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John Sinclair - Folge 1794

Die Zombie-Braut

»Maria …?«

»Ja«, antwortete sie flüsternd und hielt den Hörer des Telefons fest.

»Habe ich richtig gehört? Du willst heiraten?«

»Das hast du. Aber was stört dich daran?«

Sie hörte ein Lachen. Und danach die brutale Wahrheit. »Dann bist du die perfekte Zombie-Braut …«

Was stand auf dem Tablett?

Zum einen der Salat. Den hätte seine Partnerin, Dagmar Hansen, auch für gut befunden. Nicht aber den Hackbraten, den Harry Stahl ebenfalls auf das Tablett gestellt hatte und der fast unter einer dunklen Soße verschwand. Daneben lag noch der von der Kelle gerutschte klumpige Kartoffelbrei.

Zu viele Kalorien!, dachte Harry und erinnerte sich wieder an seine Partnerin. Er beschloss, am nächsten Tag weniger zu essen und dabei auf die Kalorien zu achten.

Das hätte er auch jetzt getan, aber Dagmar war für eine Woche weg. In einem Frauenhotel wollte sie ausspannen. Sie war mit einer Freundin gefahren und Harry trieb sich allein herum.

Er nahm noch ein Mineralwasser und schob sein Tablett auf die Kasse der Kantine zu, wo heute mal wieder eine Mitarbeiterin saß, der man ansah, dass es ihr auch gut schmeckte, denn sie hatte einiges auf den Rippen.

Harry kannte sie, und als sich beide anschauten, lachte die Frau an der Kasse.

»Ho, das ist ja mal ein Essen.«

»Ich bin Strohwitwer. Da muss man was zu sich nehmen, das auch vorhält.«

»Da haben Sie recht.« Die Frau lächelte verschwörerisch. »Wir haben auch leckere Nachtische. Kann ich nur empfehlen.«

»Nein, um Himmels willen nicht! Mir reicht, was ich auf dem Teller habe.«

»War ja nur eine Idee.«

»Danke. Morgen vielleicht.« Harry Stahl zahlte und ging mit seinem gefüllten Tablett auf einen leeren Tisch am Fenster zu. Von diesem Platz aus hatte er einen schönen Blick auf die nahen Weinberge, in denen allmählich die Lese begann. Den Federweißen gab es schon jetzt, und Harry hatte auch schon einige Gläser davon getrunken. Jetzt trank er aber Mineralwasser.

Er gönnte sich einige Schlucke, stellte das Glas weg und widmete sich dem Essen. Er probierte den Hackbraten und fand, dass man ihn schon essen konnte. Was auf dem Tablett stand, war zwar keine Offenbarung, aber besser als nichts. Gemüse hatte er nicht genommen, es reichte auch so. In der Kantine gab es einige Gerichte zur Auswahl. Jeden Mittag wurde auch eine Currywurst angeboten. Wenn er daran dachte, dann auch immer an seinen Freund John Sinclair, der, wenn er nach Deutschland kam, immer gern eine Currywurst aß.

Sie hatten sich lange nicht mehr gesehen, und Harry beschloss, den Geisterjäger mal anzurufen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

»Darf ich mich zu dir setzen, Harry?«

Eine bekannte Männerstimme riss Harry aus seinen Gedanken. Er ließ das Besteck sinken, schaute hoch und sah den Kollegen Dirk Rossmann am Tisch stehen.

Er mochte den jüngeren Mann, der während seiner Ausbildung auch mal in Harrys Abteilung gewesen war. Beide hatten sich gut verstanden, und Dirk hatte auch immer ein offenes Ohr für Harrys Fälle gehabt.

»Aber sicher kannst du dich setzen, wenn es dich nicht stört, dass ich weiterhin esse. Sonst wird das Zeug kalt.«

»Was sollte mich denn stören? Ich kann aber auch später noch mal …«

»Nein, nein, jetzt setz dich endlich.«

»Danke.«

Beide Männer saßen sich gegenüber. Dirk Rossmann sagte nichts, er ließ Harry in Ruhe essen, und Stahl schaute hin und wieder lächelnd hoch.

Sein Kollege war um einiges jünger als er. Trotzdem hatten sie sich verstanden, und Dirk Rossmann wusste auch, mit welchen Fällen sich Harry beschäftigte.

Es waren Dinge, die außerhalb der Norm lagen. Die nicht als normaler Fall zu betrachten waren und bei denen Dinge eine Rolle spielten, die nicht zu fassen waren. Womit man offiziell nichts zu tun haben wollte, sie aber doch akzeptierte und deshalb Harry Stahl eingestellt hatte.

Dirk Rossmann hatte zwar einen derartigen Fall noch nicht selbst erlebt, aber er konnte sich vorstellen, dass es diese gefährlichen Angreifer schon gab, mit denen Harry zu tun hatte.

Er hatte sein dreißigstes Lebensjahr noch nicht erreicht. Sein Haar war dunkelblond, recht kurz geschnitten, und er hatte ein männliches Gesicht mit dunkelbraunen Augen und einem schmalen Mund. Manchmal trug er einen Drei-Tage-Bart, aber bei seinen blonden Haaren hatte auch der Bart keine andere Farbe. Da lohnte es sich nicht, ihn zu tragen.

Harry aß sein Fleisch, aber um den Kartoffelbrei machte er einen kleinen Bogen. Ein paar Bissen reichten ihm aus, um zu wissen, dass er künstlich schmeckte.

Er schob den Teller zur Seite, auf den er seine gefaltete Serviette gelegt hatte. Dann nickte er seinem jungen Kollegen zu. »Na, wie sieht es aus?«

»Gut.«

»He, das freut mich.«

»Ich kann auch hier bleiben, Harry. Man hat mir eine Festanstellung angeboten.«

»He, muss man da nicht gratulieren?«

»Wenn du willst.«

»Dann mal herzlichen Glückwunsch und willkommen im Klub, Dirk Rossmann.«

»Ja, danke, das ist wirklich nett.«

»Dann müssen wir ja noch einen kleinen Schluck darauf trinken.« Harry zwinkerte seinem Gegenüber zu. »Ich habe in den nächsten Tagen am Abend Zeit.«

Rossmann nickte. »Ja, nicht schlecht …«

»Aber?«

»Ich hatte etwas anderes vor, Harry.«

»Und was, bitte?«

Rossmann schaute dem älteren Kollegen direkt ins Gesicht. »Ich möchte dich einladen.«

»Ja, das habe ich …«

»Nein, nein, nicht wie oder was du denkst, es geht um etwas ganz anderes, Harry.«

»Da bin ich mal gespannt.«

Dirk Rossmann senkte seine Stimme. »Es geht um meine Hochzeit. Zu der möchte ich dich gern einladen. So, jetzt ist es heraus.«

Harry Stahl sagte erst mal nichts. Er musste nur ein wenig schlucken, suchte dann nach Worten, aber ihm fielen keine besonderen ein. Nur eine etwas dümmliche Frage.

»Du willst heiraten?«

»Ja, das will ich.«

Harry pfiff durch die Zähne. »Das kommt ja ziemlich überraschend.«

»Ich weiß.«

»Wann denn?«

»Am Wochenende.«

Harry lachte. »Schon am nächsten?«

»Genau.«

»Du hast es aber eilig, in den Hafen der Ehe einzulaufen.«

»Nein, das ist kein überstürzter Akt. Wir haben uns ihn schon länger überlegt. Maria und ich.«

»Maria ist deine Zukünftige?«

»Ja, Maria Alvez.«

»Spanierin?«

Dirk nickte. Dann wurde er rot. »Eine tolle Frau, kann ich dir sagen.«

»Das glaube ich dir.«

»Und ich möchte dich und Dagmar gern zu meiner Hochzeit einladen.«

»Das geht leider nicht.«

Nach dieser Antwort zerfiel das Gesicht des jungen Kollegen. »Oh, tu mir das nicht an.«

Harry Stahl hob seine Arme. »Moment, du hast mich nicht ausreden lassen. Dagmar kann nicht kommen. Sie spannt aus und macht eine kleine Kur.«

Dirk konnte die Antwort nicht abwarten. »Und was ist mit dir?«, flüsterte er.

Harry lächelte, schwieg aber. Er ließ einige Sekunden verstreichen. »Ich werde kommen.«

Dirk Rossmann war froh, eine derartige Antwort gehört zu haben. Das war von seinem Gesicht abzulesen.

»Mann, das ist toll.«

»Mach ich doch gern. Und was wünschst du dir zur Hochzeit?«

»Hör auf. Gar nichts, ich bin doch froh, dass du kommst.«

»Na gut.« Harry schoss die nächste Frage ab. »Und wo findet die Hochzeit statt?«

»Hm, nicht hier.«

»Wo dann?«

Er gab die Antwort mit leiser Stimme. »Am Bodensee. Ja, da unten. Ehrlich.«

Harry Stahl sagte erst mal nichts. Dann stieß er einen Pfiff aus und meinte: »Das ist ein Ding.«

»Kann ich auch nicht ändern.« Dirks Stimme klang betrübt. »Es ist leider so.«

»Und warum?«

Dirk zuckte mit den Schultern. »Maria stammt von dort. Sie möchte auch da getraut werden.«

»Ich dachte, sie ist Spanierin.«

»Nein, ihre Eltern stammen aus dem Land.«

»Ach so, ja.«

Dirk Rossmanns Blick war leicht trüb geworden. »Ja, das habe ich dir sagen wollen. Bist du bereit, zu kommen?«

»Ja, das bin ich.«

»Auch zum Bodensee?«

Harry lächelte. »Auch dorthin, das ist keine Frage.«

»Toll.«

»Ja, und wo muss ich dahin? Nach Lindau oder Konstanz oder Überlingen?«

»Nein.«

»Aha. Wohin dann? Doch nicht auf der Schweizer Seite oder der Österreichischen?«

»Nein, es ist schon die deutsche Seite. Und zwar die Halbinsel Höri.«

Harry blies die Luft aus. »Wo ist das denn?«

»Am Untersee.«

»Aha.« Harry sprach das Wort so aus, als hätte er nichts verstanden. Er bekam eine Beschreibung und wusste dann einigermaßen Bescheid.

»Das ist aber eine ziemlich ruhige Ecke«, sagte er.

»Ja, kein großer Trubel. Aber Maria ist nicht weit davon entfernt aufgewachsen. Ihre Verwandten wohnen da auch. Und sie fühlt sich dort sehr wohl.«

»Schön für dich.« Harry lächelte. »Und wie ist sie so, deine Zukünftige?«

»Wie meinst du das?«

»Nun ja, passt sie zu dir? Was sagt sie zu deinem Job? Hast du sie darauf vorbereitet?«

»Nun ja, nicht so ganz. Sie denkt noch immer, dass ich ein Bürohengst bin.«

»Und das gefällt ihr?«

»Ich habe nichts Gegenteiliges gehört.«

»Das ist gut.« Harry stellte noch eine andere Frage. »Und wo hast du sie kennengelernt?«

»In Spanien. Da hat sie Urlaub gemacht. Wir waren in einer Wandergruppe.«

»Toll. Und wann war das?«

»Vor knapp einem halben Jahr.«

»He, das ist nicht lange her.«

Dirks Augen funkelten. »Und trotzdem lieben wir uns. Es hat uns beide erwischt wie ein Schlag, wenn du verstehst.«

»Klar, das verstehe ich. Wo die Liebe einmal richtig einschlägt, gibt es kein Zurück mehr.«

»Das hast du perfekt gesagt.«

»Ich bin ja auch nicht allein.«

Dirk Rossmann schaute auf seine Uhr. »Dann darf ich dir noch ein paar Informationen reichen, die wichtig sind.«

Er kramte in seiner Innentasche und holte einen Briefumschlag hervor, den er Harry über den Tisch hinweg zuschob.

»Da ist alles drin.«

»Und wo wohne ich da?«

Dirk musste lachen. »Direkt neben der Kirche. Ein sehr schönes und auch gediegenes Hotel. Eine kleine Kirche und ein Friedhof bilden so etwas wie eine Insel. Ein kleines Refugium, wo alles dicht beieinander zu finden ist.«

»Klar, sogar der Friedhof.«

»Du sagst es, Harry.«

»Dann bin ich mal gespannt auf deine Hochzeit. Ich werde dort sein.«

»Das freut mich wirklich.«

»Mit wie vielen Gästen rechnest du denn?«

»Hm.« Dirk Rossmann lehnte sich zurück. »Das weiß ich nicht so genau. Aber die kleine Kirche wird nicht voll werden, das kann ich dir versichern. Ein paar Verwandte von ihr, von mir einige Freunde …«

»Und was ist mit deinen Eltern?«

Dirk winkte ab. »Nichts. Es gibt sie nicht mehr. Sie haben sich nach der Wende scheiden lassen und sind ihre eigenen Wege gegangen, ohne sich um mich zu kümmern. Ich war dann kurz in einem Heim und hatte später das Glück, ein Stipendium zu bekommen. Da habe ich mich dann gut durchschlagen können.«

»Glückwunsch.«

»Ach, ist nicht so schlimm.«

»Trotzdem, das schafft nicht jeder.«

»Aber von Marias Seite sind einige Verwandte mehr auf der Hochzeit, wurde jedenfalls gesagt. Ich setze mich dann in Bewegung und fahre schon zum See.«

»Du wohnst auch im Hotel – oder?«

»Ja, zusammen mit Maria. Wir haben es dann nicht weit bis zur Kirche.«

Harry nickte. »Gut, ich werde pünktlich da sein.« Er stand auf, weil sich auch sein Gegenüber erhoben hatte. Beide reichten sich die Hände zum Abschied.

Harry sah dem jungen Kollegen nach, bis er den Ausgang der Kantine erreicht hatte. Über seine Lippen huschte ein Lächeln. Eine Hochzeit hatte er ihm nicht zugetraut. Dirk Rossmann hatte immer den Eindruck eines Menschen gemacht, der erst mal darauf aus war, Karriere zu machen. Das hatte er auch getan und nebenbei seine Frau kennengelernt.

Harry hatte seiner Partnerin Dagmar zwar versprochen, sie so wenig wie möglich anzurufen und zu stören, in diesem Fall aber wollte er es tun.

Das musste er sogar, denn sie wäre sonst sauer gewesen, wenn sie keinen Bescheid gewusst hätte.

Eigentlich hätte er sich auf die Hochzeit freuen müssen. Irgendwie war das nicht so recht der Fall. Woran es lag, wusste er nicht, und düstere Vorahnungen beschäftigten ihn auch nicht.

Du wirst eben alt!, dachte er, als er wieder zurück in seinem Büro war und von dort aus seine Partnerin Dagmar Hansen anrief …

***

Das Fenster war geöffnet worden. Der Wind konnte in das Zimmer wehen und hatte die Gardine erfasst, die wie ein weißer Schleier bis zum Boden hing.

Es war eine laue Herbstnacht, beinahe noch sommerlich, und leise Schnarchgeräusche wehten durch die kleine Suite, die Dirk Rossmann und Maria Alvez gemietet hatten.

Wenn sie auf den Balkon traten und den Kopf nach links drehten, dann schauten sie direkt auf die Kirche, wo bald ihre Hochzeit stattfinden würde. Der Bau war nur ein paar Schritte entfernt. Wenn man an ihm vorbei schaute, glitt der Blick über den kleinen Friedhof hinweg und bis hinab zum See. Zumindest ein Ausschnitt war zu sehen. In der Nacht bot er eine dunkle Fläche, in deren Nähe hin und wieder ein paar Lichter tanzten, ansonsten lag die Welt da unten in nächtliche Dunkelheit gehüllt.

Unvermittelt brach das leise Schnarchen ab. Ein Körper bewegte sich auf dem Bett, rollte sich nach links und streckte eine Hand aus, die dann die zweite Betthälfte erfassen sollte.

Und sie war leer!

Zwei Sekunden später zuckte der Mann in die Höhe. Er setzte sich auf, schüttelte den Kopf, drehte ihn dann zu der leeren Betthälfte hin und sah nur das Kopfkissen und die dünne Decke dort liegen. Die Schläferin war verschwunden.

Das gefiel Dirk Rossmann ganz und gar nicht. Er hatte zusammen mit seiner Braut am Morgen aufwachen wollen.

Wo steckte Maria?

Dirk Rossmann stellte sich diese Frage, ohne eine Antwort zu finden. Es gab sicher eine einfache Erklärung. Die meisten Menschen wurden oft mitten in der Nacht wach, gingen zur Toilette oder auch mal heimlich an den Kühlschrank.

Auch Maria?

Er sah sie nicht, er hörte sie nicht, und deshalb stand er auf. Er war noch jung, er machte sich Sorgen um seine Zukünftige. Nach vielen Jahren Ehe wäre er sicherlich liegen geblieben, so aber verspürte er Sorgen.

Er verließ den Schlafraum und ging durch die offene Schiebetür in den geräumigen Wohnraum und zog die Tür zum Bad auf.

Nein, da war sie nicht. Er hätte Licht unter der Türritze schimmern sehen müssen, das war aber nicht der Fall. Genau wie unter der Tür nebenan, die zur Toilette gehörte.

Trotzdem öffnete er beide Türen. Die Räume waren leer, und sein Herz schlug plötzlich schneller. Den Grund wusste er schon, er konnte ihn nur nicht akzeptieren. Dirk wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Was in dieser Nacht passiert war, das sah er schon als ungewöhnlich an und bereitete ihm Sorgen.

Er ging noch in das zweite Bad, sah sie auch dort nicht, und dann kam ihm der Gedanke, nach draußen auf den Balkon zu treten und sich dort umzuschauen, obwohl er nicht glaubte, dass Maria auf dem Balkon saß, denn so warm war es im September nun auch nicht mehr. Vor allen Dingen nicht in der Nacht.

Die Tür war nicht geschlossen. Dirk ging der wehenden Gardine entgegen, drückte sie zur Seite und hatte freie Bahn. Er betrat den Balkon und musste zugeben, dass die Luft recht lau war. Man konnte sich draußen noch aufhalten.

Das war bei Maria nicht der Fall. Sie saß nicht auf einem der beiden Stühle und stand auch nicht auf dem Balkon.

Die kleine Wohnung lag im Hochparterre. Bis zum Boden war es nicht weit, aber diese kleine Erhöhung reichte aus, um einen besseren Blick zu haben, der die Kirche ...

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