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John Sinclair - Folge 1803

Das Gespenst der Nacht

»Und dieser Job könnte wirklich für mich sein?«, rief Susan Winter ins Telefon.

Eine kurze Pause entstand, die bei Susan die Spannung noch erhöhte. Dann erfolgte die Antwort. »Nun ja, wir müssen noch miteinander ein paar Sätze wechseln.«

»Das heißt?«

»Ein persönliches Gespräch führen.«

Susan kaute auf ihren Lippen. Sie war ein wenig überrascht, aber sie wollte den Job haben, und da durfte sie nicht wählerisch sein …

»Gut und wo bitte?«

»Bei mir«, sagte Melissa Hunter.

»Aha. In der Firma?«

»Nein, bei mir zu Hause. Wir wollen uns möglichst in einem privaten Rahmen bewegen, das schafft schon mal Vertrauen.«

Susan Winter überlegte kurz. Jetzt nur keinen Fehler machen!, schoss es ihr durch den Kopf. »Ich denke auch so, Melissa, wirklich. Es ist immer besser, sich in einer Umgebung zu treffen, in der man sich wohl fühlt.«

»Dann sollten wir es tun.«

»Und wo muss ich hin?«

Melissa Hunter nannte ihr die Anschrift. Es war eine Adresse in Notting Hill, dem kleinen Stadtteil mitten in London, der zu einer Institution geworden war und bei dem die Preise für Immobilien ins Astronomische gestiegen waren.

Susan Winter lächelte, als sie fragte: »Wann bitte und um welche Uhrzeit?«

»Können Sie heute kommen?«

»Ja.«

»Auch am Abend?«

»Sicher.«

»Dann treffen wir uns doch um zwanzig Uhr bei mir. Sie können sich ein Taxi nehmen. Ich ersetze Ihnen die Auslagen.«

»Ach, das wird nicht nötig sein.«

»Umso besser. Dann bis heute Abend.«

»Ja, ich freue mich.«

»Ich auch.«

Das Gespräch war beendet. Susan Winter atmete auf. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie hoffte auf den Job in der Modebranche. Melissa Hunter hatte da schon einen Namen. Wer von ihr eingeladen wurde, der konnte sich glücklich schätzen, so sagte man.

Dass man sich auch irren konnte, daran dachte Susan auch nicht eine Sekunde …

***

Auch Melissa Hunter hatte aufgelegt. Sie saß in ihrem Schlafzimmer vor der Frisierkommode, die in einem Erker stand, und schaute durch die Scheibe in den winterlichen Vorgarten, in dem die Bäume einen schwachen Guss aus Puderzucker bekommen hatten. So sah der Schnee zumindest aus, der sich auf sie gelegt hatte.

Hinter dem Vorgarten lag die Straße, die leicht bergauf führte. Die Häuser, die hier auf den Grundstücken standen, waren schon eine gesunde Wertanlage, und Melissa Hunter war froh, dass sie hier im Zentrum wohnte und ihrem Job nachgehen konnte.

Sie war die Chefin einer Model-Agentur. Und sie war schon so lange im Geschäft, dass sie sich im Laufe der Jahre einen guten Grundstock aufgebaut hatte.

Sie vermittelte die Mädchen und jungen Männer nicht nur für Fotoaufnahmen, sie war auch daran beteiligt, wenn Filme besetzt werden mussten. Dabei ging es nie um Hauptrollen, sondern um nicht minder wichtige Nebenparts, die ebenfalls perfekt besetzt werden mussten. Zumindest bei internationalen Produktionen.

Aber auch bei den nationalen durfte man nicht schludern. Frauen wie sie standen unter genauer Beobachtung. Fehler wurden gnadenlos ausgenutzt, denn die Konkurrenz schlief nicht. Auch wenn es in dieser Gesellschaft immer das Küsschen hier und das Küsschen da gab, belauerte man sich jedoch gegenseitig. Man wartete auf den Fehler des anderen, um ihm dann eins auszuwischen.

So war die Branche, das wusste man, damit fand man sich ab, und wer überleben wollte, der musste vor allen Dingen gut aussehen und sein Alter so gut wie möglich verbergen.

Das schafften nicht alle. Deshalb gingen auch viele pleite. Oder warfen frustriert die Brocken hin.

Das war Melissa Hunter erspart geblieben. Obwohl schon lange im Geschäft, hatte sie sich gut gehalten, was die Konkurrenz sehr ärgerte. Wie oft hatte man sie nach dem Grund für dieses Aussehen gefragt, doch Melissa hatte immer nur den Kopf geschüttelt, gelächelt und gesagt, dass sie mit fünfunddreißig Jahren aufgehört hatte, sie zu zählen.

Und doch war auch bei ihr nicht alles Gold, was glänzte. Sie fühlte sich schlapp und sie wusste, dass diese Schlappheit sich auch bei ihrem Aussehen bemerkbar machte. Wer sie jetzt sah, der würde erschrecken, denn die Haut war alles andere als glatt. Sie zeigte Falten, sie war fast runzlig geworden, und das dunkle Haar hatte seinen seidigen Glanz verloren.

Das sah sie nicht, das spürte sie. Sie musste nur mit den Händen durch ihr Gesicht fahren, dann hatte sie den Beweis. Die Haut war schlaff geworden. Man konnte sie kneten, in die Länge ziehen, und auch die Farbe hatte gewechselt. Eigentlich hätte sie ihren Job jetzt hinwerfen können, doch genau das tat sie nicht. Wenn sie so weit war, dann war für sie der Zeitpunkt gekommen, sich gegen die Naturgesetze aufzulehnen und zuzusehen, dass sie wieder diejenige wurde, auf die sie so stolz war.

Sie musste sich erneuern.

Das war nicht nur einfach so dahingesagt, das würde sie auch tun. Es war alles dafür in die Wege geleitet, an diesem Abend schon würde sie wieder jünger aussehen.

Es war ganz einfach.

Sie musste nur trinken. Aber kein Wasser, auch kein Wein, sondern Blut, denn Melissa Hunter war ein weiblicher Vampir …

***

Susan Winter konnte die Zeit kaum erwarten, endlich diese Frau zu treffen, die in der Branche mehr als nur einen Namen hatte. Sie war mächtig, sie gehörte zu denen, die Karrieren toppen, aber auch welche beenden konnten.

Das wusste Susan alles, denn sie hatte sich gut vorbereitet. Aber die Blondine hoffte, genau das richtige Aussehen und auch das entsprechende Alter zu haben. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, ihre Figur konnte sich sehen lassen, und so besaß sie alle Voraussetzungen für eine Karriere. Sie dachte nicht nur an den Laufsteg, es konnte auch sein, dass man sie für eine Filmrolle brauchte. Melissa tanzte da auf einigen Hochzeiten, und gegen eine kleine Rolle im Film hätte Susan nichts einzuwenden gehabt.

Zunächst mal musste das Gespräch gut verlaufen. Sie hatte noch mit einer Freundin über ihr Glück gesprochen, und die drückte Susan beide Daumen.

Sie liebte die Welt der Mode und des falschen Scheins. Doch Susan selbst lebte nicht so. Sie konnte sich nur eine kleine Zweizimmerwohnung in einem Hinterhaus leisten. Das war ärgerlich, aber in Zeiten wie diesen musste man froh sein, überhaupt in London leben zu können.

Notting Hill war natürlich etwas anderes. Wer dort wohnte, der hatte es geschafft, denn er musste hohe Mieten für die Apartments zahlen und erst recht für Häuser.

Darüber machte sie sich zurzeit keine Gedanken. Aber sie träumte davon, mal so viel Geld zu verdienen, dass sie auch dorthin ziehen konnte. Das wäre fantastisch. Eine kleine Wohnung mitten in der Szene. Mehr konnte man sich in ihrer Lage gar nicht wünschen.

Dem Fahrer hatte sie die Adresse genannt. Es war ein schon älterer Mann mit schlohweißen Haaren, der hin und wieder etwas sagte, aber dabei mit seiner Zentrale sprach, was Susan auch gefiel, denn sie brauchte keine Unterhaltung.

Die Themse hatten sie bereits überquert. Die Reise ging in nördliche Richtung, und bei Notting Hill stieg das Gelände schon etwas an. Da es dunkel war, sah sie nicht viel von der Umgebung, aber es ging in einen Kreisverkehr, dann wieder geradeaus, und sie las das Schild St. Anns Road.

Sie blieben noch auf dieser Straße, bogen dann nach rechts ab und fuhren nicht mehr lange weiter. Das Taxi hielt, und der ältere Mann drehte sich um. Es war kein Wagen mit einer Trennscheibe, sondern ein ganz normales Auto. So konnte man sich auch normal unterhalten.

»Wir sind da, Lady.«

»Ja, danke.« Susan Winter kramte nach Geld.

»Und seien Sie vorsichtig, Lady. Sie sind jung und schön. Sie passen in diese Gegend, aber es ist nicht immer alles so, wie es nach außen hin erscheint.«

»Das weiß ich.« Jetzt musste sie lachen. »Aber es ist auch nicht so, wie Sie denken.«

»Was denke ich denn?«

Sie drückte ihm Geld in die Hand. »Dass ich hier zu den Partytussis gehöre. Aber das ist nicht der Fall, Sir, da kann ich Sie beruhigen.«

»Das ist gut.«

»Schönen Tag noch.«

»Danke, Ihnen auch.«

Der Mann hatte vor dem Haus halten können. Zwei Laternen in einem Vorgarten gaben der Erde ein gelbliches Gesicht. Das Haus, das in der Nähe stand, hatte ein Stockwerk mit einem recht spitzen Dach und zwei Erkern. Hinter einigen Fenstern war es hell.

Susan Winter eilte auf die Haustür zu. Sie war geschlossen, aber Susan musste nicht klingeln. Man hatte sie bereits bemerkt, denn die Tür schwang auf, kaum dass sie einen Meter von ihr entfernt war.

Ein Mensch zeigte sich nicht. Es blieb beim Öffnen der Tür, und Susan Winter blieb unschlüssig auf der Schwelle stehen. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Dann erklang eine Stimme. Sie schien wie aus dem Off zu kommen. »Bitte, Susan, scheuen Sie sich nicht, einzutreten. Ich bin im Moment nur verhindert. Kommen Sie ruhig rein.«

Es war die Stimme, die Susan kannte. Dennoch verspürte sie ein leichtes Ziehen im Magen, als sie das fremde Haus betrat und die Tür sich automatisch bewegte, sodass sie hinter der jungen Frau wieder zu schwang.

Susan hörte das schnappende Geräusch, als die Tür ins Schloss fiel. Sie schüttelte sich, weil sie einen plötzlichen Schauer verspürte, dem aber kein zweiter folgte.

Sie stand im Flur.

Sie schaute sich um.

Die Wände waren gekachelt und sie ging davon aus, dass es alte Kacheln waren mit einem ebenfalls alten Muster. Eine Treppe führte nach links zu einer Tür hin, die nicht geschlossen war. Dahinter lag der eigentliche breite Flur, wo auch eine Treppe in die Höhe führte zu der oberen Etage hin.

Es brannte Licht, aber es war nicht strahlend hell. Die Beleuchtung hielt sich in Grenzen. Man konnte sich orientieren, das war schon okay, aber mehr auch nicht.

Dieser offene Flur wurde mitbewohnt, eine hohe Vase mit Blumen stand auf einem Tisch, eine Tür war nicht geschlossen und führte in ein Zimmer, aus dem Musik klang. Es waren Kompositionen von Mozart, wenn sie nicht alles täuschte.

Susan Winter betrat den Raum und hatte kaum einen Schritt über die Schwelle getan, als sie die Echos hörte, die von Absätzen verursacht wurden.

Der Boden war nicht überall mit Teppichen ausgelegt. Deshalb waren die Schritte auch zu hören gewesen, und in einer zweiten Türöffnung erschien eine Frau.

Das musste sie sein!

Susan Winter atmete tief durch. Es war für sie schon etwas Besonderes, sie im Original zu sehen, auch wenn sie sich nicht unbedingt sehr nahe gegenüber standen.

»Herzlich willkommen!«, rief Melissa ihr zu.

»Danke, dass Sie mich empfangen.«

»Das ist doch selbstverständlich.« Melissa lächelte. »Haben Sie alles gut gefunden?«

»Ja, ich habe mich herfahren lassen.«

»Das ist vernünftig.« Sie streckte einen Arm aus, der aber nicht so lang war, dass Susan die Hand berühren konnte. »Bitte, kommen Sie zu mir. Wir werden erst mal etwas trinken und uns ein wenig unterhalten. Mögen Sie Champagner?«

»Ja.«

»Das ist gut.«

»Aber ich brauche ihn nicht jeden Tag.«

»Das ist noch besser.«

Sie machte Platz, um die junge Frau an sich vorbei zu lassen. Zu reden gab es im Moment nichts mehr, und Susan konzentrierte sich auf das Gesicht.

Der Schreck durchfuhr sie wie eine glühende Lanzenspitze. So hatte sie sich die Frau nicht vorgestellt. Okay, sie wusste, dass sie nicht mehr so ganz jung sein konnte, aber der Blick in dieses Gesicht wies auf eine Frau hin, die sich allmählich dem Greisenalter näherte. Zumindest vom Gesicht her. Da bestand die Haut aus vielen Falten. Nur waren die überschminkt worden. Auch die Lippen sahen recht blass aus. So kannte Susan diese Frau nicht, die auf Fotos immer topp aussah.

»Dann setzen wir uns.«

»Danke.« Sie war noch immer leicht durcheinander. Dieses Aussehen war wirklich ungewöhnlich. Bekleidet war die Frau mit einem schwarzen Hausanzug, der einen spitzen Ausschnitt hatte, sodass die Ansätze der Brüste zu sehen waren. Die Haut darüber sah alles andere als frisch aus, und so dachte Susan Winter immer wieder daran, wie man sich doch täuschen konnte. Aber sie nahm sich vor, sich nichts anmerken zu lassen, und schaffte es auch, ihr bestes Lächeln aufzusetzen, nachdem sie in das weiche Polster eines Sessels gesunken war.

Aus einem Kühler schaute der Hals einer Flasche hervor. Sie war bereits geöffnet worden. Das teure Gesöff musste nur noch in die Gläser gegossen werden.

Das tat Melissa.

Der Champagner perlte, und sie reichte ihrer Besucherin ein Glas. Susan erhob sich wieder, sie stießen mit den Gläsern an, und Melissa sagte etwas, was Susan sehr gefiel.

»Auf eine gute Zusammenarbeit, hoffe ich.«

»Danke, das hoffe ich auch.«

Sie tranken beide, dann sanken sie zurück in ihre Sessel.

Susan stellte ihr Glas ab und fragte: »Sie wissen nicht viel über mich – oder?«

»Nein.«

»Aber wie sind Sie auf mich gekommen?«

»Durch Aufnahmen in einer Zeitschrift. Sie haben für eine Kosmetikfirma Werbung gemacht, und Ihr Gesicht hat mir so gut gefallen, dass ich mir gedacht habe, mit der probierst du es mal.«

»Was denn?«

Melissa Hunter schaute sie an. Susan konnte den Blick nicht genau sehen, ob er abschätzend war. Es spielte auch keine Rolle. Wichtig war der Vorschlag.

»Ich dachte an eine kleine Filmrolle.«

»Bitte?«

»Ja, nicht schlecht – oder?«

Susan blieb der Mund offen. Sie war froh, sitzen zu dürfen, sonst wäre ihr schwindlig geworden. Dann wollte sie wissen, ob tatsächlich von einer Filmrolle gesprochen worden war.

»Ja, warum?«

Susan atmete scharf ein. »Ich hätte da eher mit einer Statistenrolle gerechnet.«

»Nein, das ist es nicht.« Melissa nahm wieder einen Schluck. »Sie sollen eine kleine oder auch mittlere Rolle haben. Es geht da um einen historischen Film, in dem auch zahlreiche schöne Frauen mitspielen. Sie könnten dabei sein.«

Susan rieb mit ihren Händen über die dunkelgrüne Jeans. »Ja, das wäre toll.« Sie atmete heftig und bewegte auch ihren Kopf. »Was müsste ich denn da tun?«

»Oh, das steht noch nicht fest. Sie sind auf jeden Fall eine Gesellschaftsdame am Hofe des Königs.«

»H

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