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John Sinclair - Folge 1808

Die Vorhölle

(2. Teil)

Der eine Mann hieß Paul, der andere Peter. Sie waren nicht nur Brüder, sondern auch Zwillinge, und sie waren durch Handschellen miteinander verbunden. Beide saßen im Rückraum eines Leichenwagens. Der stand auf einer Straße, auf der auch der Opel Insignia parkte, der einem der beiden Polizisten gehörte. Inzwischen war noch ein dritter Wagen eingetroffen, der etwas abseits von ihnen angehalten hatte. Wer darin saß, war nicht zu erkennen …

Der Leichenwagen stand so, dass Peter und Paul das Haus sehen konnten.

Dort spielte die Musik, bei der sie gern mitgemischt hätten. Durch die Handschellen war das nicht möglich, und so blieb ihnen nur das Zuschauen.

Sie hätten das Fahrzeug auch verlassen können, aber das kam ihnen nicht in den Sinn. Im Leichenwagen fühlten sie sich geschützter.

»Das sieht alles nicht gut aus. Was tun wir?«, fragte Paul.

Peter lachte. »Wir? Wir tun gar nichts. Wir haben doch kein Problem mit der Situation. Wir sind nur Mitläufer und keine Blutsauger oder so ähnlich.«

»Ich würde den Bullen am liebsten den Hals umdrehen.«

Peter lachte wieder, als er Paul das sagen hörte. »Lass das lieber. Bleib sauber.«

»Dabei ist der eine nicht mal Deutscher.«

»Stimmt. Er ist Engländer. Man muss eben heutzutage europäisch denken. Meinetwegen kann er mit seinem Kollegen und dem Chef vorerst im Haus bleiben.«

Paul blies die Luft aus. Dann sagte er: »Na ja, man kann es drehen und wenden, wie man will. Ich frage mich nur, was mit dem Wagen ist, der dort drüben steht.«

»Keine Ahnung.«

Paul sprach weiter. »Der ist günstig zum Haus hin geparkt worden. Wer darin sitzt, kann genau sehen, wer ins Haus geht und kann auch das Haus gut beobachten. Ein idealer Standplatz. Das kann noch Ärger geben.«

»Für uns aber nicht.«

»Das hoffe ich.«

Peter reckte sich. Er wollte jetzt noch mehr entdecken, was nicht möglich war. Es war nicht mal zu sehen, wie viele Menschen in dem Wagen saßen. Jedenfalls war es kein kleines Fahrzeug. Von der Größe her erinnerte es an eine Mercedes-Limousine.

Das Auto stand schon einige Minuten auf der Stelle. Getan hatte sich nichts. Das galt auch für den nahen Außenbereich des Hauses, der für die beiden Männer ebenfalls interessant war.

»Da wäre ja noch jemand«, sagte Paul.

»Wen meinst du?«

»Die Vampirin.«

Peter pfiff durch die Zähne. Mit seiner freien Handfläche strich er über seinen kahlen Kopf. »Verdammt, die habe ich ganz vergessen. Freundin Larissa.«

»Genau.«

»Das kann spannend werden.«

»Wie meinst du?«

»Wenn sie hier auftaucht.«

Beide Brüder schwiegen und dachten nach. Bis Paul fragte: »Meinst du denn, dass sie hier erscheint?«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Und dann?«

»Wird sie sich Blut holen. Das wird ihr nicht mehr gebracht, jetzt muss sie sich selbst darum kümmern.«

»Gar nicht schlecht gedacht.«

»Du sagst es Bruder.«

Es trat wieder eine Pause ein. Beide Männer dachten über die Blutsaugerin nach, die sie erwähnt hatten. Sie waren so abgelenkt, dass sie auch nicht mehr an den dritten Wagen dachten, der in der Nähe parkte.

Dort öffneten sich die beiden vorderen Türen. Licht fiel nicht ins Freie, dafür hatten die Männer gesorgt. Sie hatten sich aus dem Wagen geschoben und richteten sich jetzt auf, wobei ihr Blick in alle Richtungen glitt.

Erst als die Tür der Limousine ins Schloss schnappte, wurden die Brüder aufmerksam, und sie hielten die anderen Typen jetzt genau unter Kontrolle.

»Da stimmt doch was nicht«, sagte Paul. »So verhält sich kein normaler Mensch.«

»Richtig. Aber wie Einbrecher sehen sie mir auch nicht aus.«

»Stimmt auch wieder. Keine Einbrecher. Das sind eher Typen, die kommen, um sich etwas zu holen. Oder abzurechnen. So muss man das Ganze sehen, finde ich.«

Peter stieß scharf die Luft aus. »Da bleibt doch nur eine Möglichkeit.«

»Und welche?«

»Mafia.«

Paul sagte erst mal nichts, dachte nach und deutete so etwas wie ein Nicken an. »Ja, Erwin Schwarz ist ein Bestatter, und der passt zur Mafia. Wenn jemand Leichen verschwinden lassen kann, dann er. Der kann zwei Tote in einen Sarg packen. Kein Mensch merkt was, wenn sie in der Erde verschwinden.«

»Genau.« Peter kicherte. »Und ausgerechnet jetzt hat der Bestatter Besuch von den Bullen.« Er rieb seine Hände. »Das kann ein großer Spaß werden.«

»Abwarten.«

Die Männer waren drei Schritte gegangen, blieben aber plötzlich wieder stehen. Den Grund sahen die beiden Beobachter nicht, aber es passierte wenig später schon etwas.

Sie sahen, wie sich die Arme der Männer bewegten. Irgendetwas rutschte in ihre Hände. Noch war nicht zu sehen, was sie da festhielten, nach einer leichten Drehung aber war alles klar.

Da sahen sie, was die beiden hervorgeholt hatten. Waffen! Zwei kurzläufige Maschinenpistolen, die bestimmt keine Spielzeuge waren. Sie nickten sich zu. Dann gingen sie wieder los. Diesmal hielten sie die Waffen schussbereit.

Ihr Ziel war und blieb nach wie vor das Haus, auf dessen Eingang sie direkt zuliefen. Noch war die Tür geschlossen, aber das blieb nicht so. Sie wurde geöffnet, und in dem aus dem Haus fallenden Licht erschien die Gestalt eines Mannes.

Es war Erwin Schwarz, der Bestatter.

Warum er das Haus verlassen hatte, wussten die Zeugen nicht. Aber sie sahen, dass die andere Seite kein Pardon kannte. Die beiden Männer aus dem Auto blieben stehen und hoben die Waffen nur um eine Idee an.

Dann schossen sie!

***

Harry Stahl und ich standen im Haus. Wir schauten durch die offene Eingangstür nach draußen. Wir sahen auch den Bestatter, der die ersten Schritte ging, und dann fielen die Schüsse.

Die Männer hatten wir kaum gesehen. Sie waren wie Schatten in der Dunkelheit, aber die Mündungslichter wirkten wie kaltes Feuer, in das wir hineinschauten.

Das Geschehen spielte sich jetzt vor uns ab und nicht bei uns. Einen Schrei hörten wir nicht, aber wir sahen, dass Erwin Schwarz einen Tanz aufführte, den er bestimmt nicht gewollt hatte. Die in seinen Körper einschlagenden Kugeln ließen ihn diesen grausamen Tanz aufführen, der ebenso schnell aufhörte, wie er begonnen hatte. Da blieb Schwarz auf der Stelle liegen und rührte sich nicht mehr.

Für uns stand fest, dass er tot war.

Mein Gott, welch ein Überfall!

Da hatten wir gedacht, einen Vampir zu jagen, was auch teilweise geschehen war, und jetzt gerieten wir in einen grausamen Mord. Harry und ich hatten das Glück gehabt, im Haus geblieben zu sein. Wir waren nur beide in Deckung gegangen. Man konnte uns von draußen nicht sehen. Im großzügigen Eingangsbereich hockten wir hinter zwei Sesseln in Deckung. Sie standen so günstig, dass wir an ihnen vorbei nach draußen schauen konnten.

»Das ist doch der reine Wahnsinn, John. Das kann doch nicht wahr sein.«

»Ist es aber.«

»Und jetzt?«

»Werden wir abwarten müssen. Ich denke, dass die beiden Killer ins Haus kommen werden.«

»Und wir haben mit einem weiblichen Vampir gerechnet.«

»So kann man sich täuschen, Harry.«

»Aber das eine wird das andere nicht ausschließen, denke ich.«

»Möglich.«

Wir waren jetzt still, weil die beiden Killer den toten Bestatter erreicht hatten. Einer blieb stehen und beobachtete die Umgebung. Seine Maschinenpistole hielt er in der rechten Hand und so, dass die Mündung nach oben zeigte.

Sein Kumpan kümmerte sich um den Toten. Er blieb nicht lange in seiner knienden Haltung. Er kam hoch, nickte und deutete dabei auf den leblosen Körper.

»Der ist hin.«

»War auch kein Problem.«

»Machen wir Schluss?«

»Nein, warum? Wir sollten uns noch im Haus umschauen. Ein kurzer Rundgang kann nicht schaden. Für ihn sollen doch diese komischen Zwillinge arbeiten.«

»Ja, die Glatzköpfe.«

»Denkst du, dass sie Zeugen sind?«

»Wir sollten auf jeden Fall auf Nummer sicher gehen. Ich will keine bösen Überraschungen erleben.«

»Okay, dann schauen wir nach.«

Bis jetzt hatten sich die beiden Killer nicht von der Stelle gerührt. Das änderte sich jetzt. Mit schussbereiten Waffen kamen sie auf die offene Tür zu und würden uns schon nach kurzer Zeit erreicht haben.

Wir waren abgetaucht. Durch eine Seitentür waren wir in einen Flur gelangt, der dort endete, wo die Arbeitsräume des Bestatters lagen. Da wollten wir vorerst bleiben.

Wir schauten uns an. Keiner von uns hatte eine Idee, wie es weitergehen sollte. Wenigstens waren wir hier in Sicherheit, aber die war mehr als trügerisch.

Der Gang war leer. Helle Späne lagen auf dem Boden, und es roch nach frischem Holz. Licht brannte ebenfalls. Es war ein nur schwaches Leuchten, das von einem schlangenähnlichen Gebilde unter der Decke abgegeben wurde.

Harry nickte, als er mich ansprach. »Hier können wir nicht bleiben, John.«

»Ich weiß.«

»Wohin? Hast du eine Idee?«

»Ich denke schon«, presste ich hervor. »Das hier ist ein Anbau.«

»Seine Werkstatt?«

»Auch.«

»Und weiter?«

»Ich war schon mal hier. Hier hat man mich überwältigt.«

»Ach, die Glatzköpfe?«

»Genau. Aber nicht hier im Flur, sondern in einem Raum, in dem gearbeitet wird und in dem auch fertige oder halb fertige Särge stehen.«

»Verstehe.«

»Jetzt müssen wir nur noch die Tür finden.«

»Okay, und was haben wir davon?«

»Mehr Platz. In der Werkstatt können wir uns verstecken und auf sie warten. Ich denke schon, dass sie kommen werden, denn sie werden wissen wollen, ob sich noch jemand im Haus aufhält.«

»Und wer sind sie?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Da muss ich leider passen. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass sie aus einer bestimmten Richtung stammen.«

»Dann bleibt es bei der Mafia?«

»Genau. Und die kann keine Zeugen gebrauchen.«

Harry Stahl nickte und verzog zugleich den Mund. »Das ist alles verdammt schlimm«, sagte er. Für einen Moment war er abgelenkt. »Wir haben in unserem Land schon oft mit der Mafia Ärger gehabt. In der letzten Zeit hat es einige Schießereien gegeben. Dies hier ist ein Land, in dem sich die Organisationen tummeln. Egal, aus welcher Familie sie stammen, sie sind alle da und bekriegen sich untereinander.«

»Ob Schwarz auch dazugehört hat?«

Harry wiegte den Kopf. »Das ist schwer zu sagen«, gab er leise zurück. »Ich würde sagen, nicht direkt, aber er kann für sie gearbeitet haben und hat möglicherweise einen Fehler begangen, dem sie ihm jetzt heimgezahlt haben.«

Ich überlegte. »Ja, das ist möglich.«

»Und ausgerechnet jetzt haben sie zugeschlagen.« Harry schüttelte den Kopf. »Das ist wirklich zum Kotzen.«

»Man kann es sich nicht aussuchen.«

»Und jetzt verschwinden wir und rufen die Kollegen an, damit sie so schnell wie möglich herkommen und die Bande festnehmen.«

»Nein, das werden wir nicht machen.«

»Ach? Und warum nicht?«

»Möchtest du das Leben der Kollegen riskieren? Du weißt doch genau, wenn die hier erscheinen, werden sich die Killer wehren und dann kann es ein Blutbad geben.«

»Meinst du?«

»Sicher. Und wenn du ein SEK kommen lassen willst, dauert das seine Zeit, bis die Jungs hier sind.«

Harry nickte. »Dann machen wir es wohl alleine.«

»Das sehe ich auch so.«

Die beiden Mörder wollte ich nicht so ohne Weiteres entkommen lassen. Ich wollte, dass sie für diese schlimme Tat bestraft wurden.

Wir mussten uns darauf einrichten, dass sie das ganze Haus durchsuchen würden. Bei dem bewohnten Teil würde das recht schnell gehen, und ich glaubte nicht, dass sie vor der Werkstatt haltmachen würden.

»Gibt es denn hier auch einen Ausgang?«, fragte Harry.

Ich nickte ihm zu. »Wir können sogar recht bequem verschwinden, wenn es sein muss.«

»Aber das willst du nicht.«

»Genau.«

»Du willst sie stellen.«

»Richtig.«

Harry zog seine Augenbrauen hoch. »Hier und nicht draußen? Wir könnten dort warten, bis sie das Haus wieder verlassen. Wäre ein Vorschlag von mir.«

»Und nicht mal ein schlechter.«

»Dann sollten wir uns entscheiden. Und zwar recht schnell.«

Das brauchten wir nicht mehr, denn bevor wir eine Entscheidung treffen konnten, hörten wir eine Stimme, und einen Moment später öffnete sich eine Tür.

Wir waren schon unterwegs. Und zwar zu einer anderen Tür, und es war unser Glück, dass die beiden es nicht so eilig hatten und noch zurückblieben. So konnten wir in einen anderen Raum hineinhuschen und befanden uns wirklich in der Werkstatt, die als Schreinerei eingerichtet worden war.

Wir blieben im Dunkeln stehen und suchten auch nicht erst nach einem Lichtschalter. Stockfinster war es nicht, denn als sich unsere Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, da sahen wir, dass die Umgebung nicht leer war. Durch zwei Fenster sickerte fahles Nachtlicht, das uns gut tat, sodass wir uns jetzt besser orientieren konnten. Ohne uns abgesprochen zu haben, suchten wir das Gleiche. Ein gutes Versteck, von dem aus wir agieren konnten, denn wir gingen davon aus, dass die Mörder kommen würden.

Ich kannte mich hier schon etwas aus, und deshalb ließ mir Harry den Vortritt. Meine Erinnerung beschäftigte sich mit einem bestimmten Ort hier in der Werkstatt. Es war die Abteilung, in der die Särge standen. Manche waren schon fertig, andere mussten noch geschliffen und lackiert werden.

Ich erklärte Harry in kurzen Worten, was ich vorhatte.

Er war sofort dafür und überließ mir den Vortritt. Ich führte ihn dorthin, wo die Särge standen.

Da wir noch allein waren, riskierte ich es, meine Leuchte kurz einzuschalten. Die hochkant stehenden Särge fielen sofort ins Auge, und wir sahen auch den Umriss einer Tür. Was dahinter lag, wussten wir nicht, aber ich wollte es wissen und zog die Tür auf.

Ein Lager für Werkzeuge tat sich auf.

»Geh du da rein, Harry!«

»Und du?«

»Ich bleibe zwischen den Särgen. Die geben mir Schutz genug. Einige stehen wirklich perfekt.«

»Das ist doch ein zu hohes Risiko.«

»Nicht, wenn du mitspielst.«

»Und was verlangst du von mir?«

...

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