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John Sinclair - Folge 1804

Der einäugige Henker

(1. Teil)

Reni Long dachte an die Schreie. An die schrecklichen Rufe, an die Schmerzen, die ihren Körper durchstrahlt hatten, und sie dachte auch an das seelische Leid.

Sie – ja, sie hatte die Schreie ausgestoßen. Sie war das Opfer dieser drei gnadenlosen Kerle geworden. Es war alles wie ein böser Traum gewesen. Man hatte sie abgefangen und dann weggeschafft. Wie lange sie schon in dieser Hütte lag, wusste sie nicht, weil ihr das Gefühl für die Zeit verloren gegangen war …

War es die dritte oder die vierte Nacht? Sie konnte es nicht sagen. Sie wusste es nicht. Es war alles anders geworden. Ihr Leben hatte sich auf den Kopf gestellt.

Mehrmals war sie vergewaltigt worden. Einfach genommen, als wäre sie kein Mensch mehr, sondern nur ein Stück Vieh. So etwas war mehr als grausam gewesen. Nur einmal hatte man nach ihr geschaut. Mehr war nicht geschehen.

Eingeschlossen war sie in diesem Zimmer in der Einsamkeit. Wo es genau lag, das war ihr unbekannt. Sie konnte auch aus dem Fenster schauen, was ihr jedoch nichts einbrachte. Um das Haus herum standen Bäume, sodass sie davon ausgehen musste, sich in einem lichten Wald zu befinden, und da würde man sie kaum finden.

Man würde sie vermissen, das stand für sie fest. Man hatte bestimmt auch nach ihr gesucht, sie aber nicht gefunden. Wer hätte sie auch in dieser Hütte finden sollen? Es gab nicht den geringsten Hinweis darauf.

Sogar ein kleines Bad gehörte zu der Holzhütte. Ein Ofen war ebenfalls vorhanden, ein Bett, Decken, ein Tisch, zu dem ein Stuhl gehörte, das alles hatte sie und noch mehr.

Nur nicht ihre Freiheit!

Sie kam nicht raus. Die Tür war fest verriegelt. Sie hatte versucht, sie zu öffnen, aber es nicht geschafft. Ebenso wie bei den Fenstern, die aus Glas bestanden. Hätte man meinen können. Es war aber nicht der Fall. Zumindest bestanden sie nicht aus normalem Glas. Das hier war so dick, dass man es auch mit einer Hacke nicht hätte einschlagen können.

Essen und Trinken waren kein Problem. Da gab es genug. Ein großer Kühlschrank war gut gefüllt. Nur eben die Gefangenschaft war schlimm. Und die Stunden der Dunkelheit waren es auch.

Sie hatte schlimme Nächte hinter sich. Da waren sie gekommen und hatten ihren Spaß gehabt. Das war für sie so grausam und entwürdigend gewesen, und Reni Long wusste auch, dass sie wiederkommen würden.

Sie war das, was man eine hübsche junge Frau nannte. Braunhaarig, mit einem weichen Gesicht. Haselnussbraune Augen, volle Lippen und eine Figur, die viele Männer mit der Zunge schnalzen ließ. Darauf war sie auch stolz gewesen, und sie hatte sich in ihrem Leben einen Platz an der Sonne aussuchen können.

Das war jetzt vorbei!

Es hatte den Riss gegeben. Vom Himmel in die Hölle. Ein brutaler und auch radikaler Schnitt.

Warum? Warum, zum Henker, war das alles geschehen? Was hatte sie getan, dass es gerade sie erwischt hatte? Sie war sich keiner Schuld bewusst. Die Fremden waren da gewesen und hatten sie geschnappt. Eiskalt, ohne dass sie sich dagegen hätte wehren können. Daran war nicht mal zu denken gewesen.

Sie war der Vogel und um sie herum befand sich der Käfig, und es kam noch etwas hinzu. Sie würde auch eine weitere Nacht in diesem Haus bleiben. Die Stunden des Tages waren fast vorbei. Wenn sie nach draußen schaute, dunkelte es bereits ein. An verschiedenen Stellen auf dem Boden lagen noch Schneereste. Sie sahen aus wie schmutzige grauweiße Tücher.

Wieder lag eine Nacht vor ihr.

Erneut stieg die Angst in ihr hoch. Das geschah immer, wenn sie sich hinlegen wollte. Da kamen ihr die Gedanken an das, was wieder geschehen würde.

Gegessen hatte sie kaum etwas. Ein paar Kekse, das war alles. Getrunken hatte sie Mineralwasser, davon gab es genug. Aber auch eine Flasche Gin befand sich im Kühlschrank. Die hatte sie allerdings nicht angerührt.

Sie wartete auf die Dunkelheit, die schnell kam. Ein Fernseher stand ihr ebenfalls zur Verfügung, was sie sehr begrüßte. Sie schaltete die Glotze ein und hatte sich auch an das nicht besonders scharfe Bild gewöhnt.

Reni Long schaute hin und bekam kaum mit, was sie sah. Ihre Gedanken waren woanders. Einmal beschäftigten sie sich mit ihrem normalen Leben und zum zweiten mit dem, das sie zu führen gezwungen war.

Sie sah auch nicht, dass der Sender einen alten Film brachte, der in die Vorweihnachtszeit passte, denn ihr waren die Augen zugefallen. Sie sackte einfach weg, und dann kam alles sehr schnell.

Es war wie ein Überfall, den sie so überdeutlich miterlebte.

Träume erwischten sie und sie kamen ihr vor, als wären sie aus dem Kalender des Grauens entstiegen …

***

Reni Long sah Gesichter. Sie sah Körper, aber sie sah keine Haut und kein Fleisch an ihnen. Um sie herum befanden sich jede Menge von Knochen. Körper, Schädel, alles war zu sehen und lag dicht zusammengepresst um sie herum.

Und sie war auch da. Sie stand in all diesem Chaos wie eine Königin der Knochen. Sie spürte die Kälte des Todes, doch die Angst, selbst bald zu diesen Skeletten zu gehören, überfiel sie seltsamerweise nicht. Sie schaffte es sogar, sich an dies makabre Bild zu gewöhnen, was für sie mehr als ungewöhnlich war.

Um sie herum war es still. Niemand sprach sie an. Es gab auch keinen, der das gekonnt hätte, denn die Skelette waren stumm und blieben es auch weiterhin.

Der Traum lief weiterhin ab. Es geschah nichts, und doch hatte sie das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Irgendetwas konnte durchaus im Hintergrund lauern, was später zum Vorschein kommen würde, aber bisher war der Traum recht ruhig geblieben. Das große Chaos in dieser Umgebung war ausgeblieben.

Die Träumerin wollte sich bewegen und gehen. Aber das schaffte sie nicht. Sie konnte hier nichts bestimmen und musste alles den anderen Kräften überlassen.

Sie schwebte. Obwohl die Knochen auch den Boden bedeckten, spürte sie keinen direkten Widerstand. Der Traum hob eben die Gesetze der Schwerkraft auf.

Was konnte sie tun? Verschwinden? Das hätte sie gern getan, aber so einfach war das nicht. Es ging nicht danach, was sie wollte, sondern danach, was die andere Kraft vorhatte.

Etwas passierte.

Etwas bewegte sich.

Etwas war zu hören.

Sie erstarrte. Den Traum erlebte sie jetzt wie ein Stück Wirklichkeit. Sogar die Geräusche bekam sie mit, denn jetzt vernahm sie ein Schaben, wozu sie nichts beigetragen hatte, denn das geschah etwas von ihr entfernt.

Da schabte etwas gegeneinander. Sie hörte auch ein leises Klacken. Dann ein Knirschen und Splittern, das mit Holz nichts zu tun hatte. Allerdings mit Knochen.

Reni Long schaute nach vorn und erkannte, dass sich dort etwas tat. Da bewegte sich die Wand aus Knochen. Sie fing an zu zittern, sie ruckelte, und die Knochen stießen gegeneinander.

Aber die Skelette, die dort lagen und einen regelrechten Berg gebildet hatten, zogen sich zurück, denn es musste eine bestimmte Ursache haben.

Bisher hatten sie etwas verdeckt, und genau das sollte nicht mehr sein.

Es kam frei!

Reni schaute nur zu. Sie konnte nicht sprechen, sie wollte es auch nicht. Was sie da zu sehen bekam, das war unwahrscheinlich, so etwas hatte sie noch nie gesehen.

Die Skelette hatten ihr Platz geschaffen. Ihr, dieser Gestalt, aber es war kein ihr, es war ein ihm, ein ER.

Ein Mensch?

Ja, er sah so aus wie ein Mensch, aber er war kein Mensch, der in diese Zeit oder Welt passte. Er hatte die Knochen hinter sich gelassen oder sie hatten ihn nicht mehr gewollt. Auf jeden Fall war er so etwas wie ein Phänomen. Ein Stück Vergangenheit, das sich in Renis Traum geschmuggelt hatte.

Ein Mann wie ein Baum. Er stand da und stützte sich auf sein mächtiges Schwert. Das Gesicht zeigte kein Lächeln, keinen freundlichen Ausdruck, es wirkte wie von einem Bildhauer geschaffen. Hinzu kamen die dichten blonden Haare, die beide Ohren bedeckten.

Und es gab da noch etwas ganz besonders Prägnantes. Das Gesicht enthüllte diese Besonderheit. Dort, wo eigentlich das linke Auge hätte zu sehen sein müssen, war nichts, gar nichts. Nur eben ein dunkles Loch.

Reni Long stand da und zitterte. Ihr Hals war trocken geworden, sie schluckte den wenigen Speichel, der noch vorhanden war, und sie hörte sich im Traum stöhnen.

Welch ein Bild!

Welch ein Mann!

Er strahlte Stärke aus und einen unbeugsamen Willen, und er war offenbar jemand, der sich auf seine Waffe, dieses gewaltige Schwert verließ.

Auch wenn er sich nicht in Aktion zeigte, konnte man vor ihm Angst bekommen. Damit hatte Reni Long eigentlich gerechnet, doch es war nicht der Fall.

Keine Angst!

Warum nicht? Warum schrie sie nicht los? Warum rannte sie nicht weg?

Was war mit ihr los?

Beide starrten sich an. Das rechte Auge des Henkers zuckte, auch seine fleischigen Lippen, und er machte den Eindruck, als wollte er sie jeden Moment ansprechen.

Das tat er nicht.

Er ging wieder.

Nein, so konnte man das auch nicht sagen. Er ging nicht. Er zog sich einfach nur zurück, und dabei war kein Laut zu hören, denn er belastete mit seinem Gewicht nicht die Knochen. Dieser mächtige Henker entschwebte einfach.

Dort, wo er gestanden hatte, fiel das Dunkel wieder zusammen. Es war still, aber die Träumerin hatte das Gefühl, dass es eine Totenstille war.

Die Knochen waren noch da. Sie hatte den Eindruck, auf einem Friedhof zu stehen. Ein riesiger Friedhof, angehäuft mit Knochen, mit Totenschädeln und auch ganzen Skeletten.

Und sie …

Der Traum war da. Sie war nicht in der Lage, ihn zu beeinflussen, und dann spürte sie auch als Schlafende, dass es vorbei war.

Die Traumwelt um sie herum verschwand. Dann hatte die normale sie wieder zurück …

***

Erneut war es dunkel um sie herum, aber es war eine andere Dunkelheit als die in der Traumwelt. Sie war nicht so dicht, es gab immer wieder kleine Lichtflecken, die sich im Innern des Blockhauses verteilten.

Reni Long schaute nach vorn. Sie hörte sich selbst laut atmen. Sie zwinkerte mit den Augen und dachte daran, dass sie noch ihre normale Kleidung trug.

Damit hatte sie sich hingelegt, war eingeschlafen und hatte geträumt. Und wie sie geträumt hatte. Das war entsetzlich gewesen. Ein reiner Albtraum. Sie hatte sich als Lebende inmitten von Knochen und Gebeinen gesehen. Sie hatte das Gefühl gehabt, in einem riesigen Grab zu stehen.

Dann war er gekommen.

Ja, er!

Der mächtige Kämpfer. Der Mann mit dem Schwert und mit dem einen Auge. Der Henker, derjenige, der alles aus dem Weg räumte, was ihm befohlen wurde.

Ein Traummann. Das im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Traum ließ Reni nicht los. Sie musste einfach über ihn nachdenken, ob sie es wollte oder nicht. Und sie würde noch lange an ihn denken, das war ihr auch klar.

Warum hatte sie das nur geträumt? Was hatte ihr dieser Traum mit auf den Weg geben wollen?

Sie wusste es nicht, auch wenn sie länger darüber nachdachte. Er konnte etwas zu bedeuten haben, musste es aber nicht. In den Nächten davor hatte sie nichts dergleichen geträumt, obwohl das nach den entsetzlichen Vergewaltigungen der Fall hätte sein müssen.

Aber nein, da war nichts gewesen. Sie hatte sogar tief, fest und traumlos geschlafen, worüber sie wiederum froh gewesen war. Nur traf das jetzt nicht mehr zu.

Was tun?

Wieder hinlegen?

Nein, das wollte sie nicht. Sie hatte zwar nicht lange geschlafen, aber sie war plötzlich hellwach. Wenn sie sich jetzt hingelegt hätte, sie hätte keinen Schlaf mehr finden können. Zumindest so schnell nicht.

Sie saß im Bett. Die Glotze lief noch immer. Reni griff nach der Fernbedienung und schaltete sie aus. Es war besser, wenn sie durch nichts gestört wurde.

Es war alles normal. Oder wieder normal. Sogar ihre Gefangenschaft sah sie als normal an. Dass es so war, konnte sie nur schlecht nachvollziehen.

Sie ging ihren Traum noch mal gedanklich durch.

Warum hatte sie so etwas geträumt? Was hatte man ihr damit sagen wollen? Wer war diese mächtige Gestalt, die ihr erschienen war?

Darauf eine Antwort zu finden, fiel ihr schwer, aber die Gestalt wollte ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Freund oder Feind?

Auch darauf wusste sie keine Antwort.

Sie stieg aus dem Bett und ging wieder zum Kühlschrank. Es waren nur noch zwei Flaschen Wasser darin. Sie holte eine hervor und drehte den Verschluss auf und trank ein paar Schlucke.

Dann ging sie wieder zurück. Diesmal blieb sie am Tisch sitzen und starrte ins Leere. Eigentlich hätte sie Angst haben müssen, nach einem derartigen Traum bestimmt.

Aber sie hatte keine Angst.

Warum habe ich das nicht?

Diese Frage stellte sie sich immer und immer wieder, doch eine nachvollziehbare Antwort wollte ihr zuerst nicht in den Kopf. Doch als sie weiterhin nachdachte, machte es bei ihr plötzlich klick. Sie hatte jetzt die Erklärung. Sie wusste nun, weshalb sie keine Angst gehabt hatte.

Der Schwertträger oder Henker hatte sich ihr zwar gezeigt, aber er hatte nichts von ihr gewollt. Er war nicht erschienen, um sie zu töten. Er hatte sich ihr nur zeigen wollen, aber auch dafür hätte es Gründe geben müssen.

Die gab es auch. Da war sich Reni Long sicher. Sie waren ihr leider nicht bekannt.

Und jetzt?

Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Sie konnte sich vorstellen, dass dieser Traum der Anfang von etwas gewesen war, das bestimmt noch seine Fortsetzung finden würde.

Die Stille war geblieben. Stille um sie herum, wobei sie auch das Äußere mit einbezog.

Und dann war die Stille plötzlich vorbei.

Sie hörte ein Geräusch. Es dauerte Sekunden, bis sie herausgefunden hatte, was es bedeutete.

Da war eine Autotür zugeschlagen worden!

Mein Gott! Sie waren wieder da. Sie waren zurück, die Folterer, die Killer, die jetzt bestimmt ein Ende machen wollten.

Reni Long saß am Tisch und spürte den Schweiß, der ihr ausgebrochen war. Plötzlich war sie am ganzen Körper nass, und ihr Blick war fiebrig geworden.

Wieder verging Zeit.

Erneut hörte sie etwas.

Stimmen von Männern waren es diesmal, die miteinander sprachen. Sie lachten auch, und Reni hörte, dass sie auf ...

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