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John Sinclair - Folge 1813

Königin der Knochen

Es passierte genau zwei Stunden vor Mitternacht!

Das Museum würde in wenigen Minuten schließen, und Smitty, der Wächter, hatte schon per Rundruf die letzten Besucher aufgefordert, das Gebäude allmählich zu verlassen. Jetzt wartete er darauf, dass die Männer der Security erschienen, um die Wache zu übernehmen. Dann konnte auch er gehen.

Die breite Flügeltür, die Ein- und Ausgang markierte, stand offen. Deshalb hörte er auch das Geräusch auf den Stufen der Außentreppe. Es war ein ungewöhnliches Klirren, das da an seine Ohren drang. Smitty, der schon den Mund geöffnet hatte, um zu gähnen, blieb auf der Stelle stehen, schloss den Mund und lauschte.

Das Klirren blieb.

Da kam jemand …

Es hörte sich auch lauter an, je näher der Ankömmling der Tür kam. Smitty schüttelte den Kopf. Was da passierte, konnte er nicht nachvollziehen. So etwas war ihm noch nie passiert. Das war keiner, der zu den Wachleuten gehörte, da war er sich sicher.

Smitty ging durch die geöffnete Eingangstür nach draußen und kam nicht mehr dazu, weiter darüber nachzudenken, denn vor der flachen Treppe zeigte sich eine Gestalt.

Es war keiner vom Wachdienst.

Wieder hörte Smitty das Scheppern.

Sein Gesicht nahm einen erstaunten Ausdruck an. Er riss die Augen weit auf, denn was er da sah, konnte er nicht glauben.

Vor ihm stand kein normaler in die Zeit passender Mensch, denn er schaute auf einen Ritter …

***

Das war zu viel für Smitty. Er schüttelte den Kopf. Hinter seiner Stirn rasten die Gedanken.

Ein Spuk?

Nein, es war ein Ritter. Einer, der eine echte Rüstung trug, denn die Geräusche, die dabei entstanden, hatte er ja gehört. Auf dem Kopf des Ritters saß ein Helm, dessen Visier hochgeklappt war. Trotzdem war das Gesicht kaum zu erkennen.

Und noch etwas kam hinzu.

Der Ritter war bewaffnet.

Sein Schwert hatte er gezogen. Er hielt es mit der rechten Hand fest. Er trug zudem einen Brustpanzer und war nicht in eine ganze Rüstung eingepackt, das hatte Smitty nur beim ersten Hinschauen geglaubt.

Über dem Brustpanzer trug der Ankömmling einen dunklen Umhang mit einem roten Tatzenkreuz als Aufdruck.

Smitty war nicht in der Lage, etwas zu sagen. Er schaute den anderen nur starr an. Er suchte nach Worten, fand aber keine richtigen und wich zurück. Es war ein Reflex, der ihn so handeln ließ.

Der Ritter hob sein Schwert an. Das spitze Ende zeigte auf Smittys Brust. Als hätte diese Bewegung eine Sperre bei ihm gelöst, war er wieder in der Lage, ein paar Worte zu sprechen.

»Sie können hier nicht rein …«

Der Ritter schüttelte den Kopf.

»Wir schließen.«

Der Ritter ging vor. Dass jemand vor ihm stand, kümmerte ihn offenbar nicht, und plötzlich war das Schwert nahe bei Smitty.

»Nein …«, flüsterte Smitty noch, bevor ein schneidender Schmerz seinen ganzen Oberkörper erfasst hatte. Dass er nach hinten taumelte, merkte er nicht. Er wollte noch etwas sagen. Das schaffte er nicht, denn sein Mund war plötzlich voller Blut.

Dann kippte er nach vorn, taumelte an dem Ritter vorbei und landete hart auf den Stufen der flachen Treppe, doch das merkte er schon nicht mehr, denn er war bereits tot.

Der Ritter drehte sich zu der Leiche um und schaute auf seine blutige Klinge. Er war zufrieden. Aber er blieb noch an seinem Platz stehen und schaute über den auf den flachen Stufen liegenden Toten hinweg. Dann hob er die Hand.

Der Platz vor dem Museum war leer gewesen.

Das änderte sich, als der Ritter den linken Arm anhob und winkte. Das Zeichen wurde gesehen. Zwei Gestalten kamen über den Platz. Auch sie trugen die Rüstungen, und sie gingen auf den Eingang zu, wo ihr Freund bereits auf sie wartete.

Sie trafen sich.

Sie nickten sich zu.

Es war das Zeichen zum Abmarsch, und so betraten sie zu dritt das Museum …

***

Der Reporter Bill Conolly gehörte zu den Menschen, die gern ein Museum besuchten, wenn es sich lohnte und Ausstellungen gezeigt wurden, die ihn interessierten.

Das war hier der Fall.

In dieser Ausstellung ging es um Objekte des hohen Mittelalters und vor allen Dingen um Waffen, Rüstungen und Schmuck.

Bill interessierten die Waffen.

Vor allen Dingen eine.

Es war ein Schwert, und es gehörte einmal einer Frau mit dem Namen Isabella.

Sie hatte es besessen und damit blutige Schneisen in die Reihen ihrer Feinde geschlagen, die zu den Muselmanen gehörten, während Isabella auf der anderen Seite stand und eine Kreuzritterin war.

Offiziell gab es sie nicht. Ritterinnen waren nicht vorgesehen. Aber Isabella war eine besondere Person gewesen. Sie war stark, sie war kampferprobt, und sie hatte schon manchen Mann zur Hölle geschickt.

Viele hatten versucht, sie zu besiegen, und alle hatten diesen Versuch mit dem Leben bezahlt. So hatte sich Isabella großen Respekt verschafft. Auf den Schlachtfeldern hatte sie gewütet und zahlreiche Tote hinterlassen. Ihr war letztendlich nichts passiert. Das hatte nicht für ihre Freunde gegolten, deren Knochen in der heißen Sonne bleichten. Deshalb hatte man Isabella auch den Namen Königin der Knochen gegeben. Aber auch sie war nicht unsterblich. Sie war irgendwann umgekommen, ob normal gestorben oder durch eine Waffe, das konnte niemand genau sagen. Man hatte sie gefunden und auch ihr Schwert. Das war mitgenommen worden, denn man schrieb ihm wahre Wundertaten zu.

Es war irgendwann mal in Spanien aufgetaucht. Zusammen mit anderen Exponaten aus dieser Zeit. Sie waren dann als Wanderausstellung vorgesehen und sollten in vielen Städten Europas gezeigt werden.

Auch in London.

Und davon hatte natürlich Bill Conolly gehört. Eine derartige Ausstellung ließ er sich nie entgehen. Für ihn war wichtig, dass er bei seinen Besuchen in den Museen nicht von anderen Besuchern abgelenkt oder gestört wurde.

Er hatte sich schon alles angeschaut. Zuletzt ging er noch mal zurück zum Schwert der Isabella. Es war das Prunkstück der Ausstellung. In einer Schmiede in Toledo hergestellt. Aus bestem Stahl und mit einem versilberten Griff versehen. Es hatte keine besonders lange Schneide. Man konnte es als handlich bezeichnen, was einer Frau entgegenkam.

Bill war von der Waffe angetan. Anfassen konnte man sie nicht. Sie war durch schusssicheres Glas geschützt, sodass es aussah, als würde sie in einem Sarg liegen.

Bill hätte das Schwert gern berührt oder mal in die Hand genommen, doch das war nicht möglich. Durch einen Alarm war es zusätzlich gesichert, und so musste sich Bill auf das Auge seiner Kamera verlassen. Er hatte die Erlaubnis erhalten, zu fotografieren, was er natürlich getan hatte und auch jetzt noch tat.

Er knipste das Schwert von verschiedenen Seiten, aus immer anderen Winkeln und auch von oben. Er war in seine Arbeit vertieft und bekam nur am Rande den Aufruf mit, dass das Museum geräumt werden sollte, weil die abendliche Schließung kurz bevorstand.

Das Schwert zog den Reporter in seinen Bann. Dass viel Blut an ihm klebte, war ihm nicht anzusehen. Man hatte es wunderbar wieder präpariert. Es sah aus wie neu oder wie aus der Schmiede gekommen. Auch der Griff aus Silber interessierte ihn. Er hatte einen breiten Handschutz, und wer genau hinschaute, der sah auch die kleinen Edelsteine, die den Griff verzierten.

Das war eine Waffe!

Bill stieß den Atem zischend aus. Er war noch immer hin und weg, und er nahm sich vor, mehr über die Besitzerin des Schwerts herauszufinden.

Er richtete sich auf, atmete tief durch und rieb seinen Rücken, der ihn durch das lange Bücken leicht schmerzte. Aber er hatte alles im Kasten, was er wollte. Deshalb konnte er sich auf den Rückweg machen.

Die Kamera ließ er in seinem kleinen Rucksack verschwinden, den er auf dem Rücken trug. Er freute sich schon auf die Auswertung der Fotos. Er hatte ja nicht nur das Schwert geknipst, sondern auch andere Gegenstände wie Schmuck oder die täglichen Dinge des Alltags während der Kreuzzüge.

Isabella, die Königin der Knochen, was mochte sie für eine Gestalt gewesen sein?

Sie war jemand, die sich selbst als eine Ritterin bezeichnete. An Selbstbewusstsein hatte es ihr nicht gemangelt, und sie war auch mit in den Kampf gezogen.

Ihr Schwert existierte noch. Aber wo befand sich ihr Grab? Das war die große Frage. Da gab es verschiedene Theorien. Die einen hatten es eine Zeitlang im tiefen Spanien vermutet, andere wiederum in Schottland. Inzwischen war man sich sicher, dass man ihre Gebeine nach Schottland gebracht hatte.

Durch das Schwert war Bill Conolly allerdings neugierig geworden. Er nahm sich vor, mehr über die Königin der Knochen zu erfahren. Möglicherweise verbarg sich hinter ihrem Namen ein Geheimnis, das es zu lüften galt.

Sein Job hier war erledigt. Er konnte sich wieder anderen Dingen widmen. Nach Hause fahren und noch einen schönen und ruhigen Feierabend genießen.

Die Kamera war verstaut, er konnte gehen und hatte sich soeben zwei Schritte von dem Schwert entfernt, da hörte er den Schrei. Es war der Schrei einer Frau. Danach drang der Fluch eines Mannes an seine Ohren und ein Stöhnlaut.

Dann war es still.

Er spürte plötzlich etwas Kaltes, das über seinen Rücken strich. Er war jemand, der schon einiges erlebt hatte, und obwohl er in diesem Fall nichts gesehen hatte, stand für ihn fest, dass etwas passiert sein musste. Möglicherweise etwas Schreckliches.

Der Schrei wiederholte sich nicht. Es war auch kein Stöhnen mehr zu hören, und dennoch glaubte der Reporter, dass hier etwas nicht stimmte.

Er lauschte weiter und dachte darüber nach, ob er nun zum Eingang gehen sollte oder nicht. Er entschied sich dagegen, auch deshalb, weil er plötzlich Laute oder Geräusche hörte, die nicht in diese Umgebung passten.

Klang es blechern? Hörte er vielleicht ein Scheppern?

Bill wartete. Eine innere Stimme riet ihm, sich ein Versteck zu suchen, und das so schnell wie möglich.

An Verstecke hatten die Erbauer des Museums damals nicht gedacht. Es gab nichts, wohin er hätte flüchten können, abgesehen von einer Säule, die, zusammen mit anderen, die breite Decke stützte.

Also weg.

So schnell wie möglich.

Zudem hörte Bill die Geräusche deutlicher, weil sie näher kamen.

Sie hatten ein Ziel. Sie wollten dorthin, wo Bill sich aufhielt.

Er huschte weg. Dabei duckte er sich und hoffte, dass er noch rechtzeitig genug hatte fliehen können, um sein anvisiertes Versteck zu erreichen.

Bill glitt hinter die Säule, blieb dort stehen und presste sich mit dem Rücken gegen das harte Gestein. Das war geschafft. Er holte tief Luft, schloss die Augen und bekam sich wieder schnell in den Griff.

Er schaute an der Säule vorbei, sah aber noch nichts. Dafür hörte er die Geräusche. Und sie hatten sich nicht verändert. Wieder war dieses blechern klingende Scheppern zu hören. Sehen konnte er noch nichts, aber das änderte sich.

Jemand kam und geriet in sein Blickfeld, und Bill glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können.

Es war nicht nur eine Person, es waren drei, und es waren Menschen, die aus der Zeit gefallen zu sein schienen, und Bill schüttelte den Kopf.

Was er da sah, waren drei Ritter, die mit gezogenen Schwertern nebeneinander her gingen und sich auf ein ganz bestimmtes Ziel zu bewegten.

Das sah Bill. Darüber dachte er aber nicht länger nach, denn sofort fing es hinter seiner Stirn an zu arbeiten.

Er musste etwas tun.

Dass er gegen die dreifache Übermacht nicht ankommen würde, lag auf der Hand. Darum ging es im Endeffekt auch gar nicht. Er brauchte Beweise, und die konnte er nur bekommen, wenn er ein paar Fotos schoss. Es ärgerte ihn, dass er die Kamera schon hatte verschwinden lassen. Sie musste wieder hervorgeholt werden.

Bill ging in die Knie. Behutsam ließ er seinen Rucksack vom Rücken gleiten. Prinzipiell brauchte er nicht mehr so leise zu sein, die drei Ritter machten genügend Krach.

Trotzdem riss sich der Reporter zusammen. Während er den Rucksack öffnete, fragte er sich, mit wem er es hier wohl zu tun hatte. Eine Antwort wusste er nicht. Wer konnte sich hinter dieser Verkleidung verbergen? Es gab keine Hinweise, aber er hatte die Umhänge gesehen, und auf ihnen war deutlich das Tatzenkreuz zu sehen gewesen.

Das Kreuz der Templer!

Bill schluckte, als er daran dachte. Den Gedanken daran schob er vorerst zur Seite, weil andere Dinge wichtiger waren. Er musste zuerst den Blitz wegnehmen. Da würden die Aufnahmen zwar nicht so perfekt sein, aber im Museum gab es Lichter, die genügend Helligkeit abgaben.

Bill richtete sich wieder auf. Die Kamera hielt er schussbereit. Er versuchte sich zu entspannen, bevor er das erste Foto schoss. Es war nicht einfach für ihn, das stand fest, aber er musste es zumindest versuchen.

Die drei Ritter umstanden das Schwert der Isabella, das in diesem Glassarg lag.

Sie taten noch nichts.

Das gab Bill Conolly die Gelegenheit, das erste Foto zu schießen. Das zweite auch.

Und dann traten die drei Ritter im Aktion. Ihre Waffen hatten sie angehoben.

Das blieb nicht so.

Jetzt jagten sie nach unten und schlugen mit gewaltiger Wucht auf das Glas ein …

***

Bill knipste alles. Er drückte dabei immer wieder auf den Auslöser und schoss die Fotos, die er haben wollte.

Durch ihre Aktion hatten die drei Ritter mit den offenen Visieren die Alarmanlage ausgelöst, und es gab wirklich Alarm. Sie stammte noch aus der alten Zeit, war aber sehr wirkungsvoll und wurde sicherlich im ganzen Haus gehört.

Die räuberischen Ritter kümmerten sich nicht darum. Sie wollten das Schwert, und ihre Waffen waren stark genug, um das Sicherheitsglas zu zerstören.

Es brach.

Bill knipste.

Die Männer in den Rüstungen mussten ihre Waffen noch mal einsetzen, um auch den Rest zu zertrümmern.

Und das gelang.

Bill fotografierte.

Die Alarmanlage heulte und schrillte. Sie gab nicht auf, als wollte sie dafür sorgen, dass die Einbrecher endgültig verschwanden.

Die Ritter hatten es geschafft.

Das Schwert lag ...

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