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John Sinclair - Folge 1796

Höllenbotin Helma

Verdammt, was tat der Typ vor mir?

Die Straße führte geradeaus an einem der zahlreichen Londoner Kanäle entlang, aber der Fahrer in dem hellen Toyota fuhr nach rechts, hinein in das Gelände.

Dort gab es keine Straße. Auch keinen Weg. Nur Wiese und die hörte dort auf, wo der Kanal seine seitliche Begrenzung hatte.

Für mich gab es keinen Grund, ähnlich zu handeln wie der Fahrer vor mir. Ich reagierte trotzdem so wie er, denn kaum hatte er die normale Straße verlassen, da fing sein Wagen an zu schlingern. Das lag nicht am Bodenbelag, das lag einzig und allein an ihm …

Ich stieß einen Fluch aus und gab mehr Gas. Der Rover rutschte leicht, blieb aber in der Spur. Und ich fuhr schneller als der Toyota, denn ich ließ mich nicht von irgendwelchen Bewegungen ablenken, sondern fuhr geradeaus weiter.

Normal war das Verhalten des Fahrers nicht. Aber mich hatte schon immer alles Unnormale interessiert. Wenn der Mensch so weiter fuhr, würde er im Kanal landen. Möglicherweise hatte er das auch vor, aber das wollte ich verhindern. Es konnte aber auch sein, dass er vorher ausstieg und das Auto den letzten Rest allein weiter rollen ließ.

Der Kanal war doch weiter von der Straße entfernt, als es ausgesehen hatte. Ich war in der Lage, aufzuholen, gab noch mal Gas – und befand mich plötzlich neben ihm an der rechten Seite.

Zwei Sekunden passierte nichts. Dann sah mich der Fahrer. Er erschrak, riss den Mund weit auf, fuhr trotzdem weiter, wobei er noch Gas gab – und hatte das Pech, das Lenkrad zu verreißen.

Der Toyota driftete nach links weg. Nun war der Untergrund kein glattes Parkett, sondern mehr eine wellige Platte, in der es auch Tiefen gab, die nicht so leicht zu erkennen waren.

Genau dort hinein fuhr der Fahrer.

Damit war es vorbei.

Die Schnauze bohrte sich in weiches Erdreich. Das Auto bockte noch mal, dann stand es still und rührte sich nicht mehr vom Fleck. Auch der Motor war abgewürgt worden, und ich war gespannt, was der Fahrer jetzt vorhatte.

Ich war einige Meter weiter gefahren und hatte dann angehalten. Ich wollte sehen, was mit dem Fahrer los war. Meiner Ansicht nach fuhr man nicht einfach von der normalen Straße ab in ein Gelände, das von einem Kanal begrenzt wurde.

Ich schnallte mich los, stieg aus dem Rover und sah, dass auch der andere Fahrer seinen Wagen verlassen hatte. Er war sogar etwas schneller als ich, warf mir einen knappen Blick zu und gab dabei einen unartikulierten Laut von sich.

Dann rannte er los.

Ich war im ersten Moment überrascht und nahm noch nicht die Verfolgung auf. So gewann der andere einen kleinen Vorsprung. Mir gefiel die Richtung nicht, in die er rannte. Er lief direkt auf den Kanal zu. Wäre dort eine Brücke gewesen, hätte ich es noch verstehen können, aber die gab es nicht und der Kanal konnte auch vom besten Weitspringer der Welt nicht übersprungen werden.

Wenn der Mann nicht stoppte, würde er in den Kanal stürzen, und das wollte ich verhindern. Ich kannte die Motive des Mannes nicht, aber zu einem Selbstmord wollte ich es nun doch nicht kommen lasen.

Und ich lief schneller. Der andere rannte ebenfalls weiter. Ich hatte inzwischen gesehen, dass es sich um einen noch jungen Mann handelte, und ihn wollte ich haben.

Er trug eine Jacke, die nicht geschlossen war. Die beiden Schöße flogen nach rechts und links weg, sein Laufen auf diesem Boden war zu einem Stampfen geworden. Die Unebenheiten machten es schwer, den Halt zu bewahren.

Ich holte auf.

Mir war klar, dass er mich gesehen hatte. Jetzt hörte er mich auch. Aber er reagierte nicht. Er rannte weiter und das Ufer kam immer näher. Dann musste er nur noch wenige Schritte machen, dann würde er nach unten ins Wasser fallen.

Ich hörte mein Keuchen, gab mir noch mal Schwung, holte mehr aus mir heraus und wusste auch, dass es keinen Sinn hatte, ihn anzurufen. Er würde nicht stoppen.

Ich würde es schaffen, das war bereits zu sehen. Ich war ziemlich nahe an ihn herangekommen, nahe genug, um mich abzustoßen und zu springen.

Das tat ich.

Ich landete im Rücken des Flüchtenden, was ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Er stolperte nach vorn, ruderte mit den Armen, aber da war nichts, wo er hätte Halt finden können. Er griff in die Luft und konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er sprang noch mal nach vorn, doch dann war es vorbei mit seiner Flucht. Mein Aufprall katapultierte ihn nach vorn und zu Boden.

Auf dem Bauch blieb er liegen. Ich hörte ihn keuchen und stöhnen zugleich. Es konnte auch sein, dass er Flüche ausstieß, so genau bekam ich das nicht mit.

Ich schlitterte auf ihn zu und blieb neben ihm stehen. Dabei atmete ich tief durch und versuchte, meinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen.

Dabei schaute ich nach vorn und maß die Entfernung zum Kanal. Es waren nicht mehr viele Schritte. Vielleicht ein halbes Dutzend. Ich hatte ihn gerade noch rechtzeitig aufgehalten.

Jetzt hatte ich Zeit. Der Flüchtende musste sich erst erholen, und die Zeit wollte ich ihm gern geben. Auch ich wollte wieder zu Atem kommen.

Es war ein trüber Tag. Am Morgen hatte es noch genieselt, und die Feuchtigkeit hatte sich gehalten. Die grauen Wolken hingen recht tief, es war auch kälter geworden.

Vor meinen Füßen hörte ich das Husten, senkte den Kopf und schaute hin.

Der junge Mann hatte sich gemeldet. Er wollte nicht mehr liegen und setzte sich jetzt hin. Dabei schaute er zu mir hoch, jedoch nicht mit einem dankbaren Blick, weil ich ihn gerettet hatte, sondern recht ärgerlich.

Ich nickte ihm zu. »Geht es wieder?«

Er lachte nur.

»Bitte, wenn Sie nicht reden wollen, dann …«

»Sie haben keine Ahnung.«

»Das gebe ich gern zu. Deshalb würde ich Sie bitten, mich aufzuklären.«

»Nein.«

Ich gab dennoch nicht auf und wartete ab. Wie schon erwähnt, der Mann war noch jung. Vielleicht zwanzig Jahre alt. Er hatte lange schwarze Haare, die nach hinten gekämmt waren. Das Gesicht zeigte eine hohe Stirn und dunkle Augenbrauen.

»Warum sind Sie so verstockt?«, fragte ich.

Er stand auf und flüsterte mit scharfer Stimme: »Hauen Sie lieber ab.«

»Warum?«

»Es ist besser für Sie.«

»Weshalb soll das besser sein?«

»Sie wollen doch noch leben – oder?«

»Ja, immer.«

»Dann fliehen Sie.«

Ich nickte. »Okay, ich könnte fliehen. Aber wenn ich das tue, würden Sie sich in Ihren Wagen setzen und in den Kanal fahren. Habe ich recht?«

»Kann sein«, gab er freimütig zu.

»Und warum das alles?«

Er winkte ab. »Das sollte Sie nicht interessieren. Ist einzig und allein meine Sache.«

»Nein, ist es nicht.« Jetzt fragte ich ihn direkt. »Warum haben Sie sich umbringen wollen?«

»Habe ich das tun wollen?«

»Es wies alles darauf hin.«

»Das ist doch egal.«

Wir standen uns gegenüber und schauten uns an. Ich merkte, dass der junge Mann Angst hatte. Darauf deutete sein Verhalten hin. Er konnte den Blick nicht halten, ich entdeckte sehr wohl das Flackern, das seine Unsicherheit verriet.

Und es blieb nicht bei den Blicken, denn jetzt bewegte er auch den Kopf. Er schaute in alle Richtungen, als würde er nach einem Helfer suchen.

»Okay«, sagte ich. »Wollen Sie mir nicht die Wahrheit sagen? Also, ich hätte nichts dagegen.«

»Gehen Sie.«

»Aber warum?«

»Sie würden nichts verstehen.«

»Sprechen Sie von der Wahrheit?«

»Ja«, hauchte er.

»Und was ist an ihr so schlimm?«

Diesmal erfolgte die Antwort nicht sofort, sondern zögerlicher. »Sie ist nicht zu begreifen. Sie ist auf der einen Seite grauenvoll und auf der anderen abstrakt. So muss man das sehen. Sie ist gefährlich und auch tödlich.«

Jetzt hatte er das gesagt, was er hatte sagen wollen, und er hatte mich damit zum Nachdenken gebracht.

Tödlich? Gefährlich? Konnte das stimmen? Oder bildete er sich das nur ein? War er vielleicht ein Spinner, der sich selbst etwas vormachte? Das konnte zutreffen, doch ich hatte meine Zweifel. Er sah nicht aus wie ein Spinner. Eher wie jemand, der unter einem schrecklichen Druck stand.

»Von welcher Gefahr haben Sie gesprochen?«

»Einfach von ihr. Das sollte Ihnen reichen. Sie wird mich und die anderen holen. Sie ist schlimm, sie ist so etwas wie eine starke Rächerin.«

»Also eine Frau?«

»Kann man so sagen.«

»Hat sie auch einen Namen?«

Er nickte. »Sie heißt Helma.«

»Aha.« Ich hatte den Namen gehört, konnte aber mit ihm nichts anfangen. Deshalb sagte ich: »Und weiter?«

Da biss ich auf Granit, denn er schüttelte den Kopf. Ein Weiter gab es für ihn nicht. Er machte zu, und ich überraschte ihn mit einer ganz harmlosen Frage.

»Wie heißen Sie?«

»Peter Moore.«

»Okay, Peter, ich heiße John Sinclair, und Sie haben mich wirklich durch Ihr Reden neugierig gemacht. Hätte ich nicht gedacht. Das ist aber so.«

Er schüttelte den Kopf und trat sogar mit einem Fuß auf. »Ich kann Ihnen nichts sagen. Gehen Sie jetzt. Oder fahren Sie. Um meine Probleme brauchen Sie sich nicht zu kümmern.«

Er schwitzte. Er litt noch immer. Er hatte Angst. Er konnte nicht ruhig schauen. Er kam mir vor wie jemand, der Probleme hatte und nicht mit ihnen zurechtkam.

»Okay, Peter, ich bin nicht Ihr Vater, und ich bin auch nicht Ihr Schutzengel. Trotzdem sollten wir uns mal in aller Ruhe unterhalten, und das nicht hier am Kanal. Machen Sie einen Vorschlag. Wir können dorthin gehen, wo Sie sich wohl fühlen.«

Er sagte nichts, schaute nur. Aber dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Es schlich sich ein kaum fassbares Erstaunen hinein.

Aber nicht nur bei ihm oder mit ihm geschah etwas. Auch bei mir passierte etwas, und das schockte mich.

An der Brust meldete sich mein Kreuz!

***

Das war eine Überraschung, und ich konnte sie kaum glauben. Aber ich hatte mich nicht geirrt. Es gab die Reaktion meines Kreuzes, die auf der nackten Haut gut zu spüren war.

Ein kurzer Wärmestoß, das war es!

Ich verkrampfte mich, holte mit einem scharfen Geräusch Luft und war für kurze Zeit irritiert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Mir war wohl klar gewesen, dass etwas nicht stimmte, aber dass es in diese Richtung laufen würde, hätte ich nicht geglaubt.

Ich vergaß Peter Moore für einen Augenblick und konzentrierte mich auf mein Kreuz, wobei ich mich fragte, warum es sich gemeldet hatte. Das geschah nie grundlos. Irgendetwas musste in meiner Umgebung passiert sein.

Ich sah wieder nach vorn.

Peter Moore stand noch immer da. Allerdings schaute er jetzt in eine andere Richtung. Mir hatte er den Rücken zugewandt. Und ich konnte verstehen, warum ich nicht mehr interessant für ihn war, denn es gab etwas anderes, das ihn in den Bann gezogen hatte.

Es war eine Gestalt, die sich über dem Wasser des Kanals schwach abmalte. Wenn mich nicht alles täuschte, war es eine nackte Frau, die sich zweigeteilt hatte.

Verrückt, aber wahr.

Es gab eine gute und eine schlechte Seite bei ihr, wobei beide Seiten mit gewaltigen Flügeln versehen waren. Die Schöne und die Grausame in einer Person.

Ich wollte etwas sagen, reagieren, eine Frage stellen, aber da war sie schon wieder verschwunden. Sie schien sich aufgelöst zu haben, was wohl auch der Fall war. Ins Wasser des Kanals war sie jedenfalls nicht getaucht.

Ich schüttelte den Kopf. Selbst für einen Mann wie mich war dies schwer zu begreifen. Wer war diese geheimnisvolle Person? Da gab es einen Namen. Ich hatte es mit einer geheimnisvollen Frau namens Helma zu tun, die sich mir nackt gezeigt hatte und mit zwei unterschiedlichen Flügeln ausgestattet war.

Wer oder was war sie denn?

Eine Frau? Ein Engel wegen der Flügel?

Ja, das konnte hinkommen. Ich wusste ja, dass es Egel gab und dass sie sich hin und wieder auch zeigten. Aber einen wie diesen hier hatte ich noch nie gesehen. Leider war ich auch nicht dazu gekommen, mir diese Person näher anzuschauen. Sie war zu schnell wieder verschwunden. Ich wusste jetzt allerdings, wovor Peter Moore Angst hatte und dass es schon berechtigt war.

Er hatte sie auch gesehen. Jetzt drehte er sich um und blickte mich an.

»War sie das?«, fragte ich. »Und war das der Grund, weshalb Sie eine so große Angst hatten?«

»Ja, das war sie.«

»Also Helma?«

»Ja.«

Ich nickte vor mich hin und fragte dabei: »Und die haben Sie nicht zum ersten Mal gesehen, oder?«

»Das stimmt.«

»Sind Sie jedes Mal vor ihr geflohen?«

Ich hatte mit einer klaren Aussage gerechnet, aber er hob nur die Schultern.

»Ja oder nein?«

»Das weiß ich nicht genau.«

»Wieso?«

»Weil ich es nicht weiß«, flüsterte er. »Ja, im Endeffekt bin ich vor ihr geflohen. Ich habe sie auch gespürt, als ich im Auto saß. Ich hörte ihre Stimme. Sie war wie eine Peitsche und zerstörte meinen eigenen Willen. Ich musste die Strecke fahren. Mir blieb keine andere Wahl. Sie hat es so gewollt.«

»Und warum?«

Er hatte die Frage gehört, aber er gab mir keine Antwort. Er schwieg.

»Kennen Sie den Grund nicht?«

»Kann sein.«

»Sie wollen ihn mir nicht sagen?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Bitte, dann sagen Sie mir doch mal, warum Sie sich umbringen wollten? Sie hätten auch einen anderen Weg fahren können, aber das haben Sie nicht getan.«

»Sie wollte es nicht.«

»Okay, verstanden. Dann scheint Helma viel Macht über Sie zu haben – oder?«

»Das hat sie.«

»Gut. Und wie macht sich das bemerkbar?«

»Indem ich das tue, was sie will.«

Ich war froh, dass er wieder redete. Deshalb fragte ich weiter: »Und wer ist Helma genau? Können Sie die Person richtig einschätzen?«

»Nein, das kann ich nicht.« Die Antwort erfolgte spontan. »Das ist nicht möglich.«

Ich dachte anders darüber, denn ich kannte mich aus. Ich dachte daran, dass sich mein Kreuz gemeldet hatte. Wenn das eintrat, ließ das auf etwas Bestimmtes schließen.

Diese Helma war kein Engel, trotz der beiden Flügel. Sie war das genaue Gegenteil, eine Dämonin.

Ich hatte Peter Moore bei meinen Gedankengängen nicht aus den Augen gelassen. Es war zu sehen, dass seine Furcht zurückkehrte.

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