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John Sinclair - Folge 1793

Das Omen aus der Hölle

»Los! Steh auf! Es ist so weit!«

Alex Corner rüttelte seinen Freund Mike Frost an der Schulter. Der reagierte zunächst nicht, er rüttelte ihn noch mal, und endlich öffnete Frost die Augen.

»Verdammt, Alex, es ist noch dunkel.«

»Das weiß ich, aber er ist da!«

Frost begriff nicht sofort. »Wen meinst du?«

»Den Schädel natürlich.«

Jetzt war Mike Frost hellwach. Er schaute nach vorn und sah seinen Freund im offenen Zelteingang. Ihn interessierte vor allen Dingen Alex’ Gesicht, auf dem sich Anspannung abzeichnete. In seinen Augen leuchtete es.

Die beiden Männer wussten, dass sie nicht mehr weit von ihrem großen Ziel entfernt waren. Was Alex gesehen hatte, war das Phänomen, auf das sie so lange gewartet hatten. Jetzt mussten sie sich auf den Weg machen …

Frost kroch aus dem Zelt. Er hörte das Wasser gegen das Ufer der Halbinsel klatschen. Dieses Geräusch war für ihn wie eine Beruhigungspille, doch er hütete sich davor, auch nur einmal die Augen zu schließen.

Alex Corner hatte sich vom Zelt entfernt. Er war auf einer kleinen Anhöhe stehen geblieben und richtete seinen Blick nach Westen, denn dort spielte sich das Geschehen ab.

Auch Frost schaute hin, nachdem er sich neben seinen Freund gestellt hatte. Zuerst schweiften die Blicke der Männer über das Wasser, bis sie den Punkt erreichten, auf den es ihnen ankam.

Ja, dort zeigte sich das Phänomen, das die beiden Männer zum Staunen brachte. Es war verrückt, kaum zu glauben und auch nicht erklärbar. Da zeigte der Himmel das Rot der Morgendämmerung. Aber es gab nicht nur das Rot. Da war auch noch der gewaltige dichte Nebel, der wie eine Wolkenbank über dem Wasser schwebte. Und aus diesem Nebel heraus war er gestiegen. Das absolute Grauen, das Urbild des großen Angstmachers, das, was Menschen mit dem Tod verbanden.

Ein Totenschädel!

Und dieser Schädel war etwas Besonderes. Riesengroß. Er stieg als übergroßes Etwas aus dem Nebel hervor. Sein Maul stand offen, in seinen leeren Augenhöhlen war nichts zu erkennen. Gleiches galt für das Nasenloch.

Der kahle Schädel strahlte einen Glanz ab, als gäbe es in seinem Inneren eine Lichtquelle.

»Und?«, fragte Alex leise.

»Wahnsinn. Echt Wahnsinn. Es gibt ihn also doch.«

»Hast du das bezweifelt?«

»Ja, hin und wieder schon. Da bin ich ehrlich. Das ist wirklich ein Hammer.«

»Und deshalb sind wir auch hier«, erklärte Alex. »Wir haben es geschafft. Wir haben ihn gesehen. Wir wissen, dass er existiert und können uns auf die Schulter schlagen.«

»Ja, das stimmt.«

Beide Männer schauten weiterhin zu. Sie bewegten sich nicht. Sie schienen das Bild des Schädels in sich einsaugen zu wollen. Dieser riesige Schädel war so etwas wie ein Omen der Hölle.

»Sollte uns das reichen?«, fragte Alex Corner.

»Wie meinst du das?«

»Nur das Schauen …«

Frost lachte. Er wusste jetzt Bescheid, und das sprach er auch aus. »Du willst hin, nicht wahr?«

»Ja.«

»Du willst ihn dir genauer ansehen?«

Alex nickte. »Das will ich. Das muss ich einfach. Es ist ein Drang in mir. Das musst du doch verstehen.«

»Ja, auf eine Art schon«, gab Mike Frost zu, »aber was sollte uns das bringen?«

»Bringen? Ich frage dich, was es bringt, wenn wir hier stehen bleiben und uns den Schädel anschauen. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, näher an ihn heranzukommen. Er kann bald wieder verschwunden sein, und vielleicht taucht er dann nie wieder auf.«

Mike Frost dachte über die Worte seines Partners nach. Wenn er es richtig sah, hatten sie schon einiges eingesetzt, um das Phänomen zu entdecken, das nicht alle Tage erschien. Es befand sich zudem nicht weit von ihnen entfernt. Sie konnten das Ende der Halbinsel mit dem Auto oder auch mit dem Boot erreichen. Blieben sie auf dem Wasser, fuhren sie dem gekrümmten Ende entgegen. Wenn sie das Auto nahmen, mussten sie mehr Kilometer zurücklegen.

Die beiden Freunde diskutierten nicht mehr lange. Sie waren sich schnell einig. Sie wollten sich den überdimensionalen Schädel aus der Nähe anschauen. Und sie wollten mit dem Jeep fahren und nicht das Boot nehmen.

Es war zwar Morgen, aber die Helligkeit hielt sich noch zurück. So konnten sie nicht ohne Licht fahren. Mike Frost übernahm das Steuer. Er kaute auf einem Kaugummi, ließ den Motor an und überlegte noch mal, ob sie nicht einen Fehler begingen.

Nein, er konnte nichts Negatives finden.

»Dann ab!« Corner freute sich. Er streckte beide Daumen in die Höhe. Er fühlte sich als der große Sieger. Beide Männer hatten sich einen Traum erfüllt, und der musste noch weitergehen. Einige Fotos hatte er bereits geschossen, jetzt war es für ihn wichtig, das Gebilde aus der Nähe zu sehen. Er wollte es so gut wie möglich untersuchen.

Überhaupt – wie kam so ein Schädel zustande? Das war eine gute Frage, auf die er gern Antworten gehabt hätte, aber das war leider nicht möglich.

Der Weg war ihnen unbekannt. Aber das starke Licht der Scheinwerfer zeigte ihnen, wohin sie zu fahren hatten. Eine Straße oder einen Weg gab es in dieser einsamen Gegend nicht, wer hier seinen Weg suchte, der musste oft genug querfeldein fahren.

Der Jeep tat seine Pflicht. Er schaukelte die Freunde ihrem Ziel entgegen.

Vor allen Dingen Alex Corner ließ den Schädel nicht aus den Augen. Er konnte sich das leisten, denn er musste nicht fahren. Das tat Mike Frost. Der kam auch am besten mit dem Fahrzeug zurecht. Zudem hatte er es ausgesucht.

Der Schädel war auch weiterhin da!

Er glühte in diesem weißen, aber auch roten Licht. Beides vereinigte sich bei ihm, und er sah nicht so aus, als hätte er Kontakt mit dem Boden. Er schien auf den dichten Nebelwolken zu schweben.

Corner rieb seine Hände. »Das ist verrückt. Ich bleibe dabei. Das ist der effektive Wahnsinn. Ich könnte schreien vor Freude. Wir haben es.«

Frost blieb da cooler. »Und was haben wir?«

»Das siehst du doch.«

»Ja, schon. Aber was machen wir mit dieser Entdeckung?«

»Keine Ahnung.« Corner nickte. »Uns wird schon etwas einfallen. Fotografiert haben wir ihn, das ist erst mal das Wichtigste. Jetzt müssen wir nur näher an ihn heran und herausfinden, woraus er besteht.«

»Aus Knochen, denke ich.«

»Ha, das sagst du so einfach. Nein, ich denke, dass er auch aus einem anderen Material bestehen kann.«

»Und aus welchem?«

»Keine Ahnung.«

Mike Frost nickte. »Eben, Alex. Wenn ich keine Ahnung habe, würde ich mir auch keine großen Gedanken machen.«

»Da ist eben jeder anders.«

Frost war neugierig geworden. »Hast du denn eine Vorstellung? Hast du dir Gedanken darüber gemacht?«

»Klar, habe ich.«

»Und?«

»Ich lasse mich überraschen.«

Da musste Mike Frost lachen. »Himmel, das hätte ich dir auch so sagen können. Da muss ich nicht erst nachdenken.«

»Wir werden ihn untersuchen.«

»Wonach?«

»Einfach so. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass dieser Schädel von jemandem hinterlassen worden ist, der schon mal auf der Erde war.«

»Ach?« Mike warf seinem Freund einen skeptischen Blick zu. »Du denkst an eine andere Zivilisation?«

»Ja, auch.«

»Und weiter?«

»Sie könnte den Schädel doch vergessen haben. Vielleicht waren es auch Riesen.«

»Was?«

»Ja, Riesen.«

»Und wie kommst du darauf? Hast du zu viele Märchenbücher gelesen?«

»Nein, das habe ich nicht. Aber ich habe mal einen Artikel gelesen. Darin stand, dass es früher auf der Welt auch Riesen gegeben hat.«

»Und woher sind sie gekommen?«

»Sie sind gezeugt worden.«

»Ach?« Mike Frost hätte fast gelacht. Er riss sich zusammen, denn er kannte seinen Freund, der leicht überreagierte, wenn er sich nicht ernst genommen fühlte.

»Ja, ja, das ist so. Oder das kann so sein.«

Mike nickte. »Wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln. Ich bin gespannt.«

»Das kannst du auch.«

In den folgenden Minuten sprachen die beiden Männer nicht mehr. Sie hingen ihren Gedanken nach. Zudem hatte der Jeep einiges zu leisten, denn die Beschaffenheit des Untergrunds war schlechter geworden. Steine ragten aus dem harten Boden hervor. Manchmal gab es auch Löcher oder waren Querrinnen zu überfahren.

Aber das Ziel rückte näher. Es war weit und breit das einzige Fanal in dieser Landschaft, und es hätte aufgrund dessen zahlreiche Menschen anziehen müssen.

Doch niemand kam.

Es war keiner da, dem der Schädel aufgefallen wäre. Nur die beiden Freunde rollten durch die Einsamkeit und wurden von der Morgendämmerung im Osten verfolgt.

Der Schädel rückte immer näher heran. Jetzt war zu sehen, dass er groß war. Überdimensional, ein mächtiger Klotz, vor dem man Angst bekommen konnte.

»Wie nahe willst du heran?«, fragte Mike.

Sein Freund gab keine Antwort. Er schaute nur, er staunte und atmete recht schwer.

Frost fuhr langsamer. Die Helligkeit hatte jetzt auch sie erreicht, aber noch immer herrschte das Grau der Dämmerung vor. Grau war auch der Nebel, auf dem der Schädel zu stehen schien, doch jetzt, aus einer relativen Nähe betrachtet, da war zu sehen, dass er auch Kontakt mit dem Boden hatte. Der Nebel verdeckte nur das, was man als sein Kinn hätte bezeichnen können.

Mike Frost fuhr noch langsamer. Als er einen Kommentar von seinem Freund hörte, hielt er den Jeep schließlich an.

»Weit genug?«, fragte er.

»Mal sehen.« Alex öffnete die Tür. Er stieg aus und blieb neben dem Wagen stehen. Die kalte Morgenluft drang in das Innere und fuhr über das Gesicht des Fahrers.

»He, Alex, was ist?«

»Ja, es ist okay.«

»Dann bist du zufrieden?«

»Bin ich. Wir brauchen auch nicht näher an das Ziel heranzufahren.«

»Und weiter?«

»Wie?«

Mike Frost stieg ebenfalls aus. Er drückte die Tür zu und stellte sich neben seinen Freund. »Das war doch nicht alles, Alex. Da muss noch was kommen. Ich glaube einfach nicht, dass wir nur hergefahren sind, um uns das Ding da anzusehen und …«

»Sind wir auch nicht.«

»Gut. Was hast du vor?«

»Näher ran, Mike!«, flüsterte Alex Corner. »Ich will nahe heran und ihn mir genau anschauen. Ich will auch herausfinden, aus welchem Material er besteht …«

»Nicht aus Knochenmasse?«

»Das weiß ich eben nicht. Kann sein, kann nicht sein. Ich will es einfach wissen.«

»Nichts dagegen.«

»Super. Zwei sehen immer mehr als einer.«

Da hatte Alex zwar recht, aber sehr begeistert war Mike Frost wirklich nicht. Nicht, dass er alles für Spinnerei gehalten hätte, aber so richtig dahinter stand er nicht. Zumindest jetzt nicht mehr. Sie hatten das Phänomen gesehen, sie wussten, dass es vorhanden war. Sie hätten jetzt wieder zurückfahren können, er wäre nicht böse gewesen. Sie hätten ihre Entdeckung publik machen können, um dafür zu sorgen, dass sich andere Menschen darum kümmerten und den Schädel untersuchten. Es konnte ja sein, dass er sehr, sehr alt war, aber darüber dachte Mike nicht näher nach. Er war nicht wie Alex, der sich über alles Gedanken machte und auch an UFOs glaubte und Besucher aus dem All.

Allerdings musste auch Mike Frost zugeben, dass dieser Schädel schon ein Rätsel war. Vielleicht hatte es ihn schon seit Jahrtausenden gegeben und er war erst jetzt wieder entdeckt worden. Aber diese Entdeckung war noch nicht durch die Welt gegangen, wo doch heutzutage jeder Furz im Internet verbreitet wurde.

Egal, sie würden sich die Dinge aus der Nähe ansehen. Und so gingen sie weiter und näherten sich dem Schädel, aber auch dem Nebel, auf dem er schwebte.

Der Nebel war das Phänomen. Aber er kann auch die Lösung sein!, dachte Mike. Der Schädel war nur deshalb nicht entdeckt worden, weil der Nebel ihn bisher verborgen hatte.

Endlich mussten sie anhalten. Darauf hatte sich besonders Alex gefreut. Er befand sich in einer Nähe mit dem offenen Maul, und hörte die Frage seines Freundes.

»Was hast du jetzt vor?«

»Ich gehe hinein!«

***

Mike Frost hielt für einen Moment den Atem an. Er wusste zwar, wie sehr Alex die Entdeckung beschäftigte und er immer darauf hingearbeitet hatte, aber für Mike gab es Grenzen, und er war zudem ein vorsichtiger Mensch.

»Hast du gehört? Ich gehe hinein«, wiederholte Alex.

»Ja, ja, das habe ich.«

»Und was machst du?«

Mike Frost zuckte mit den Schultern. »Was soll ich schon machen? Ich bin nicht unbedingt scharf darauf, den Schädel zu betreten.«

»Das Maul ist aber groß genug.«

»Das weiß ich. Es hat damit auch nichts zu tun.«

»Bist du feige?«

»Kann sein, Alex. Ich für meinen Teil würde es eher vorsichtig nennen. Es könnte eine Falle sein.«

»Ha, und wer sollte sie gestellt haben?«

»Der Schädel.«

Alex schüttelte den Kopf. »Glaubst du das wirklich? Denkst du, dass der Schädel lebt?«

»Er ist etwas Besonderes, davon bin ich überzeugt. Aber auch besondere Dinge müssen nicht unbedingt positiv sein. Ich habe ihn fotografiert und denke, dass es Beweis genug ist. Wir können damit an die entsprechenden Stellen gehen und es melden.«

»Was hätten wir davon?«

»Keine Ahnung. Aber was hast du davon, wenn du jetzt versuchst, durch das Maul in den Schädel zu gehen?«

»Das weiß ich noch nicht. Aber es könnte etwas sein. Dieser Schädel ist nicht normal!«, flüsterte Alex. »Ich wette, dass es ein Geheimnis bei ihm gibt.«

»Ich würde auch nicht dagegen wetten«, sagte Mike, »aber ich wäre nicht so versessen darauf wie du.«

»Du bist der Sicherheitstyp, ich eben der Abenteurer.« Er lachte und rieb seine Hände. »Ich sag dir, Mike, so eine Chance bekommen wir niemals wieder, und deshalb muss ich es tun.«

»Du bist erwachsen.«

Alex Corner trat auf seinen Freund zu. »Ich weiß ja, wie du denkst, aber willst du nicht umdenken?«

»Warum?«

»Weil du sonst etwas verpassen könntest.«

Mike winkte ab. »Ich nicht. Aber ich will dich auch nicht zurückhalten. Du wirst keine Probleme haben, das Maul zu betreten. Das ist groß und auch hoch genug. Ich halte hier draußen die Stellung. Und wenn du wiederkommst, dann hast du mir einiges zu erzählen, nehme ich mal an.«

Alex nickte. »Bestimmt.«

»Darf ich dich fragen, was du da drin im Schädel erwartest?«

»Ja, fragen kannst du.« Alex kicherte plötzlich. »Ich kann dir nur keine Antwort darauf geben.«

»Und warum nicht?«

»Du würdest sie nicht begreifen. Es ist schon besser, wenn du hier stehen bleibst und auf mich wartest.«

»Ja, möchte ich auch.«

Alex Corner hob die Hand und ließ sich abklatschen. Jetzt hatte er sich einmal entschlossen und er würde sich auch von keiner Macht der Welt zurückhalten lassen.

Mike Frost musste noch einen Satz loswerden. »Ich kann ja in den Schädel hineinschauen. Kann ja möglich sein, dass sich alles ändert und du zu seinem Opfer wirst.«

»Nie!«

»Sei dir nicht so sicher.«

Alex sagte nichts mehr. Beide klatschten sich noch mal ab, dann ging Alex Corner los …

***

Zurück blieb Mike Frost, und er wusste nicht, ob er richtig gehandelt hatte. Er kam sich schon etwas verloren vor, weil er seinen Kumpel allein hatte gehen lassen, aber einer musste die Nerven bewahren.

Alex Corner war einfach zu stark in seinen Gedanken gefangen. Er hatte den Tunnelblick bekommen, was ja oft bei Menschen eintrat, die auf etwas Bestimmtes fixiert waren und nichts anderes mehr gelten ließen.

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