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John Sinclair - Folge 1807

Larissas Blut-Party

(1. Teil)

Würden Sie sich darauf freuen, einen Totenwald zu besuchen? Es würde wohl mehrere Meinungen darüber geben. Die einen würden ihn als einen Spazierweg betrachten für sich und ihre Hunde, andere Leute wiederum würden den Wald als bedrückend empfinden.

So auch mein Freund Harry Stahl, obwohl wir den Wald noch nicht betreten hatten. Er hatte nur davon gesprochen. Wir standen am Rand des Parkplatzes, auf dem Harry seinen Opel abgestellt hatte. Andere Wagen standen hier nicht. Es war einfach ein zu mieses Wetter. Warm im Winter, dazu Regen und so tief hängende Wolken, dass sie manchmal wie Nebelbänke erschienen …

»Der Wald hier ist nichts für mich«, erklärte Harry.

»Er sieht auch nicht gut aus. Warte ab, wenn erst mal Blätter an den Zweigen hängen, dann …«

»Mag ich ihn trotzdem nicht.«

»Okay. Und warum nicht?«

»Mich stört das, was in seinem Boden liegt.«

Aha, denn damit waren wir beim Thema. Dieser Wald war eben ein Wald der Toten. Man konnte ihn auch als einen Begräbniswald bezeichnen. Er war jedoch kein Gelände für Gräber, in denen Leichen lagen, nein, man hatte hier die Asche von Toten vergraben. Unter den Bäumen lag das graue Material. Vier Tote um je einen Baum herum. Das rechnete sich gut. Das war normal, wie ich von Harry Stahl gehört hatte.

Es gab diese Begräbniswälder, und sie wären für mich auch nicht interessant gewesen, hätte Harry Stahl nicht von einer besonderen Asche gesprochen, die hier ihren Platz gefunden hatte. Eine Asche, die zu bestimmten Wesen gehörte.

Zu Vampiren!

Um sie ging es also. Es war im Prinzip harmlos. Aber irgendetwas ging von ihr aus. Es konnte eine Lockung sein, denn laut Harry Stahl sollte der Wald hin und wieder Besuch von echten Vampiren bekommen. So hatten es einige Zeugen ausgesagt.

Da sich unter ihnen auch ein hoher Polizeibeamter befand, war dessen Aussage sofort weitergeleitet worden. So hatte sie auch Harry Stahl erreicht, den Mann, der sich um Fälle kümmern musste, die aus dem Raster fielen, wie man es vornehm umschrieb.

Harry hatte recherchiert, in der Umgebung Fragen gestellt, aber er war bei den Leuten hier nur auf Ablehnung gestoßen. Keiner wollte etwas damit zu tun haben. Einmal hatte man ihn sogar durch Hunde von einem Hof gejagt.

Es schien also doch etwas dran zu sein, was die Vampire anging, und mehr aus Spaß hatte Harry mich bei einem Neujahrsanruf gefragt, ob ich Zeit hätte, um ihn bei einem Fall zu unterstützen.

Nun ja, ich hatte Zeit. Die Feiertage lagen hinter mir, der letzte Fall war auch gegessen, denn die Höllenaxt würde keinen Kopf mehr abschlagen, und so hatte ich in aller Ruhe nach Deutschland fliegen können, um mal wieder mit Harry Stahl zusammen zu sein. Wir hatten uns lange Zeit nicht gesehen, und so freuten wir uns auf das Wiedersehen, auch wenn der Grund nicht ganz normal war.

Wir standen noch immer auf dem Parkplatz und beobachteten den Wald. Zu sehen war niemand. Es war auch keiner gekommen, um durch den Wald zu joggen, alles blieb zurück und nur die graue Pampe schwebte am Himmel, die einfach nicht weichen wollte.

»Es ist keiner gekommen, Harry. Auch kein Vampir.«

»Das weiß ich.«

»Dann sollten wir darüber nachdenken, ob es sich lohnt, hier noch weiter zu warten.«

»Ja, schon gut. Es ist ja auch dumm gelaufen. Ich habe mich auf die Aussagen gewisser Leute verlassen, die davon ausgegangen sind, dass es hier Vampire gibt, aber wir scheinen Pech zu haben.«

»Nun ja, was nicht ist, kann ja noch werden.«

»Meinst du?«

Ich stieß ihn an. »Klar, und wir können uns mal innerhalb des Waldes umschauen.«

»Ja, ein Spaziergang durch die Natur tut immer gut.«

»Du sagst es, Harry.« Ich grinste breit und setzte mich in Bewegung. Ein paar Schritte musste ich gehen, dann hatte ich die ersten Bäume erreicht. Jetzt war auch der Weg zu sehen, der in den Wald hineinführte.

Ich warf einen letzten Blick zum Himmel. Es war kaum zu glauben, dass wir Tag hatten. Das Grau der Dämmerung lag überall. Es füllte jede Lücke im Wald aus, als wäre der düstere Himmel ausgekippt worden wie eine Waschschüssel.

Harry ging etwas schneller und erreichte mich. Vor seinen Lippen dampfte es, als er sprach.

»Ich werde dir jetzt die Bäume zeigen, um die herum die Asche der Toten begraben wurde.«

»In welcher Entfernung?«, fragte ich.

Harry musste lachen. »In gar keiner«, sagte er. »Die Asche wird direkt am Baum in der Erde versenkt. Ein Baum hat vier Seiten, also kann man vier Löcher graben und die Asche darin verteilen. Und die Stadt kann mehrmals Geld dafür kassieren. Und nach einigen Jahren können diese Gräber wieder benutzt werden. Der Totenwald ist eine sprudelnde Geldquelle.«

»Ja, das weiß ich jetzt auch.«

»Komm mit.«

Diesmal ging Harry Stahl vor. Er blieb schon nach wenigen Schritten wieder stehen und deutete auf einen Stamm, der recht kräftig aussah. So musste wohl ein perfekter Baum für eine Beerdigung aussehen. »Da, schau mal hin.«

Das tat ich auch und blickte auf eine bestimmte Stelle am Stamm. Dort blinkte etwas. Es war eine kleine silbrige Platte, auf der eine Zahl stand.

»Kannst du sie lesen?«

»Ja, mit Mühe. Die Vierzehn.«

»Genau. Baum vierzehn. Hier liegen die Aschereste von vier Menschen. Es gibt genügend Angehörige, die den Besuch des Waldes mit einem Spaziergang zum Baum verbinden. Andere gehen zum Grab, die hier eben zum Baum.«

Ich schaute an ihm hoch und sah das kahle Geäst über mir, wobei manche Zweige aussahen wie Greifarme, die sich jeden Augenblick auf mich stürzen wollten.

Das taten sie nicht, aber viel Interessantes konnte ich diesem Platz auch nicht entnehmen.

»Und weiter?«, fragte ich.

»Das war alles.«

Ich musste lachen. »Wirklich?«

»Na ja, für den normalen Spaziergänger.«

»Die wir nicht sind.«

»Eben.«

»Was sind wir dann?« Ich stieß Harry an. »Du hast mich hergeholt, Harry.«

»Weiß ich.«

»Wann kommen die harten Sachen?«

»Gar nicht.«

»Das enttäuscht mich.«

»Ich weiß doch nicht, wo die verdammte Vampirasche begraben wurde.«

»Aber du glaubst, dass es sie hier gibt.«

»Ja. Und noch mehr. Denk mal daran, was ich dir über die Leute erzählt habe. Wie komisch sie sich benommen haben. Das kann nur durch die Vampirangst kommen.«

»Wenn man ihnen glaubt.«

»Ich jedenfalls denke, dass etwas Wahres an den Aussagen ist. Hier läuft etwas ab, das sich immer mehr intensiviert und uns auch etwas angehen sollte.«

»Ist aber bisher Theorie.«

»Weiß ich. Ich will trotzdem nicht aufgeben.«

»Glaubst du denn den Leuten?«

»Du meinst den Zeugen?«

»Ja, denen aus der Umgebung.«

»Vorerst. Es kann aber noch schlimmer kommen. Und deshalb will ich schon den Anfängen einen Riegel vorschieben.«

»Wieso?«

Harry blieb stehen. »Ich hörte, dass hier im Wald auch Partys stattfinden sollen. Da kann man ja nur von Vampir-Partys sprechen, bei denen sie sich ihr Blut holen.«

»He, du gehst noch einen Schritt weiter?«

»Ja, ich rechne einfach mit allem, weil ich mittlerweile glaube, dass alles möglich ist!«

»Partys«, murmelte ich.

»Ja, du hast dich nicht verhört.«

»Mit Vampiren, durch Vampire und hier im Wald, wo auch noch Vampire in der Erde liegen?«

»Genau, John.«

Ich fragte: »Dir ist wirklich nicht bekannt, wo die Asche der Blutsauger liegt? Unter welchen Bäumen …«

»Nein, das weiß ich nicht.«

»Schade.«

»Es hätte uns nichts gebracht.« Harry winkte ab. »Asche ist Asche. Hier wirst du kein Grab sehen, das von unten her aufgewühlt worden ist. So einfach ist das nicht.«

»Gibt es überhaupt hier in der Nähe einen normalen Friedhof?«, wollte ich wissen.

»Bestimmt gibt es einen. Nur habe ich keinen gesehen.«

»Okay.« So sehr ich mir auch Mühe gab, ich kam einfach nicht dahinter, was hier gespielt wurde und was wir hier sollten. Eine Gefahr spürte ich nicht, auch mein Kreuz hatte sich nicht gemeldet. Angeblich ging es um Vampire, aber ich hatte keine Blutsauger gesehen und eine Justine Cavallo erst recht nicht. Sie war ja so etwas wie eine Königin der Blutsauger.

Harry hob die Schultern. Ihm gefiel das alles auch nicht. Zum Glück regnete es nicht mehr. Wir konnten unseren Weg über den feuchten Boden fortsetzen und gerieten tiefer in den Wald hinein. Hier standen die Bäume enger beisammen. Hin und wieder sah ich das Blinken einer Zahl. Nicht alle Bäume waren für die Begräbnisse ausgesucht worden. Es gab noch genügend freie.

Dann wurde die Welt lichter. Größere Lücken gab es zwischen den Bäumen. Die Sicht wurde freier, und das nutzte ich aus. Ich schaute weiterhin nach vorn und sah die Häuser einer Ortschaft in diesem leicht welligen Land. Der Kirchturm stach besonders hervor, aber das Läuten einer Glocke war nicht zu hören.

Harry Stahl trat neben mich. »Die Leute, die dort wohnen, wissen auch Bescheid.«

»Meinst du über den Wald?«

»Ja.«

»Und weiter?«

»Wie meinst du?«

»Haben Sie dir helfen können?«

»Nein, John, weil sie nicht wollten. Es tut mir leid. Ich habe mir deinen Besuch auch anders vorgestellt, aber man kann nicht immer Glück haben.«

»Hast du darauf gehofft, dass uns ein Vampir vor die Füße läuft?«

»Ja, wenn ich ehrlich sein soll.«

Ich drehte mich weg. »Kann sein, dass wir einen falschen Zeitpunkt erwählt haben. Dann müssen wir eben noch mal zurückkehren. Vielleicht bei Dunkelheit. Es kann ja sein, dass es dem einen oder anderen Vampir noch zu hell ist.«

»Ja, das ist auch drin.«

»Dann würde ich jetzt gern eine Kleinigkeit essen. Da drüben gibt es doch einen Gasthof?«

»Keine Sorge, du wirst schon nicht verhungern.«

Wir machten uns auf den Rückweg. Erneut schluckte uns der Wald, und die tiefe Stille umgab uns. Es passierte nichts. Nur unsere Schritte waren zu hören, bis wir dann einen Knall hörten.

In dieser Stille schraken wir schon zusammen, weil wir nicht damit gerechnet hatten. Als wäre er aus einer anderen Welt gekommen.

Harry schaute mich an. »Was war das?«

»Keine Ahnung.«

»Ein Schuss jedenfalls nicht.«

»Stimmt. Eher das Zuschlagen einer Autotür. Denk daran, das Geräusch kam aus Richtung Parkplatz.«

»Okay. Schauen wir uns mal um.«

Ich musste lächeln, als ich den Eifer meines deutschen Freundes erlebte. Er war wieder voll dabei. Die Vampire hatten ihn nicht losgelassen, obwohl es keine Beweise dafür gab, dass sie hier wirklich ihr Unwesen trieben.

Wir hatten auf dem Hinweg so etwas wie einen Weg entdeckt. Und den nahmen wir auch wieder zurück. Aber wir gingen auch jetzt nicht schnell und achteten auf fremde Geräusche.

Harry Stahl besonders. Er schien davon überzeugt zu sein, dass wir nicht mehr allein im Wald waren. Wenn das so war und wenn jemand keinen Bock darauf hatte, von uns entdeckt zu werden, dann war dies hier möglich, denn es wurde immer dunkler.

Und wieder war etwas zu hören.

Ein Auto, das gestartet wurde und vom Parkplatz wegfuhr, mehr geschah nicht.

»Dann ist der Typ verschwunden«, meinte Harry.

»Welcher Typ?«

»Der den Wagen gefahren hat.«

»Das ganz sicher.«

»Und er hat vielleicht einen hergebracht, damit der sich im Wald umschaut.«

»Dann sollten wir ihn schnell finden, denn es dauert nicht lange, dann kommt die Dämmerung.«

»Stimmt auch.«

»Was kann er denn hier suchen?«

»Eigentlich geht es nur um die Asche. Man kann auch von unheiliger Erde sprechen, wenn dir das besser gefällt.«

»Ja, das ist der richtige Ausdruck. Man begräbt die Blutsauger in unheiliger Erde.«

Harry schnaufte. »Das sehe ich so wie du. Aber ich denke immer, dass dieser kleine Wald doch kein Stützpunkt für Vampire ist. Oder kannst du dir vorstellen, hier die Cavallo rumlaufen zu sehen?«

»Nein.«

Wir konnten es drehen und wenden, wie wir wollten. Es war unmöglich, einen Gegner herbeizureden. Den gab es nicht, wir waren allein und wir blieben allein.

Die letzten Gedanken waren ein Irrtum.

Wir waren nicht allein.

Wie vom Himmel gefallen stand plötzlich die dunkle Gestalt direkt vor uns …

***

Sie musste hinter einem der Baumstämme hervor gekommen sein und versperrte uns jetzt den Weg. Es passte alles. Der dichte Wald, das wenige Licht, das Grau im Hintergrund und jetzt der Mann, der nicht eben klein war und einen dunklen Mantel trug, den er bis zum Kragen zugeknöpft hatte.

Er starrte uns an. Sein Gesicht wirkte blass, die Augen waren dunkel wie Kohle. Mir fielen noch die großen Ohren auf und auch die gebogene Nase.

Harry übernahm das Sprechen.

»Wer sind Sie?«

»Das könnte ich Sie fragen.«

»Ich habe aber Sie gefragt.«

Der Typ gab klein bei. »Eigentlich sollten Sie mich kennen, aber Sie scheinen nicht von hier zu sein. Ich heiße Erwin Schwarz und bin von Beruf Bestatter. Jeder in der Umgebung kennt mich, denn ich bin der einzige Bestatter hier.«

Harry sagte nichts. Er überlegte und meinte: »Stimmt, Ihren Namen habe ich schon gelesen.«

»Wie nett von Ihnen.«

»Und was suchen Sie hier?«

Schwarz schnaufte wieder. »Ich müsste Ihnen keine Antwort geben, aber wenn meine Menschenkenntnis mich nicht täuscht, könnten Sie sogar so etwas wie ein Polizist sein.«

»Da haben Sie recht.«

»Wie schön für mich. Da kennt man sich nicht nur bei den Toten aus, sondern auch bei den Lebenden.«

»Und was haben Sie hier zu suchen?«

»Was suche ich wohl im Wald? Bäume, natürlich. Ich bin Bestatter. Ich führe Beerdigungen aller Art durch.«

»Ach, die Baumbestattungen?«

»Ja, und jetzt bin ich dabei, wieder mal ein paar Bäume zu markieren. Deshalb bin ich hier. Ich hätte mir gern einen helleren Tag ausgesucht, aber da hatte ich zu tun.«

»Schön.« Harry lobte ihn. »Und jetzt sind Sie dabei, weitere Bäume auszusuchen.«

»Ja.« Er fing an zu grinsen. »Oder haben Sie sich schon einen ausgesucht, an dem mal Ihre Asche verstreut werden soll?«

»Nein, noch nicht. Das hat noch Zeit.«

»Das haben schon viele vor Ihnen gedacht. Und dann hat es sie erwischt. Zack, und sie waren tot.« Er hob seinen ebenfalls dunklen Hut ein wenig an, wünschte uns noch einen guten Tag und stampfte davon.

Wir sagten erst mal gar nichts, bis Harry Stahl etwas loswerden wollte. »Bestatter ist er.«

»Ja.«

»Das passt, John.«

»Wie meinst du das?«

»Bestatter und Vampire.

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