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John Sinclair - Folge 1795

Der Beißer

Er war geschaffen, um zu töten.

Nein, töten wäre zu einfach gewesen. Wenn er sich jemanden vornahm, dann vernichtete er ihn. Er liebte das Blut. Er wollte es sprudeln sehen, auch, um es zu trinken.

Er war kein Vampir, aber mindestens ebenso gefährlich.

Er war der Beißer!

»Du wirst es machen wie immer«, sagte die Frau.

Der Mann im Fond stimmte zu. Dabei reichte ihm ein knappes Räuspern.

»Sehr gut. Der Mann muss tot sein. Du kannst ihn ausbluten lassen.«

»Ich will aber trinken!«

»Ja, das kannst du auch.« Die Frau lenkte die schwere Limousine an den Straßenrand und stoppte das Fahrzeug. »Ich will, dass dich niemand sieht. Du musst wie ein Schatten sein.«

»Ich bin wie ein Schatten.«

»Ausgezeichnet. Und vergiss nicht, wer dich letztendlich schützt und für wen du arbeitest.«

»Ja, für den Meister. Für ihn. Für Rasputin, der mich geprägt hat.« Die Stimme hatte einen anderen Klang angenommen. Sie hörte sich schon schwärmerisch an. »Es ist mir eine Ehre gewesen, so nahe bei ihm sein zu dürfen. Dessen bin ich mir bewusst.«

Die Frau am Lenkrad nickte lächelnd und lehnte sich zurück. Sie hoffte, alles richtig gemacht zu haben. Mit Horvath saß jemand in ihrem Wagen, der praktisch gezüchtet worden war. Er war kein Vampir, er war auch kein Zombie, er sah aus wie ein Mensch und war ein Konglomerat aus allen dreien.

Er war gefährlich. Er kannte keine Gnade und nahm auf sich selbst keine Rücksicht. Er ging immer den geraden Weg. Er wollte es allen zeigen und war begierig darauf, andere Menschen zu töten.

In dieser Nacht war er unterwegs. Und die Frau, die ihn fuhr, war ebenfalls eine besondere Person. Sie hieß Chandra und wurde auch die Kugelfeste genannt. Der Name traf voll zu, denn durch einen dämonischen Hexenzauber war sie zu dem geworden, was sie jetzt war. Und sie stand voll und ganz auf der Seite Rasputins, denn sie hatte mitgeholfen, ihn zurück ins Leben zu holen. Er war wieder da und hatte auch seine Anhänger gefunden, die ihn niemals vergessen hatten. Es lag auf der Hand, dass er nach der Macht strebte und das russische Riesenreich gern regieren würde. Doch so einfach war das nicht. Man musste in kleinen Schritten vorgehen. Zudem hatten die Erben Rasputins Feinde. Und das nicht nur hier in Russland, auch in einem anderen Staat Europas.

Dort, wo der Wagen stand, war es finster. Baumkronen wölbten sich über die Fahrbahn. Ab und zu fuhr ein Windstoß in sie hinein und schüttelte sie durch. Aber die Blätter saßen noch fest an den Zweigen. Sie fielen noch nicht ab, und so war nur hin und wieder ein Rauschen zu hören.

Licht gab es nicht in der Nähe. Hier standen keine Laternen. Es gab auch keine Häuser, hinter deren Fenstern es hell schimmerte. Es war nur die feuchte Straße zu sehen, deren Oberfläche einen leichten Glanz abgab.

Chandra drehte sich kurz um. »Du kennst den Weg, obwohl es so finster ist?«

»Ja.«

Sie nickte. »Gut, dann kannst du jetzt gehen. Ich werde hier eine Stunde lang auf dich warten. Solltest du bis dahin nicht zurück sein, muss ich fahren, weil ich dann davon ausgehen muss, dass du es nicht geschafft hast.«

»Ich habe verstanden.«

Chandra nickte. »Dann geh jetzt. Tu deine Pflicht. Auch im Namen Rasputins.«

Darauf hatte Horvath gewartet. Er öffnete die Tür, stieg aus dem Fahrzeug und richtete sich neben ihm wieder auf. Für Chandra sah es aus, als hätte sich ein Riese gestreckt, denn der Beißer war schon recht groß. Allerdings nicht so groß wie die Bäume, zwischen denen er gleich darauf verschwunden war …

***

Der Mann hieß Schukow, war ein Kerl wie ein Baum und einer, vor dem man Respekt haben musste. Er arbeitete in dem Reha-Zentrum als Pfleger und hatte es im Laufe der Zeit geschafft, sich zum Chef des Personals hochzuarbeiten.

Schukow war sehr beliebt, denn er besaß eine starke Empathie. Er konnte sich sehr gut in andere Menschen hineinversetzen, hatte Verständnis, suchte immer nach Lösungen bei Streitfragen und kam deshalb gut an. Bei den Mitarbeitern und auch bei den Ärzten der Klinik.

Und bei den Patienten sowieso. Sie liebten diesen großen Mann, der so herrlich lachen konnte und dem vor nichts bange war. Er tat, was er konnte, und legte noch immer eine Schippe drauf.

So war es auch an diesem Abend. Er hatte einem Kollegen versprochen, für ihn die Nachtschicht zu übernehmen, weil der sich um seine kranke Mutter kümmern musste, die kurz vor dem Sterben stand.

Schukow übernahm die Station. Er kannte hier jeden Patienten. Besonders aber einen Mann namens Wladimir Golenkow, der hier zur Rehabilitation untergebracht war und verzweifelt versuchte, wieder zurück in die Normalität zu gelangen. Das heißt, er wollte seine Lähmung loswerden und wieder laufen können.

Das war ihm leider noch nicht gelungen. Es gab zwar den einen oder anderen Fortschritt, aber der Rollstuhl blieb ihm nicht erspart, und daran hatte er zu knacken.

Und doch gab er nicht auf. Er lebte sein Leben weiter, wenn auch etwas eingeschränkt. Des Öfteren verließ er die Klinik und ließ sich zu seinem ehemaligen Arbeitsplatz bringen. Was das genau war, das wusste der Pfleger nicht. Er hatte mal etwas von einem Geheimdienst gehört, das war aber auch alles.

Für ihn war es nicht wichtig, denn es kam ihm auf den Menschen an, und der war top.

An diesem Tag war der Patient schon recht früh abgeholt worden. Wladimir Golenkow wusste nicht, wie lange er wegbleiben würde. Es konnten unter Umständen zwei, drei Tage werden, weil eine große Aufgabe auf ihn wartete.

Die Männer, die ihn abholten, fuhren einen Spezialwagen, in den der Rollstuhl geschoben werden konnte. Dem Vorgang schaute Schukow vom Fenster aus zu. Danach hatte er sich hingelegt, um für die Nachtschicht fit zu sein.

Er hatte hier eine Etage übernommen. Wach bleiben musste nur er, andere Mitarbeiter befanden sich in Bereitschaft. Sollte etwas passieren, würden sie schnell zur Stelle sein.

Der Sommer war vorbei. Aber auch der Herbst ließ sich Zeit, um in Moskau einzufallen. Noch war es warm und auch die Stürme hielten sich in Grenzen. Die Temperaturen luden zu Spaziergängen ein oder zu kleinen Ausflugsfahrten.

Schukow hatte das alles hinter sich. Jetzt ging es ihm darum, den Dienst gut über die Runden zu bringen. Am frühen Abend hatte er die wenigen Mitarbeiter zu einer Besprechung zusammengerufen. Sie fand in einem kleinen Raum statt, der ansonsten als Pausenzimmer diente.

Schukow sagte nicht viel. Das musste er auch nicht, denn seine Leute wussten genau, worauf es ankam.

»Noch Fragen?«, erkundigte er sich zum Schluss. Das war stets sein Standardsatz.

Jemand meldete sich. »Eine noch.«

»Raus damit.«

»Stimmt es, dass der Patient Golenkow nicht anwesend ist?«

»Ja, das ist so.« Schukow hob die Schultern. »Ich weiß auch nicht, wann er zurückkehren wird.«

»Ist wohl ein geheimnisvoller Mensch.«

Schukow winkte ab. »Ich weiß es nicht. Ich habe ihn als sehr nett und kooperativ erlebt. Dass er noch gebraucht wird, ist ja kein Fehler – oder?«

»Bestimmt nicht.«

»Dann ist ja alles klar.«

Nach diesem Satz waren die Mitarbeiter entlassen. Ihr Chef blieb allein zurück. Er wollte sich noch einen Kaffee kochen. Während das Wasser in den Filter lief, warf er einen Blick in den schmalen Spiegel, der an der Wand hing.

Er sah sich. Und er sah ein Gesicht, das die Frische der jungen Jahre längst verloren hatte. Unter den Augen zeigten sich Ringe. Es hatten sich auch tiefe Falten in seine Haut gegraben und das dunkelblonde Haar fing auch allmählich an, grau zu werden.

Er fuhr sich durchs Haar und dachte daran, dass es mal wieder geschnitten werden musste. Aber die Zeit, zum Friseur zu gehen, die hatte er nicht.

Der Kaffee war fertig. Er trank die ersten Schlucke, war zufrieden und dachte darüber nach, wie er den Abend und die Nacht gestalten würde. Er musste nicht immer durchgehend wach bleiben. Er konnte sich auch mal auf das Klappbett legen, das in seinem Büro stand, um für eine halbe Stunde die Augen zu schließen. Es kam immer darauf an, wie ruhig die Nacht blieb. Hin und wieder gab es Probleme mit Patienten, wenn denen wieder klar wurde, was mit ihnen passiert war. Dann konnten sie sich nicht mehr beherrschen. Da kam es dann über sie und sie mussten beruhigt werden. Aber das passierte in der Regel nur bei Vollmond, und der war inzwischen vorbei.

Er trank den Kaffee und überlegte, ob er seine Freundin anrufen sollte. Sie hatte auch Nachtschicht, arbeitete aber in einer Taxi-Zentrale, und von einer ruhigen Schicht konnte bei ihr niemals die Rede sein. Da gab es immer Stress.

Schukow beschloss, den Anruf zu verschieben. Erst nach Mitternacht wollte er mit seiner Freundin sprechen. Da hatte auch sie mehr Zeit. Der September gehörte zwar nicht unbedingt zu den dunklen Monaten, aber so lange hell wie im Sommer blieb es nicht. Es wurde recht früh dunkel, und im Park, der die Klinik umgab, gingen die Laternen an und wurden zu Lichtspendern.

Schukow stand am Fenster und schaute in den Park. Er hielt die Tasse in der rechten Hand und trank den Kaffee in kleinen Schlucken. Seine Gedanken wanderten. Er überlegte, wie er die Zeit am besten hinter sich bringen konnte. In die Glotze schauen, Radio hören oder etwas lesen. Da gab es einige Möglichkeiten.

Das würde sich ergeben. Außerdem musste er noch seine Rundgänge machen, und damit konnte er am besten gleich beginnen, um danach Zeit zu haben.

Er verließ das kleine Zimmer und ging in den breiten, langen und auch hohen Flur. Das kalte Licht fiel auf die glatten Fliesen und ließ sie glänzen.

Es war ein Weg, den er kannte, den er immer wieder ging. Eine ewige Routine, und Schukow dachte nicht daran, dass es mal anders werden könnte.

Ein Irrtum …

***

Der Beißer huschte durch den Park der Klinik. Hin und wieder blitzte es zwischen seinen Lippen auf. Wenn er den Mund öffnete, dann war klar, warum man ihn den Beißer nannte, denn da konnte man seine spitzen Metallzähne sehen.

Er biss. Er trank gern Blut. Aber er war kein Vampir. Und darauf legte er großen Wert.

Da die Bäume noch ihr Laubkleid trugen, waren die Gebäude nicht so schnell zu erkennen. Horvath musste erst Lücken finden, um die Fassaden zu sehen, die von erleuchteten Fenstern gespickt waren. Sie wirkten wie viereckige Augen.

Er ging weiter. Viel Rücksicht musste er um diese Zeit nicht nehmen. Die Dunkelheit hatte sich über das Land gesenkt und es gab nur wenige Menschen, die sich um diese Zeit noch im Freien aufhielten. Hier erst recht nicht. Man fand keine Spaziergänger im Park.

Der Beißer blieb nicht auf den Wegen. Er lief auch querfeldein, denn hier störte ihn niemand. Er war schnell, er bewegte sich geschmeidig, und in seiner dunklen Kleidung fiel er auch nicht auf. Die langen schwarzen Haare hingen ihm bis auf die Schultern.

Die Klinik bestand aus drei Häusern. Für Horvath war nur eines wichtig. Und zwar das in der Mitte. Da war der Mann untergebracht worden, den er eliminieren sollte.

Darauf freute er sich.

Er wollte sein Blut sprudeln sehen. Er wollte es trinken, denn das Blut war so etwas wie ein Kraftspender für ihn. Warum das alles so mit ihm passiert war, wusste er selbst nicht so recht. Es hatte mit Rasputin zu tun. Er war der große Meister. Er war der Mann mit dem Durchblick. Er stand eben über allen.

Der Beißer fühlte mit ihm. Rasputin war sein großes Vorbild. Alles hätte er für ihn getan, denn Horvath sah ihn als seinen Schöpfer an.

Leichtfüßig lief er über den nassen Rasen und sah dann die breite Front des Hauses vor sich, das er erreichen musste. Er wusste auch, in welche Etage er hoch musste. Es war die erste. Er kannte auch das Zimmer. Zumindest hatte man ihm gesagt, wo er es finden würde. Dazu musste er nur die Fenster von links nach rechts abzählen.

Er blieb stehen.

Obwohl er recht schnell gelaufen war, ging sein Atem kaum schneller. Der Beißer hatte eine gute Kondition und auch Konstitution.

Wieder schaute er hoch. Diesmal öffnete er den Mund und präsentierte sein Stahlgebiss. Wer es zum ersten Mal sah, der war schon geschockt, aber nur die wenigsten Menschen hatten einen zweiten Blick darauf werfen können. Sie waren schneller tot, als sie denken konnten.

Hier sah ihn keiner. Und das sollte auch erst mal so bleiben. Zudem musste er ungesehen ins Haus gelangen. Sollte ihm dies nicht gelingen, würde es schon bald ein erstes Opfer geben.

Darüber machte er sich weniger Gedanken, als er auf den Eingang zuging. Irgendwie würde er es schon schaffen, ins Haus zu gelangen …

***

Schukow war nicht allein, auch andere Arbeitskollegen hatten Nachtschicht, aber man sah sich kaum, denn es gab zu wenige.

Die ersten drei Stunden hatte Schukow geschafft. Er hatte auch seinen Rundgang gemacht und in die Zimmer geschaut. Probleme mit dem einen oder anderen Patienten hatte es keine gegeben. Nicht wenige schauten in die Glotze. Der Ton erreichte sie über Kopfhörer.

Er sprach auch hin und wieder ein paar Worte mit den Kollegen. Es ging dabei weniger um die Patienten als um andere Dinge wie Fußball. Das war gut, denn wenn es Probleme mit den Patienten gab, waren die oft nicht leicht.

Er ging weiter. Er dachte daran, dass er noch nicht zu Abend gegessen hatte. Das wollte er ändern. Von zu Hause hatte er sich ein Stück ungarische Salami mitgebracht und auch etwas Brot. Zu trinken gab es Kaffee, und jetzt hoffte er nur, dass er bei seiner Mahlzeit nicht gestört wurde.

Das war auch der Fall. Er konnte in Ruhe essen und auch noch eine zweite Tasse Kaffee trinken. Danach ging es ihm besser. Am Tisch sitzend streckte er die Beine aus und hätte am liebsten ein kurzes Schläfchen gemacht.

Das geschah auch. Schukow sackte einfach weg und hatte Glück, dass er nicht vom Stuhl fiel. Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht. Jedenfalls schreckte er hoch, als ihn jemand anstieß.

»He, Schukow …«

Der Mann riss die Augen auf.

Ein Kollege stand vor ihm, schaute auf ihn nieder und grinste ihn breit an.

»Oh, Mist, ich bin eingeschlafen.«

»Macht doch nichts.«

»Was gibt es denn?«, fragte Schukow.

»Nichts Besonderes, das wollte ich nur melden. Scheint eine ruhige Nacht zu werden.«

Schukow verzog die Lippen. »Hoffentlich.«

»Dann kannst du dich ja noch mal hinlegen.«

»Nein, das werde ich nicht tun. Ich fange jetzt damit an, meine Runden zu gehen.«

»Gut. Dann verziehe ich mich wieder und werde auch etwas essen. Wir hören und sehen uns.«

»Alles klar.«

Schukow war froh, dass der Kollege ihn geweckt hatte. Er wäre sonst zu lange weg gewesen. Jetzt stand er auf, machte ein paar Dehnübungen und wollte wieder ein wenig Frische in seinen Körper bekommen.

Als er das geschafft hatte, verließ er das Zimmer, betrat den kahlen Flur mit den Griffstangen an beiden Seiten und wollte sich nach rechts wenden, um seinen Rundgang zu beginnen.

Das tat er nicht.

Mitten in der Bewegung blieb er stehen und schüttelte den Kopf.

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