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John Sinclair - Folge 1800

Die Hoffnung der Hölle

(1. Teil)

»Sinclair, Sie müssen kommen. Und das so schnell wie möglich. Das ist etwas für Sie.«

»Wieso? Was denn?«

»Es geht um drei Skelette!«

Plötzlich musste ich schlucken. »Was? Worum geht es?«

Ich hörte ein leises Lachen. »Ja, Sie haben richtig gehört. Es geht um drei Skelette. Sie liegen auf einem Dach, wo auch Hubschrauber landen können.«

Ich sagte nichts und schüttelte den Kopf, obwohl der andere Gesprächspartner es nicht sah.

Das wurde ja immer schöner! Das war eigentlich verrückt, aber zugleich auch so neben der Kante, dass man sich diese Geschichte kaum ausdenken konnte.

»Wo muss ich denn hin?«, fragte ich.

»In die Docklands.«

»Aha, Sie meinen die neuen Hochhäuser?«

»Genau.«

Ich lachte leise. »Dann hoffe ich, dass der Lift auch funktioniert.«

»Keine Sorge, das tut er.«

»Gut, ich beeile mich.«

»Das müssen Sie auch. Und benutzen Sie Blaulicht und Sirene.«

»He, ist es so eilig? Oder rechnen Sie damit, dass die Skelette wegfliegen?«

»Nein, eigentlich nicht. Aber möglich ist alles in dieser Lage. Ich habe das Gefühl, Teil eines Horrorfilms zu sein, und ich weiß ja, wer Sie sind und womit Sie sich beschäftigen.«

Das sagte alles der Kollege Murphy von der Metropolitan Police. Ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben stand und sich um die Aufklärung von Verbrechen kümmerte. Die drei Skelette schienen ihm mächtig zugesetzt zu haben.

»Und Sie haben keine Ahnung, woher die Dinger gekommen sind?«

»Nein.«

»Wer hat sie denn gefunden?«

»Einer der Hausmeister, die dort oben auf dem Dach zu tun hatten. Er wollte etwas reparieren und erlitt den Schock seines Lebens. Drei ungewöhnliche Skelette.«

Ich hakte nach. »Wieso ungewöhnlich?«

»Erstens wegen des Platzes dort und dann auch wegen der Farbe.«

»Tatsächlich?«

»Ja, sie sehen so ungewöhnlich aus. Ich meine damit die Knochen. Sehr hell …«

»Na gut, wenn Sie das sagen, ist das für mich okay.«

»Dann sehen wir uns gleich.«

»Aber sicher.« Ich legte auf und schüttelte den Kopf, während ich auf meinem Platz sitzen blieb. Wenn es stimmte, was Murphy mir erzählt hatte, und daran zweifelte ich nicht, dann war das wirklich etwas Ungewöhnliches, womit keiner hatte rechnen können.

In meinem Job hatte ich es schon oft genug mit Skeletten zu tun gehabt. Und das in allen möglichen Variationen. Dass aber plötzlich drei Skelette auf einem Hochhausdach lagen, das war schon mehr als ungewöhnlich und auch kaum zu fassen.

Suko betrat das Büro. Er wollte etwas sagen, doch ich kam ihm zuvor und winkte ihm zu.

»Was ist denn?«

»Du brauchst dich erst gar nicht zu setzen. Wir fahren sofort los.«

»Und wohin?«

»Das sage ich dir unterwegs.«

»Gut. Dann brennt die Hütte?«

»Du darfst sogar fahren.«

»Das wäre auch meine Bedingung gewesen.« Er grinste und dann verließen wir unser Büro.

Das Vorzimmer war leer. Glenda Perkins trieb sich irgendwo herum. Wenn es Probleme gab, würde sie uns über das Handy erreichen können. Als ich davon sprach, dass es besser war, mit Rotlicht und Sirene zu fahren, bekam Suko große Augen. »Oh, brennt es so sehr?«

»Das sagte Murphy.«

»Ach so, der.«

Ich hatte das Blaulicht auf das Dach gestellt. Er drehte sich, die Sirene wimmerte, und wir genossen mal so etwas wie eine freie Fahrt durch eine Stadt, der man einen ständigen Verkehrskollaps bescheinigen konnte.

Zwar war die Bahn nicht ganz frei, aber wir kamen gut voran und fuhren hin und wieder sogar über Gehsteige. Zudem war das Ziel nicht zu weit entfernt. Die Docklands, das war ein neues Stück London innerhalb einer alten Zone. Da war London sehr teuer, überteuert, und für mich hatte es nichts Echtes an sich. Andere Menschen dachten anders darüber. Die großen Geldraffer, die Neo-Kapitalisten in ihren grauen Anzügen und mit den glatten, blasierten Gesichtern. Typen, die sich für den Nabel der Welt hielten und doch bei jeder Börsenschwankung das große Zittern bekamen.

Ich mochte diese Typen nicht, konnte sie aber auch nicht vertreiben, die Welt war nun mal so.

»Eigentlich könntest du mir mal sagen, um was es geht«, sagte Suko.

»Stimmt, habe ich vergessen.« Ich berichtete ihm in Stichworten, was ich erfahren hatte, und Suko schüttelte den Kopf.

»Skelette?«

»Ja, so habe ich Murphy auch gefragt.«

»Und wo kommen sie her? Sind sie vielleicht vom Himmel gefallen?«

»Weiß ich nicht.«

»Gab es Zeugen?«

»Davon hat der Kollege nichts gesagt. Ein Hausmeister hat sie gefunden. Wir müssen uns den Ort mal aus der Nähe anschauen.«

Die Docklands liegen an der Themse, ebenso wie das nahe Riesenrad, das London Eye. Seit seiner Eröffnung ein Anziehungspunkt für die Touristen. Die hohen Häuser strömten noch den Geruch des Neuen aus. Aber es gab auch nichts Gemütliches und nichts Typisches für eine Stadt. Sie hätten auch überall auf der Welt stehen können.

Wir mogelten uns an unser Ziel heran. Dass die gute alte Themse hier noch floss, schien nur widerwillig hingenommen zu werden. Irgendwie passte der Fluss nicht in das Bild. Er war eben ein zu romantisches Teil aus der Vergangenheit. Und doch hatte er London sehr geprägt, was bei den unterschiedlich hohen Bauten niemals der Fall sein würde.

Auf große Absperrungen hatte Murphy verzichtet. Am Eingang standen zwei Uniformierte. Den Rover hatten wir neben dem Einsatzwagen geparkt. Da man uns kannte, gab es auch keinen Protest.

Die beiden Uniformierten grüßten. Sie wussten Bescheid und schickten uns zu einem der drei Lifte. Davor wartete ebenfalls ein Kollege in Uniform.

»Sie müssen bis ganz nach oben.«

»Danke«, sagte Suko und fragte: »Haben Sie die Skelette schon gesehen?«

»Nein. Und ich weiß auch nicht, wie sie dorthin gekommen sind.«

Wir betraten die Kabine. Sie sah ebenso gemütlich aus wie die Halle, zu der sie gehörte. Aber es passte irgendwie alles zusammen. Hier trafen keine Welten aufeinander, hier hatten sich welche gefunden. Das konnte man so sagen.

Der Lift schoss uns hoch. In der dreiundzwanzigsten Etage konnten wir ihn verlassen und sahen auf dem Flur zwei weitere Kollegen stehen, die ihn in einer bestimmten Richtung absperrten.

Auch sie kannten uns, sodass wir passieren konnten, ohne die Ausweise zeigen zu müssen.

Man beschrieb uns auch den weiteren Weg und sprach von einer Nottreppe, die aufs Dach führte.

Die sahen wir sehr bald. Es war eine stabile Metallleiter, die zu einer offenen Luke führte. Hier hatte sich der Bauherr alles andere als innovativ gezeigt. So eine Leiter war schon mehr als altmodisch, aber sie erfüllte ihren Zweck, und ich stieg als Erster in die Höhe.

Ein wenig komisch war mir schon zumute. Ich wollte nicht sagen, dass ich es als unheimlich empfand, aber die Bedrückung war schon vorhanden, denn mein Gefühl sagte mir, dass mal wieder etwas Großes auf uns wartete.

Ich streckte meinen Kopf ins Freie und schaute zunächst auf zwei Hosenbeine. Sie zeigten eine scharfe Bügelfalte, und ich wusste, dass die Hose dem Kollegen Murphy gehörte.

Ich stieg weiter und spürte gleich darauf den Wind, der hier herrschte, obwohl es auf der Straße unten so gut wie windstill gewesen war. Über unseren Köpfen lag ein heller Herbsthimmel und ließ die Haut eines Flugzeugs silbern schimmern.

»Schnell gekommen. Alle Achtung.«

»Sie haben uns ja auch Beine gemacht.«

»Die Skelette sind noch da.«

»Das will ich doch hoffen.«

»Kommen Sie mit.«

Wir befanden uns nicht allein auf dem Dach. Murphy hatte seine Mannschaft mitgebracht. Der Mann mit dem Schnäuzer war jemand, auf den man sich verlassen konnte. Er verstand seinen Job, aber wenn er mich anrief, dann hatte er Probleme.

Die Skelette sahen wir nicht, weil sie mit einer Plane zugedeckt waren. Damit sie nicht wegflog, hatte man sie an den Seiten mit Gegenständen beschwert. Wir blieben daneben stehen, und Murphy erklärte, dass die Skelette auch an dieser Stelle gefunden worden waren. Man hatte sie also nicht an einen anderen Ort geschafft.

»Okay«, sagte ich. »Dann lassen Sie mal sehen, was unter der Plane liegt. Ich bin gespannt.«

Murphy gab zweien seiner Männer einen kurzen Wink. Sie hoben die Gegenstände an einer Stelle weg. Da bauschte sich schon die Plane auf, wurde aber gehalten.

Unser Blick war frei.

Vor uns lagen drei Skelette nebeneinander!

***

Das waren sie also!

Ich sagte nichts, und auch Suko gab keinen Kommentar ab. Wir hatten natürlich damit gerechnet, aber zumindest ich war ziemlich sprachlos, als ich das Bild sah.

Es waren Skelette, daran gab es nichts zu rütteln. Da waren die drei blanken Schädel zu sehen, aber auch die Körper bis hin zu den Füßen. Es gab keine Probleme, diese Gebilde als Skelette zu erkennen. So weit, so gut.

Und doch störte mich etwas. Und es störte mich sogar ziemlich stark. Es waren die Knochen an sich. Oder eben die Skelette, die eine ungewöhnliche Farbe aufwiesen.

Sie waren hell, sehr hell sogar. Heller als die Knochentypen, die ich kannte und mit denen ich es schon öfter zu tun gehabt hatte. Sie waren wirklich seltsam, und was die Helligkeit betraf, die begann am Kopf und zog sich durch bis zu den Füßen. Dabei glichen sie vom Aussehen her einem normalen Skelett.

Murphy stand neben mir und stellte eine Frage. »Na, was sagen Sie dazu?«

»Das ist schwer.«

»Aber es sind Skelette?«

»Klar.«

»Nur, wo kommen sie her, und sie sind auch so hell. Solche Knochen habe ich noch nie gesehen. Als wären sie gebleicht worden, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Klar, das verstehe ich schon. Sie glauben auch daran, dass sie keinem normalen Menschen gehört haben.«

»Ja, so ähnlich. Deshalb habe ich Sie ja angerufen. Diese drei Knochengerüste geben mir ein Rätsel auf.«

»Richtig.« Ich schaute ihn an. »Haben Sie die drei denn auch angefasst?«

»Ja, das habe ich.«

Seine Stimme hatte etwas eigenartig geklungen, deshalb fragte ich: »Und? Was ist dabei herausgekommen?«

»Das kann ich schlecht erklären. Ich fasste wohl Knochen an, hatte aber das Gefühl, dass es ein anderes Material war.«

»Wieso?«

Er lachte kehlig. »Eben keine Knochen. Zudem waren sie nicht kalt. In ihnen steckt eine gewisse Wärme. Seltsam – oder?«

»In der Tat«, sagte ich.

Murphy grinste schief. »Wie ein kleines Kraftwerk. Als ich das spürte, hatte ich das Gefühl, als wollten die Knochentypen jeden Moment aufstehen und weggehen.«

Ich nickte. »Und dann?«

»Nichts mehr. Sie sind ja nicht aufgestanden und gegangen. Sie blieben liegen. Was natürlich die Frage aufwirft, woher sie letztendlich gekommen sind.«

»Sicher«, sagte ich.

Murphy sprach weiter. »Hat man sie hier oben abgelegt? Sind sie vom Himmel auf das Dach geworfen worden? Und dann muss man sich auch fragen, wer sie waren und wie sie zu Skeletten geworden sind. Jedenfalls nicht verbrannt, denn wir haben keine Brandspuren entdecken können.«

»Das habe ich mir gedacht.«

»Dann bleibt das Rätsel weiterhin bestehen.«

»Was haben Sie denn gedacht?«, fragte ich. »Oder sind Sie davon ausgegangen, dass ich hier erscheine und Ihnen eine Lösung präsentiere?«

»Nein, das nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es ein Fall für Sie beide ist.«

»Ja, dagegen haben wir auch nichts. Ich denke mal, dass wir die Skelette abholen lassen, um sie zu untersuchen. Da müssen Fachleute ran, dann sehen wir weiter.«

Suko hatte sich bisher zurückgehalten. Jetzt gab er einen Kommentar ab. Dabei wandte er sich direkt an mich. »Du glaubst also auch, dass diese Skelette nicht unbedingt von Menschen stammen?«

Ich sagte nichts, sah aber, dass Murphy den Kopf schüttelte, und dann erwiderte ich doch etwas.

»Und was bringt dich zu dieser Annahme?«

»Es war nur eine Idee.«

»Klar, wenn es eine Idee war, dann hast du sie auch weiterhin verfolgt, wie ich dich einschätze.«

»Ja, das habe ich.«

»Und?«

Suko lächelte. »Wenn die Knochen nicht von Menschen stammen, woher stammen sie dann?«

»Sag du es.«

»Dämonen?«

Er hatte leise gesprochen, und nur ich hatte die Antwort hören können. Ich blieb aber gelassen und tat relativ uninteressiert.

»Hast du keine Meinung, John?«

»Ja, wenn das stimmt, was du gesagt hast, dann müssen es Dämonen mit menschlichen Körpern sein.«

»Genau.«

»Kennst du so welche?«

Suko nickte sehr ernst. »Du kannst es glauben oder nicht, John, auch darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht und für mich eine Lösung gefunden.«

»Sag schon.«

»Kreaturen der Finsternis!«

Ich sagte nichts, überlegte aber. Der Gedanke war nicht mal so schlecht. Kreaturen der Finsternis waren Dämonen mit einem menschlichen Aussehen, das ihre wahre Gestalt verbarg. So hatten wir sie oft genug erlebt. Die wahre Gestalt verbargen sie. Die war nicht eben ansehnlich, und die hatten sie seit unheimlich langen Jahren. Beinahe seit dem Beginn der Zeiten. Da hatte es sie schon gegeben, und sie hatten sich bis heute gehalten.

»Du kannst mir nicht so ganz folgen, John, oder?«

»Doch, doch, aber mir fehlt was.«

»Und was?«

»Irgendwas. Ich weiß, es ist eine blöde Antwort, aber ich kann nicht daran glauben, dass es Kreaturen der Finsternis sind. Das sagt mir mein Gefühl.«

»Wer sind sie dann?«

»Keine Ahnung. Aber das kriegen wir noch raus. Erst mal will ich sie anfassen.«

»Tu das.«

Ich kniete mich neben sie. Ein wenig aufgeregt war ich schon. Mein Gefühl sagte mir, dass ich vielleicht etwas völlig Neues erlebte. Möglich war alles.

Ich fasste ein Skelett an. Sanft strich ich mit der Hand über die Knochen hinweg. Ich berührte sie dabei kaum und hatte den Eindruck, als würden sich meine Härchen aufrecht stellen. Bei dieser Aktion fuhr es mir kalt den Rücken hinab.

Nichts war zu sehen. Es gab keine Veränderung. Auch nicht bei mir, aber ich hatte dennoch den Eindruck, dass die Knochen nicht so hart waren. Sie kamen mir weicher und nachgiebiger vor. Das konnte stimmen, musste aber nicht sein, und dennoch hatte ich den Eindruck, dass die drei Skelette nicht normal waren. Irgendwas war mit ihnen.

»Nichts?«, fragte Suko.

»Warte ab. Ich bin noch nicht fertig.«

»Okay.«

Mit meinen tastenden Händen hatte ich nichts herausgefunden, aber ich war noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Für Tests war immer etwas Besonderes gut.

Und zwar mein Kreuz! Wie immer hing es verdeckt vor meiner Brust. Oft genug hatte es mir einen bestimmten Weg gezeigt, und auch jetzt setzte ich darauf, dass es mir einen Hinweis gab. Das würde geschehen, wenn mit diesen eigenartigen Gerippen etwas nicht in Ordnung war.

Ich schaute sie mir noch mal an, sah nichts anderes und holte dann das Kreuz hervor. Ich rechnete damit, dass es sich erwärmen würde, aber das trat nicht ein. Das Kreuz spürte also keine Gefahr, da musste ich schon einen direkten Angriff starten.

Es musste zu einer Berührung zwischen ihm und der hellen Skelettgestalt kommen.

Dazu kam es auch.

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