.

Johnny hatte das Tor erreicht, das jetzt hinter ihm lag, denn er hatte es überwunden, ohne es zu merken. Da war kein Hindernis gewesen, und das irritierte ihn schon.

Aber es war auch egal, denn es brachte ihn weiter. Vor dem Tor blieb er stehen. Er sah aus wie jemand, der darüber nachdachte, ob er etwas Bestimmtes tun sollte oder nicht. Zu sehen war kein Mensch. Er fühlte sich auch nicht beobachtet. Um diese Zeit und bei diesem Wetter hielt sich in dieser Umgebung kaum jemand im Freien auf.

Johnny gab sich einen Ruck und ging. Die Richtung spielte bei ihm keine Rolle. Er ging einfach weiter und er blieb dabei auf dem Gehweg. Er setzte einen Schritt vor den anderen, und es hätte eigentlich alles normal sein können, was es aber nicht war. Johnny Conolly hatte das Gefühl, Flügel zu bekommen. Sein Körper verlor die Schwere und ging über in eine ungewöhnliche Leichtigkeit, die ihn vorantrieb.

Er ging nicht normal. Es sah bei ihm aus, als würde er die berühmten Sieben-Meilen-Stiefel tragen, die ihn viel schneller voranbrachten, als es normal gewesen wäre.

Johnny ging nicht, er glitt voran. Es war das Normalste der Welt für ihn. Die Straße mit den wenigen Laternen hatte er rasch hinter sich gelassen.

Wenn er zur Seite schaute, aber auch nach vorn, dann sah er die normale Welt verändert. Sie kam ihm wie in Watte eingepackt vor.

Häuser, Bäume, Straßen, Autos, das gab es alles noch, aber es war so weit weg und doch irgendwie nah. Johnny spürte die fremde Landschaft. Er durfte sie erleben, aber er konnte nicht sagen, wo sie sich befand.

Und er ging weiter. Nein, er glitt. Er hatte das Gefühl, beim Gehen kaum den Boden zu berühren. Es war alles so wunderbar. Es gab neue Regeln und für ihn eine neue Welt. Alles andere war von ihm abgefallen. Er hatte sich jetzt der anderen Szenerie voll und ganz ergeben.

Es ging ihm gut. Es gab keine Probleme mehr. Alles Irdische, was ihn hätte quälen können, war verschwunden. Ebenso wie die Umgebung. Es gab sie nicht mehr. Jemand schien sie weggezogen zu haben. Dafür war sie ausgewechselt worden durch Nebelstreifen, die aussahen wie Dampf, die aber weder zischten noch rochen. Es blieb um ihn herum neutral.

Johnny ging weiter. Denken konnte er nicht mehr, weil er das Gefühl hatte, fremdgelenkt zu werden. Andere hatten die Kontrolle über ihn bekommen, und er wehrte sich auch nicht dagegen, denn es ging ihm körperlich gut.

Keiner wollte etwas von ihm, und niemand war da, der ihn angriff. Doch die Umgebung war eine andere geworden, denn jetzt rückten von beiden Seiten die dunklen Schatten heran und vertrieben das Grau.

Es wurde finster. Seltsamerweise fürchtete Johnny sich nicht vor dieser Finsternis, sie gehörte zu seinem Ausflug dazu, und er hoffte, dass sie bald wieder aufhören würde.

Seine Reise ging trotzdem weiter, und er musste nicht mal seine Beine bewegen, sie wurden bewegt, und sie wurden auch zu einem entsprechenden Ziel geführt.

Ja, das gab es.

Er sah es auch.

Es lag nicht nur vor ihm, sondern auch um ihn herum. Er konnte es sehen, weil es heller geworden war. Und Johnny merkte auch, dass etwas seine Schritte verlangsamte. Es war eine fremde Macht, der er sich voll und ganz hingab.

Seine Beine bewegten sich nicht mehr so schnell. Hin und wieder schlurften die Sohlen über den Boden hinweg. Jemand bremste seine Schritte.

Er ging trotzdem weiter.

Aber er ging jetzt langsamer. Vergleichbar mit einem normalen Spaziergänger, der genügend Zeit mitbrachte und sich entspannt in seiner Umgebung umschaute.

Das tat auch er.

Wo bin ich? Diese Frage stellte sich automatisch, aber sie bereitete ihm keine Probleme. Er fühlte sich gut. Niemand hatte ihm etwas getan. Man hatte ihn irgendwo hin geleitet, und er glaubte jetzt, das Ziel bald vor sich zu haben.

Allmählich hellte es auf.

Johnny hatte auch genug von der Dunkelheit.

Er stellte fest, dass er sich in einem Gang oder Flur befand, dessen Wände hell gestrichen waren.

Johnny spürte jetzt jeden Schritt, wenn er seinen Fuß aufsetzte. Er horchte in sich hinein und versuchte herauszufinden, ob eine gewisse Furcht vorhanden war.

Nein, das war nicht der Fall. Die ganze Zeit über hatte er nie das Gefühl der Angst, jetzt war es auch nicht da, und darüber war er froh. Etwas Neues zu erleben, ohne dabei Angst zu verspüren, das konnte ihm schon gefallen.

Er ging.

Und er ging jetzt normal.

Da war nichts, was ihn trieb. Er setzte einen Fuß vor den anderen und lächelte sogar. Warme Luft umfächerte ihn. Er wusste nicht, woher sie kam, aber er freute sich darüber.

Und es gab Licht. Allerdings war es ein seltsames Licht, das ihn auf seinem Weg begleitete. Es drang von allen Seiten auf ihn ein. Es war wunderbar, so herrlich weich und es war für ihn so etwas wie eine gewisse Beruhigung.

Johnny ging noch langsamer. Er tat es nicht aus eigenem Antrieb. So etwas wie eine Stimme hatte ihm einen Befehl gegeben. Die Stimme war nur einmal zu hören gewesen, aber das hatte ausgereicht, und Johnny erkannte zudem, dass es keinen Sinn hatte, weiterzugehen, denn er hatte sein Ziel erreicht.

Es gab den Flur nicht mehr. Er war in einem relativ großen Raum angelangt. Johnny ging noch einige Schritte, dann blieb er stehen, um sich umzuschauen.

Wo er sich befand, wusste er nicht. Er fühlte sich wie in einer Höhle oder Grotte, die irgendwo unter der Erde lag, aber gut belüftet war, denn Probleme mit der Atmung hatte er nicht.

Johnny fragte auch nicht, ob er einen Traum erlebte oder dies alles der Wirklichkeit entsprach.

Er drehte sich auf der Stelle.

Glatte Wände. Oder …?

Plötzlich fing er an zu zweifeln, denn er sah nicht nur die Wände, sondern auch das, was sie so besonders machte.

An den Seiten sah er Bewegungen. Zuerst konnte er sich keinen Reim darauf machen, dann schaute er genauer hin und sah, dass sich in den Höhlenwänden Nischen befanden. Nicht sehr tief, aber tief genug, um einen Menschen aufzunehmen.

Und dort stand jemand.

Nicht nur an einer Stelle, sondern an mehreren zeichneten sich die Gestalten ab.

Johnny wusste nicht, um wen es sich handelte. Er war zu weit weg, um Männer und Frauen unterscheiden zu können. Jedenfalls waren es Personen, und die schienen einzig und allein auf ihn gewartet zu haben. Zwar traf keine der Gestalten Anstalten, seine Nische zu verlassen, aber sie wollten ihn.

Er spürte ihre Lockung.

Komm her – komm zu uns – komm näher – wir mögen dich – du sollst dich bei uns wohl fühlen …

Es waren Gedanken, die Johnny aber wie Stimmen erlebte. Er wusste im Moment nicht, wie er sich verhalten sollte. Er spürte einen Druck in seinem Innern, er schluckte und atmete scharf durch die Nase.

Komm zu mir, Johnny …

Es war der Satz, der ihm unter die Haut ging. Er war von einer Stimme gekommen, und Johnny wusste nicht, wer ihn angesprochen hatte. Aber ihm war klar, dass er sich nicht wehren konnte und auch nicht wollte. Dafür war er zu neugierig.

So machte er sich auf den Weg. Die Richtung hatte er mitbekommen. Er sah auch den winkenden nackten Arm und beschleunigte seine Schritte. Er wollte so schnell wie möglich am Ziel sein, das er jetzt deutlicher sah, weil es sich aus der Nische hervor geschoben hatte. Das war wie ein Schlag gegen den Kopf, als er weiter auf sein Ziel zuging. Schwindel spürte er nicht, aber die Knie waren ihm schon weich geworden. Etwas würde passieren, und der Gedanke daran ließ die Anspannung in ihm wachsen.

Es war eine Frau!

Das sah er deutlich, als er die Hälfte der Strecke hinter sich gelassen hatte.

Erneut winkte der nackte Arm.

Johnny ging einen Schritt schneller. Er sah das Licht in der Nische. Es war keine blendende Helligkeit, aber die weiche Flut reichte aus, um die Frau besser erkennen zu können, die dort auf ihn wartete …

***

Und Johnny traf es wie ein Schlag!

Ja, es war wie der Blitz aus heiterem Himmel. Er konnte sich auch nicht dagegen wehren.

Sie stand da und wartete.

Und sie war genau sein Typ.

Er hatte das Gefühl, als hätte sie nur auf ihn gewartet, und das schon länger.

Und sie sah wunderschön aus. Für Johnny war sie so etwas wie ein Engel ohne Flügel. Er sah ihr Gesicht, er sah ihren Körper, denn beides wurde im Licht gebadet.

»Du kannst ruhig zu mir kommen«, flüsterte sie ihm zu.

Johnny nickte nur. Er schluckte und überlegte, ob das alles so richtig war. Aber dieser Gedanke war nichts anderes als eine Momentaufnahme, die auch wieder verschwand.

Und so ging er weiter.

Je näher er der jungen Frau kam, umso deutlicher trat sie aus dem sie umfließenden Licht hervor.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Johnny traf es wie ein Stich. Er sah das Gesicht, das so ebenmäßig geschnitten und auch klar war. Klar wie die Augen, deren Blicke auf ihn gerichtet waren. Der Mund hatte einen wunderbaren sanften Schwung, war ansonsten leicht herzförmig geschnitten. Die gerade Nase darüber, die glatte Stirn und das Haar, dessen Farbe nicht so genau zu erkennen war. Es war dunkelblond oder braun. Aber das war nicht wichtig.

Nur sie zählte.

Sie war das Wunder, das das Leben für Johnny bereithielt. Er dachte daran, dass er sich schon einige Male verliebt hatte, doch nie hatte es ihn so getroffen wie hier.

Er spürte das Zittern seiner Muskeln und auch das Prickeln in seinen Adern. Es rann vom Kopf bis zu den Füßen und ließ auch die Arme nicht aus, bei denen es sich bis in die Spitzen der Finger fortpflanzte. Das war etwas völlig Neues für ihn. So etwas hatte er noch nie erlebt. Und er stand nicht dem Grauen gegenüber, sondern einer ganz anderen Macht, die auch einen Namen für Johnny hatte.

Es war die Liebe.

Ja, und plötzlich fand er das gar nicht mehr kitschig, davon zu sprechen. Liebe. Er hatte sich verliebt. Der Pfeil des Liebesgottes Amor war ihm ins Herz gefahren.

Johnny bewegte sich nicht. Das heißt, es waren nur seine Augen, die dies taten. Er musste dieses engelsgleiche Wesen einfach anschauen. Nichts anderes gab es für ihn.

Er sah die Figur. Sie zeichnete sich deutlich unter der eng anliegenden Kleidung ab. In seinem Hals zog sich etwas zusammen. Ihn schwindelte leicht. Johnny hatte seine Selbstsicherheit verloren. Er fühlte sich als Spielball anderer Mächte, und durch seinen Körper rann unaufhörlich ein heißer Strom.

Wäre er jetzt von der jungen Frau angesprochen worden, er hätte nicht gewusst, was er sagen sollte.

Und er wurde angesprochen.

»Komm bitte …«

Johnny erschrak. Nicht darüber, dass er angesprochen worden war, sondern über die Worte. Sie waren eine Bitte, und das wollte ihm nicht in den Kopf.

Sie bat ihn …?

»Hast du mich nicht gehört, Johnny?«

Doch, das hatte er. Er dachte auch darüber nach, dass sie seinen Namen kannte. Es machte ihn nicht nervös, aber er wusste auch nicht, ob er darüber froh sein sollte.

Etwas war anders geworden. Sein Leben fühlte sich an wie auf den Kopf gestellt.

»Nun komm schon …«

Die letzte Aufforderung gab ihm einen Ruck. Endlich konnte er sich bewegen. Er ging den Rest der Strecke auf wackligen Beinen. Plötzlich schwitzte er auch, und darüber ärgerte er sich. Er schaffte es nicht mal, seine Hand zu heben und den Schweiß von der Stirn zu wischen. Es wäre ihm erbärmlich vorgekommen. Er wollte so etwas wie ein Held sein und nicht schon jetzt einknicken.

Es klappte.

Er konnte gehen, aber er kam sich vor, als würde er auf einer Stromleitung laufen. Ein paar Mal hatte er gedacht, dass diese Frau nur eine Einbildung war, aber jetzt glaubte er nicht mehr daran. Es gab sie. Es gab auch ihn. Und sie wollte ihn haben, das erkannte er am Funkeln ihrer Augen.

Sie blieb vor der Nische stehen und kam ihm nicht einen Schritt entgegen. So musste er auch den Rest zurücklegen und hielt an, als er sie hätte greifen können, was er aber nicht tat. Dazu war sein Respekt vor ihr zu groß.

»Hi, Johnny …«

Er nickte nur.

Und als sie lachte, klang es glockenhell.

»Was ist los? Kannst du nicht reden?«

»Weiß nicht«, quetschte er hervor.

»Was willst du wissen?«

Johnny zuckte mit den Schultern.

»Willst du meinen Namen wissen?«

»Ja, bitte.«

»Gut. Ich heiße Karena. Einfach nur Karena. Gefällt dir mein Name?«

»Ja, ja!«, beeilte sich Johnny zu sagen. »Er ist wunderschön.«

»Ich freue mich, dass er dir gefällt. Ich mag deinen Namen auch. Und ich mag dich.«

Johnny wusste nicht, was er sagen sollte. Er überlegte, er bewegte seine Beine und meinte dann: »Aber du kennst mich doch gar nicht.«

»Irrtum. Und ob ich dich kenne.«

»Woher?«

»Nimm es einfach hin. Ich kenne dich. Man hat mir von dir erzählt. Ich habe dich auch schon öfter gesehen, aber bin dir nicht so nahe gekommen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass wir unseren Weg gemeinsam gehen. Bist du einverstanden?«

Johnny glaubte, etwas Falsches gehört zu haben. »Bitte, du willst mit mir gemeinsam gehen?«

»Das hatte ich vor.«

»Und wohin?«

»Oh, wir lassen uns treiben«, flüsterte sie. »Wir sind noch jung. Es wird eine Zeit voller Wunder werden. Ich spüre doch, wie du zu mir stehst. Du bist verliebt. Und wenn wir zusammen sind, wird es zwischen uns keine Tabus mehr geben.«

»Das ist – ich – ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll. Ich muss studieren und …«

»Das kannst du, und jetzt komm noch näher.«

Johnny blies die Luft aus. Er dachte nicht mehr an das, was passiert war und für das er keine Erklärung hatte. Er sah nur noch den Körper dieser jungen, wunderschönen Frau.

Er wollte sie haben, und er hatte nicht vergessen, was sie ihm gesagt hatte.

Und so ging er noch weiter auf sie zu.

Sie sahen sich an. Karena lächelte. Diese Geste machte sie noch schöner.

Und dann fasste Johnny sie zum ersten Mal an.

Er legte seine Hände auf ihre Schultern und dachte an die Hitze in seinem Körper. Die war bei Karena nicht vorhanden. Ihr Körper war neutral. Keine Wärme, aber auch keine Kälte. Er hätte ebenso gut eine Stoffpuppe anfassen können.

»Na …«

Johnny wusste nicht, was er erwidern sollte. Er wollte nichts Falsches sagen und wartete lieber ab.

»Gefalle ich dir nicht?«

»Doch …«

»Aber?«

»Ich – ich weiß nicht«, flüsterte Johnny. »Du bist schon schön, so wunderschön.

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