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John Sinclair - Folge 1802

Kain

In dieser kalten Spätherbstnacht jagte man keinen Hund nach draußen, aber Marc Sniper war unterwegs. Dabei hätte er froh sein können, dass es nicht regnete. Riesige Mengen an Wasser waren nördlich und westlich im Land zu Boden gefallen und hatten für große Überschwemmungen gesorgt.

Als der einsame Mann die kleine Brücke erreichte, ging er langsamer. Mitten auf der Brücke blieb er stehen und schaute sich um. Wichtig war der Blick nach hinten, der dann eine gewisse Zufriedenheit zeigte, denn Verfolger hatte er nicht gesehen.

Es lief gut …

Er lächelte, als er daran dachte, dass er den Köder ausgelegt hatte. Er war sicher, dass die bestimmte Person anbeißen würde. Und wenn das geschehen war, hatte er freie Bahn. Dann konnte er endlich aus sich herauskommen. Da sprach ihm niemand mehr rein, und nur das zählte für ihn. Den Weg allein gehen, um dann zu jemandem zu werden, den er bewunderte. Der für ihn das Nonplusultra war.

Marc Sniper ging weiter. Er ließ die schmale Brücke hinter sich und auch den Bach, der unter ihr hindurch führte. Noch umstanden ihn die kahlen Bäume wie stumme Zeugen. Der schmale Weg würde dort enden, wo das Ziel des Mannes begann.

Er war froh über die Dunkelheit, die ihm den nötigen Schutz gab. Laternen standen in dieser Gegend nicht mehr, denn der offizielle Park lag hinter ihm. Marc nahm einen Weg, der eigentlich keiner war und den nur Eingeweihte kannten.

Bisher war sein Plan aufgegangen und er konnte nur hoffen, dass auch die zweite, die wichtigere Hälfte klappte. Wenn das zutraf, dann sah seine Zukunft so aus, wie er sie sich gewünscht hatte.

Laub lag am Boden. Durch die Nässe war es glatt geworden und bildete fast eine Rutschbahn. Marc hielt die Augen offen. Auf keinen Fall wollte er fallen und sich etwas brechen.

Die Tasche hatte er mitgenommen. Sie hing an seiner rechten Seite. Ein Bügel lief quer über seine Brust, so konnte die Tasche nicht abrutschen. Sie war wichtig, aber noch wichtiger war der Inhalt.

Er lachte, als er daran dachte. Es war ein hartes, stoßartiges Lachen, was da über seine Lippen drang. Es spiegelte genau seine Stimmung wider, die an einem Tiefpunkt angelangt war, denn bald würde es so weit sein.

Er lachte leise, weil er fürchtete, dass jemand ihn hören könnte. Oft genug nutzten Obdachlose die Gegend hier, um die Nacht zu verbringen. Es gab die alten Ruinen. Sanieren hatte sich nicht mehr gelohnt. Der Investor wollte etwas anderes. Aber noch überlegte er und ließ die Ruinen allmählich verkommen. Dass er für ärmere Menschen Wohnraum zerstört hatte, das kümmerte ihn nicht.

Sniper setzte seinen Weg fort und war froh, das Ende des Waldstücks erreicht zu haben. Die Bäume waren nicht mehr zu sehen, dafür lag eine freie Fläche vor seinen Augen. Es war diese Ruinenwelt, die von drei Seiten durch Lattenzäune abgesperrt war, nicht aber von der vierten, und von dort kam er.

Der Treffpunkt war nicht mehr weit entfernt. Er hatte sich einen bestimmten Ort ausgesucht. Da gab es noch die alte Kellertreppe, die in die Tiefe führte. Sie war der Anfang vom Ende, und sie lag auch nicht weit entfernt in diesem Ruinenfeld. Er musste nur gute dreißig Meter gehen, um die Stelle zu erreichen.

Er hatte sich diesen Ort als Treffpunkt ausgesucht, und der andere hatte zugestimmt. Er würde erscheinen, um gewisse Dinge endlich ins Reine zu bringen.

Sniper kicherte, als er daran dachte. Dieses Treffen würde nur in seinem Sinne ablaufen und nicht in dem der anderen Person, die ja nicht mal etwas ahnte und die sich nur darüber gewundert hatte, dass Marc sie an einer so einsamen Stelle treffen wollte.

Er holte eine Taschenlampe hervor. Es war besser, wenn er die Strecke ableuchtete, die er ging. Der Boden war nicht mehr eben, sondern aufgerissen und mit Stolperfallen bedeckt. Zu viele Reste der teilweise schon abgerissenen Häuser standen hier noch. Die Wände waren zusammengefallen, ihre Trümmer bildeten Haufen.

So etwas wie einen Weg gab es auch. Durch ihn waren die Abrissbagger gefahren, und auch Sniper ging dort her. Andere Personen hatte er bisher nicht zu Gesicht bekommen. Es konnte den Schläfern auch zu nass sein, denn in den letzten Tagen und Nächten war Regen gefallen. Zwar nicht so viel wie in den anderen Landesteilen, aber das Wasser hatte ausgereicht, um den Boden aufzuweichen.

Es war still in Snipers Umgebung. Keine fremden Geräusche, aber es herrschte auch keine absolute Stille. Irgendwas war immer zu hören. Mal das Klatschen eines Tropfens oder ein leises Schaben oder Scharren. Wer die Geräusche verursachte, das sah er nicht. Solange man ihm nichts tat, störte er sich nicht daran.

Er blieb auf diesem Weg und erreichte wenig später den Punkt, an dem er verabredet war. Es war der Ort, an dem die Treppe noch vorhanden war und in den Keller führte. Sogar das alte Geländer gab es noch, aber über die Stufen nach unten zu steigen, war nicht ganz einfach. Sie waren an einigen Stellen zerstört. Da waren Stücke regelrecht abgebrochen und in die Tiefe gefallen.

Er leuchtete hinunter. Wasser tropfte ihm auf den Rücken. Im kalten Schein der Lampe glänzte Feuchtigkeit. Das Licht erreichte auch den Bereich jenseits der Treppe und fand sich auf den Oberflächen der Pfützen wieder.

Hätte sich jemand dort unten aufgehalten, wäre er zumindest jetzt aufmerksam gemacht worden. Aber es war keiner dort unten, und so musste sich Marc Sniper etwas gedulden.

Er hatte den Keller als Treffpunkt vorgeschlagen, weil man dort ungestört war. In der Oberwelt hätte es unter Umständen Zeugen gegeben, aber hier unten war eine andere Welt. Da traute sich niemand hin.

Marc Sniper ging die Stufen hinab. Am Anfang musste er sich ducken, um nicht gegen die Decke zu stoßen. Später konnte er sich aufrichten und ging den Rest.

Vor der letzten Stufe sah er die große Pfütze. Er übersprang sie an der Seite, gelangte aufs Trockene und leuchtete die Umgebung ab.

Er befand sich im Keller eines Hauses. Er sah Türen, von denen einige geschlossen, andere geöffnet waren. Auch Abfall lag noch in den Räumen, die nicht alle geleert worden waren. Es stank nach Verwesung und nach feuchten Steinen.

Sniper wartete. Er schaltete seine Lampe aus und richtete sich auf. In der Ruhe lag bei ihm die Kraft, und er musste zugeben, dass es in seiner Umgebung ruhig war. Es gab nichts, was ihn störte. Ab und zu glaubte er, einen kleinen Schatten vorbeihuschen zu sehen. Das waren fette Ratten.

Er stellte sich so hin, dass er die Stufen der Treppe hoch schauen konnte. Irgendwann musste er kommen. Das hatte er versprochen. Und Gordon hielt, was er versprach.

Wer lange am Ende der Treppe in diesem alten Keller stand, der konnte den Eindruck gewinnen, dass es still war. Der hörte die Nebengeräusche nicht, und so erging es auch Marc Sniper. Um ihn herum war es still, aber woanders nicht.

Er zuckte zusammen, denn er hatte etwas gehört. Ein Schauer rann über seinen Rücken. Für einen Moment stellte er sich auf die Zehenspitzen. Sein Gesicht war zur Treppe gewandt, und er war sicher, dass er dort bald diejenige Person sah, auf die er wartete.

Und sie kam.

Er hörte das typische Geräusch von Schritten, wenn Sohlen über den Boden schleiften. Sekunden später sah er den ersten Beweis, denn es erschienen die Schuhe und er sah auch einen Teil der Beine, was bald mehr wurde, als der Ankömmling die Treppe herab kam.

»Ich bin schon da, mein Lieber«, sagte Marc Sniper.

»Sehr gut.«

»Und du hast dich mal wieder verspätet.«

Der Mann auf der Treppe lachte. Er blieb sogar für einen Moment stehen. »Ist das so schlimm?«

»Nein, aber typisch.«

»Jeder Mensch ist eben anders.«

»Klar.« Marc Sniper kicherte. »Wichtig ist nur, dass wir uns hier treffen.«

Der Ankömmling erwiderte nichts. Er ging auch den Rest der Treppe und blieb schließlich vor Marc Sniper stehen.

»Und jetzt?«

Sniper grinste und sagte nur zwei Worte zur Begrüßung.

»Hallo, Bruder …«

***

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Er hörte dann ein Lachen. Danach fragte er: »Du siehst mich noch als deinen Bruder an?«

»Ja, warum nicht, Marc?«

»Weil wir doch so unterschiedlich sind. Wir sind verschiedene Wege gegangen.«

»Und das wird auch so bleiben«, sagte Gordon, ein Mann mit hagerem Gesicht und kalten Augen.

»Klar, alles im grünen Bereich.«

»Okay, und warum stehen wir hier? Weshalb wolltest du mich hier in dieser Umgebung treffen?«

»Das ist ganz einfach. Ich möchte, dass wir ungestört sind.«

»Aha. Ist das wichtig?«

»Für mich schon.«

Gordon Sniper verengte die Augen. »Was hast du dir jetzt schon wieder ausgedacht? Du weißt, dass ich mit deinen Geschäften nichts zu tun haben will. Wir sind zwar Brüder, aber auch sehr verschieden. Schon dieses konspirative Treffen ist eigentlich unmöglich und geht mir gegen den Strich.«

»Das kann ich verstehen. Aber es musste sein.«

»Und warum?«

Marc räusperte sich und legte den Kopf schief. Dabei grinste er und meinte: »Es ist dir doch auch recht, wenn wir uns an einer solchen Stelle treffen. Es wäre nicht gut für dich, wenn man dich mit deinem missratenen Bruder sieht.«

»Schon.«

»Sagte ich doch.«

»Und was willst du damit erreichen?«, fragte Gordon.

»Ganz einfach. Ich habe vor, mit dir über deine Zukunft zu reden.«

Gordon Sniper öffnete von lauter Staunen den Mund und klappte ihn auch nicht wieder zu.

»Hast du gehört?«

»Ja, Marc, das habe ich. Ich kann mich nur darüber wundern, dass meine Zukunft dich plötzlich interessiert.«

»So ist es aber.«

»Und warum ist es so?«

Jetzt lächelte Marc Sniper breit. »Das kann ich dir sagen. Das tue ich sogar sehr gern. Es ist nämlich so, dass du keine Zukunft mehr hast.«

Jetzt war es heraus. Und Marc Sniper hatte dem auch nichts hinzuzufügen.

»Ähm – was hast du da gesagt?«

»Muss ich es wiederholen?«

»Bitte.«

Marc nickte. »Es gibt keine Zukunft mehr für dich. Sie ist vorbei. Du hast sie hinter dir.«

»Ja. Das sagst du.«

»Genau.«

»Und woher weißt du das?«

»Weil ich dafür sorgen werde!«, erklärte Marc Sniper mit eiskalter Stimme.

Sein Bruder sagte erst mal nichts. Er stand vor ihm und holte durch die Nase Luft. Seine Hände zuckten, bis sie sich schließlich zu Fäusten geballt hatten. Das zu hören war nicht einfach für Gordon Sniper gewesen.

»Begriffen?«

Gordon nickte. »Ich denke schon. Es hat sich angehört, als wären wir nicht eben die besten Freunde.«

»Das mag schon sein.«

»Und du hasst mich?«

Marc Sniper hob die Schultern. »Das kannst und darfst du so nicht sehen«, erklärte er. »Ich hasse dich eigentlich nicht. Du bist nur für mich Mittel zum Zweck …«

»Wieso?«

»Ich will weiterkommen.«

Gordon Sniper musste lachen, obwohl ihm nicht danach war.

»Was habe ich mit dir zu tun?«

»Du kannst meiner Karriere nur von Vorteil sein. Anders gesagt, du bist es einfach.«

»So ist das …«

»Ja, so und nicht anders. Ich danke dir, dass du gekommen bist. Du hast mir wirklich einen brüderlichen und letzten Gefallen getan, und das finde ich wunderbar.«

»Aha. Einen letzten Gefallen.«

»Genau, Bruderherz.«

»Und warum einen letzten?«

Marc Sniper trat einen Schritt zurück. »Das ist doch ganz einfach. Du hättest es längst wissen müssen. Du wirst hier sterben, alter Junge. Ja, genau hier …«

Gordon Sniper konnte es nicht fassen. Er stöhnte auf und schüttelte den Kopf. Er wollte auch lachen, nur schaffte er das nicht. Stattdessen sprach er seinen Bruder an.

»Hör mal zu. Ich weiß, dass wir verschieden sind. Das hat unsere Mutter schon immer geärgert. Deine Späße sind nicht eben die meinen, das weißt du.«

»Es sind keine Späße!«

»Wie?«

»Ja, du hast es gehört. Ich sehe es nicht als Späße an. Es sind einfach nur Tatsachen.«

Gordon Sniper sagte nichts mehr. Er starrte seinen Bruder an, der vor der Treppe stand und breit grinste. In Marcs Augen funkelte es. Gordon las darin die Wahrheit, und das zu wissen verglich er mit einem Schlag in die Magengrube.

Es stimmte.

Marc wollte ihn killen.

Gordon war so überrascht, dass er kaum noch Luft bekam. Er konnte nur staunen und spürte, dass Furcht in ihm hochstieg. Sie war wie eisiges Wasser, das um ihn herum in die Höhe stieg. Und je höher es kam, desto eisiger wurde es.

»Ja, Gordon, es ist leider so. Ich kann nichts dafür, so leid es mir tut.«

»Du bist verrückt, Marc.«

»Nein.«

»Doch, du bist verrückt.« Gordon schüttelte sich. »Du kannst mich doch nicht einfach herbestellen und mir hier erklären, dass du mich töten willst.«

»Das habe ich schon getan.«

»Und wie willst du mich killen? Willst du mich erschießen? Oder durch einen Messerstich töten?«

»Nein, keineswegs. Ich habe mich für die biblische Art der Tötung entschieden. Es gibt sie schon seit alters her, und sie ist in den arabischen Ländern noch immer populär.«

»Aha, und wie sieht das aus?«

»Was hat Kain mit Abel getan?«

»Er hat seinen Bruder getötet.«

»Richtig.«

Gordon wollte noch etwas sagen, aber Marc kam ihm zuvor. »Er hat ihn gesteinigt, Gordon. Ja, gesteinigt. Und genau den Tod habe ich auch für dich vorgesehen.«

»Steinigen?«, ächzte er.

»Richtig.«

»Aber …«

»Kein Aber. Ich habe es beschlossen, und ich habe mich auch entsprechend vorbereitet.«

»Wie denn?« Eine andere Frage fiel Gordon nicht ein. Er war völlig von den Socken. Er konnte es noch immer nicht glauben, und er wollte das auch nicht.

Aber er kannte auch seinen Bruder, obwohl der Kontakt zwischen ihnen mehr als selten gewesen war.

Aber dass es so weit kommen würde, dass Marc seinen eigenen Bruder umbringen wollte, das hatte Gordon aus den Schuhen gehoben. Er stand auf der Stelle, er dachte nach, er schüttelte den Kopf, als könnte er das Versprechen vertreiben, aber das war nicht möglich. Er sah seinen Bruder vor sich und nahm auch dessen Bewegungen wahr. Dabei bückte er sich nicht, um einen Stein aufzuheben, er tat etwas ganz Profanes. Vor seiner Brust hing eine Stofftasche. Sie war mit einer Klappe verschlossen, die er nur anzuheben brauchte, um an den Inhalt heranzukommen.

Das tat er jetzt.

Gordon ließ er nicht aus den Augen, als seine Hand in der Stofftasche verschwand. Lange blieb sie nicht dort, sie war schnell wieder da, aber sie war nicht mehr leer.

Sie hatte das hervorgeholt, was Marc die ganze Zeit über mit sich herumgeschleppt hatte.

Jetzt hielt er den Gegenstand fest.

Es war ein Stein!

Ein dunkler Brocken, den er mit der Hand umfassen konnte. Kein glatt geschliffener Stein, sondern einer mit scharfen Kanten.

Plötzlich fing Gordon an zu lachen. »Das – das – ist doch nicht dein Ernst?«

»Doch! Wieso denn nicht?«

»Aber du kannst nicht …«

»Ich muss es sogar tun. Ja, ob du es nun glaubst oder nicht. Ich muss es tun. Ich werde dich steinigen, denn ...

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