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John Sinclair - Folge 1810

Gier auf Leben

»Jetzt machen wir dich fertig, Bruce!«

»Wie versprochen«, sagte der zweite Typ.

»Und dann auch noch richtig!«, flüsterte der Dritte scharf.

Bruce Garner schaute sich um. Es sah nicht gut für ihn aus. Er und die drei Feinde waren allein auf dem breiten Streifen zwischen den Lagerschuppen und der Kaimauer, hinter der das dunkle Wasser des Kanals schimmerte.

»Du hast nie gezahlt, Bruce. Jetzt zahlen wir es dir heim …«

Garner schluckte. Er fühlte plötzlich seinen Magen, der zu einem Stein geworden zu sein schien. Er war jemand, dem die Gerechtigkeit über alles ging. Warum sollte er dafür zahlen, dass er lebte? Nein, das sah er nicht ein. Er wollte dieser Bande nichts in den Rachen werfen. Zudem war er nicht mit Reichtümern gesegnet. Und eine wöchentliche Abgabe zumeist, nur um nicht zusammengeschlagen zu werden, das kam für ihn nicht infrage.

Jetzt musste er die Konsequenzen tragen. Auch das war ihm bewusst gewesen, aber er hätte nicht gedacht, dass es ihn so hart und so schnell treffen würde.

Verschwinden konnte er nicht, das stand fest. Er musste bleiben und sich den Hundesöhnen stellen. Sie sahen gar nicht mal so aus wie Schläger, wären in der City als Fußgänger nicht aufgefallen und auch nicht auf dem Campus einer Uni.

Die drei schauten sich an. Kurz nur. Knapp war auch ihr Grinsen, das schnell wieder verschwand. Dann folgte die Frage, und die hörte sich auch nicht eben freundlich an.

»Was sollen wir dir zuerst brechen? Den Daumen oder den Mittelfinger?« Ein Kichern folgte.

Bruce sagte nichts. Allein die Vorstellung trieb ihm den Schweiß aus allen Poren.

»Wir können dich auch zu Brei schlagen«, sagte der Zweite aus dem Trio.

»Ja, weiß ich.«

»Ach? Mehr sagst du nicht?«

»Was wollt ihr denn hören?«

»Dass du gern zahlen möchtest. Ist das klar? Du gibst uns das, was uns zusteht. Plus Zinsen, natürlich.«

»Habe verstanden.«

»Das ist gut.«

Als hätte der Sprecher ein Stichwort gegeben, holten die drei ihre Waffen hervor. Da wurde ein Schlagring übergestreift, eine Keule kam auch zum Vorschein, und ein Metallrohr, das glänzte wie ein Spiegel.

»Na, was sagst du?«

Bruce Garner winkte ab. Plötzlich war ihm alles egal geworden. Er schrie auf und fuhr die drei Hundesöhne wild an.

»Haut ab, ihr Säue. Verpisst euch. Ihr bekommt nichts, gar nichts! Haut einfach nur ab!«

Es waren harte Worte, die er gesagt hatte. Aber es war ihm egal, er hatte ihnen nur noch zeigen wollen, dass er sich nicht einschüchtern ließ.

Die Hundesöhne schauten sich an. Sie waren ziemlich perplex. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Was bildete sich der Mistkerl nur ein.

Er gegen drei?

Und dann hörten sie etwas. Erst war es nur ein Geräusch in ihrem Rücken, dann veränderte sich dieser Laut. Das Geräusch verwandelte sich in eine Frauenstimme.

»Wollt ihr das wirklich durchziehen?«

Die Kerle wirbelten herum.

Vor ihnen stand eine junge Frau mit pechschwarzen, wirr wachsenden Haaren. Sie trug als Oberteil eine Korsage, und ihre Beine steckten in einer engen Hose. Das Gesicht war bleich, nur um die Augen herum waren bläuliche Schatten zu sehen.

»He, träume ich?«, fragte der Sprecher des Trios, der mit seinem Maul immer vorweg war.

»Nein, die gibt es wirklich.«

»Und was könnte sie wollen?«

»Das hat sie doch gesagt.«

»Ja, das hat sie. Aber sollen wir das ernst nehmen?«

»Ich würde es euch raten«, erklärte die junge Frau, die fast noch ein Mädchen war.

Auch Bruce Garner hatte sie gesehen. Im ersten Moment hatte er sich erschreckt, das war jetzt vorbei, denn nun wusste er Bescheid. Sie war gekommen, um ihn zu retten. Ausgerechnet sie. Das war verrückt. Das konnte sie niemals schaffen.

Die drei Hundesöhne sagten nichts. Sie mussten ihre Überraschung erst überwinden. Bruce hörte sie heftig atmen, dann übernahm der Anführer wieder das Wort.

»Was treibt dich denn hierher, du Schmachtlocke?«

»Er!«

»Na und?«

»Ich hasse es, wenn man ihm etwas antun will.«

»Aha. Dann bist du sein Beschützer?«

»Kann man so sagen.«

»Und du würdest alles für ihn tun?«, fragte der Kerl lauernd.

»Ja, das würde ich.«

»Oh – wie großzügig. Das kann übel enden.«

»Glaube ich nicht.«

»Willst du es wirklich wissen?«

»Ja.«

Garner mischte sich ein. Er hatte sich bisher zurückgehalten. Zuerst trat er mit dem Fuß auf, dann schrie er die Frau an. »Bist du verrückt, Julie? Bist du durchgedreht? Das kannst du nicht tun. Geh wieder. Ich will es nicht.«

»Und ob ich das tun kann«, flüsterte sie. »Und ob ich das kann. Komm jetzt her.«

»Und dann?«

»Komm einfach her!«

Bruce Garner überlegte. Sollte er? Sollte er nicht? Er wusste es nicht, und er sah, dass ihn die drei Hundesöhne beobachteten. Einer von ihnen sagte: »Wenn du nur einen Schritt gehst, schlagen wir sofort zu. Das Risiko willst du doch wohl nicht eingehen?«

Auch Julie hatte die Worte gehört. »Na gut, bleib, wo du bist«, sagte sie.

»Ist okay. Und du kannst dann …«

Sie unterbrach ihn. »Ich werde dich holen!«

Er glaubte, sich verhört zu haben. »Was hast du da gesagt?«

»Ja, bleib da stehen. Ich hole dich.«

Bevor jemand reagieren konnte, setzte sie sich in Bewegung. Sie ging nicht schnell, aber schon mit zügigen Schritten. Die drei Hundesöhne waren zu überrascht, um etwas sagen zu können, geschweige denn zu handeln.

Sie wussten auch nicht, wer von ihnen zuerst eingreifen sollte, und weil sie zögerten, kam die junge Frau auch so nahe an Bruce Garner heran, dass sie ihn fast anfassen konnte.

Nur fast, denn plötzlich reagierten die anderen. Es war ihr Anführer, der sich in Bewegung setzte. Er brauchte nur einen Schritt zu gehen. Seine Hand mit dem Schlagring setzte er nicht ein, er nahm die andere und riss Julie zurück.

Sie kippte nach hinten, und der Typ glaubte, gewonnen zu haben. Er irrte sich. Sie trat zu, rammte ihren Absatz auf seinen Fuß und erwischte die Zehen.

Der Typ brüllte auf!

Sein Gesicht verzerrte sich. Er riss sein getroffenes Bein in die Höhe und umklammerte den Fuß. Dabei fing er an zu fluchen, was Julie nicht störte.

»Komm mit«, sagte sie zu Bruce Garner, der noch immer nicht richtig wusste, wie ihm geschah.

Er ging einfach los. Er überließ sich der anderen Person. Er setzte einen Fuß vor den anderen, doch sie kamen beide nicht weit, denn zwei Gestalten versperrten ihnen den Weg. Auch sie waren bewaffnet, und sie zögerten nicht.

»Pass nur auf«, flüsterte Julie und griff selbst an. Es war Angriff und Abwehr zugleich. Sie traf den Arm, der die Stange hielt. Dann rammte sie im nächsten Augenblick die andere Faust in das Gesicht des zweiten Angreifers, der nach hinten kippte und beide Hände gegen seine blutende Nase presste.

Den anderen Schläger räumte sie mit einem heftigen Tritt in den Unterleib zur Seite, und sie hätten eigentlich freie Bahn gehabt, davonzulaufen, doch Julie sagte: »Warte noch!«

»Wieso? Ich …«

Julie Robbins ließ nichts mehr zu. Sie drehte sich um. Jetzt sah sie dem Anführer des Trios in die Augen.

Der Kerl hatte sich einigermaßen wieder erholt. Und er dachte nicht daran, aufzugeben. Er keuchte, er spie aus, dann rannte er auf Julie zu. Ein Schrei begleitete seine Attacke. Sein Gesicht war hochrot angelaufen, er achtete auch nicht auf seine Deckung, er wollte nur durchkommen und zuschlagen.

Julie blieb gelassen. Im letzten Augenblick unterlief sie den Angriff, kam dann hoch und hatte doch nicht mit der Schnelligkeit des Kerls gerechnet, denn er schaffte es, von oben nach unten zu schlagen und seine Faust auf ihren Kopf zu rammen.

Nicht Julie schrie auf, sondern Bruce Garner. Es hatte ihm wehgetan, dies mit ansehen zu müssen. Die Faust war brutal auf Julies Kopf gelandet, und sie hätte in die Knie sinken müssen, was aber nicht passierte.

Sie blieb stehen.

Der Schläger fasste es auch nicht. Es fing an zu lachen. Wenig später lachte er nicht mehr, denn da hatte Julie zugeschlagen. Und sie stieß ihre Faust seitlich gegen seinen Kopf.

Ein dumpf klingender Laut war zu hören, dann sackte der Kerl zusammen, lief stolpernd zwei Schritte weiter und landete schließlich am Boden.

Da blieb er liegen.

»Komm jetzt!«, sagte Julie.

Bruce Garner hatte ihre Stimme gehört. Sie kam ihm allerdings vor, als würde sie aus weiter Ferne an seine Ohren wehen. Ihm war komisch zumute. Er konnte nicht fassen, was hier passiert war, aber ihm war auch bewusst, dass er ohne Julies Auftauchen jetzt in einer anderen Lage gewesen wäre.

Und zwar in einer schlechten. In einer Lage, die blutig hätte enden können.

Er sagte nichts mehr. Julie fasste ihn an der Hand und zog ihn einfach mit. Jetzt ließ er auch alles mit sich geschehen. Er schaute nicht, wohin sie gingen. In diesen Momenten war ihm alles egal. Er wollte weg, und er konnte sich komischerweise nicht so richtig über seine Rettung freuen.

»Wir sind da!«

Julies Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaute sich um.

»Wo?«

»In Sicherheit.«

»Das ist gut.« Es war einfach nur so dahin gesagt, denn was wirklich in den letzten Minuten geschehen war, das war irgendwie an ihm vorbeigegangen. Er war nur seiner Retterin gefolgt, die ihn auch nicht losgelassen hatte.

Jetzt erst kam er richtig zu sich. Er musste einige Male tief durchatmen, dann war er in der Lage, sich umzuschauen, doch er sah nicht viel.

Neben ihm parkte sein Wagen. Es war ein kleiner Fiat 500. Pechschwarz lackiert.

Den Kai sah er auch. Der aber lag jetzt weit zurück. Auch von den drei Hundesöhnen sah er nichts mehr, und so atmete er noch mal tief durch.

»Dann steig mal ein!«

Bruce Garner zuckte leicht zusammen, als er Julies Stimme hörte. An Julie hatte er in den letzten Sekunden nicht mehr gedacht, obwohl sie ihn aus einer gefährlichen Lage gerettet hatte. Aber der Gedanke daran bereitete ihm Probleme.

»Und dann?«, fragte er.

»Steig ein.«

»Und wenn ich nicht will?«

»Ha. Du bist zum Lachen.«

»Wieso?«

»Willst du, dass sie dich noch mal schnappen und dich dann richtig durch die Mangel drehen? So blöd kann man nicht sein. Ich kann nicht immer in deiner Nähe sein.«

»Das will ich auch nicht, verdammt.«

»Sei froh, dass es so ist. Und jetzt steig ein. Los, du fährst.«

Er überlegte noch und kam zu dem Schluss, dass es besser war, wenn er einstieg. Er wollte weg von hier, sodass er vor den Kerlen in Sicherheit war.

»Was ist?«

»Ja, schon gut.«

Bruce Garner stieg in den kleinen Fiat. Da er recht groß war, musste er den Kopf einziehen. Er rammte die Tür zu und schaute nach links, wo Julie in den Wagen kletterte und sich auf den Beifahrersitz setzte. Es vergingen ein paar Sekunden, dann lief der Motor des Wagens, und sie konnten starten.

»Wohin soll ich fahren?«

»Rate mal.«

»Dann hätte ich nicht fragen müssen.«

»Die Antwort ist simpel. Wir fahren zu dir …«

***

Bruce Garner wusste jetzt Bescheid, aber er wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Okay, in seiner Wohnung waren sie in Sicherheit. Sie lag in einem Hochhaus. Dort wohnten nur Studenten, denn es war extra für sie gebaut worden, und die Mieten waren auch bezahlbar. Nicht für jeden, aber schon für so viele Studenten, dass es Wartelisten gab.

Bruce Garner hatte vor einem Jahr eines dieser Apartments ergattern können. Ein Raum und eine Nasszelle. Das war alles. Darin musste er sich einrichten, was er auch schaffte. Er mochte die kleine Wohnung, alles war okay.

Und trotzdem war er nicht glücklich darüber, dass sie bei ihm bleiben wollte. Er mochte sie, aber sie hatte eine bestimmende Art, die in ihm manchmal ein Unwohlsein auslöste.

Julie Robbins war eine besondere Frau. Aber immer musste alles nach ihrer Nase gehen. Und das gefiel Bruce Garner ganz und gar nicht.

Er hatte Julie vor Kurzem in einem der düsteren Tanzschuppen kennengelernt, von denen es einige in London gab. Früher waren es Kinos gewesen oder Lagerhallen, aber auch eine Kirche war zu einer Gruftie-Disco umgewandelt worden.

Und in einem dieser Schuppen waren sie sich begegnet. Sie hatten sich sofort verstanden. Es war wunderbar gewesen zwischen ihnen, und sie hatten die Disco sehr bald verlassen, um woanders einen Drink zu nehmen.

Damit war die Nacht für Bruce beendet gewesen. Er hatte einen Blackout gehabt und war erst wieder erwacht, als er anfing zu frieren. Da hatte er auf einer Parkbank gesessen.

Gefehlt hatte ihm nichts, auch nicht die Erinnerung an die vergangene Nacht. Er hatte tolle Stunden erlebt, auch wenn es nicht bis zum Letzten gekommen war.

Und dann der Abschluss.

Dann war er auf der Parkbank aufgewacht.

Er fror und seine Gedanken verloren sich in der Erinnerung. Er versuchte auch, sich an den Namen seiner Bekanntschaft zu erinnern, und das fiel ihm schwer. Irgendwas mit Julie. Sie war richtig heiß gewesen, sie hatte ihn angemacht – oder eher war es umgekehrt der Fall gewesen.

Es war nichts passiert, abgesehen von einigen Kopfschmerzen, und wenn er recht darüber nachdachte, dann hatte er gar nicht so viel getrunken.

Trotzdem war er weggetreten. Seltsam.

Über seine Lippen huschte ein Lächeln, als er daran dachte. Seine Retterin sah es sehr wohl, gab aber keinen Kommentar ab und er fuhr weiter.

So stumm wollte er die Fahrt nicht ablaufen lassen.

»Habe ich mich eigentlich schon bei dir bedankt?«

»Das ist nicht nötig.«

»Doch, das will ich aber. Ohne dich wäre ich jetzt so was Ähnliches wie Fischfutter gewesen.«

»Glaubst du, dass sie so brutal sind?«

»Ja, das glaube ich. Sie wussten gut über mich Bescheid, was mir nicht passt. Aber ich bin ja nicht der einzige Mensch, den sie erpressen.«

»Wie meinst du das?«

»Sie sind auf der Uni gefürchtet wie die Pest. Ich weiß nicht, wie viele Personen von ihnen erpresst werden, aber wenige sind es nicht.«

»D

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