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John Sinclair - Folge 1806

Die Höllenaxt

Es war ein schrecklicher Traum, den Rod Miller erlebte.

Er rannte!

Er rannte um sein Leben!

Er war unterwegs und etwas saß ihm im Nacken. Es war ein gnadenloser Verfolger, der sich nicht abschütteln ließ. Rod Miller spürte die Aura des anderen. Sie war böse und gnadenlos. Sie würde auf nichts und niemanden Rücksicht nehmen.

Und so rannte er weiter …

Er keuchte. Er schlug beim Laufen mit den Armen um sich. Er kämpfte sich voran, und er wusste, dass seine Kraft nicht ewig reichen würde. Er würde sie allmählich verlieren und dann zusammenbrechen. Wohin er rannte, wusste er nicht. Es war eine öde und trostlose Umgebung, in der er sich befand und in der er keine Hilfe erwarten konnte. Er musste da durch, auch wenn er nicht wusste, wohin der unheimliche Verfolger ihn noch trieb. Oder auch die Angst.

Er rannte. Im Bett bewegte sich der Träumer hektisch. Er warf sich von einer Seite auf die andere. Er stöhnte auf, er gab auch leise Schreie von sich, als wollte er sich anfeuern.

Der Verfolger war gnadenlos. Er trieb ihn weiter. Und Miller rannte. Aber seine Schritte waren schon kürzer geworden. Er brachte die Füße kaum noch hoch. Sein Körper wurde immer schwerer. Es war grauenvoll, weiter zu laufen, aber er tat es trotzdem. Er gab nicht auf. Er musste kämpfen, denn es war nicht einfach nur ein Verfolger hinter ihm, sondern der Tod.

Und sterben wollte er nicht. Noch nicht.

Und deshalb lief er. Die Fassaden um ihn herum waren verschwunden. Er floh jetzt durch eine leere Landschaft. Da gab es keine Bäume, keine Hecken, nur das flache Land, das wie verbrannt wirkte.

Rod Miller rannte weiter. Er keuchte. Sein Blick fiel in den Himmel, der eine dunkelgraue Farbe angenommen hatte.

Dann drehte er sich noch mal um. Er wollte sehen, was ihn da jagte. Er glaubte nicht daran, dass es ein normaler Mensch war, und dachte an ein blutgieriges Monster, das sich auf seine Fersen gesetzt hatte.

Der Schock jagte wie ein glühender Eisenspieß durch seinen Körper. Denn zum ersten Mal hatte er den Verfolger zu Gesicht bekommen. Er konnte es nicht fassen. Es war unglaublich, denn alles, was er darüber gedacht hatte, wurde ad absurdum geführt.

Das war kein Mensch, der ihn verfolgte.

Es war auch kein Monster.

Es war – nein, er lachte nicht, aber fast hätte er es getan – ein gewaltiger Gegenstand. Jedenfalls kam er ihm so gewaltig vor. Und er war ein Mordinstrument.

Rod Miller blieb stehen. Er schaute in die Höhe. Er schüttelte den Kopf. Er konnte es nicht fassen, von einem derartigen Gegenstand verfolgt zu werden.

Die Axt schwebte über ihm. Sie stand in der Luft und zitterte leicht. Es schien ihm, als würde sie Maß nehmen, um dann grausam zuzuschlagen.

Miller wusste nicht mehr, wie er sich verhalten sollte. Er schaute nach oben, er ging auf die Knie und schüttelte den Kopf, doch er war nicht in der Lage, etwas zu sagen und die andere Seite bitten, ihn zu verschonen.

Die Axt war riesig. Sie hatte einen Holzgriff und eine breite graue Schneide.

Er wartete noch immer.

Die Axt ließ sich Zeit. Sie sorgte dafür, dass sich seine Angst steigerte.

Noch stand die Axt.

Einen Moment später nicht mehr. Da raste sie nach unten und genau auf ihn zu.

In diesem Augenblick wachte er auf!

***

Schlimme Gedanken durchfuhren seinen Kopf.

Es glaubte, um sich herum das Jenseits zu sehen oder etwas Ähnliches. Er begriff nicht, dass er noch in seinem Bett lag. Im ersten Moment war er zu durcheinander. Er schaute sich um, er wollte das Blut sehen und auch riechen, aber da war nichts.

Nur den eigenen Schweißgeruch nahm er wahr.

Wieso das?

Rod Miller wusste keine Antwort darauf. Er musste sich erst mal beruhigen. Er schüttelte den Kopf, er stöhnte auf und strich mit den Händen über sein schweißnasses Gesicht.

Er konnte es.

Es gab sein Gesicht noch.

Wenn das so war, dann gab es auch seinen Kopf. Genau dies war sehr wichtig. Das Gehirn und der Kopf gehörten dazu, sonst war er kein normaler Mensch mehr.

»Aber das bin ich«, flüsterte er sich selbst zu. »Ich lebe. Es hat mich nicht erwischt. Alles ist nur ein Traum gewesen. Ich liege in meinem Bett und bin okay. Ich kann den Traum abschütteln. Er hat mich nur etwas aus der Fassung gebracht.«

Plötzlich konnte er wieder lachen. Es war ein befreiendes Gelächter, das aus seinem Mund drang und sein Schlafzimmer erfüllte. Rod Miller war zwar noch nicht ganz obenauf, aber er war auf dem besten Weg dorthin, und das freute ihn.

Er kam langsam hoch.

Es war ein Hinsetzen wie im Zeitlupentempo. Er stemmte sich in eine sitzende Position und schaute sich im Schlafzimmer um. Da draußen noch Dunkelheit herrschte, war auch im Zimmer nicht viel mehr zu sehen als Umrisse.

Natürlich kam ihm das, was er sah, bekannt vor. Das Regal und der schmale Spind, der Stuhl in der Ecke, das schmale Fenster.

War das wirklich alles?

Er wusste es nicht. Er hatte keine Ahnung, er schüttelte auch den Kopf, denn er hatte etwas gesehen, was ihm nicht in den Kram passte. Es stand zwischen Bett und Wand. Es war ein Gegenstand, den er noch nie zuvor in diesem Zimmer gesehen hatte.

Er schloss die Augen, öffnete sie wieder und musste zugeben, dass dieser Gegenstand nicht verschwunden war. Er wollte ihn auch nicht als einfachen Schatten ansehen oder als eine Einbildung. Das musste etwas anderes sein.

Was war es?

Miller atmete schwer. Er hatte das Gefühl, es gar nicht sehen zu wollen. Das war die eine Seite. Aber es gab noch eine andere. Er wusste, dass es den fremden Gegenstand gab und er irgendwie hergekommen sein musste.

Um es genau zu erfahren, gab es nur eine Möglichkeit. Er musste das Licht einschalten.

Es gab einen Nachttisch und darauf stand eine Lampe. Die brauchte er nur anzuknipsen, um alles zu erkennen.

Er schaltete die Lampe ein. Dann drehte er den Kopf und schaute dorthin, wo der Gegenstand stehen musste.

Er stand auch noch dort.

Es war die Axt aus seinem Traum!

***

Rod Miller dachte an nichts und er wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Er fühlte den Schwindel in seinem Kopf, er hatte das Gefühl, sich mit dem Bett zu drehen, und schloss rasch die Augen.

Er konnte nicht sprechen. Seine Kehle kam ihm verklebt vor, und er spürte den schweren Herzschlag in der Brust.

Rod Miller atmete tief ein. Erst als er das einige Male getan hatte, ging es ihm besser. Er konnte sich wieder normal bewegen, und er war auch in der Lage, über gewisse Dinge nachzudenken.

Es gab die Axt!

Das war kein Traum. Das Riesending stand in seinem Zimmer! Das schwere Eisenstück hielt sie im Gleichgewicht, und so schaute er auf den langen Stiel, der sich ihm präsentierte.

Rod Miller tat nichts!

Er hockte noch immer im Bett und dachte nach. Was er da sah, das konnte nicht wahr sein. So etwas gab es nicht, durfte es nicht geben, und doch war es vorhanden. Er brauchte nur den Arm auszustrecken, um die Axt zu berühren. Genau das tat er nicht. Er traute sich nicht. Er schüttelte den Kopf.

Es war einfach zu verrückt. Er wollte nichts mit ihr zu tun haben. Sie sollte wieder verschwinden und zurück in seine Träume kehren.

»Los, hau ab«, flüsterte er, »verschwinde, denn du gehörst nicht hierher. Ich will dich nicht mehr sehen, weg mit dir …«

Die Axt blieb.

Er schrie sie an.

Sie bewegte sich nicht!

Miller schüttelte den Kopf. Seine Wangen waren ganz rot geworden, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, und allmählich wurde ihm klar, dass er tatsächlich nichts ändern konnte und sich mit den Tatsachen abfinden musste.

Es ging ihm Verschiedenes durch den Kopf. So richtig in eine Reihe bringen konnte er das alles nicht. Er wusste nicht, wie er sich das erklären sollte.

Die Axt war da.

Aber warum?

War sie für ihn? Wenn ja, was sollte er damit? Holz hacken? Nein, er hatte keinen Kamin. Er konnte sie nehmen und wegschaffen. Oder auch verkaufen.

Ja, das war eine Idee. Die Axt über das Internet verkaufen. Wer sie dann besaß, das war ihm egal. Die Idee war so gut, dass er sogar anfing zu lächeln.

Er rieb seine Hände. Das Lächeln blieb bestehen, als er sich erneut auf die Axt konzentrierte. Er schaute sie noch mal genau an und fühlte sich bestätigt.

Ja, das war die Waffe, die ihn in seinem Traum verfolgt, aber nicht erwischt hatte.

Sie befand sich zwischen Bett und Wand. Er musste erst seine Arme ausstrecken, um sie an sich nehmen zu können. Dann hielt er sie mit beiden Händen fest und zog sie zu sich heran.

Sie war schwer, schwerer, als er es gedacht hatte. Darüber wunderte er sich so sehr, dass er den Kopf schüttelte. Er stellte sie zwischen seine Beine. Den Griff hielt er noch fest, hatte den Blick gesenkt und hörte plötzlich etwas in seinem Kopf.

»Jetzt gehöre ich dir.«

Rod Miller schrak zusammen. Damit hatte er nicht gerechnet. Er schluckte und wurde blass.

Und wieder hörte er die Stimme. »Jetzt gehöre ich dir.«

Der Mann stöhnte auf. Er bekam einen roten Kopf. Seine Augen traten zwar nicht aus den Höhlen, aber der Blick war und blieb starr auf die Axt gerichtet, und er dachte auch an die Stimme.

Wer hatte da gesprochen?

Etwa die Axt?

Nein, das war unmöglich. Eine Axt konnte nicht sprechen. Sie war nur ein Werkzeug.

Unmöglich?

Plötzlich stand das Wort in großen Buchstaben vor seinem geistigen Auge. Nein, das galt nicht mehr. Er hatte einen unmöglichen Traum hinter sich. Einen Traum, der niemals hätte Realität werden dürfen, aber das genau war passiert.

Er hatte sich geirrt. Manchmal wurde das Unmögliche möglich.

Was tun?

Er fand keine Antwort darauf. Einfach die Axt nehmen und fliehen, wobei er sich dann fragte, wohin damit?

Er fasste sie noch mal an. Es konnte sein, dass er sich geirrt hatte und alles nur Einbildung war. Wieder legte er seine Hände um den Griff. Er wollte die Axt auch anheben, was allerdings nicht klappte, denn sie war plötzlich ungeheuer schwer geworden.

Aber die Stimme war wieder da.

»Ich gehöre zu dir. Du kannst mich nicht mehr abgeben. Ich bleibe bei dir. Der Traum hat dich ausgesucht. Ich bin an deiner Seite …«

Miller saß da und tat nichts. Sein Gesicht nahm einen staunenden Ausdruck an.

Er konnte es nicht glauben. Das war einfach verrückt. Eine Axt sprach nicht!

Augenblicklich wurde er vom Gegenteil überzeugt. Da hörte er erneut die Stimme.

»Ich bin jetzt bei dir. Wir gehören zusammen. Hast du nicht gehört? Wir gehören zusammen.«

»Ja, das habe ich.«

»Dann ist es wunderbar. Du bist der Mann mit der Axt, und du wirst mich einsetzen.«

»Ha – wie einsetzen?« Miller schüttelte den Kopf. »Soll ich jetzt mit dir zum Holzhacken gehen, oder was hast du dir gedacht?«

»Nein, nicht zum Holzhacken.«

»Wie schön. Und was dann?«

Er hörte so etwas wie ein Kichern in seinem Kopf. »Ich werde dich zu einem reichen Mann machen, wenn du willst.«

Da musste Rod Miller lachen. »Wer will das nicht? Das wäre fantastisch.«

»So sehe ich das auch. Du sollst reich werden.«

»Und was noch?«

»Reicht das nicht?«

Rod Miller überlegte kurz. »Doch, das reicht, das ist schon okay. Reichtum ist keine Schande.«

»Du sagst es.«

»Und was muss ich tun?«

»Alles!«, lautete die Antwort.

»Wie – alles?«

»Denke nach«, flüsterte die Stimme. »Auf dem Weg zum Reichtum darf dir niemand im Weg stehen.«

»Das ist klar.«

Der Axt war die Antwort nicht genug. »Glaubst du mir nicht?«, fragte die Stimme.

»So ist es. Das kann ich einfach nicht glauben.«

»Aber ich mache dich reich und auch unbesiegbar.«

»Aha, auch das noch. Und wie schaffst du das?«

»Indem ich auf die Kräfte der Hölle vertraue. So einfach ist das, mein Lieber.«

Zum ersten Mal war das Wort Hölle gefallen, und das machte Rod Miller nachdenklich. Zur Hölle gehörte der Teufel, und jetzt konnte er sich vorstellen, dass der damit zu tun hatte.

Kalt rann es seinen Rücken hinab. Er bekam eine Gänsehaut. In seinem Kopf überschlugen sich plötzlich die Gedanken.

»Was denkst du?«

»Nichts, gar nichts.«

»Doch, du denkst etwas, denn ich kann deine Gedanken lesen. Es ist alles in Ordnung, wenn du dich an die Regeln hältst.«

»An deine?«

»Ja, denn wir gehören jetzt zusammen.«

Rod Miller schluckte. Er stöhnte leise auf. Er schaute auf die Axt und stellte fest, dass er noch immer den Griff umklammert hielt. Was konnte er unternehmen? Nichts, er konnte gar nichts dagegen tun. Es war alles anders geworden. Er dachte daran, dass sich in dieser Nacht sein Leben verändert hatte.

»Was ist los mit dir?«

Miller stöhnte leise auf. »Ich weiß nicht, was mit mir los ist.«

»Du bist durcheinander?«

»Ja.«

»Die Aussicht auf Reichtum hat dich schier überwältigt. Stimmt es?«

»Nein, nein – ich kann es mir nur nicht vorstellen.«

»Stimmt, und deshalb sollten wir endlich zur Tat schreiten.«

»Aha, und wie sieht das aus?«

»Das ist sehr leicht.«

»Dann zeig es mir.«

»Gern.«

Miller hatte zugehört, und irgendwie war ihm jetzt alles egal. Was der andere Typ auch sagte, es konnte nicht klappen, das war alles Unsinn.

Und doch klappte es.

Die Axt bewegte sich!

Sie zuckte einmal, dann glitt sie in die Höhe. Sie hob geschickt vom Boden ab, ohne dass er sie berührt hätte.

Rod Miller sagte nichts. Er konnte nur staunen. Mit offenem Mund saß er auf der Bettkante und sah, was sich vor ihm abspielte, ohne dass er etwas dazu tat.

Die Axt bewegte sich immer höher.

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