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John Sinclair - Folge 1811

Der Vogelmensch

Die nächste Nacht stand bevor. Carlotta, das Vogelmädchen, wusste es und fürchtete sich.

Maxine Wells, die Tierärztin und auch so etwas wie eine Ersatzmutter für Carlotta, hatte Bereitschaft, stand zwar nicht unbedingt im starken Stress, wurde aber öfter mal angerufen und um Rat gefragt, und sie musste hin und wieder los, um Hausbesuche zu machen. Oft blieb sie auch länger weg, wenn es um Geburten ging, und all das war für Carlotta kein Problem.

Jetzt sah es anders aus.

Es lag an ihrer Angst!

Und die war nicht grundlos gekommen. Es lag an ihm. An einem Besucher in der Nacht, den sie zwar gesehen, aber nicht erkannt hatte. In der Nacht war er gekommen und hatte sie nicht angegriffen, aber er hatte ihr die Angst eingepflanzt.

Es war der Schatten!

So nannte Carlotta ihn. Sie hatte nicht gesehen, wie er in Wirklichkeit aussah, aber er war da gewesen. Sein Schatten hatte sich vor ihrem Fenster gezeigt und alles verdunkelt. Er war nicht in ihr Zimmer eingedrungen. Dass dies so bleiben würde, darauf wollte sie sich nicht verlassen.

Was konnte sie dagegen unternehmen? Nichts. Er kam, wann er wollte, er blieb so lange, wie er wollte, und er hatte ihr zudem eine Botschaft überbracht.

Gedanklich. Nie ausgesprochen. Es waren Übertragungen gewesen, und die hatte sie sehr gut verstanden. Besonders ein Satz war ihr im Gedächtnis hängen geblieben.

Du gehörst zu mir!

Das war der Satz, der sie hatte schaudern lassen. Sie gehörte nicht zu ihm, das stand fest. Ganz und gar nicht. Sie gehörte keinem Menschen, sondern nur sich selbst, und das sollte so bleiben. Selbst Maxine gehörte sie nicht, und die Tierärztin hätte diesen Anspruch auch niemals gehabt.

So wartete sie ab. Wieder mal. Vor ihr lag eine neue Nacht. Eine finstere und kalte, denn es war Winter. Schnee hatte es auch gegeben, recht viel sogar, und er war auch liegen geblieben bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.

Das Haus der Tierärztin war groß. Es standen Carlotta einige Zimmer zur Verfügung, in denen sie sich aufhalten konnte, doch sie hatte sich für ihr Zimmer entschieden, da war auch alles vorhanden, was sie brauchte.

An diesem Abend lief die Glotze nicht, sie lag auf der Couch und las. Das Möbelstück stand so, dass sie gegen ein Fenster schauen konnte.

Es gab auch noch eine zweite Liege in diesem Raum. Das war ihr Bett, auch es war so hingestellt worden, dass vom Kopfende her der Blick auf das große Fenster fiel.

Wenn sie schon im Liegen las, dann lieber auf der Couch. Musik hatte sie auch nicht an, und mit dem Lesen war das ebenfalls so eine Sache. Es klappte nicht, denn sie war nicht in der Lage, sich zu konzentrieren.

Irgendwie wartete sie auf den Schatten. Längst war es dunkel geworden, und mit der Dunkelheit war die Stille gekommen, die sich im Haus verteilt hatte. Zumindest hatte sie das Gefühl.

Hin und wieder hörte sie Maxine durch das Haus gehen. Die Praxis befand sich in einem Anbau. Dort führte Maxine auch Untersuchungen und kleine Operationen durch.

Etwas gegessen hatte Carlotta schon. Zwei dünne Pfannkuchen, bestrichen mit einem leckeren Käse. Das reichte ihr. Und ihr reichte auch das Winterwetter. Sie sehnte sich nach dem Frühling und somit nach einer Zeit, in der es wieder Spaß bereitete, durch die Lüfte zu segeln, und man nicht Angst haben musste, zu einem Eisklumpen zu werden.

Das würde noch dauern. In Schottland waren die Winter oft sehr lang, das wusste Carlotta.

In London sah es anders aus. Da lag der Schnee sicherlich nicht so hoch. Und wenn er dort fiel, taute er sicherlich schnell weg.

London. Eine große Stadt. Ein Ort, den sie gern mal besucht hätte. Die Einladung stand. Johnny Conolly hatte sie ausgesprochen, und wenn sie an ihn dachte, klopfte ihr Herz schon schneller. Sie mochte ihn, und er mochte sie auch. Aber da ging es ihnen wie den Königskindern. Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war zu tief. Es sei denn, Johnny Conolly kam hierher nach Dundee.

Ja, das sollte er. Carlotta hatte sich fest vorgenommen, ihn zu fragen und einige Tage mit ihm zu verbringen. Das musste doch einfach mal klappen.

Jemand klopfte an die Tür und öffnete sie sofort danach. Es war Maxine Wells, die das Zimmer betrat und dicht vor der Tür stehen blieb.

»Du hast es hier aber dunkel«, sagte die blonde Tierärztin und streifte zugleich ihre wattierte Jacke über.

»Gemütlich.«

»Meinst du?«

»Klar.«

»Egal.« Maxine winkte ab. »Ich bin jetzt mal weg. Ein Notfall. Ich muss zu einem Farmer. Bei ihm kalben zwei Kühe zugleich, und bei einer haben sich Komplikationen eingestellt.«

»Dann dauert es länger – oder?«

»Damit musst du rechnen.«

»Schon gut, ich komme zurecht.«

»Wunderbar. Ans Telefon musst du nicht gehen, ich habe da schon alles mit dem Anrufbeantworter gerichtet.«

»Alles klar, Max.«

»Bis später, Süße.« Maxine winkte ihrem Schützling noch mal zu, dann zog sie sich zurück.

Carlotta blieb allein im Haus. Sie hörte noch, wie die Haustür ins Schloss fiel und der Motor des Geländewagens ansprang, mit dem die Tierärztin unterwegs war.

Das Vogelmädchen blieb zurück. Allein in einem großen Haus. Es war ja nicht das erste Mal. Wäre die Sache mit dem Schatten nicht gewesen, sie hätte sich nicht einen Gedanken gemacht.

So aber war sie verunsichert. Sie wusste nicht, ob sie auf das Erscheinen des Schattens warten sollte oder so tun, als wäre er gar nicht vorhanden.

Das konnte sie nicht.

Nachdem die Tierärztin gefahren war, verließ sie ihr Zimmer und ging zunächst durch den Flur bis zur Haustür. Im Haus war es warm, doch als sie die Tür geöffnet hatte, da traf sie die Kälte wie ein Schock.

Es gab keine Wolkenformationen, die den Himmel bedeckt hätten. Das deutete darauf hin, dass es wieder eine klare Nacht geben würde. Die Temperaturen würden entsprechend sinken und die Menschen zurück in die Häuser treiben. An einen nächtlichen Flug war dabei nicht zu denken.

Das schien dieser Schatten anders zu sehen, denn er kam. Ihm machte das Wetter nichts aus. Er zog seine Kreise, er ging seinen Plänen nach, und Carlotta fragte sich, was das wohl für Pläne waren. Noch war nichts passiert. Er hatte sich nur einige Male als eine Drohung gezeigt, das war alles.

An diesem Abend war das Vogelmädchen besonders angespannt. Den Grund kannte sie nicht. Sie hatte fast das Gefühl, als wäre diese Nacht besonders wichtig für sie.

Und jetzt war Maxine nicht da.

Carlotta hatte hin und her überlegt, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie der Tierärztin Bescheid gesagt hätte. Da hätte sich schon etwas ändern können. Sie hätte Maxine vielleicht begleiten können, aber das war jetzt vorbei.

Sie war und blieb allein, und sie dachte nicht im Traum daran, einen Ausflug zu machen. In der letzten Zeit hatte sich das Telefon nicht gemeldet. Es war im Haus still geblieben, das Carlotta noch immer durchwanderte. Irgendwie musste sie das tun. Sie hatte nicht den Nerv, sich hinzusetzen und abzuwarten.

Sie ging in die Küche. Zu trinken gab es immer etwas. Sie entschied sich für eine Apfelschorle, die ihr gut schmeckte, auch weil sie so kalt war.

Auch hier schaute sie durch das Fenster. Ihr Blick fiel über das flache Land vor dem Haus. Rasen sah sie nicht, denn dort lag der harte Schnee. Wege waren geräumt worden, und wenn sie den Schnee näher betrachtete, kam er ihr vor wie eine düstere Schicht aus Eis.

Der Himmel war leer, und kein Schatten bewegte sich darüber hinweg.

Also gab es keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

Und doch machte sich das Vogelmädchen Sorgen. Carlotta kam einfach nicht darüber hinweg, dass sie so bedrängt wurde. Dafür musste es einen Grund geben. Sollte man jedenfalls meinen.

Auch da musste sie passen.

Nichts, gar nichts. Das Erscheinen des Schattens war aus heiterem Himmel erfolgt.

Und jetzt wartete sie wieder, dass der Schatten erneut erschien. Dass er plötzlich da war und sich vor das Fenster legte. Bisher hatte sie noch nicht erkannt, wer ihn warf, sie hatte nur den Schatten gesehen.

Carlotta ging wieder zurück in ihr Zimmer. Die Flasche nahm sie mit. Hunger verspürte sie keinen. Auf jeden Fall wollte sie bis zur Rückkehr der Tierärztin warten.

Sie trat ans Fenster und überlegte, ob sie es öffnen sollte oder nicht. Dabei blickte sie nach draußen und wartete darauf, dass etwas passierte.

Sie wartete nicht vergebens.

Es geschah!

Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass eine dunkle Decke vor ihren Augen wehte, aber das war keine Decke, das wusste sie genau.

Der Schatten war wieder da!

***

Nach diesem Gedanken klopfte ihr Herz schneller. Es gab keinen Zweifel, nur hatte sie ihn nicht kommen sehen. Er hatte sich herangestohlen wie ein Dieb, aber jetzt war er nicht mehr zu übersehen.

Vor dem Fenster war es dunkler geworden. Als hätte man einen Vorhang nach unten fallen lassen. Sie schaute gegen dieses schwarze Segel und spürte, dass ihr die Schauer nacheinander über den Körper rannen.

Wollte sie etwas tun?

Das war die Frage. Vorgenommen hatte sie es sich, doch diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, das war schon ungeheuer schwer. Es kostete sie Überwindung.

Sie blieb stehen. Stocksteif. Wieder kroch etwas Kaltes ihren Rücken hinab. Es war beinahe wie immer. Nur eines hatte sich verändert, und das war für sie sehr wichtig.

Sie hatte sich nicht zurückgezogen bis in ihr Bett, sie war bereit, sich den Dingen zu stellen, denn sie wollte endlich erfahren, was oder wer diesen Schatten warf.

Zunächst trat sie dicht an die Scheibe heran. Sie wollte besser sehen. Womöglich brauchte sie das Fenster nicht zu öffnen, um die Wahrheit zu erkennen.

Der Schatten war da – okay.

Aber nicht der Körper, der ihn produziert hatte. Der hielt sich außerhalb des Sichtbereichs auf.

Aber ihn wollte sie sehen.

Ich muss das Fenster öffnen!, schoss es ihr durch den Kopf. Es gibt keine andere Alternative.

Es war nicht einfach für sie, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, aber sie war auch nicht feige. Sie war die Probleme immer angegangen.

Das war auch jetzt nicht anders.

Carlotta riss das Fenster auf!

Kalte Eisluft strömte ihr entgegen. Sie schlug förmlich gegen ihr Gesicht. Einmal schnappte sie nach Luft, dann gab sie sich einen Ruck und beugte sich vor. Sie streckte ihren Kopf hinein in die Kälte, um das zu entdecken, was den Schatten geworfen hatte.

Sie sah es nicht. Der Weg nach vorn war frei. Dort musste sie erst gar nicht weiter suchen.

Und doch musste es ihn geben. Diesen unbekannten Gegenstand oder was immer den Schatten produzierte. Es kam ihr in den Sinn, in die Höhe zu schauen.

Dabei schob sie sich noch weiter aus dem Fenster und drehte ihren Körper, damit sie den Blick nach oben richten konnte.

Nein!

Doch!

Sie wusste nicht, was sie denken sollte. Plötzlich entstand in ihrem Kopf ein großes Durcheinander. Da oben, da war jemand, da hing jemand in der Luft. Es war die Gestalt, die den Schatten warf, und jetzt erkannte sie den Schattenwerfer.

Es war ein menschengroßer Vogel!

***

Mit dieser Wahrheit musste Carlotta zurechtkommen!

Es war kaum zu fassen. Es war aber kein Witz, denn diesen Vogel gab es wirklich.

Das war Wahnsinn, das war verrückt. Sie hatte die Flügel gesehen, und sie wusste, dass sie es mit einem Vogel zu tun hatte und nicht mit einem Engel.

Es war schlimm. Auch für Carlotta, die selbst kein normaler Mensch war und aus einem Labor stammte, wo Geschöpfe wie sie hatten gezüchtet werden sollen.

Der Riesenvogel schwebte in der Luft. Er bewegte seine mächtigen Schwingen kaum. Da reichte schon ein Zittern, um den Vogel in der Luft schweben zu lassen.

Und er warf einen Schatten. Es war genau der Schatten, vor dem sie sich gefürchtet hatte. Er reichte bis zum Boden und verdunkelte auch die Fensterscheibe.

Carlotta reichten die wenigen Sekunden, in denen sie den Vogel beobachten konnte. Sie wollte ihn auf keinen Fall einladen, zu ihr ins Haus zu kommen.

Also weg!

Sie zog sich zurück und hämmerte das Fenster wieder zu. In diesen Laut mischte sich der Ton der Erleichterung, der aus ihrem Mund drang. Der Anblick hatte ihr einen großen Schrecken eingejagt. Er war einfach schlimm gewesen, denn damit hätte sie nie im Leben gerechnet. Sie hatte sich schon Gedanken gemacht, was den Schatten anging, aber dass ein Vogel ihn warf, war ihr nicht in den Sinn gekommen.

Und doch war es so.

Auch sie war ein Vogelmädchen.

Und sie fing an, nachzudenken. Der Vogelmensch hatte über ihr geschwebt. Er hatte in der Luft gestanden, und er war nicht angebunden gewesen. Warum er das getan hatte, wollte ihr nicht in den Kopf. Es war einfach nur anders, das stand für sie fest.

Aber sie wusste auch, dass diese Gestalt etwas mit ihrem Auftritt bezweckte. Und dieser Grund musste mit ihr zusammenhängen. Möglicherweise mit ihrer Vergangenheit.

Darüber wollte sie nicht nachdenken. Damit hatte sie abgeschlossen, denn diese Zeit war das pure Grauen gewesen.

Sie wartete. Der Schatten bewegte sich nicht. Nach wie vor fiel ein Teil von ihm gegen die Scheibe und verdunkelte sie. Carlotta fragte sich, wie lange sie den Schatten noch sehen würde, aber darüber wollte sie nicht weiter nachdenken. Sie musste erst mal mit sich selbst zurechtkommen.

Warten. Ja, das war es eigentlich. Warten, bis die Gestalt wieder verschwand oder bis Maxine zurückkehrte. So lange konnte es doch nicht dauern.

Und so wartete sie weiter. Das Fenster ließ sie nicht aus dem Blick. Sie ahnte, dass sich dort noch etwas tun würde. Da war noch nicht alles vorbei. Der andere war bestimmt nicht nur gekommen, um sich so zu zeigen. Dahinter musste einfach mehr stecken.

Sie hatte sich erneut auf den Schatten konzentriert und sah jetzt, dass er sich bewegte. Es war mehr ein Zucken oder das Flattern eines Tuchs. Dieser Vergleich schoss ihr durch den Kopf.

Nicht nur der Schatten bewegte sich, sondern auch die Person, die ihn geworfen hatte. Sie glitt nach unten, und Carlotta sah zuerst die beiden Füße, die nicht so aussahen wie die eines Menschen. Sie wiesen eher Ähnlichkeit mit denen eines Vogels auf.

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