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John Sinclair - Folge 1814

Zombiejagd

Irgendwo in Sibirien!

Das Gesicht des Mannes war hager, und die langen Haare, deren Farbe zwischen einem tiefen Schwarz und einem schmutzigen Grau lag, sahen fleckig aus. Scharf stach die Nase aus dem Gesicht hervor. Die sehr schmalen Lippen fielen kaum auf. Im Gegensatz zu den Augen, die tief in den Höhlen lagen, sodass die Pupillen wie zwei schwarze Löcher wirkten …

Der Raum, in dem der Mann saß, war fensterlos. Ein Sessel mit hoher Rückenlehne bildete einen bequemen Platz. Das Möbelstück war sehr alt und mit einem dunkelroten Stoff bezogen.

Vor dem Mann stand ein Tisch. Er brauchte die Hand nur auszustrecken, um den Kelch zu umfassen, in dem eine grüne Flüssigkeit schwamm. Im Kamin loderte ein Feuer. Es produzierte Helligkeit und auch Schattenspiele, die durch den gesamten Raum wieselten. Erst wenn sie die recht hohe Decke erreichten, verliefen sie sich.

Alte Möbelstücke gaben der Einrichtung etwas Gediegenes, man konnte sich hier wohl fühlen und den gesamten Eindruck des Raumes als gemütlich bis rustikal bezeichnen, wobei auch kein Fernseher mit seinem kalten Glanz störte.

Gemütlich und rustikal? Das konnte durchaus sein. Das war der erste Eindruck eines Fremden. Sehr sensible Menschen allerdings hätten noch etwas anderes herausgefunden.

Eine Strömung.

Aber eine der besonderen Art.

Vielleicht auch nur ein Hauch.

Aber dann war es der Hauch des Bösen …

***

Karina Grischin, die Agentin, hatte sich etwas angewöhnt, was sie noch immer Überwindung kostete, wenn sie das Krankenzimmer ihres Partners in der Reha-Klinik betrat.

Es ging um das Lächeln …

Ja, das musste sie einfach aufsetzen. Sie wollte so tun, als wären die Sorgen des Alltags von ihr abgefallen. Auch an diesem frühen Abend lächelte sie, als sie die Tür öffnete. Ihre Winterjacke hatte sie im Flur an einen Haken gehängt, so trug sie nur die lange Hose und den locker sitzenden Pullover.

Wenn es eben möglich war, dann verließ Wladimir Golenkow die Klinik und verbrachte die Stunden im Büro. Das geschah dann auf eigene Verantwortung hin, aber es kam nicht immer vor. Viel Zeit verbrachte er in seiner Reha, und das musste so sein.

Wladimir saß im Rollstuhl, und dieses Schicksal wollte er nicht annehmen. Er kämpfte dagegen an, er wollte nicht den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen, und er hatte sich in die Hände verschiedener Physiotherapeuten begeben, die alle top waren und nun versuchten, ihm wenigstens einen Teil seiner Bewegungsfreiheit wiederzugeben. Bisher war der Erfolg mehr als bescheiden gewesen, aber Wladimir gab nicht auf. Er machte weiter und stählte bei den Anwendungen auch die anderen Teile seines Körpers.

In den letzten beiden Tagen hatte man ihn in der Klinik behalten, um mit ihm das volle Programm durchzuziehen. Es war mal wieder ein Test gewesen, und Karina Grischin, seine Partnerin, hatte sich schon telefonisch danach erkundigt, wie es um ihn stand. Die Ärzte hatten nicht gejubelt, sich aber recht zufrieden gezeigt, was die allgemeinen Verhältnisse anging.

Karina betrat den Raum wie ein Wirbelwind und rief: »Da bin ich!«

Wladimir ließ die Akte sinken, in der er gelesen hatte. »Es ist nicht zu übersehen und auch nicht zu überhören.«

»Danke.« Sie lief auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf den Mund. »Na, wie fühlst du dich?«

Golenkow zog die Lippen in die Breite. »Was soll ich sagen? Willst du die Wahrheit wissen?«

»Immer.«

»Ich fühle mich beschissen. Wer einmal im Rollstuhl sitzt und ansonsten immer sehr agil war, der kann sich nur beschissen fühlen.«

»Ja, ich weiß. Und ich sage auch nicht, es geht vorbei. Aber du hast ja die Behandlungen hinter dir. Was wurde dir denn da gesagt? Welche Erkenntnisse hat man daraus gezogen?«

Golenkow breitete die Arme aus. »Was soll ich sagen? Die Experten konnten mir kaum Hoffnung machen. Sie haben gelächelt und versucht, zufriedene Gesichter zu machen.«

»Vielleicht waren sie auch zufrieden?«

Golenkow lachte. »Meinst du?«

»Ich hoffe es. Und du weißt selbst, dass alles relativ ist.« Bisher hatte Karina gestanden, jetzt zog sie sich einen Stuhl heran und setzte sich zu Wladimir an den Tisch.

»Ja, das ist alles relativ. Wie ich dich kenne, hast du mit den Ärzten gesprochen.«

»Ja, man rief mich an. Ich habe darum gebeten, und der Professor war recht zufrieden.«

»Wie kann er das sein?«

»Keine Ahnung. Es hängt wohl mit deinen Ergebnissen zusammen.«

»Davon merke ich nichts.«

»Aber die Mediziner sehen mehr, Wladi. Sie haben davon gesprochen, dass sich neue Muskelmasse gebildet hat. Nicht überall, aber an bestimmten Stellen.«

»Habe ich nicht gespürt.«

»Das kommt vielleicht noch.«

»Ach, hör auf.« Er winkte ab. »Ich warte darauf, dass bald ein Chip erfunden wird, den man mir einpflanzen kann. Vielleicht kann man über ihn meine Bewegungen regulieren. Man arbeitet daran, das weiß ich.«

»Aber es wird dauern«, gab Karina zu bedenken.

»Weiß ich selbst. Und es kann sein, dass ich bis dahin nicht mehr lebe.«

»Rede nicht so was.«

»Ist doch wahr.«

»Wir müssen abwarten und Geduld haben.«

»Die ist bei mir fast am Ende.«

»Das kann ich sogar verstehen, aber es geht weiter, und du hast ja schon laufen können.«

»Aber nur kurze Strecken und mit Hilfsmitteln. Ich konnte von allein meine Beine nicht bewegen. Das hat keinen Spaß gemacht.«

»Kann ich verstehen. Aber du solltest trotzdem nicht aufgeben.«

»Das weiß ich.« Wladimir lächelte. »Ich werde morgen wieder ins Büro kommen. Die Ärzte haben grünes Licht gegeben. Ich brauche mal wieder die Luft. Außerdem muss ich langsam darauf hinarbeiten, dass ich mal zwischendurch zu Hause schlafen kann.«

»Das wird dir gelingen.«

Er lächelte. »Wenn du mich unterstützt.«

»Klar, ich bin dabei.«

Wladimir schlug auf die Akte. »Und was gibt es bei dir Neues? Oder bei uns?«

»Gar nichts.«

»Ach …«

»Ja, still ruht der See. Das ist schon eigenartig, da bin ich ehrlich. Aber in der letzten Zeit habe ich von keinen Aktivitäten erfahren, die uns betreffen könnten.«

»Das ist wirklich seltsam.«

»Ja, ich traue dem Frieden aber nicht.« Karina Grischin hob die Schultern. »Warum, weiß ich selbst nicht genau. Es ist mehr ein Gefühl. Wir haben lange Pause gehabt, und das ist nicht so ihr Fall.«

»Du meinst Chandra?«

»Sie auch.«

Wladimir nickte, bevor er nachsetzte. »Und ebenfalls auch ihn?«

»Ja. Rasputin.«

Karina hatte den Namen ausgesprochen, und danach war erst mal das große Schweigen angesagt. Rasputin war ihr gemeinsamer Feind. Er schwebte über allem. Er war der Mentor des Bösen. Er war nicht tot. Er hatte überlebt, und er war ein genialer Magier. Er war Mensch und Dämon zugleich, und er zog im Hintergrund die Fäden.

In Chandra, einer gnadenlosen Killerin, hatte er eine perfekte Verbündete gefunden. Zu ihnen gehörten zudem Personen, die alles taten, was sie wollten. Es gab die Erben Rasputins, eine Reihe von einflussreichen Leuten, die gern das Zepter in Russland in die Hände nehmen wollten. Bisher hatten sie es noch nicht geschafft. Das hieß jedoch nicht, dass es für alle Zeiten so sein würde.

»Gibt es wirklich nichts Neues, Karina?«

»Nein, nichts Konkretes.«

»Aber?«

Sie hob die Schultern. »Du weißt selbst, dass wir unsere Fühler in alle Richtungen ausgestreckt haben. Große Veränderungen sind uns nicht gemeldet worden.«

»Sei nur auf der Hut.«

Karinas Augen weiteten sich. »Wieso? Hast du mehr erfahren können?«

»Nein. Aber ich spüre, dass etwas auf uns zukommt. Diese Krankheit hat bei mir Sinne freigelegt, die ich früher nicht gekannt hatte. Da kommt etwas auf uns zu. Es ist im Anmarsch.«

»Was meinst du genau?«

»Kann ich dir nicht sagen, ich gehe nur davon aus, dass es mit der kugelfesten Chandra und Rasputin zusammenhängt. Die haben da wieder was ausgeknobelt, vor dem wir uns in Acht nehmen sollten.«

»Damit müssen wir immer rechnen.«

»Aber jetzt ist es konkret geworden.«

Sie wunderte sich. »Ach? Weißt du mehr?«

»Nein.«

»Aber …«

Wladimir fasste nach Karinas Hand. »Ich bin beunruhigt, da will ich ehrlich sein.«

»Ja, das kann ich mir denken. Es ist ja schon einiges passiert.«

»Sie sehen noch immer in mir die schwache Seite von uns, womit sie auch richtig liegen.«

»Nun mach mal langsam. So schwach bist du auch nicht. Du kannst dich wehren, das hast du schon gezeigt.«

»Ja, aber das wissen sie und werden sich darauf einstellen. Ich werde jedenfalls wachsam sein müssen. Tag und Nacht. Und ich werde den Eindruck nicht los, dass sie schon wieder unterwegs sind.«

Karina schaute ihren Lebensgefährten an und nickte. »Da ist was dran. Soll ich die Nacht hier bei dir im Zimmer verbringen?«

»Nein, das ist nicht nötig.«

»Meinst du?«

Wladimir lächelte. »Du hast selbst gesagt, dass ich nicht wehrlos bin. Ich weiß mich zu verteidigen.«

»Ja, das weiß ich.«

Wladimir lehnte sich etwas zurück.

»Was gibt es sonst noch bei uns in der Firma?«

»Nun ja, es läuft alles wie immer. Es gibt Erfolge, Intrigen und Misserfolge.«

»Lässt man dir freie Hand?«

»Ja, im Prinzip schon. Obwohl es einige Hengste gibt, die mit den Hufen scharren.«

»Inwiefern?«

»Sie würden gern meinen Posten haben. Auf deinen sind sie nicht scharf, aber bei mir könnten sie anfangen.«

»Und?« Golenkow beugte sich vor. »Was hast du dagegen unternommen?«

Karina lachte. »Unternommen, ich? Gar nichts, mein Lieber. Ich lasse es laufen.«

»Kannst du dir das denn leisten?«

»Ja, das kann ich.«

»Wieso?«

»Wir, Wladimir, haben Rückendeckung von ganz, ganz oben. Das ist geblieben und das scheint man auch zu ahnen oder zu wissen. Wir müssen uns keine Sorgen machen, dass man uns aus dem Spiel schiebt. Das ist nun mal so.«

»Das will ich hoffen.«

»Ich auch.« Sie wechselte das Thema. »Hast du denn schon etwas gegessen?«

»Klar, du kennst die Zeiten doch. Warum fragst du?«

»Ich hätte uns etwas kommen lassen können.«

»Nein, das ist nicht nötig. Ich will hier auch nicht dicker werden. Und ein besseres Essen nehme ich wieder zu mir, wenn ich im Büro bin.«

»Ja, du wolltest doch morgen …«

»Nein, nein, das klappt nicht mit morgen. Die Quälgeister haben mich da auf einen Termin gesetzt, ich werde erst übermorgen zu dir kommen. Ist das okay?«

»Klar.«

Karina wollte noch nicht gehen. Und Wladimir Golenkow freute sich, dass sie noch blieb. Diese Zweisamkeit tat ihm gut. Sie unterhielten sich auch nicht über dienstliche Dinge und waren nichts anderes als ein völlig normales Paar.

Irgendwann wurde auch Karina müde. Sie wollte wieder fahren. Außerdem rieselten wieder Schneeflocken aus den tiefen Wolken. Der Winter hatte die Riesenstadt Moskau fest im Griff.

Karina verabschiedete sich von ihrem Partner, der ihr riet, auf sich achtzugeben.

»Das mache ich doch glatt.«

»Dann bin ich zufrieden.«

Karina ging. Immer wenn sie das Zimmer ihres Partners verließ, überkam sie ein wehmütiges Gefühl, das sie jedoch mit Gewalt unterdrückte. Sie hoffte auf bessere Zeiten und ging davon aus, dass sie irgendwann mal kommen würden …

***

Rasputin stellte den leeren Kelch zurück und gab ein starkes Stöhnen von sich. Das Zeug hatte ihm gemundet. Es war so etwas wie ein Lebenselixier, dessen Rezept er noch kurz vor seinem offiziellen Tod ausgearbeitet hatte.

Es war wichtig für ihn, das Zeug zu trinken. Es nahm ihm die Lethargie, die doch hin und wieder auftrat. Wenn er diesen Saft zu sich genommen hatte, war er wieder voll da. Man konnte da von einem Jungbrunnen sprechen.

Er saß so, dass er auf den Kamin schauen konnte, der offen war. Einige Holzstücke glühten dort. Kleine Flammen zuckten und produzierten eine Mischung aus Hell und Dunkel.

Obwohl er einen recht dünnen Morgenmantel trug, fror er nicht. Es war nicht nur die äußere Wärme, die dafür sorgte, sondern auch die innere.

Er schloss die Augen halb und genoss mal wieder die Freiheit und auch die Vorfreude auf die Zukunft. Ja, das konnte er mit Bestimmtheit sagen. Er freute sich auf die Zukunft, die wunderbar vor ihm lag. Er hatte es besser als vor rund hundert Jahren. Die Menschen, die ihn jetzt umgaben und mit denen er oft zu tun hatte, waren ihm treu ergeben. Sie mochten ihn, sie würden niemals ein falsches Zeugnis wider ihn abgeben, das stand fest, und deshalb konnte er ja so sorgenfrei existieren.

Da er die Augen geschlossen hielt, spürte er nur am Luftzug, dass jemand die Tür geöffnet hatte. Rasputin blieb gelassen. Er bewegte sich nicht und lauschte nur auf die leisen Schritte. Auch mit geschlossenen Augen wusste er, wer ihn da besucht hatte.

Es war wie ein Hauch.

Aber zugleich ein Hauch des Bösen. Nur weil er so einen guten und ausgeprägten Instinkt besaß, bemerkte er diese Veränderung. Der Hauch des Bösen wanderte auf ihn zu. Er ging von einer Gestalt aus, die auf ihn zukam.

Rasputin öffnete die Augen.

Da stand sie vor ihm.

Sie sah eigentlich recht harmlos aus, denn die Haare waren von einem Turban verdeckt. Er bestand aus einem Handtuch, das die Haare trocknen sollte. Der Körper war auch nicht zu sehen, denn er wurde von einem hellen Bademantel verdeckt. An den Füßen trug sie nichts, sie verschwanden im tiefen Teppichflor.

Rasputin spürte sie genau. Und er wusste auch, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, die Augen zu öffnen.

Das tat er jetzt!

Sie stand genau vor ihm und lächelte breit. »Ich wusste doch, dass du nicht schläfst.«

»Warum sollte ich?«

»Du hättest müde sein können.«

»Nein, nicht jetzt.«

»Das ist gut.«

Sie hätte sich auch setzen können. Weil sie das nicht tat, ging Rasputin davon aus, dass sie noch etwas von ihm wollte, und danach fragte er sie.

»Warum bist du hier?«

»Ich wollte mal nach dir schauen.«

Er öffnete den Mund und kicherte. »Hör auf, Chandra, es gibt andere Gründe.«

»Das stimmt.« Chandra, die Kugelfeste, nickte. »Ja, du hast recht, es gibt Gründe.«

»Ich wusste es.«

»Und die will ich dir zeigen.«

Er nickte. »Aber nicht mehr heute, nehme ich an. Ich habe nämlich keine Lust mehr.«

»Das ist schlecht.«

»Wieso?«

»Weil ich weiterkommen will, und zwar mit ihnen.«

Rasputin nickte. »Ja, du bist schon immer ungeduldig gewesen. Wie sehen sie denn aus?«

»Sehr gut.«

»Was heißt das?«

»Ja, sie sind super. Sie fallen nicht auf. Man hätte sie in jedem Film mitspielen lassen können.«

»Und doch sind sie Zombies – oder?«

»Ja, das sind sie. Zombies. Lebende Tote, wenn man das so sagen kann.

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