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John Sinclair - Folge 1809

Werwolf-Falle

Die Hütte befand sich mitten im Wald und in ihr stand ein großer Käfig, in dem eine junge Frau gefangen war. Ihr Name war Helene Schneider und sie war erst achtzehn Jahre alt.

Sie hatte ihre Hände um die Gitterstäbe gekrallt, starrte auf die weit offen stehende Tür in den Wald hinaus und wartete auf den Wolf …

Der Abend hätte in einer der so beliebten und momentan angesagten In-Kneipen enden können, aber Dagmar Hansen hatte einfach keine Lust, nach dem Job noch irgendwo hinzugehen, mochte die Lokalität auch noch so toll sein.

Sie konnte sich auch zu Hause in ihrer Wohnung einen gemütlichen Abend machen. Zudem war Harry Stahl, ihr Partner, zusammen mit seinem Freund und englischen Kollegen John Sinclair im Harz unterwegs. Sie wollten dort einen Fall aufklären, in dem es unter anderem um Vampire ging. Das hatte ihr Harry in einem Telefongespräch erzählt und ihr auch gesagt, dass er und John die Sache aus der Welt geschafft hatten, was Dagmar freute. Denn jetzt wusste sie, dass alles gut ausgegangen war, was man in Harrys Job nie so recht sagen konnte.

Die anderen Kollegen waren losgezogen, und sie hatte den Weg nach Hause eingeschlagen. Auf dieser Strecke befand sich auch ein Einkaufszentrum. Dagmar hielt an und kaufte noch ein paar Lebensmittel ein. Besonderen Wert legte sie auf Obst. Mandarinen und Bananen, aber auch ein paar Äpfel legte sie in ihren Korb. Am Abend wollte sie nicht viel essen. Ein paar Scampi anbraten, dazu einige Salatblätter, das reichte ihr aus.

Als Getränk setzte sie auf einen trockenen Weißwein. Bevor sie das Essen zubereitete, duschte die Frau mit den naturroten Haaren. Dabei dachte sie daran, dass ihr Partner Harry am nächsten Abend wieder bei ihr sein würde, und darauf freute sie sich.

Während sie das Essen zubereitete, schaute sie hin und wieder aus dem Fenster. Der Blick fiel bis in den Taunus, sie sah auch die Weinberge in der Nähe und freute sich darauf, wenn die Natur bald wieder erwachte und warme Sonnenstrahlen das Land streichelten.

Zu den Scampi gehörte auch Knoblauch und bei seinem Geruch weiteten sich ihre Nasenflügel. Sie mochte das gesunde Gewürz. Harry war nicht so ein Fan davon. Er brauchte es nicht so stark, aber Dagmar Hansen sah das ganz anders.

Den Salat zuzubereiten, das war eine Sache von Minuten. Die Weinflasche hatte sie schon geöffnet und sich ein Glas halb voll geschenkt. Sie blieb in der Küche, um zu essen. Für eine Person war es gemütlicher als im Esszimmer.

Während sie aß, schaute sie wieder gegen das Fenster. Sie hoffte, dass ihr Partner seinen Dienst in den nächsten Wochen in Wiesbaden verrichten konnte und nicht noch weiter quer durch die Republik fahren musste.

Die Scampi schmeckten. Der Knoblauch hatte ihnen genau den richtigen Geschmack gegeben. Auch der Salat war noch knackig frisch, und so konnte sie zufrieden sein.

Allerdings nur so lange, bis sich das Telefon meldete, was Dagmar mit einem Verziehen der Mundwinkel quittierte. Wer wollte denn noch etwas von ihr? Eigentlich konnte es nur Harry Stahl sein, und dieser Gedanke beherrschte sie auch, als sie den Hörer hochgenommen hatte und sich meldete.

Dann hörte sie die Männerstimme und wusste, dass es nicht Harry Stahl war.

»Guten Abend, Frau Hansen. Becker hier.«

»Ach ja?« Ihr schoss das Blut in den Kopf. Dieser Becker war einer von Harrys Vorgesetzten, und wenn er anrief, dann bedeutete das in der Regel nichts Gutes.

»Sie ahnen, um was es geht?«

»Ich kann es mir denken. Um Harry.«

»Ja.«

»Was ist mit ihm?«

»Bitte, Frau Hansen, Sie müssen sich keine Sorgen machen, Ihrem Mann geht es gut. Es ist nur so, dass er vielleicht noch ein oder zwei Tage bleiben wird.«

»Ach. Und warum?«

»Es geht um einen Fall, wobei wir nicht wissen, ob es ein Fall ist. Nicht weit vom Standort Ihres Partners entfernt soll ein Werwolf gesichtet worden sein.«

»Ähm – bitte?«

»Ja, ein Werwolf.«

Sie atmete schnaufend. »Aber das ist doch ein Witz – oder?«

»Ich weiß es nicht, Frau Hansen. Ihr Partner soll es herausfinden. Mehr nicht.«

Dagmar musste lachen. »Sie sind gut. Was heißt mehr nicht? Das ist ja wohl nicht normal. Und Sie sind sich nicht mal sicher, ob es ein Werwolf ist.«

»Ja.«

»Welche Beweise haben Sie überhaupt?«

»Aussagen.«

»Die nicht der Wahrheit entsprechen müssen.«

»Ja.«

»Und trotzdem setzen Sie einen Ihrer Leute darauf an?«

»Es gab noch andere Hinweise oder Beweise, Frau Hansen.«

»Ach? Und welche?«

»Blutige.« Er räusperte sich. »Die Kadaver von Tieren, die man fand.«

»Ja, und die hat ein Werwolf gerissen? Kein normales Tier? Ich finde, es kann ja auch ein Wolf gewesen sein. Nur ein Wolf, wenn Sie verstehen. Und Wölfe gibt es wieder in Deutschland. Das weiß man inzwischen.«

»Ja, das trifft zu. Aber dieser Wolf ist anders, laut Zeugenaussagen auch größer. Bisher hat er noch keinen Menschen angefallen, aber wehret den Anfängen.«

Dagmar Hansen musste lachen. »Es ist schon okay. Ich weiß ja, welchen Job mein Partner hat.«

»Danke, dass Sie es so sehen. Und ich wollte Ihnen nur Bescheid geben.«

»Klar, sehr nett.« Den Spott in ihrer Stimme hatte sie nicht unterdrücken können.

»Ja, dann darf ich Ihnen trotz allem noch einen schönen Abend wünschen.«

»Danke, Ihnen auch.«

Dagmar biss nicht in den Hörer, obwohl sie sauer war. Sie stellte den Apparat wieder auf die Station. Über ihre Lippen huschte ein schwaches Lächeln, als sie daran dachte, wie vorsichtig dieser Becker reagiert hatte. Sie kannte andere Zeiten, als man den Job ihres Partners recht verächtlich ansah und ihn auch nur von der Seite her ansah. Aber Harry hatte durch einige spektakuläre Erfolge bewiesen, dass er doch nicht so überflüssig war, und nun schickte man ihn sogar los, um herauszufinden, ob sich in den Wäldern des Harzes ein Werwolf herumtrieb.

Er würde dem Job nachkommen, das stand fest, und Dagmar hoffte, dass er es nicht allein tun musste und John Sinclair seinen Einsatz auch verlängerte.

Zum Glück hatte sie das Essen schon hinter sich. Es hätte ihr jetzt nicht mehr geschmeckt. Dafür trank sie einen doppelten Schluck Wein.

Der tat ihr gut.

Und dann meldete sich erneut das Telefon. Sie wusste durch den ersten Anrufer, dass es durchaus Harry Stahl sein konnte, der sich mit ihr in Verbindung setzen wollte.

Auf dem Display stand keine Nummer. Aber schon das erste Räuspern ließ darauf schließen, wer es war.

»Hallo, Harry.«

»Hi, Dagmar.«

»Und?«

»Tja.« Harry legte eine kurze Pause ein. »Ich muss dir etwas sagen, Schatz, und …«

»Ich weiß. Du kommst nicht sofort. Du bleibst noch im Harz, weil du einen Werwolf jagen musst.«

»Ja, hat Becker dich schon informiert?«

»Hat er.«

»Dann weißt du ja Bescheid. Aber ich bin nicht allein. John hat sich entschlossen, bei mir zu bleiben.«

»Wenigstens etwas. Aber mal im Ernst, Harry, glaubst du wirklich, dass dort ein Werwolf sein Unwesen treibt?«

»Ich weiß es nicht. Es kann sein. Wir müssen uns dabei auf Aussagen von Zeugen verlassen. Und schließlich sind ja die blutigen Kadaver gefunden worden.«

»Die hätte wohl auch ein normaler Wolf hinterlassen können.«

»Nein.«

»Wieso nicht?«

»Die Schnauze eines normalen Wolfes hat nicht diese Ausmaße. Das haben Spezialisten festgestellt. Deshalb ist man auch ein wenig irritiert.«

»Okay. Und wie lange könnte es dauern?«

»Keine Ahnung. Wir haben uns zwei Tage vorgenommen. Wenn die herum sind, verschwinden wir auch wieder. Egal, ob wir auf einen Werwolf gestoßen sind oder nicht.«

»Gut, das ist eingeloggt.«

»Und sonst? Wie geht es dir?«

Dagmar erzählte davon, dass sie es sich bei einem Glas Weißwein gemütlich gemacht hatte.

»Da könnte ich auch einen Schluck trinken.«

»Gönn dir ein Bier. Oder hast du Angst, dass du dann den Werwolf nicht mehr erkennen kannst?«

Harry lachte. »Mal schauen, wie der Hase läuft. Von John auch beste Grüße.«

»Ja, grüß bitte zurück.«

»Mach ich. Und gib auf dich acht, Dagmar.«

»Immer, wenn du zwischendurch was von dir hören lässt.«

»Ich werde mich bemühen.«

Damit war das Gespräch zwischen ihnen beendet. Sie stellte das Telefon wieder in die Station und lächelte etwas verloren. Wieder einmal hatte der Job eine tiefe Kerbe in ihr Privatleben geschlagen, aber das würde wohl immer so bleiben, solange sie aktiv waren.

***

Helene Schneider fror. Man hatte ihr zwar zwei dicke Decken gegeben, und trotzdem war die Kälte nicht abzuschütteln. Sie kam nicht nur von außen, sondern auch von innen, und so wusste sie nicht, wie sie die Kälte vertreiben konnte. Sie saß in einem Sessel, der praktisch der Mittelpunkt des Käfigs war. Dort hockte sie wie auf dem Präsentierteller. Sie bekam ihre regelmäßige Nahrung, konnte sich auch im Haus waschen und dort zur Toilette gehen, aber dann wurde sie wieder in den Käfig gesperrt.

Was man von ihr wollte, hatte man ihr nicht gesagt. Sie war entführt worden, als sie ihre Arbeitsstelle verlassen hatte. An einem dunklen Abend hatte sie die Tourist-Information verlassen, war zu ihrem Fahrrad gegangen und nicht mehr dazu gekommen, sich in den Sattel zu schwingen, denn aus dem Dunkel war eine Gestalt erschienen, hatte sie gepackt und zu Boden gezwungen. Zugleich war ihr ein stinkender Lappen auf den Mund gedrückt worden. Der Lappen war mit einem Betäubungsmittel getränkt gewesen.

Das hatte ausgereicht, um sie für einige Zeit außer Gefecht zu setzen.

Nach dem Erwachen hatte sie sich in dieser fremden Umgebung in einer Hütte wiedergefunden.

Wenn sie durch die offene Tür schaute, dann sah sie einige Bäume, aber keine anderen Häuser mehr. Und so kam ihr in den Sinn, dass sich die Blockhütte mit dem Käfig in einem einsamen Wald befand.

So sahen die Dinge also aus. Nicht gut für sie, obwohl man sie immer gut behandelt hatte.

Natürlich hatte sie um Hilfe gerufen, aber sie war nicht gehört worden. Oder aber man hatte sie nicht hören wollen. Sie dachte daran, dass man sie vermissen und einen Suchtrupp ausschicken würde. Sie glaubte nicht, dass man sie sehr weit weggeschleppt hatte, denn die Wälder wuchsen bis dicht an die Orte heran. Sie begrünten die Hügel des Mittelgebirges, sorgten für saubere Luft und waren auch Erholungsgebiete für Menschen.

Und in einem dieser Wälder steckte sie. Die Hütte selbst hatte sie vor ihrer Entführung noch nie gesehen, und jetzt war sie schon seit zwei Tagen und zwei Nächten eine Gefangene.

Warum?

Sie hatte keine Antwort, obwohl sie zahlreiche Fragen gestellt hatte. Unter Bewachung war sie aus dem Käfig in das Haus geführt worden und hatte sich duschen können, danach war es wieder zurück in ihren Käfig gegangen. Und stets war sie dabei von einem Mann bewacht worden, der sein Gesicht nicht zeigte. Er hatte es unter einer Kapuze verborgen.

Immer wenn sie sich sahen, hatte der Entführer ihr ein ungewöhnliches Versprechen gegeben.

»Bald ist es so weit. Bald …«

Und sie hatte jedes Mal nachgehakt. »Was ist denn so weit, verdammt noch mal?«

»Du wirst es sehen, und du wirst es erleben.«

Das hatte sich nicht eben positiv angehört.

Sie hätte sich auch auf die Couch legen können, die innerhalb des Käfigs stand. Aber so schnell konnte sie keinen Schlaf finden. Sie hatte auch keine Lust zu lesen. Sie wollte einfach nur frei sein und wartete darauf, dass dies eintrat.

Zuerst war sie noch sehr optimistisch gewesen, aber das hatte sich gegeben. Auch wenn ihr noch kein Leid zugefügt worden war, die Angst steckte tief in ihr.

Immer wieder kam es zu kleinen Anfällen. Da fing sie an zu zittern und die Furcht trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Das verging wieder, und dann fiel sie in einen fast apathischen Zustand. Sie konnte nichts dagegen machen, es war einfach so.

Als der vorbei war, schrie sie.

Aber es hörte sie niemand.

Dabei blieb es.

Sie bekam Besuch von dem Kapuzenmann und stellte ihm die gleichen Fragen wie zuvor.

»Wie geht es mit mir weiter? Was habt ihr mit mir vor?«

»Ihr?«

»Ja.«

»Ich bin allein. Ganz allein, aber nicht mehr lange werde ich allein sein. In dieser Nacht wird sich etwas ändern.«

»Auch für mich?«

»Fast nur für dich.«

»Und was wird es sein?«

»Überraschung«, flüsterte der Maskierte. »Eine ganz große Überraschung, das verspreche ich dir …«

Dann war er gegangen.

Sie war zurück geblieben, ein hübsches Ding mit blonden Haaren, das trotz der Gefangenschaft noch gepflegt aussah. Helene war gerade mal achtzehn Jahre alt und das ganze Leben lag noch vor ihr …

Die Nacht würde kommen, das stimmte, und dann würde sich ihr Schicksal erfüllen.

Das wollte sie auf keinen Fall. Ihre Gedanken drehten sich um Vergewaltigungen und andere schlimme Dinge, die dafür sorgten, dass sie nicht einschlafen konnte.

Nach draußen sah sie nicht mehr. Der Typ hatte die Tür nach seinem letzten Besuch geschlossen, und um durch die Fenster schauen zu können, war ihr Blickwinkel zu schlecht.

Es war Januar. Es roch nach Schnee und Kälte, aber es war noch keine weiße Pracht gefallen. Nur viel Regen hatte es gegeben, und in der Hütte, in der sie lag, gab es keine Heizung.

Sich nur hinzusetzen oder hinzulegen, das hatte keinen Sinn. Sie musste in Bewegung bleiben und durfte nicht einrosten. Es ging ihr ja nicht schlecht, und die junge Frau dachte daran, dass sie sich auch wehren konnte.

Das würde sie tun.

Sie würde sich zur Wehr setzen, denn so leicht wollte sie es ihrem Entführer nicht machen.

Mit diesem Gedanken setzte sie sich wieder hin und schaute durch das Fenster.

Dahinter lauerte der Abend. Es war finster wie in einer Tropennacht. Sie sah keinen Baum, sie hörte auch nichts und hatte bald das Gefühl, völlig allein in diesem Wald zu sein. Was jedoch nicht stimmte. Sie war nicht allein, ganz und gar nicht. Es gab die Tiere des Waldes, die, wenn sie nicht schliefen, unterwegs waren. Das hatte Helene bereits bemerkt, denn die Tiere waren bis dicht an die Hütte und an die Tür gekommen.

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