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John Sinclair - Folge 1812

Der wandelnde Tod

Die Umgebung gefiel mir nicht, das Wetter gefiel mir nicht – und der Tote gefiel mir erst recht nicht.

Aus grauen Wolken nieselte so etwas wie Schneeregen auf uns nieder, und wenn ich uns sage, dann meine ich damit die Mannschaft der Spurensicherung und der Mordkommission.

Die Leiche war auf dem Friedhof gefunden worden. Sie lag in einem offenen Grab. Die normale Beerdigung hatte verschoben werden müssen, was nicht mein Problem war. Mein Problem war mehr die Leiche, denn bei ihr hatte man einen Zettel gefunden, auf den jemand den Namen John Sinclair geschrieben hatte. Deshalb war ich hier …

Ich kannte die Person nicht. Der Tote war ungefähr in meinem Alter. Wie er ums Leben gekommen war, wussten wir noch nicht, denn äußerlich war an ihm nichts zu erkennen. Keine Schussverletzung, keine Stichwunde, auch keine Würgemale am Hals. Und er trug nichts bei sich, was auf seine Identität hingedeutet hätte. Es gab keinen Ausweis. Nur eben diesen Zettel.

Der Chef der Truppe hieß Winston York. Er war schon einige Jahre im Dienst. Ich kannte ihn auch, weil er ein guter Bekannter von unserem Chef Sir James Powell war. Sogar um einige Ecken herum mit ihm verwandt.

»Und?«, sprach er mich an. »Noch immer keine Idee, wer dieser Mensch sein könnte?«

»So ist es.«

»Das ist schlecht.«

»Sie sagen es.«

Er hob seine kräftigen dunklen Augenbrauen. »Dieser Fall ist etwas kompliziert.«

»Wieso?«

»Weil ich nicht weiß, wer ihn nun bearbeiten soll. Sind Sie dafür vorgesehen oder soll ich …«

»Ja, sollen Sie.«

»Aha.« Er lachte knapp. »Aber warum? Es ist doch der Hinweis auf Sie gefunden worden.«

»Ja, aber ich kenne den Mann nicht. Ich kann wirklich nichts mit ihm anfangen.«

»Habe ich mir schon gedacht.«

Der Tote lag im Grab. Alle schauten auf ihn nieder. Er war normal gekleidet, trug einen Wintermantel, darunter eine Jacke, und sein Haar war leicht ergraut.

Mich interessierte auch sein Gesichtsausdruck. Obwohl er nicht genau vor mir lag, war er für mich doch recht gut zu erkennen. Er hatte diesen Ausdruck mit in den Tod genommen, und man konnte von einem großen Staunen sprechen.

Warum? Warum dieser erstaunte Ausdruck? Das war die Frage, die sich automatisch stellte. Er musste etwas Bestimmtes gesehen haben, das ihn in ein so großes Erstaunen versetzt hatte.

Aber was?

Sein Ende? Seinen Tod? Hatte er seinem Mörder direkt ins Gesicht geschaut?

Das war auch möglich. Und auch, dass er den Mörder gekannt und nichts Böses zugetraut hatte.

Es war einiges möglich, aber nichts Konkretes, das mir weiterhelfen konnte.

»Ich muss passen, Kollege.«

Winston York grinste jetzt. »Das tut mir fast gut, dass auch jemand wie Sie ratlos ist.«

»Wieso? Haben Sie mich für einen Übermenschen gehalten?«

»Nein, das nicht.«

»Aber …«

»Nun ja, man spricht ja hin und wieder über Kollegen und hört auch etwas von ihnen.«

»Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie da hören. Auch wir kochen nur mit Wasser wie alle.«

»Und das sagt ein Geisterjäger«, erklärte er leicht spöttisch.

Ich schlug ihm auf die Schulter. »Nehmen Sie diesen Spitznamen nicht zu wörtlich.«

»Wenn Sie das sagen.«

»Es ist immer nur die halbe Wahrheit, Kollege. Geister lassen sich schlecht jagen.«

Die Kollegen wollten den Tatort noch untersuchen, aber ich hatte hier nichts mehr verloren. Der Fall würde seinen normalen Verlauf nehmen, und dann hoffte ich, dass die Kollegen mehr über den Mann herausfinden konnten.

Ich gab ihnen noch den Rat, mit dem Yard zusammenzuarbeiten. Im Notfall musste eine große Aktion laufen, damit wir die Identität herausfinden konnten. Das war wichtig. Alles andere erklärte ich erst mal zur Nebensache.

Meinen Namen hatte er auf einen Zettel geschrieben. Ich kannte ihn nicht, doch er musste über mich informiert sein. Und wie das geschehen konnte, das mussten wir herausfinden. Ich hatte mir sein Aussehen eingeprägt und würde nach meiner Rückkehr beim Yard einen Blick in unsere Archive werfen. Vielleicht hatte ich Glück und fand ihn dort.

Ich ging über einige Nebenwege, um den Hauptweg zu erreichen. Er führte direkt zum Ausgang des Friedhofs. Dort gab es auch den kleinen Parkplatz, auf dem der Rover stand.

Der Schneeregen fiel noch immer auf die Erde nieder. Die Temperatur war gefallen, aber noch nicht so stark, dass die Wolken Schneemassen entließen. Was nicht war, konnte noch kommen. Das hatte der Wetterbericht auch gesagt.

Ich hatte mir eine Mütze auf den Kopf gesetzt und den Kragen der Jacke hochgestellt. Aber der Schneeregen erwischte auch mich. Von der Seite her klatschte die Nässe gegen mich, und ich dachte daran, dass ich vor zwei Tagen noch in Dundee gewesen war und dort den Vogelmenschen gejagt hatte.

Dieser Fall wäre fast mein letzter gewesen. Im Endeffekt hatte mir das Vogelmädchen Carlotta das Leben gerettet. Der Vogelmensch hatte mich aus großer Höhe fallen gelassen, und ich wäre am Erdboden zerschmettert worden. Aber Carlotta war schneller gewesen. Sie hatte meinen Sturz abgefangen.

Jetzt hatte London mich wieder und schon hatte ich einen neuen Fall am Hals. Ich ging davon aus, dass es einer werden würde, darauf wies die Nachricht hin, die der Tote bei sich gehabt hatte.

Hier war nichts zu machen. Ich musste mich auf die Arbeit im Büro verlassen. Was selten vorkam bei mir, war jetzt der Fall. Ich freute mich auf mein warmes Büro. Auf einen Platz ohne den nassen Schneeregen.

Menschen sah ich nicht in meiner Nähe. Wäre es anders gewesen, so wäre mir der Mann nicht weiter aufgefallen. So aber fiel er mir auf, als ich nach vorn schaute und ihn sah.

Er stand mitten auf dem Weg. Und zwar dort, wo er fast schon in einer breiten Straße mündete. Dort hielt er sich auf und sah mir entgegen.

Ich wäre weitergegangen, hielt allerdings an, als ich mir die Gestalt näher anschaute. Der Mann trug eine dunkle Kleidung. Einen Anzug. Und auf seinem Kopf saß ein dunkler Hut mit einer breiten Krempe. Sie war nach unten gebogen, sodass nicht alles von seinem Gesicht zu sehen war.

Er stand einfach nur da und wartete.

Und ich? Fast hätte ich über mich selbst gelacht, weil ich so ungewöhnlich reagierte. Aber warum tat ich das? Es gab wirklich nichts Ungewöhnliches an diesem Mann, selbst die dunkle Kleidung passte in diese Umgebung.

Und doch war etwas anders.

Ganz anders sogar!

Und das war auch der Grund, weshalb ich stehen geblieben war. Er stand im Schneeregen, ebenso wie ich. Und deshalb hätte er auch ebenso nass sein müssen.

Und genau das war nicht der Fall.

Er war nicht nass, seine Kleidung war trocken, obwohl ihn nichts vor der Nässe schützte.

Das war ein Hammer!

Im ersten Moment dachte ich an einen Irrtum. Aber das war nicht der Fall. Der Mann in seinem schwarzen Anzug stand vor mir und war nicht nass geworden.

Warum nicht?

Es kam einem kleinen Phänomen gleich, ich dachte auch daran, dass ich mich eventuell geirrt hatte, aber nein, so konnte man sich nicht irren. Wie war es möglich, dass jemand im Regen stand und nicht nass wurde?

Oder gab es diese Gestalt nicht wirklich? War sie eine Einbildung? Oder ein Hologramm?

Nein, das glaubte ich wiederum nicht, obwohl mir die Erklärung für das Phänomen fehlte. Nur war es müßig, hier lange nachzudenken. Ich musste etwas tun, und das klappte nur, wenn ich mir die Gestalt näher anschaute.

Ich ging hin. Langsam. Ich ließ die Gestalt dabei nicht aus den Augen.

Sie sagte nichts, sie tat nichts, sie stand einfach nur da. Ich sah ihr Gesicht nicht vollständig, konnte mir aber vorstellen, dass es einen neugierigen Ausdruck zeigte.

Immer näher kam ich dem Mann. Und noch immer war sein dunkler Anzug nicht nass geworden. Er stand da, als gäbe es für ihn einen unsichtbaren Schutz.

Da ich näher herangekommen war, sah ich mehr von seinem Gesicht. Auch das war nicht nass, wohl aber blasser als das Gesicht eines normalen Menschen. Vielleicht hatte es auch einen leicht hochnäsigen Zug bekommen, ich wusste es nicht so genau.

Und dann passierte es.

Ich war so überrascht, dass ich keinen Schritt weiter ging. Denn das tat jetzt der andere.

Er kam auf mich zu. Er hätte jetzt stoppen müssen, was er nicht tat, denn er ging weiter, und ich sah ein weiteres Phänomen, das anschließend folgte.

Ich konnte es nicht fassen, aber es war eine Tatsache, die ich hinnehmen musste.

Der Mann war von einem Augenblick zum anderen verschwunden!

***

Und ich stand im Regen!

Das im wahrsten Sinne des Wortes. Er hatte mich im Regen stehen lassen. Ich kam mir vor wie ein dummer Junge, dem das Spielzeug weggenommen worden war.

Wo war der Mann?

Wo steckte die Gestalt im schwarzen Anzug, der auch der Regen nichts ausgemacht hatte?

Sie war nicht mehr da. Einfach weg. Verschwunden! In Luft aufgelöst!

Das wollte ich noch immer nicht wahrhaben und drehte mich um die eigene Achse.

Da war nichts. Ich schaute den Weg entlang, den ich gekommen war, und sah ihn nicht. Am liebsten hätte ich mir selbst in den Hintern getreten, das tat ich nicht, sondern stand einfach nur da, ohne mich zu regen, und versuchte nachzudenken, auch wenn es mir nicht leicht fiel.

Nein, verdammt, da gab es nichts nachzudenken. Es war vorbei. Ich hatte einen bestimmten Zeitpunkt verpasst, den Mann festzuhalten, wobei nicht sicher war, ob mir das überhaupt gelungen wäre. So recht glaubte ich nicht daran.

Er war da gewesen, aber er hatte sich nicht anfassen lassen. Sofort kam mir der Gedanke an eine feinstoffliche Person. Da fiel mir ein Geist ein. Dabei hatte ich vor einigen Minuten noch darüber mit dem Kollegen gesprochen.

Ich war nicht von der Rolle, aber auch nicht weit davon entfernt. Irgendwas war hier an mir vorbeigelaufen, obwohl es eigentlich mit mir zu tun hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass dieser Typ auf mich gewartet hatte.

Dann war er verschwunden, abgetaucht.

Aber warum? Warum, zum Teufel, hatte er das getan? Darauf hätte ich gern eine Antwort gehabt. Aber es war niemand da, der sie mir hätte geben können.

Ich hatte keine Lust, hier stehen zu bleiben und abzuwarten, ob er wohl zurückkehren würde. So recht glaubte ich nicht daran, und deshalb machte ich mich wieder auf den Weg.

Es war nicht mehr weit bis zum Ausgang, und ich freute mich darauf, mich in den Wagen setzen zu können, um der Nässe zu entgehen.

Die Fragen stellten sich schon jetzt, und sie lagen eigentlich auf der Hand. Besonders eine tat sich hervor. Hing das Erscheinen dieses Mannes vielleicht mit der Leiche zusammen, die im offenen Grab gelegen hatte?

Offiziell gab es keinen Zusammenhang. Ich konnte mir zum jetzigen Zeitpunkt auch keinen vorstellen, aber von der Hand zu weisen war er nicht.

Ich lief noch schneller, weil der Schneeregen wieder zunahm und jetzt mehr zum Schnee geworden war. Durch das Funksignal hatte ich die Tür des Rover schon geöffnet und war froh, mich in den Sitz fallen lassen zu können.

Aber jetzt bekam ich es dick.

Die Wolken hatten ihre Schleusen geöffnet. Der Schnee fiel in Massen. Er war mit einem dichten hellen Vorhang zu vergleichen, bei dem es kaum eine Lücke gab.

Innerhalb von Sekunden war durch die Fenster nichts mehr zu sehen. Der Schnee bedeckte die Scheiben, und als ich einmal die Wischer anstellte, da hatten sie Mühe, den Schnee beiseite zu räumen.

Ich wollte nicht losfahren, denn es war nur ein Schneeschauer, der hoffentlich schnell vorbeiging. Der die Welt aber auch in ihrem Aussehen verändern konnte.

Da ich Zeit hatte, holte ich mein Handy hervor und schaute mir die Aufnahme an, die ich zuletzt geschossen hatte. Es war kein Bild, das man auf einer Feier zeigte. Ich hatte den Toten im Grab fotografiert, und jetzt wollte ich ihn noch mal unter die Lupe nehmen. Vielleicht hatte ich ihn doch schon mal gesehen, jedenfalls wollte ich mir das Bild in aller Ruhe anschauen.

Nein, ich hatte ihn noch nie gesehen. Nicht als lebende Person. Der Mann war tot, und sein Gesicht kam mir keinesfalls bekannt vor. Ein Fremder, der aber mich kannte und möglicherweise auch etwas von mir gewollt hatte.

Das war der Anfang gewesen. Dann hatte ich noch auf dem Friedhof den Mann in Schwarz gesehen. Wer er war, wusste ich auch nicht. Ich konnte nicht mal raten.

Ich konzentrierte mich wieder auf meine Umgebung. Durch die Frontscheibe konnte ich nicht schauen, die war wirklich pappendicht zu. Die Seitenscheiben hatten nicht so viel abbekommen, und als ich durch sie blickte, da stellte ich fest, dass nicht nur der Schnee nicht mehr fiel, sondern sich auch am Himmel einige Lücken zeigten, die mit einem herrlichen Blau gefüllt waren.

Ging doch …

Meine Laune stieg an, aber sank gleich darauf wieder, denn als ich versuchte, den Schnee von meiner Frontscheibe zu entfernen, da ging nichts mehr.

Er war zu schwer. Zu dicht und auch zu pappig. Also aussteigen und versuchen, die Masse mit der Hand zu entfernen.

Da war aber auch viel gefallen. Die Schicht war dick und wasserschwer. Auf dem Boden schmolz das Zeug bereits weg und floss als Wasser in die Kanäle.

Mit den Händen schaufelte ich die Scheibe wieder so gut wie frei. Auch die Außenspiegel befreite ich vom Schnee und ebenfalls die Scheibe am Heck. Das war alles okay.

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