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John Sinclair - Folge 1805

Hexenbrand

(2. Teil)

Dieser Blick war schlimm!

Grace Russell spürte ihn fast körperlich, obwohl sie denjenigen, der sie anstarrte, nicht sah. Zudem hatte sie alle Hände voll zu tun. Sie musste sich unter anderem um den Glühwein kümmern. Dem Glögg, einem hellen Getränk aus Dänemark, der aber auch in London auf den entsprechenden Märkten gern getrunken wurde.

Zusammen mit zwei anderen Kolleginnen arbeitete sie am Glühweinstand. Es war eine Schufterei. Die Menschen drängten sich vor der Bude, denn das Wetter lud dazu ein, etwas Heißes zu trinken. Die Temperaturen waren in den letzten Tagen gesunken, und erste Schneeflocken rieselten mal wieder vom Himmel.

Wo war der Starrer?

Grace Russell hatte ihn zwar gesehen, aber nur für einen sehr kurzen Moment. Und da war ihr der Blick aufgefallen. Zudem war sie der Meinung gewesen, dass er nur ihr gegolten hatte. Dieser Blick hatte etwas Besonderes an sich. Das jedenfalls war der vierzigjährigen Frau durch den Kopf geschossen.

Neben ihr arbeitete eine Bekannte aus dem Nachbarhaus. Auf ihrer Stirn perlte Schweiß und sie schien sich nach einer Pause zu sehnen, aber sie machte weiter.

Und Grace Russell?

Noch hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, eine kurze Pause einlegen zu können, aber es klappte nicht. Dieser Abend war schlimm, und so sehnte Grace die Schließung des Stands herbei.

Bis zwanzig Uhr würde der Trubel gehen. Dann würden sie endlich nach Hause gehen können. Alle Mitarbeiterinnen hatten müde Knochen und keine würde mehr Lust haben, noch auf einen Drink irgendwohin zu gehen.

Dann war es vorbei.

Zwanzig Uhr!

Grace hätte am liebsten gejubelt. Sie tat es nicht, aber sie war froh, auch wenn sie jetzt noch mithelfen musste, Gläser zu spülen.

Vom Stand zogen sich die letzten Kunden zurück. Der Blick wurde wieder frei. Während zwei Kolleginnen neben Grace einige gymnastische Übungen vollführten, blieb sie aufrecht stehen und drückte den Rücken durch. Sie hielt Ausschau nach dem Starrer. Dabei klopfte ihr Herz schneller, aber es beruhigte sich auch wieder, denn sie sah den Mann nicht mehr.

Sie hätte aufatmen können, doch das war nicht der Fall. In den ersten Sekunden schon, dann dachte sie über den Vorgang nach und fragte sich, warum sie die ganze Zeit über so angeglotzt worden war.

Eine Antwort wusste sie nicht. Noch einen Rundblick gönnte sie sich, bevor sie sich ihrer Arbeit widmete und die zuletzt gespülten Gläser abtrocknete, um sie dann in ein Regal zu stellen.

Die Kollegin neben ihr war jünger, aber auch ziemlich fertig. Das gab sie offen zu.

»Wenn ich das Geld nicht so nötig hätte, ich würde nicht hier stehen, das kannst du mir glauben.«

»Klar. Mir geht es ebenso.«

»Was machst du denn sonst?«

Grace hob die Schultern. »Mal dies, mal das. Ich habe eigentlich keinen festen Job. Wenn man mich braucht, bin ich da. Das gefällt mir besser als ein fester Job.«

»Auch nicht schlecht.« Die Kollegin nickte. »Aber kommst du auch rum?«

Grace verzog die Lippen. »Mal ja, mal nein. Deshalb muss ich immer etwas Geld liegen haben, um schlechte Zeiten zu überbrücken.«

»Das ist schon wahr«, sagte die Kollegin versonnen. »Ich habe zum Glück einen Freund, mit dem ich zusammenlebe. Wir sind zwar keine Millionäre, aber es reicht, was für mich das Wichtigste ist. Du hast keinen Partner?«

»Nein, auch keine Partnerin. Ich schlag mich seit gut drei Jahren allein durch.«

»Auch nicht das Wahre – oder?«

»Stimmt. Aber was will man machen?«

»Ja, da hast du recht.«

Sie machten weiter. Grace Russell hatte endlich Zeit, sich wieder umzuschauen.

Die Nervosität hielt sie wieder im Griff, was gar nicht nötig war, denn sie sah den Starrer nicht. So recht beschreiben konnte sie ihn nicht, aber sie hatte das unbewegliche Gesicht nicht vergessen. Diese Züge, die wie einbetoniert wirkten, und wenn sie sich nicht täuschte, war sein Haar blond gewesen.

Noch zwei letzte Gäste standen an einem der Stehtische nahe des Stands. Sie tranken keinen Glühwein, sondern Bier aus Flaschen und waren nicht mehr nüchtern.

Eine knappe Viertelstunde später konnte sie endlich Feierabend machen. Sie band die blaue Schürze mit dem roten Rentier ab, hängte sie weg, streifte ihren Wollmantel über, richtete ihr braunes Haar mit den grauen Strähnen und machte sich auf den Weg.

Noch einmal schaute sie sich um. Kein Starrer mehr zu sehen. Das hätte sie eigentlich beruhigen müssen, was aber nicht der Fall war. Sie war nicht beruhigt. Sie spürte das innere Zittern und würde erst aufatmen, wenn sie ihr Zuhause erreicht hatte.

Das würde dauern. Sie musste bis zur U-Bahn-Haltestelle gehen und dann einen kleinen Park durchqueren, in dem es nur zwei Laternen gab.

Den Weg ging sie immer allein. Daran, dass sie dort nur wenigen Menschen begegnete, hatte sie sich gewöhnt, und ihr war auch die ganze Zeit über nie etwas geschehen. An diesem Abend jedoch hatte sie ein komisches Gefühl. Das mochte an dem Starrer liegen, den sie einfach nicht vergessen konnte.

Ein paar Meter ging sie noch mit einer Kollegin, dann verabschiedete sich diese auch, und Grace Russel ging allein weiter. Sie wollte den Weg so schnell wie möglich hinter sich bringen und würde sich erst besser fühlen, wenn sie in die U-Bahn gestiegen war.

Das war alles normal.

Nicht normal war der Starrer.

Denn der war plötzlich da.

Er stand vor ihr, als wäre er vom Himmel gefallen, aber das traf bei ihm nicht zu. Er musste eher aus der Hölle gekommen sein, und er stand dort wie ein Felsblock, sodass Grace Russell keinen Schritt mehr weiter ging …

***

Es war schrecklich, und es war genau die Situation, die sie befürchtet hatte.

Sie schloss die Augen. Sie wünschte, dass sie sich getäuscht hätte. Aber als sie die Augen wieder öffnete, war er noch immer da. Er stand dort wie ein Fels, und sie sah ihn jetzt aus nächster Nähe.

Er war ein mächtiger Mann, wenn man von seinem Körper ausging. Sehr breite Schultern. Halblange dunkelblonde Haare, ein breiter Mund, eine kräftige Nase und nur ein normales Auge. Das linke fehlte ihm. Wo es einmal gewesen war, gab es nur noch ein schwarzes Loch. Seine Hände stützten sich auf einen Schwertgriff.

Grace Russel schnappte nach Luft. »Was – was – wollen Sie von mir?«

»Rate mal.«

»Ich weiß es nicht!«

Der Schaurige lachte. »Ich bin wieder da. Ich war eigentlich nie weg, aber nun bin ich endgültig zurückgekehrt. Verstehst du das?«

»Nein!«

»Das solltest du spüren.«

Grace hob die Schultern an. »Tut mir leid. Ich bin da überfragt, wenn ich ehrlich sein soll.« Das war sie in der Tat. Sie hatte den einäugigen Kerl nie zuvor gesehen.

Sein eines Auge starrte sie an.

Er war ein Blick ohne Gnade. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er von seinem Plan abweichen würde, aber noch hatte er ihr nichts getan.

Er starrte sie weiterhin an. Und er stand ihr im Weg. Er machte auch keinerlei Anstalten, ihn freizugeben. Von ihm strömte eine Gefahr aus, die bei Grace Russell eine Gänsehaut hinterließ.

Sie hatte sich trotzdem etwas erholt und fragte mit leiser Stimme: »Wer bist du?«

»Rate mal.«

»Ich habe keine Ahnung.« Sie war froh, dass er auf die Unterhaltung einging, so verging Zeit, in der sie vielleicht das Glück hatte, dass der eine oder andere Passant vorbei kam, den sie auf ihr Schicksal aufmerksam machen konnte.

»Du kannst mich auch nicht kennen, denn du stammst nicht aus meiner Zeit.«

»Aha, und was bedeutet das?«

»Ich bin der Henker!«

Jetzt war es heraus, und Grace Russell zuckte zusammen, denn mit einer solchen Offenbarung hatte sie nicht gerechnet. Sie spürte so etwas wie eine kalte Hand, die über ihren Rücken strich, und sie saugte scharf die Luft durch die Nase.

»Wieso Henker?«, hörte sie sich sprechen. »Was hat das zu bedeuten?«

»Ich bin Henker der Hexen gewesen, ich habe sie vernichtet. Ich habe vielen Menschen damit einen Gefallen getan, aber das ist jetzt vorbei. Sie wollten mich nicht mehr. Sie schämten sich, wo ich ihnen doch so viele Probleme abgenommen habe.«

»Ach ja?«

»Ich brachte die Hexen um. Sie sagten mir, wer die Hexen waren. Ich bin zu ihnen gegangen und habe sie verbrennen lassen. Ich musste nur mein Schwert einsetzen.«

Grace Russell stand wie erstarrt. Sie konnte nicht fassen, was sie da gehört hatte.

»Du bist eine Hexe!«

Die Worte hatten sich angehört wie eine Anklage, und sie konnte nicht widersprechen, denn irgendwie hatte dieser Henker recht.

Sie war eine Hexe. Oder sie fühlte sich zumindest zu diesen Frauen hingezogen. Sie hatte Kurse besucht, sie hatte etwas über ein alternatives Leben erfahren. Es war bei ihr viel zusammengekommen, und sie hatte auch von den Hexen etwas erfahren, die das wieder aufleben ließen, was früher mal gewesen war.

Der Teufelsglaube. Die alte Zauberei. Die Kräuterkunde der Hexen. Das Schamanentum. Das alles hatte sie interessiert, und so hatte sie sich einem Zirkel angeschlossen.

Gesprochen hatte sie mit keinem darüber. Nicht mit den Arbeitskolleginnen und auch nicht mit den wenigen Verwandten, das war ihr Geheimnis geblieben.

Und doch war es bekannt geworden. Ausgerechnet einer Unperson, die es nicht geben durfte. Es gab in dieser Zeit keine Hexenhenker mehr, so etwas war unmöglich.

Oder irrte sie sich?

Grace glaubte nicht daran, dass er nur verkleidet war. Dahinter steckte mehr, und zwar etwas Echtes. Der hatte es nicht nötig, ihr etwas vorzuspielen.

Er war der Henker.

Er trug das Schwert.

Bisher hatte er es noch nicht benutzt, hatte es aber gezogen und mit der Spitze in den Boden gedrückt, wobei seine Hände auf den Griffseiten lagen.

Das eine Auge starrte sie an. Es war wie ein böses Omen. Es sah alles. Das zweite Auge wurde gar nicht gebraucht. Dort befand sich das Loch, das wie der Eingang zu einem Tunnel wirkte.

»Was willst du von mir?«

»Du bist die Erste.«

Grace Russell verstand, trotzdem fragte sie: »Wie soll ich das verstehen?«

»Eine muss den Anfang machen«, flüsterte er, hob sein Schwert an und schlug zu …

***

Grace Russell hatte noch ausweichen wollen, was ihr nicht gelungen war. Der Schlag war so zielsicher geführt worden, dass er genau das traf, was er hatte treffen sollen.

Es war die Brust der Frau!

Sie hatte zuerst einen bösen Schmerz am Kinn gespürt, dann war die Klinge in ihre Brust gedrungen. Sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Sie stand auf der Stelle, sah den Henker vor sich, hörte sein Lachen und nahm dann die Veränderung an sich selbst wahr. Der Schmerz war grausam. Er brannte sich in ihren Körper hinein.

Und dann kam es noch schlimmer. Plötzlich flackerte es dicht vor ihren Augen. Sie senkte den Blick und schaute auf die Flammen, die für einen zuckenden Widerschein und in ihrem Körper für einen wahnsinnigen Schmerz und gleichzeitig für ein Wissen sorgten.

ICH BRENNE!

Ich bin die Hexe, die brennt. Ich werde von den Flammen aufgefressen!

Und sie sah, wie der Henker sein Schwert schwang, über dessen Klinge Feuerzungen huschten. Er lachte. Er lachte in das Rauschen hinein, das sich in den Ohren der Hexe ausgebreitet hatte.

Grace Russell war zu einer lebendigen Fackel geworden, die nicht mehr auf der Stelle stehen blieb. Etwas trieb sie weg. Sie glaubte nicht daran, dass es der eigene Antrieb war. Jemand schien ihre Beine in Bewegung gesetzt zu haben, und dann fiel sie ein paar Meter entfernt auf den Rasen, wo das Feuer auch noch das verbrannte, was von ihr übrig geblieben war.

Der Henker hatte zuletzt nur zugeschaut. Jetzt ging er näher und blieb neben dem Körper stehen.

Er war zufrieden.

Er lachte.

Und sein Lachen erreichte auch die ersten Menschen, die das Feuer gesehen hatten und nun herbei rannten, um zu retten, was noch zu retten war.

Da gab es nichts mehr. Diejenigen, die den Ort erreichten, wo Grace Russells Körper verbrannt war, konnten nur die Hände vor ihr Gesicht schlagen, um das Grauen nicht sehen zu müssen …

***

In der vergangenen Nacht hatten wir eine Niederlage erlitten. Das musste man so sehen, daran gab es nichts zu rütteln. Es war um einen Henker gegangen, der aus der Vergangenheit aufgetaucht war und den wir nicht hatten stellen können. Er hatte uns klargemacht, dass er gekommen war, um Hexen zu jagen, und dass er diese Tätigkeit schon in früheren Zeiten ausgeübt hatte.

Das war nicht alles.

Es ging weiter.

Er wollte da weitermachen, wo er aufgehört hatte, als man ihn ins Fegefeuer stieß. Er wollte die Hexen vernichten. Das war auch in seinem ersten Leben seine Aufgabe gewesen. Töten, vernichten, als Teufel auf zwei Beinen erscheinen.

Wir hatten es gehört. Wir wussten, dass der Henker wieder da war und Reni Long wusste es auch. Hinter ihr und ihrem Freund war er wohl her gewesen, aber er hatte es nicht geschafft, sie zu töten, denn das hatten wir verhindert.1)

Er war dann gegangen. Er wusste, wann es für ihn besser war, denn er hatte die Kraft meines Kreuzes verspürt, aber ich hatte ihn nicht vernichten können. Er würde weitermachen. Er wollte sich die Opfer holen, auf deren Vernichtung er früher so stolz gewesen war.

Hexen!

Und damit konnte er auch in unserer Zeit Glück haben, denn wir wussten, dass es sie gab. Sie hatten sogar eine Anführerin. Es war Assunga, die Schattenhexe. Sie hatte für ihre Frauen etwas Besonderes geschaffen. Orte, an denen sich die Getreuen, die Hexen, aufhalten konnten.

Wollte der Henker dorthin? Wir wussten es nicht, aber wir rechneten damit, und waren entschlossen, den Henker zu stellen, bevor er Unheil anrichten konnte.

Das würde nicht leicht sein. Wir gingen davon aus, dass er schon bald von sich reden machen würde, und das auf eine schlimme Art und Weise.

Wir hatten mit Reni Long darüber gesprochen, sie zu beschützen und sie in eine Art Schutzhaft zu nehmen. Sie hatte nicht lange überlegt und dann abgelehnt. Sie wollte sich nicht abhängig machen und weiterhin ein eigenständiges Leben führen.

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