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John Sinclair - Folge 1815

Die Wiege des Teufels

»Glauben Sie an den Teufel?«

»Warum?«

Der Alte mit dem grauen Bart kicherte. Dann gab er seine Antwort. »Weil man an den Teufel glauben muss, wenn man dieses Teil kaufen will. Genau das ist es.«

»Sie meinen die Wiege?«

Der Händler nickte. »Genau die.« Er senkte bei den nächsten Worten seine Stimme und strich mit den Händen über das dunkle Holz. »Sie ist etwas ganz Besonderes. Nicht vom Aussehen her, da ist sie normal, aber ansonsten hat sie eine Geschichte, die nicht jeder Mensch nachvollziehen oder auch nur vertragen kann.«

Der Kunde nickte und stellte trotzdem eine Frage. »Und was meinen Sie damit?«

»Kann ich Ihnen sagen. Oder wir machen daraus ein kleines Ratespiel. Wofür gibt es Wiegen?«

»Ganz einfach. Für Kinder.«

»Sehr richtig, für Kinder. Und auch in dieser Wiege hat schon ein Kind gelegen. Oder haben Kinder gelegen. Es waren besondere Kinder. Und zwar die des Satans.«

Der Kunde war nicht überrascht. Er lächelte sogar, als er fragte: »Und was ist aus den Kindern geworden?«

»Oh, das ist ganz einfach. Sie wurden erwachsen. Aber sie haben wohl nie vergessen, woher sie gekommen sind. Ja, das darf man eben nicht vergessen.«

»Mehr wissen Sie nicht?«

»Warum?«

»Ich meine nur«, sagte der Kunde, der sich im Laden des alten Mannes umschaute.

Es war ein Antiquitätengeschäft. Oder ein Antikladen, hätte man auch sagen können. Wer als Kunde hierher kam, der konnte alles Mögliche an Kram kaufen, denn es wurde fast alles angeboten. Vom kleinen Ring bis zum großen Schrank.

Besitzer und Kunde waren allein. Draußen war es längst dunkel geworden.

Ein grauer Tag war übergegangen in eine graue Nacht, die ein schmutziges Dunkel beinhaltete. Irgendwo bellte ein Hund. Es klang sehr weit entfernt.

Der Kunde schaute auf die Wiege. Sie konnte zu den Seiten hin geschwungen werden. Sie bestand aus Holz, und am Kopfende hatte sie einen Sichtschutz, der wie ein Zelt aussah. Er bestand aus einem dunklen Tuch.

»Nun, was sagen Sie, Mister?«

Der Kunde schaute in die Wiege hinein. Er beugte sich sogar nach vorn, um besser sehen zu können. Darin lag niemand, und doch schien er fasziniert zu sein, sonst hätte er nicht so lange gestarrt.

»Ja, sie ist einmalig«, kommentierte er. »Sie ist wirklich ungewöhnlich. Das muss ich schon sagen.«

»Das freut mich.«

Der Kunde richtete sich wieder auf. »Ich werde sie kaufen«, sagte er, »ja, das werde ich.«

»Wie schön.« Der Händler schien aufzuatmen, dass er jemanden gefunden hatte, der dieses Teil kaufte. »Dann kann ich Ihnen dazu nur gratulieren. Das meine ich ehrlich.«

»Danke.« Der Kunde rieb mit seinen Handflächen am Stoff des Mantels entlang. »Wie viel soll sie denn kosten?«

Der Händler winkte ab. »Ach, wissen Sie, ich habe mir noch keine Gedanken über den Preis gemacht. Das sollten Sie am besten tun.«

»Wie – wie – meinen Sie das?«

»Ja, sagen Sie was.«

»Einen Preis?«

»Ja. Was ist sie Ihnen wert?«

Der Kunde überlegte. Er griff an seine Hutkrempe und schob die Kopfbedeckung etwas zurück. Dadurch war sein Gesicht besser zu sehen und auch das Lächeln auf seinen Lippen. Es sah nicht echt aus, aber es passte zu den scharf geschnittenen Gesichtszügen.

»Die Wiege ist mir schon etwas wert«, erklärte er.

»Wunderbar, und wie viel?«

»Ein Leben!«

Der Händler sagte zunächst mal nichts. Er schluckte nur. In seinem Kopf hatte sich etwas festgesetzt, aber er wusste nicht genau, was es war. Er hatte etwas gehört, aber er brachte es nur schwerlich mit etwas Bestimmtem in einen Zusammenhang.

»Haben Sie das gehört?«, fragte der Kunde.

»Ja.«

»Und was sagen Sie dazu?«

Der Händler kicherte verlegen. »Ich – ich weiß nicht so recht. Sie haben in Rätseln gesprochen.«

»Dann werde ich mal konkreter werden. Ich bin gekommen, um mir die Wiege zurückzuholen.«

»Bitte?«

»Ja, ich bin hier, um mir die Wiege zu holen. Ich kenne sie nämlich, verstehen Sie?«

»Nein.«

Der Kunde verdrehte die Augen. »Meine Güte, so dumm kann man doch gar nicht sein. Ich habe mal darin gelegen, klar?«

»Als Kind?«

»Ja.«

»Und weiter?«

Der Kunde schüttelte den Kopf. »Jetzt bin ich hier, um sie mir zurückzuholen. Ich habe mich wieder an sie erinnert, und jetzt bin ich da, denn ich möchte nicht, dass sie in falsche Hände gerät. Ich werde bei ihr eine Pflicht erfüllen.«

»Pflicht, sagen Sie?«

»Ja.«

»Und wie sieht die aus?«

Da lachte der Kunde, als hätte er einen Witz gehört. »Die Pflicht sieht so aus, dass ich nur so wenig Mitwisser wie möglich haben möchte. Das ist alles.«

»Ja, ja, und was bin ich dann?«

»Auch ein Mitwisser.«

Der Händler wollte erst nicken, weil er die Antwort wie nebenbei gehört hatte. Dann aber stutzte er, ging einen kleinen Schritt zurück und schüttelte den Kopf.

»Nein, oder …?«

»Doch. Sie haben richtig gedacht, wenn ich Sie mir so anschaue. Sie sind nicht nur ein Mitwisser, sondern der Mitwisser. Der einzige Mensch, der zu viel weiß. Und genau das kann ich nicht zulassen. Tut mir leid.«

»Wie? Ich – ähm …« Der Mann wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte. Von einem Augenblick zum anderen sah er sich mit einer Drohung konfrontiert, die er kaum nachvollziehen konnte. Aber er wusste auch, dass es kein Spaß war.

»Das ist doch ein Witz – oder?«

»Nein, Mister, das ist kein Witz.« Der Kunde griff in seine rechte Manteltasche und holte einen Gegenstand hervor, der an der vorderen Seite ein Blitzen abgab.

Es war ein Messer.

Auch der Alte sah es. Er schnappte nach Luft und sagte dann: »Sie – Sie wollen doch nicht …«

»Doch, ich will!«, erklärte der Kunde.

Dann stach er zu.

Es war ein genau gezielter Stich. Der Mann hatte keine Chance. An der linken Seite war die schmale Klinge durch den Stoff seiner Jacke gedrungen.

Sie hatte danach das Herz getroffen!

Der Alte riss die Augen auf. Er bewegte auch seine Lippen, doch er kam nicht mehr dazu, etwas von sich zu geben. Nach einem letzten Klagelaut sackte er auf der Stelle zusammen und war nicht mehr fähig, sich zu erheben.

Sein Mörder lächelte knapp. Er freute sich darüber, dass ihm diese Tat wieder so perfekt gelungen war. Und er hatte endlich das gefunden, wonach er so lange gesucht hatte.

Das war die Wiege.

Es gab sie also doch noch. Und das sah er als wunderbar an. Das Schicksal hatte es gut mit ihm gemeint. Es hatte ihm den richtigen Weg gezeigt.

Doch es war nur der Anfang gewesen. Jetzt konnte er weitermachen, denn er hatte die Wiege, und das war für ihn ungemein wichtig. Ab jetzt würde er seine Zeichen setzen, und die sollten nicht ohne sein.

Es war sein letzter Gedanke, bevor er sich die Wiege schnappte und den Laden als ganz normaler Kunde verließ. An den toten Händler verschwendete er keinen Gedanken mehr …

***

»Es ist vorbei. Sie haben Wladimir. Sie haben gewonnen.« Karina Grischin versuchte, Kraft in ihre Stimme zu legen, was ihr mehr als schwerfiel. Das hörte ich, weil ich sie gut kannte.

»Und du bist dir sicher?«, fragte ich.

»Ja, die andere Seite hat ihn. Und ich habe die Entführung nicht verhindern können. Sie haben ihn geschnappt, aber wo sie mit ihm hin sind und wo er jetzt steckt und ob er überhaupt noch am Leben ist, das weiß ich nicht. Jedenfalls komme ich mir wie eine Versagerin vor. Das kannst du mir glauben.«

»Das musst du aber nicht.«

Sie lachte. »Du hast leicht reden, John. Dass ich noch lebe, ist auch mehr Glück als sonst etwas. Der Streifschuss hat mich umgehauen, aber ich liege nicht mehr im Krankenhaus. Man hat mich längst entlassen.«

»Und?«

»Ich sitze auch nicht mehr in meiner Wohnung. Ich gehe zur Arbeit, aber da ist nichts mehr wie früher.«

»Wie meinst du das, Karina?«

»Ich bin leer.«

»Und weiter?«

»Ich kann nicht mehr. Es ist vorbei, verstehst du? Ich sitze hier und grüble. Denke darüber nach, was ich hätte besser machen können, und könnte mich selbst verfluchen.«

Ich sagte nichts, sondern warf Glenda Perkins einen bezeichnenden Blick zu. Sie hob nur die Schultern. Der Zweite, der zuhörte, war Suko. Auch er verstand die Welt nicht mehr, denn er kannte Karina Grischin als wirklich exzellente Agentin.

Es war schwer, die richtigen Worte zu finden, um sie angemessen zu trösten. Wladimir Golenkow, ihr Partner, war entführt worden. Die andere Seite hatte es endlich geschafft, und es war auch kein Problem für sie gewesen, denn Wladimir Golenkow saß im Rollstuhl, weil er gelähmt war, und er hatte sich kaum wehren können, auch wenn er bewaffnet war und eine Entführung zuvor hatte verhindern können.

Jetzt war es vorbei.

Wladimir befand sich auch nicht mehr in Moskau, das war Karina klar, und sie hatte nicht den geringsten Hinweis, wo sie ihn hätte suchen können.

»John, da kann man nichts machen. Ich muss leider aufgeben. Ich schaffe es nicht.«

»Hast du keinen Hinweis auf ein Versteck?«

Sie lachte laut. »Nein, den habe ich nicht. Den gibt es wohl auch nicht. Diejenigen, die dahinterstecken, haben alles perfekt in die Wege geleitet.«

»Also Rasputin und Chandra, die Kugelfeste.«

»Wer sonst, John? Sie wollen die Macht. Sie wollen die Herrschaft. Und wer so etwas will, der muss seine Feinde aus dem Weg räumen. So sind die Gesetze.«

»Aha. Dann rechnest du damit, dass die andere Seite Wladimir aus dem Weg schaffen wird?«

Es folgte eine Pause. Karina dachte nach. »Es ist komisch, John …«

»Was ist komisch?«

»Das kann ich dir sagen, auch wenn ich es selbst nicht begreife. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass man ihn nicht killt. Dass man ihn manipuliert, weil man ihn noch braucht. Verstehst du? Man benötigt ihn einfach.«

»Und wofür?«

»Einer wie er weiß viel. Man kann so einiges aus ihm herausholen, das kann ich dir sagen.«

»Dann bist du auch nicht mehr sicher, Karina.«

»Ha, das war ich nie. Sicherheit? Nein, nicht in der letzten Zeit. Oder nicht in der Zeit, in der wir uns kennen, John. Ich denke, das ist alles anders.«

»Gut«, sagte ich leise. »Und was hast du getan? Ich meine, was hast du in die Wege geleitet?«

»Nichts weiter, John. Auch wenn es dich erstaunt.«

»Ja das erstaunt mich wirklich.«

»Aber was soll ich machen? Ich habe keine Spur. Ich habe keinen Hinweis, wo sich Wladimir aufhalten könnte. Und ich kenne auch keinen Namen, an den ich mich halten könnte. Wohin ich auch fasse, ich fasse einfach nur ins Leere. Und daran wird sich so bald nichts ändern. Es sei denn, man greift mich an. Darauf warte ich ja. Aber man lässt mich in Ruhe. Andere würden sich freuen, ich nicht.«

»Hast du denn keine Ahnung, wo er stecken könnte?«, fragte ich.

»Doch, die habe ich.«

»Aha.«

»Sag nicht so was, John. Du wirst gleich hören, was ich damit gemeint habe. Ich denke an Rasputin. Ja, er wird dort sein. Man wird ihn zu ihm gebracht haben. Wladimir ist jemand, der einiges weiß, was für die andere Seite interessant sein könnte.«

»Das stimmt«, gab ich zu. »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.«

»Egal, wie die Dinge aussehen, John«, sagte sie, »wir sind die Verlierer. Und auch du hättest nichts ausrichten können, wärst du nach Moskau geflogen. Das will ich dir sagen. Das ist so, davon bin ich mehr als überzeugt.«

»Ja, ich denke du hast recht.«

»Gut, John, ich will auch deine Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Mal schauen, wie es weitergeht. Ich halte dich auf jeden Fall auf dem Laufenden.«

»Sehr gut, Karina. Und bitte, steck den Kopf nicht in den Sand. Es wird schon wieder.«

»Das denke ich auch. Aber nicht so schnell. Zudem will ich mehr wissen. Es ist nur schade, dass ich mich allein durchschlagen muss. Ohne Wladimir fühle ich mich wie ein halber Mensch.«

»Das verstehe ich.«

»Dann bis später mal, John, und grüße mir die Freunde.«

»Mache ich.« Danach legte ich auf, und mein Gesicht zeigte nicht eben ein Lächeln oder Strahlen. Da konnte man von einem sehr ernsten Ausdruck sprechen.

Ich schaute meine Freunde an, sie mich. Glenda Perkins nickte in meine Richtung und meinte mit leiser Stimme: »Schlimm, dass man sich so etwas anhören muss.«

»In der Tat.« Ich nickte. Dabei schaute ich auf meine Handrücken und sah dort die Gänsehaut. Das Gespräch hatte mich schon mitgenommen, das musste ich zugeben. Ich fühlte mich alles andere als gut, und ich hatte mir auch Vorwürfe gemacht, dass ich nicht nach Moskau geflogen war, aber ich hätte auch nichts gerissen. Man hatte Wladimir Golenkow entführt, und das wäre auch passiert, ob ich nun dort gewesen war oder nicht.

»Es ist schade«, sagte Suko, »aber manchmal muss man eben passen. Man kann nicht überall sein.«

Ich stimmte ihm zu.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Glenda. Dabei schaute sie uns an.

»Nichts«, erwiderte ich. »Wir können nichts tun. Oder willst du nach Russland fliegen und dort mit der Suche anfangen? Bestimmt nicht. Es sind auch zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir haben hier die eine Seite und Russland ist die andere. Wir sind nicht für Russland zuständig. Das sollten wir uns immer sagen.«

»Du hast recht«, meinte Suko.

Glenda stand auf und verließ das Büro. An der Tür sagte sie: »Ich hole mir jetzt einen Kaffee. Willst du auch einen, John?«

»Ja, das wäre gut.«

Suko und ich blieben allein zurück. Mein Freund nickte mir zu. »Ganz schlechtes Karma, wie?«

»Sieht so aus. Aber es überrascht mich eigentlich nicht. Irgendwann hat es ja so kommen müssen.«

»Wieso?«

»Dass einer wie Rasputin untätig bleibt, ist eigentlich nicht drin. Oder siehst du das anders?«

»Nein.«

»Also muss er sich was einfallen lassen. Er und Chandra bilden ein perfektes Team. Sie wollen das Land aus den Angeln heben, um selbst regieren zu können. Zwar mehr im Hintergrund, aber es könnte trotzdem gefährlich werden. Und wenn sie einen wie Wladimir Golenkow in der Hand haben, wird der ihnen sicherlich helfen können, auch wenn diese Hilfe unter einem Druck geschieht.«

»Er ist wertvoll für sie.«

»Und ob.«

Suko lächelte mich über den Schreibtisch hinweg an. »Und deshalb glauben wir beide auch nicht, dass man ihn entführt hat, um ihn zu töten. Normal zu töten, meine ich.«

»Und was ist unnormal?«

Suko verzog seine Lippen. »Wie bezeichnest du einen unnormalen Toten, John?«

»Ich sehe ihn als einen Zombie an.«

»Genau das meine ich auch.«

»Dann denken wir doch mal einen Schritt weiter. Wären sie in der Lage, Wladimir Golenkow zu einem Zombie zu machen?«

»Ich traue ihnen alles zu«, sagte Suko und hatte da auch in meinem Sinne gesprochen …

***

Es gibt Menschen, die schaffen es, den Sensenmann das eine oder andere Mal in Schach zu halten. Zu denen gehörte auch Henry Burke, der Trödler. Das Messer hatte ihn getroffen. Er hatte einen irrsinnigen Schmerz in der Herzgegend verspürt und war zu Boden gefallen. Er hatte auch damit gerechnet zu sterben, aber so schnell ging es nicht. Er lag zwar bewegungslos, doch es war noch Leben in ihm.

Er bekam zwar nicht mit, was genau in seiner Umgebung passierte, aber es geschah etwas.

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