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John Sinclair - Folge 1817

Der Nachtmahr

Für ihn gab es keine Wände, keine Mauern, keine verschlossenen Türen, er fand seinen Weg überall.

Er ist Geist. Er ist Person. Er ist mal das und dann wieder das. Und er kommt gern in der Dunkelheit, um die Menschen zu überraschen.

Einen Namen hat er auch.

Er ist der Nachtmahr!

Es gibt Feiern, die muss man einfach mitmachen. So erging es mir bei einem alten Freund, der seinen runden Geburtstag feierte und eingeladen hatte. Es war Chiefinspektor Tanner, der alte Brummbär. Auch er war älter geworden. Er selbst hatte nicht feiern wollen, das hatte seine Frau in die Hände genommen und ihn einfach außen vor gelassen.

Und so war schon eine Anzahl illustrer Gäste zusammen gekommen. Auch Suko und Shao hätten dabei sein sollen, aber da hatte ihnen die Grippe einen Strich durch die Rechnung gemacht. Oder bei Suko mehr eine Erkältung, sodass er lieber zu Hause bleiben wollte, bevor er auf der Feier noch einige Leute ansteckte. Zudem wollte er am Montag wieder ins Büro. So war ich allein gefahren.

Die Feier fand am Sonntagabend im Casino der Metropolitan Police statt. Hier fühlte sich Tanner wohl, er hatte hier ein zweites Zuhause gefunden. Böse Zungen behaupteten, dass es mehr sein erstes Zuhause war.

Glenda Perkins war nicht mitgekommen. Sie hatte ebenfalls einen Termin, den sie nicht verschieben konnte. Es war trotzdem viel los. Die meisten Gäste waren Kollegen von Tanner. Einige hatten auch ihre Frauen mitgebracht.

Verwandte gab es auch. Kinder hatte Tanner nicht. Aber einige Nichten und Neffen waren erschienen, um mit ihrem Onkel zu feiern, was ihm auch gefiel, obwohl er es nicht so zeigen konnte.

Wie gesagt, ich war ebenfalls da, und ich hatte mir vorgenommen, mich nicht unbedingt in der Nähe von Sir James aufzuhalten. Es wäre keine Entspannung gewesen.

Also ging ich meinem Chef aus dem Weg und unterhielt mich mit anderen Menschen.

Besonders Tanners junge Verwandtschaft war scharf auf mich und wollte einiges hören. Es hatte sich herumgesprochen, woran ich arbeitete, und das provozierte Fragen.

So musste ich über Vampire Auskunft geben und über andere Wesen, wobei ich nie direkt erklärte, dass es sie gab. Ich redete immer drum herum, gab mal etwas zu, schüttelte bei anderen Dingen den Kopf, bekam aber mit, dass ihr Onkel ab und zu mal etwas von seiner Arbeit erzählte, wobei auch ich hin und wieder erwähnt wurde. Hätte ich von dem alten Eisenfresser nicht gedacht.

Es gab Essen, es gab Trinken. Und da ich nicht mit dem Auto gekommen war, sondern mit der U-Bahn, konnte ich mir das eine oder andere Glas leisten.

Ich aß die Häppchen, bei denen es die Masse machte, und so wurde ich auch satt.

Dann hatte ich Pech. Sir James hatte mich entdeckt und kam mit festen Schritten auf mich zu. In der Hand hielt er ein Glas. Es war mit Wasser gefüllt.

»Na, gefällt es Ihnen, John?«

»Sehr gut.«

»Er hat sich Mühe gegeben. Gutes Essen, auch über die Getränke kann ich mich nicht beschweren.«

»Aber sie trinken doch nur Wasser, Sir.«

»Na und? Deshalb kann ich doch die Getränke loben.«

»Klar, das verbietet Ihnen keiner.«

»Außerdem habe ich den Sekt probiert, der wirklich lecker war.«

»Muss man sagen.«

Sir James nickte mir zu. Es war warm. Auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gesammelt. »Wie lange wollen Sie noch bleiben, John?«

»Nicht mehr zu lange.«

»Ich werde auch bald fahren. Ich muss nur noch etwas klarstellen.«

»Darf ich fragen, was?«

»Ja, das können Sie.« Er lächelte etwas verlegen und hob auch unbehaglich die Schultern. »Das ist so eine Sache. Ich habe einigen Verwandten unseres Freundes Tanner eine Betriebsbesichtigung bei Scotland Yard versprochen.«

»He, das ist doch toll. Besichtigungen werden doch immer durchgeführt.«

»Das schon.« Er schaute zur Seite.

»Und wo ist der Haken, Sir?«

»Ich habe versprochen, dass ich die Gruppe führen werde.«

Zum Glück hatte ich nichts im Mund. Ich hätte es vor Lachen ausgespuckt und es wäre womöglich im Gesicht meines Chefs gelandet. So fing ich an zu schlucken, drehte den Kopf zur Seite und wollte etwas Nettes sagen, aber Sir James wusste bereits Bescheid.

»Ich weiß, was Sie jetzt denken, John. Aber freuen Sie sich nicht zu früh. Ich werde darüber nachdenken, ob ich Ihnen den Job nicht aufhalse. Denken Sie daran.«

»Ich habe immer zu tun.«

»Das werden wir sehen.«

Zum Glück wurde Sir James von einem Bekannten angesprochen und mir von der Seite geholt.

Ja, ich traute ihm alles zu. Das hätte mir noch gefehlt, mich von einer Gruppe junger Besucher durch das Yard Building jagen zu lassen. Nein, nicht mit mir.

Ich ging wieder zum Buffet. Einen letzten Happen wollte ich mir noch gönnen und mich dann zurückziehen. Es war der Zeitpunkt, an dem die Stimmung schon recht hoch war. Bevor sie sich als Woge überschlug, suchte ich lieber das Weite.

Es war noch einiges an Essen vorhanden, ich entschied mich für kleine gefüllte Paprikaschoten und nahm noch einen Schluck Rotwein mit an den Tisch. Es war einer dieser runden Stehtische. An ihm stand ich allein. Die meisten Gäste, die sich kannten, hatten sich zu Gruppen zusammengefunden.

Ich wollte allein essen und trinken und mich dann vom Acker machen. Das Erste war kein Problem, nur konnte ich Tanner nirgendwo entdecken. Auf der Toilette wollte ich nicht nachschauen, und so entschwand ich schnell und lautlos.

Ich war mit der Tube gekommen und wollte mit dem Taxi wieder zurückfahren. Im Moment sah ich keinen Wagen und musste einige Schritte gehen, bis mir einer auffiel. Der Fahrer reagierte auf mein Winken und grinste mich an.

»Wohin denn, Sir?«

Ich gab mein Ziel bekannt und ließ mich auf den Rücksitz fallen. Der Fahrer lachte, bevor er fragte: »Waren Sie auch bei der Feier?«

»Ja.«

»Nur Polizisten?«

»So ungefähr.«

Der Mann musste kichern und schickte eine Frage hinterher. »Wissen Sie, wie wir so eine Feier nennen?«

»Nein.«

»Bullen-Ball.«

Ich musste lachen. Da hatte er im Prinzip recht, und ich glaubte auch, diesen Ausdruck schon mal gehört zu haben.

»Gut, nicht?«

»In der Tat.«

»Und Sie sind nicht sauer, wenn Sie so was hören?«

»Nein, warum sollte ich? Was wäre das Leben ohne Humor?«

»Ein Furz, Sir, nicht mehr als ein Furz.«

Ich bestätigte ihn, und er konnte sich dann auslachen. Wir fuhren durch ein London, dessen Temperaturen noch sehr winterlich waren. Es lag zwar kein Schnee, aber einige Schauer fielen zwischendurch immer wieder, denn es war wieder kälter geworden.

Ich setzte mich schräg, streckte die Beine aus und schloss die Augen. Einschlafen wollte ich nicht, aber das Wachbleiben fiel mir schwer. Schlaglöcher wirkten wiederum wie Wachmacher. Ich schlief nicht ein und sah einige Minuten später die beiden Hochhäuser. In einem davon lebte ich.

Natürlich gab es schönere Wohngegenden, doch dorthin zu ziehen hatte ich auch keinen Bock. Ich hatte mich an das Hochhaus gewöhnt, auch wenn es nicht mehr das allerneueste war.

Der Wagen hielt vor dem Eingang, der noch hell erleuchtet war. Ich zahlte die Rechnung und wünschte dem Fahrer noch ein paar ruhige Stunden.

»Sagen Sie lieber ruhige Gäste.«

»Das meinte ich auch.«

Nach einem letzten Winken gab der Mann Gas und ich ging gegen den Wind die paar Meter auf die Eingangstür zu. Dass es dahinter hell war, hatte ich schon gesehen, und in seiner kleinen Loge hielt sich der Nachtportier auf. Viele Häuser wurden so überwacht. Es hatte einfach immer wieder Überfälle gegeben.

Ich betrat das Haus, man kannte mich, aber der Nachtwächter bekam trotzdem große Augen, als er mich bemerkte.

»Das ist aber seltsam«, sagte er.

Ich schüttelte den Kopf. »Was ist seltsam?«

Er verließ seinen Kasten. »Dass Sie um diese Zeit auf diesem Weg kommen. Normalerweise fahren Sie doch immer in die Tiefgarage und kommen von dort.«

»Das stimmt auch. Aber heute Abend musste ich zu einer Geburtstagsfeier. Da war es besser, ein Taxi zu nehmen.«

»Und?«

»Was meinen Sie?«

»Hat es Ihnen gefallen?«

»Ja.«

»Dann lohnt es sich auch, ein Taxi zu nehmen.«

»Sehr richtig. Und wie geht es hier? Haben Sie in den letzten Stunden Ärger gehabt?«

»Nein, Sir, nein. Hier war alles ruhig. Es hat auch niemand versucht, das Haus zu betreten. So ruhig ist es nur in den Monaten kurz vor dem Frühling.«

»Wenn Sie das sagen.«

»Und ob ich das sage.«

Ich schlug ihm auf die Schulter. »Dann legen Sie sich später hin. Ich tue das jetzt.«

»Ja, schlafen Sie gut.«

Als ich den Lift betreten hatte, schaute ich auf die Uhr. Nach meiner Berechnung war ich wirklich nicht zu lange geblieben, aber jetzt erschrak ich schon.

Es war genau zwei Minuten nach Mitternacht. Ha, da konnte man wieder erleben, wie die Zeit verflog. Ich hatte das Gefühl, dass sie immer schneller laufen würde.

Der Stock, in dem meine Wohnung lag, war bald erreicht. Es war auch alles ruhig. Um diese Zeit gab es selbst in einem Hochhaus nicht viel zu sehen und zu hören.

Das änderte sich.

Ich war ausgestiegen, wandte mich nach rechts und wollte zu meiner Wohnung gehen. In diesem Augenblick fiel mir der Blumenstrauß auf, der zwischen zwei Türen stand.

Der war noch nicht da gewesen, als ich mein Apartment verlassen hatte.

Die Lösung war schnell herausgefunden. Ich hatte den Fahrstuhl in der falschen Etage verlassen. Wahrscheinlich hatte ich auch auf die Zahl Neun gedrückt.

Ich musste wieder in den Lift steigen, um die restlichen Meter zu überwinden, als ich etwas hörte, das mir gar nicht gefiel.

Schreie!

Und zwar die Schreie einer Frau. Ich blieb erst mal stehen und konzentrierte mich, denn ich wollte herausfinden, aus welcher Richtung sie kamen. Ich horchte nach rechts, sicherheitshalber auch nach links und wusste Bescheid.

Die Schreie waren aus dieser Richtung gekommen. Ich blieb dabei, dass sie nur von einer Person stammten, die etwas Schlimmes durchmachte. In einem Haus wie diesem wohnten viele und auch unterschiedliche Menschen.

Ich war alarmiert und bewegte mich in die entsprechende Richtung. Dabei lief ich recht schnell, aber ich sah auch zu, dass ich nicht so viele Geräusche hinterließ.

Die Schreie wurden leiser.

Und dann waren sie plötzlich nicht mehr zu hören, und ich wusste nicht, hinter welcher Tür sie aufgeklungen waren.

Mist auch, ausgerechnet jetzt. Wer konnte sagen, ob ich sie erneut hören würde? Ich gab mir selbst drei Minuten Wartezeit, die in der Nacht lang werden würden.

Dabei dachte ich auch über die Schreie nach. Waren sie wirklich nur von einer Person abgegeben worden?

Das konnte sein, und sofort stellte sich wieder die Frage, warum die Person so reagiert hatte. Hatte sie einen Albtraum gehabt und war darin gefangen gewesen?

Durchaus möglich. Oder war sie hier in der Wohnung und mitten in der Nacht angegriffen worden?

Das konnte auch sein. Aber nicht unbedingt von einem Fremden, denn ich wusste, dass es auch in den Ehen oft genug zu häuslicher Gewalt kam.

Was sollte ich tun? Wieder verschwinden? Oder warten?

Ich musste mich nicht groß entscheiden. Das wurde mir abgenommen, denn plötzlich waren die Schreie wieder da. Und sie hörten sich fast an wie vorhin, und sie stammten nur von einer Person.

Ich fand auch heraus, wo die Wohnung lag, aus der die Schreie drangen. Praktisch direkt vor mir. Ich musste nur den Arm ausstrecken und konnte die Tür berühren.

Das tat ich nicht.

Ich klopfte dagegen.

Zuerst erreichte ich nichts. Ich wollte mich auch nicht durch Rufen bemerkbar machen. Das hätte eventuell andere Bewohner aufgeweckt.

Dafür klopfte ich nochmals.

Dann stoppten die Schreie.

Jetzt trat eine Pause ein, die ich ausnutzte und wieder gegen die Tür klopfte.

»Bitte, öffnen Sie.«

Zunächst war es still, dann fragte eine Frauenstimme: »Wer sind Sie, Mister?«

»Ich will Ihnen helfen.«

»Ha.«

»Sie brauchen doch Hilfe. Sie haben geschrien.«

»Richtig, aber sind Sie sicher, dass Sie mir helfen können?«

»Ich denke schon.«

»Gut. Er ist bei mir.«

»Das dachte ich mir.« Mehr sagte ich nicht.

»Er kann auch Sie in den Wahnsinn treiben.«

»Das sollten wir abwarten.«

»Gut, ich öffne jetzt die Tür. Dann huschen Sie in meine Wohnung. Verstanden?«

»Ja, das habe ich.«

»Dann – Achtung.«

Ich machte mich bereit und sah, dass die Tür mit einem Ruck nach innen aufgezogen wurde.

»Kommen Sie – schnell!«

Ich tat einen großen Schritt nach vorn, dann war ich schon in der Wohnung, und die Frau rammte die Tür wieder zu. Dabei stöhnte sie tief auf.

Ich hatte mich mit dem Rücken gegen die Flurwand gelehnt und brauchte einen Moment der Ruhe, denn in diesem Augenblick war mir eingefallen, dass ich eventuell schon wieder in einen Fall geraten war. Bei mir war das normal.

Die Frau sprach mich an.

»Er ist da – er ist da!«

»Und wer ist da?«

»Der Nachtmahr!«

***

So, jetzt wusste ich Bescheid. Oder auch nicht. So richtig Ahnung hatte ich nicht, aber es gab schon mal einen Hinweis, und der Begriff Nachtmahr fiel in meinen Bereich.

Sie schaute mich an.

Ich blickte zurück.

Die Frau wohnte zwar im selben Haus wie ich, aber gesehen hatte ich sie noch nie. Zumindest nicht bewusst. Jetzt stand sie vor mir und atmete heftig. Sie trug ein weißes Nachthemd aus dickem Stoff, hatte schwarzes Haar und ein Gesicht, das zum Durchschnitt gehörte. Es war nichts Auffälliges darin. Vom Alter her schätzte ich sie auf rund vierzig Jahre, das war alles.

Als ich ihr die erste Frage stellte, zuckte sie leicht zusammen.

»Wie heißen Sie?«

»Bitte?«

»Ich habe vergessen, Ihren Namen auf dem Türschild zu lesen.«

»Ja, gut. Ich bin Helen Quest.«

»Aha.«

»Und wie heißen Sie?«

»John Sinclair.«

Ihre Augenbrauen schoben sich zusammen. »Kann es sein, dass ich den Namen schon mal gehört habe?«

»Bestimmt. Wir wohnen schließlich in einem Haus.«

»Das ist schon richtig. Aber so meine ich das nicht. Ich denke, dass es aus einer anderen Richtung gekommen ist.«

»Und aus welcher?«

»Das weiß ich nicht.«

»Bitte, Mrs Quest, das ist nicht wichtig. Aber ich kann Ihnen sagen, dass ich Polizeibeamter bin und für Scotland Yard arbeite.«

»Ach ja? Das ist nicht schlecht.«

»Finde ich auch.«

Sie schaute mich an. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Das wäre nicht schlecht.«

»Dann kommen Sie bitte mit.«

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